Weil ich gerade am Buch "Paris für Buchverliebte" arbeite, habe ich diesen Klassiker, teils auf Französisch, teils auf Deutsch einmal komplett durchgelesen. Und ich muss sagen: Es lohnt sich wirklich. Victor Hugo hat da im 19. Jahrhundert einen historischen Roman geschaffen, der im ausgehenden Mittelalter spielt.
Samstag, 31. Oktober 2026
Victor Hugo: Der Glöckner von Notre Dame
Sonntag, 27. September 2026
Hanns-Joseph Ortheil: Paris, links der Seine
Hanns-Josef Ortheil stellt hier in seiner typisch verbindlichen Art* den Teil von Paris vor, den immer schon Universitäten, Verlage, Buchhandlungen und die damit verbundenen Menschen geprägt haben. Hier im Quartier Latin und in Saint-Germain-des-Prés war Paris durch die Jahrhunderte immer wieder geistiges Zentrum der Welt, hier entstanden Ideen, die das Denken der Menschheit revolutionierten, hier wurde das Nachdenken über den Menschen kultiviert wie nirgends sonst.
Aber dieses Nachdenken, so führt es Ortheil vor Augen, ist kein halb schweigendes deutsches Denken, sondern eine Französisches: Es ist ein Sprechen. Und so geht es in Urteils Buch ganz viel um die Konversation, ihre manchmal undurchdringlichen Regeln. Die Kunst der Konversation, so zeigt er ist ein perfekt geschliffenes Monologisieren.
Montag, 31. August 2026
Anthony Horowitz: Wenn Worte töten
Das Duo wird zu einem drittklassigen Literaturfestival auf die Kanalinsel Alderney eingeladen. Außer ihnen sind mit von der Partie: eine französische Performance-Lyrikerin, ein Fastfood-verliebter Fernsehkoch, eine Kinderbuchautorin, eine blinde Wahrsagerin und ein Lokalhistoriker. Unter den Insulanern herrscht unterdessen Streit wegen einer geplanten Stromtrasse.
Und prompt wird der Mäzen des Festivals, ein Glücksspielunternehmer, ermordet. Seine Frau ist das zweite Opfer. Und es stellt sich heraus: Keiner - außer dem unbedarften Horowitz - ist in Wirklichkeit wegen der Literatur auf das Festival gekommen. Jeder hat seine eigenen Motive, die Hawthorne nicht verborgen bleiben. Horowitz schon. Klar.
Schönes, solides Whodunnit, kein Meilenstein des Genres wie Die Morde von Pye Hall, aber eine kleine Wiedergutmachung für den versemmelten zweiten Hawthorne-Fall. Und wie immer erzählerisch ein gekonnter Salto mortale.
Donnerstag, 16. Juli 2026
Alexander Pechmann: Das Haus des Bücherdiebs
Seitdem habe ich viele, viele Bücher zum Thema studiert, muss aber sagen, das ist eines der besten, ähnlich geistreich wie El Infinito en un junco, aber um einiges kurzweiliger. Hat sich also auch beim zweiten Lesen gelohnt.
26 Kapitel erzählen von historischen Persönlichkeiten, die eine meist kauzige, manchmal krankhafte Beziehung zu Büchern unterhielten.
Letzteres trifft beispielsweise auf den katalanischen Mönch und Mörder Don Vincente zu, dessen Fall Flaubert zu seiner Erzählung Bibliomanie inspirierte.
Pechmann schildert Bibliophilie, Bibliophagie und Bibliomanie in verschiedenen Ausprägungen und Schweregraden. Antonio Magliabechi, der versierte Bibliothekar - eine "wandelnde Bibliographie". Charles Chadenat, der eigenbrötlerische Pariser Antiquar, der nur äußerst widerwillig ein Buch verkaufte. William Blake, der sich seine eigene, furchterregend-surrealistische Bibliothek zusammenschrieb, -zeichnete und -druckte.
Porträtiert sind Schnorrer und Möchtegern-Intellektuelle, die sich als verheißungsvolle Schriftsteller gerieren und die Mitwelt zum Narren halten (wie Pechmann erinnert, perfekt im Foma Fomitsch in Dostojewskis Das Gut Stepantschikowo und seine Bewohner karikiert): so wie Frederick Rolfe alias Baron Corvo und der Wiener Peter Altenberg.
Die Faszination, die von der Jagd nach Büchern ausgeht, klingt schon im anfänglichen Kapitel um einen persischen Gelehrten an, der sein Leben lang nach einem verschollenen Buch fahndet, nur um, als er es endlich hat, festzustellen, dass es voller Unsinn steckt. Aber das sollte uns nicht allzu sehr ärgern, denn, O-Ton Pechmann:
„Denn wenn das Suchen wichtiger ist, dass das Finden, der Schlüssel wichtiger als der Schatz und der Weg wichtiger als das Ziel, dann hätten wir alles, was wir brauchen, um glücklich zu sein."
Dienstag, 14. Juli 2026
Howard P. Lovecraft: Cthulhus Ruf
Mittwoch, 8. Juli 2026
Robin Ince: Bibliomaniac
Das ist schöne britische Buchcomedy. Ince witzelt über exzessives Bücherkaufen und -schleppen als Sport, der ihm Muskeln beschert, uralte Werbematerialien, die er auf Buchhandlungstoiletten entdeckt und studiert, seine Strategien, Impulsbücherkäufe vor seiner Frau zu verstecken…
Anders als in Torsten Woywods Reiseberichten, die sich fast lexikalisch lesen, erfährt man hier über die Buchhandlungen von Oxford bis Wigtown, Edinburgh. bis London, aber auch im Kleinstädten wenig bis nichts. Der Autor zählt oft nur auf, welche kuriosen Schmöker er sich dort gekauft hat und schweift dann meist unterhaltsam ab.
Fast könnte man den Eindruck haben, er hätte sie gar nicht besucht. Hat er aber natürlich. Wahrscheinlich hat er nur den Entschluss, über sie zu schreiben, später getroffen und musste sich dann auf seine Erinnerung verlassen. Ganz nette Unterhaltung, aber kein Muss für Bibliophile.
Dienstag, 30. Juni 2026
Peter Henisch: Der Jahrhundertroman
Samstag, 27. Juni 2026
Shaun Bythell: Confessions of a Bookseller
Diese Anekdote aus meinem persönlichen Erfahrungsschatz könnten problemlos so in den Tagebüchern von Shaun Bythell, dem Antiquar aus dem schottischen Wigtown stehen. Dieser hat es nämlich auch im zweiten Band nach Tagebuch eines Buchhändlers mit unverständigen, rüpelhaften, geldgeilen und grenzdebilen Kundinnnen und Kunden zu tun. Alles, was ich über den ersten Band geschrieben habe, trifft auch auf diesen zweiten zu.
Er liest sich unterhaltsam, bietet aber nichts wirklich Neues, Bythell hat einfach das Pferd noch ein bisschen weitergeritten und ein weiteres Jahr im Buchladen beschrieben. Für die Recherche zu Europa für Buchverliebte, das ich gemeinsam mit Angelika Dietrich und Sandra Sukola verfasse, und das demnächst im Bruckmann Verlag erscheint, wollte ich es aber unbedingt lesen.
Gekauft habe ich es übrigens übrigens bei Porta Libri, einem grandiosen Antiquariatscafé in Portobello, Edinburghs Vorort am Meer. Es wurde als signierte Erstausgabe angepriesen. Signiert allerdings nicht von Shaun Bythell, den ich auf meiner Schottlandreise leider nicht getroffen habe. Vielmehr hat ein mysteriöser Peter Kenny seine Unterschrift auf den Titel gesetzt. Es stellte sich heraus: der Sprecher, der das Hörbuch eingelesen hat. Na ja, ich habe mich entschieden, das Buch bedenkenlos (aber natürlich pfleglich) auf dem Badetuch zu lesen. Im Rekordsommer 2026 muss ich raus!
Dienstag, 9. Juni 2026
Joseph Hone: The Book Forger
Dieser dokumentarische Roman erzählt die wahre Geschichte von Thomas James Wise, der als Englands größter Bücherjäger des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts galt. Wie schaffte es dieser Mann aus einfachen Verhältnissen nur, unaufhörlich kostbarste Erstausgaben großer Autoren aufzutun und auf den Markt zu bringen? Die Antwort: Weil er sie selbst gefälscht hatte. Er ließ nicht nur vermeintlich alte Bücher drucken - angebliche Privatdrucke, von denen selbst deren Autoren noch nichts gehört hatten -, sondern fledderte auch zahllose Bücher im British Museum und vervollständigte mit den erbeuteten Seiten Stücke in seiner eigenen Sammlung.
Wise genoss höchstes Ansehen - und so verwundert es nicht, dass die beiden jungen Buchhändler Pollard und Carter ("the Biblio Boys"), die ihm mit damals modernen Methoden auf die Schliche kamen, nur wenig Gehör fanden. Bis zu Wises Tod konnten sie ihm die Betrügereien und Fälschungen nicht nachweisen. Wiese selbst schwieg. Erst Jahrzehnte später fanden sich immer mehr Beweise für den großen Londoner Bibliophilen-Bluff.
Montag, 25. Mai 2026
Marion Poschmann: Die Kieferninseln
Freitag, 8. Mai 2026
Fred Vargas: Jenseits des Grabes
In einem verschlafenen bretonischen Dorf machen sich Kommissar Adamsberg und seine Truppe auf die Spur eines Serienmörders, der stets mit der linken Hand und einem teuren Messer zu sticht und außerdem ein befruchtetes, zerdrücktes Hühnerei am Tatort zurücklässt. Was Adamsberg in seine typischen Manier nicht entgeht: Alle Opfer sind von Flöhen befallen.
Fazit: Das Buch ist zu dick. Es hätte das Potenzial zu etwas Unterhaltsamerem, denn wie immer wimmelt es von Sonderlingen - allen voran Adamsberg selbst: „seine verworrene Logik, die verschlungenen, seltsamen Pfade, denen er folgte, seine rätselhaften Gedankengänge“…
Samstag, 18. April 2026
Sándor Márai: Die Glut
„Was kann man die Menschen mit Worten fragen? Und was ist die Antwort wert, die sie nicht mit der Wirklichkeit ihres Lebens, sondern mit Wörtern geben?“
Dieser fabelhafte Roman des Ungarn Márai von 1942 liefert die treffende Erkenntnis, dass, wer mit Worten fragt, fast nie das erreicht, was er will. Zumindest, wenn er eine Ant-wort - also Worte - erwartet.
Wir befinden uns im Jahr 1941: In einem Jagdschloss in den Karpaten vegetiert ein gealterter, einsamer General vor sich hin. Er erwartet die lange ersehnte Ankunft seines Jugendfreundes Konrád. Dieser war vor Jahrzehnten plötzlich abgetaucht. Im Kerzenschein hebt der General zu einem langen Monolog an, der Konrád mit dringenden Fragen konfrontieren soll, die der General ein Leben lang mit sich herum getragen hat. Aber die Fragen gehen unter. Das Gegenüber bleibt seltsam stumm.
Irgendwo habe ich gelesen: Die Leute hören dir nicht zu, sie warten nur auf ihren eigenen Einsatz, auf ein Stichwort eine Pause, um selbst zu Wort zu kommen. Denn jeder lebt in seiner eigenen Welt.
Viele tiefe Gedanken kommen hier in leichtfüßiger Sprache daher. Einer davon: Erst die Sehnsucht gibt dem Leben Sinn.
Donnerstag, 2. April 2026
Adelbert von Chamisso: Reise um die Welt
Die Expedition scheiterte, weil der Kapitän erkrankte. Dennoch gelangen Chamisso einzigartige Entdeckungen, von denen er einige in dieser schön bebilderten Auswahl seiner Tagebuchaufzeichnungen schildert. Vor allem aber sind es die allgemeinmenschlichen Betrachtungen, die dieses Buch so sympathisch und lesenswert machen. Chamisso erzählt von seiner Freundschaft mit dem Südseeinsulaner Kadu - der die Expidition ein großes Stück und bis in den hohen Norden begleitet - und macht sich Gedanken über dessen Weltsicht und Welterkennen. Eine perfekte Gelegenheit, um in Chamissos herrlichem Deutsch zu baden:
"Kadu, der, ein anderer Odysseus, ein vielbewegtes taten- und abenteuerreiches Leben zwischen den Wendekreisen auf einem Meerstrich geführt, dessen Ausdehnung beiläufig der Breite des atlantischen Ozeans gleichkommt, und nie das flüssige Lazur des Wasser erstarren, nie das üppige Grün des Waldes verwelken gesehen, - Kadu sah in diesen Tagen zum ersten mal das Wasser zum festen Körper werden und Schnee fallen. Ich glaube, dass ich ihm das grässliche Märchen unseres Winters nicht vorher erzählt hatte, um nicht von ihm, wenigstens bis zu der traurigen Erfüllung meiner Worte, für einen Lügner gehalten zu werden.“
Weniger gut versteht sich Chamisso mit Kapitän der ihn in seine Schranken weist und die Expedition, auf die Chamisso so brennt, schlicht abbricht.
Schon zu Beginn der Reise macht er die ernüchterte Feststellung, dass er als Wissenschaftler vor allem die Aufgabe hat, nicht zu stören, sich unsichtbar zu machen: "Er hat hochherzig von Kämpfen mit den Elementen, von Gefahren, von Taten geträumt, und findet dafür nur die gewohnte Langeweile und die nie ausgehende Scheidemünze des häuslichen Elendes, ungeputzte Stiefeln und dergleichen." Die ganze Tragik des Urwaldschiffes...
Oder auch: Alle Abenteuer sind Luxus, den einem andere ermöglichen. Für die Seeleute gilt nur die Arbeit, nicht das Abenteuer. Auch er selbst soll seine Arbeit tun, die sich nicht groß von dem unterscheidet, was er zu Hause in Berlin macht.
Montag, 30. März 2026
M. L. Rio: Graveyard Shift
Meine Meinung: Kurze Geschichten sind immer besser als lange. Und ich bleibe dabei, auch wenn ich zugebe, dass ich mir angesichts dieser 100-Seiten-Erzählung manchmal gewünscht hätte, es ginge noch weiter oder würde sich entwickeln
Aber in dieser Erzählung - und nicht nur da - ist es gerade das Reduzierte, das für Horror sorgt. Sie folgt auf einem College-Campus fünf Menschen die alle nachts arbeiten oder unter Schlaflosigkeit leiden: die Chefredakteurin der Unizeitung, ein Barkeeper, eine Rezeptionistim, ein Fahrdienstfahrer und ein Wohnungsloser. Sie treffen sich regelmäßig nachts zum Rauchen auf einem verlassenen Friedhof.
Eines nachts entdecken sie zu ihrem Entsetzen ein frisch ausgehobenes Grab - und wenig später einen Mann, der hier toten Laborratten entsorgt. Die Tiere sind von einem seltsamen Pilz befallen und bald wird klar, dass hier Experimente mit Schlafmitteln außer Kontrolle geraten sind.
Eine große Auflösung? Fehlanzeige. Die Angst - und das hat Angst nun einmal an sich - ist unbestimmt und wuchert dadurch, dass Dinge nicht angesprochen werden. Man bleibt mit dem Eindruck zurück, dass die Geschichte nicht endet, sondern gerade erst beginnt. Die Schlaflosigkeit geht endlos weiter, nichts löst sich auf, nichts kommt zur Ruhe. Das mag ich.









