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Dienstag, 9. Juni 2026

Joseph Hone: The Book Forger

Dieser dokumentarische Roman erzählt die wahre Geschichte von Thomas James Wise, der als Englands größter Bücherjäger des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts galt. Wie schaffte es dieser Mann aus einfachen Verhältnissen nur, unaufhörlich kostbarste Erstausgaben großer Autoren aufzutun und auf den Markt zu bringen? Die Antwort: Weil er sie selbst gefälscht hatte. Er ließ nicht nur vermeintlich alte Bücher drucken - angebliche Privatdrucke, von denen selbst deren Autoren noch nichts gehört hatten -, sondern fledderte auch zahllose Bücher im British Museum und vervollständigte mit den erbeuteten Seiten Stücke in seiner eigenen Sammlung.

Wise genoss höchstes Ansehen - und so verwundert es nicht, dass die beiden jungen Buchhändler Pollard und Carter ("the Biblio Boys"), die ihm mit damals modernen Methoden auf die Schliche kamen, nur wenig Gehör fanden. Bis zu Wises Tod konnten sie ihm die Betrügereien und Fälschungen nicht nachweisen. Wiese selbst schwieg. Erst Jahrzehnte später fanden sich immer mehr Beweise für den großen Londoner Bibliophilen-Bluff.

Der Autor Joseph Hone hält sich einerseits akribisch an die diversen Quellen, worüber die ausufernden Endnoten minutiös Auskunft geben. Das macht das Ganze dann eben ziemlich langatmig und führt zu Wiederholungen. Gleichzeitig neigt Hone zum Psychologisieren - wenn auch nicht so stark wie Peter Härtling in den Siebzigerjahren. Er erinnert vielmehr an Dorothy L. Sayers, die tatsächlich als eine Verbündete Pollards und Carters dargestellt ist. Wenn im Text dann immer wieder daran erinnert wird, wie sehr sich die Biblio Boys für Kriminalromane interessierten, ist das schon ein bisschen platt. 

Hone, der den Stoff 2024 wieder ausgrub, nicht der erste, der sich mit der Thematik beschäftigte. Das stellt er aber in einem Anhang ausführlich dar. Wohl aber der erste, der eine Art Krimi aus dem Stoff macht.

Vielerlei Positives gibt es auch: Wer beschreibt, wie alte Bücher gefälscht werden, muss auch schreiben, wie sie hergestellt wurden, damit sie  den besonderen Zauber alte Bücher verströmen können, die du viele Hände gegangen sind und die Spuren der Zeit tragen. (Interessant: Gerade Wises Fälschungen, die noch immer von der British Library gehütet werden, sind auf perfekten „Erhaltungszustand“ bzw Mint-Kondition getrimmt worden, offenbar der Geschmack der damaligen Zeit oder auch: Mundus vult decipi…)

Lesenswert, was Hone über Typografie (was sind Ligaturen?), Papierherstellung, Drucktechnik, Restaurierung, Bindung, Illustrationen erzählt. Und wie er das eine Zeit porträtiert, in denen das Büchersammeln noch ein weit verbreitetes und respektiertes Hobby der höheren Gesellschaft und der Neureichen war.  

Wie um alte Bücher gefeilscht wurde, liest sich spannend. Wie Wise mit den Mechanismen des antiquarischen Marktes jonglierte, um seine Fälschungen unterzujubeln und dabei eigene Spuren verwischt, fasziniert. Wenn dann wieder einzelne Seiten mit dem Skalpell aus Bibliotheksbüchern getrennt werden, läuft es wirklich jedem Bibliophilen eiskalt den Rücken hinunter. 

Sonntag, 4. Mai 2025

Friedrich-Christian Delius: Die Frau, für die ich den Computer erfand

In diesem Buch von 2009 lässt der 2022 verstorbene Friedrich-Christian Delius Konrad Zuse (1910 -1995), den verkannten Berliner Erfinder des Computers aufleben und erzählen. Der fiktive Zuse sitzt mit einem Journalisten in einem hessischen Landgasthof und spricht bis in den frühen Morgen hinein ein Monolog über sein Leben auf dessen  Ba Er berichtet, wie er seine Rechenmaschine in Kreuzberg entwickelt hat und diesen nach dem Kriegsende nach Westdeutschland, rettete wo er sich anschließend eine Existenz als mittelständischer Unternehmer aufbaut - hier hält sich Delius an Zuses echte Biografie.

Neu - und das ist die „Enthüllung“: Delius sucht die Frau. Und findet die Frau. Die Frau für die Zuse den Rechner erfand, und für die er alle damit verbundenem Strapazen auf sich nahm, ist Ada Lovelace: Die englische Mathematikerin, Tochter Lord Byrons, soll 100 Jahre vor Zuse das Programmieren vorausgedacht haben. Er stellt sie als seine große Liebe vor, die ihn alle Hindernisse überwinden und an seinem großen Ziel festhalten lässt. 

Na ja. Darf er ja. Ist aber jetzt nicht so unerhört, wie uns der Zuse-Erzähler einhämmern will. Da haben andere in der Literatur schon ganz andere Dinge, Automaten, Maschinen, Gegenstände und künstliche Seelen geliebt. Aber es hat wohl auch seinen Grund, warum dieser Roman nicht in die Geschichte eingegangen ist - anders als Zuses Erfindung.

Donnerstag, 15. Dezember 2022

Ulrike Herrmann: Das Ende des Kapitalismus

Das wohl meistdiskutierte Wirtschaftsbuch des Jahres. Auch, wenn es der Titel nahelegt: Es ist keine keine Streitschrift, kein „Macht Schluss mit dem Kapitalismus“. 

 Stattdessen analysiert Ulrike Herrmann, Wirtschaftsredakteurin der Berliner Tageszeitung taz, wie unser – historisch erfolgreiches – Wirtschaftsmodell angesichts von Erderwärmung und Klimakrise an Grenzen stößt. Sie beschränkt sich dabei auf wenige prägnante und eingängige Botschaften – und zeigt sogar einen Ausweg auf. 

Den Kapitalismus verteufeln? Nichts liegt der Autorin ferner. In einem scharfsinnigen historischen Abriss macht sie deutlich, wie erst Massenproduktion und Industrie Wohlstand für möglichst viele bescherten – und im Schlepptau politische Teilhabe und individuelle Rechte. Kapitalismus dürfe nicht als „Marktwirtschaft“ tituliert werden: Märkte und Handel habe es in der Geschichte immer gegeben. Lange, bevor im England des 18. Jahrhunderts erste Maschinen aufkamen, und sich die Art, wie wir arbeiten und wirtschaften radikal änderte.

Seitdem wächst die Wirtschaft. Sie wächst und wächst und kann gar nicht anders. Wenn sie nicht beständig wächst, drohen schwere Krisen. Der Haken: Es werden immer mehr natürliche Ressourcen verbraucht, Abfälle fallen an, Abgase belasten die Atmosphäre.


Plastisch zeigt Ulrike Hermann die Ausmaße dieser Ausbeutung unserer Umwelt auf. Die katastrophalen Folgen von Klimawandel und Erderwärmung deuten sich bereits an. Sie dürften aber noch viel schlimmer werden und alle Lebensbereiche betreffen. Also möglichst aus den fossilen Brennstoffen aussteigen und auf „grüne Energie“ umsatteln? Ja, aber das ist nicht so einfach. Solar- und Windenergie sind unbeständig und reichen nicht aus, Energiespeicher, Wasserstoffnutzung und selbst Kernenergie sind extrem teuer. Es wird, so die Autorin, deutlich weniger Energie zur Verfügung stehen. Und die wird teuer sein. „Grünes Wachstum“, das sich manche vom Umstieg von fossile auf erneuerbare Energien erhoffen, hält die Autorin für eine Illusion.

„Klimaschutz ist nur möglich, wenn die Wirtschaft schrumpft“, so eine Kernthese des Buches. Und schrumpfen bedeutet Verzicht: Flugreisen wären künftig ebenso unmöglich wie private Autofahrten– erst recht mit tonnenschweren, energieintensiven E-Autos. Weniger Fleischkonsum, kleinere Wohnungen, keine neuen Büros und Logistikzentren: Schrumpfen auf allen Ebenen wäre angesagt. Dabei gingen auch Arbeitsplätze verloren. Einige Branchen wie die Banken – sie leben von der Vergabe von Krediten, die nur zurückgezahlt werden können, wenn die Wirtschaft wächst – gingen weitgehend zugrunde. Arbeitsplätze in anderen Branchen würden zwar entstehen, allerdings wären sie lange nicht so gut bezahlt. Die deutsche Wirtschaft würde auf den Stand von 1978 zurückschrumpfen. 

Als Vorbild für ein staatlich gelenktes Schrumpfen macht die Autorin die Kriegswirtschaft Großbritanniens im und nach dem Zweiten Weltkrieg aus. Die Betriebe blieben privat, aber der Staat legte fest, was produziert wurde und wer welche Rationen zugeteilt bekam. Erstaunlicherweise sei dieses Modell sogar allseits beliebt gewesen, beteuert die Autorin: Alle bekamen dasselbe, niemand fühlte sich benachteiligt. 

Hellsichtig klingt, wenn die Autorin die Menschen vor eine fatale Alternative stellt. „Entweder sie verzichten freiwillig auf Wachstum – oder die Zeit des Wachstums endet später gewaltsam, weil die Lebensgrundlagen zerstört sind.“ Wer das liest, denkt fast unweigerlich: Dann wird wohl auf die zweite Variante hinauslaufen. So traurig es ist.

Verzicht, Schrumpfen, Kriegswirtschaft? In Demokratien sind sie nicht mehrheitsfähig und Diktaturen neigen bekanntlich dazu, die Mehrheit zum Verzicht anzuhalten, während eine kleine Clique mit Vorliebe um die Welt jettet. Schränken sich einzelne Länder ein, werden andere umso stärker zugreifen. Global werden sich die Reicheren ein "grünes Wachstum" leisten und die Kosten dafür auf die Ärmeren abwälzen. Vielleicht sind realistischere Szenarien als dieser gelenkte Verzicht möglich, ein Mix aus verschiedenen Energieformen etwa, einzelne Einschränkungen in besonders kritischen Bereichen. Aber vielleicht ist das zu halbherzig, um die Krise aufzuhalten. Prognosen sind schwierig. 

Selbst Leserinnen und Lesern, die keine von Herrmanns Thesen teilen, sei dieses Buch empfohlen. Es weitet auf überraschende Art den Blickwinkel und regt zum Weiterdenken und Diskutieren an.

 

Erschienen in Wirtschaft Regional, Dezember 2022

Mittwoch, 30. November 2022

Irene Vallejo: El infinito en un junco

Vallejo erzählt die Geschichte der antiken Bibliothek von Alexandria und weiterer Büchertempel aller Jahrhunderte. Die spanische Autorin webt elegant zahllose Anekdoten und Gedanken mit ein - über Bücher, das Lesen und Schreiben, Erzählen und Erfahren, Lehren und Lernen, Sammeln und Suchen, Buchläden und Buchgeheimnisse. Über das versunkene und lautlose Lesen, das erstmals der Heilige Ambrosius praktiziert haben soll, Schrift auf der Haut als Tattoo, darüber, wie die Form des Buches die Gedanken formt, die beim Lesen entstehen… Und sie verteidigt den - auch meiner Meinung nach absolut verdienten - Literaturnobelpreis für Bob Dylan („Un Nobel para la oralidad“). Das ist nämlich der genuine Ursprung der Dichtung: Sie wurde gesungen.

Wer wie ich Bücher über Bücher liebt, wird fasziniert sein. Nicht, dass Vallejo aufregend Neues erzählt. Sie hat vielmehr alles Erdenkliche aus der Welt der Bibliophilie zusammengetragen. Das Sachbuch plätschert sehr anregend dahin, wie wenn man einer geistreichen Person zuhört und hinterher feststellt, dass man nicht unbedingt etwas gelernt hat, aber sehr gut unterhalten wurde. 

Also lesenswert, aber kein Muss. Die 500.000 verkauften Exemplare, auf die das Buchcover hinweist, sind sicherlich auch einer geschickten Vermarktungsstrategie zu verdanken. Für mich persönlich aber eine Bereicherung.



Dienstag, 6. September 2022

Emmanuel Carrère: Yoga

Im autobiographischen, sehr persönlichen Stil beschreibt Emmanuel Carrère einige Jahre seines Lebens. Was - das betont der Autor immer wieder - ein optimistisches Büchlein über Yoga werden soll, gerät zu einer Collage aus extrem persönlichen Aufzeichnungen einer schwierigen Phase seines Lebens.

Um Material für das Büchlein zu bekommen, zieht sich Carrère in ein  Yoga-Retreat in Zentralfrankreich zurück, in dem strenges Schweigen  angesagt ist: Die Anschläge auf Charlie Hebdo, bei denen ein Freund getötet wird, reißen ihn aus dieser abgeschotteten Welt. Nach einer Trennung (die aber nicht thematisiert ist) erleidet der Autor eine Depression, die in der psychiatrischen Klinik bei Elektroschockbehandlung endet, schließlich arbeitet er als Freiwilliger in einem Flüchtlingsheim auf der griechischen Insel Leros. Spätestens in dieser Leros-Episode wirft der Autor Zweifel an seiner eigenen Zuverlässigkeit als Erzähler auf: Wie weit kann man ihm trauen? Was lässt er weg, schmückt er aus?  Aber der Text ist eben absolut subjektiv und damit wahrhaftiger als ein Text der vorgibt, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu verkünden.

Über weite Strecken des Buches war ich begeistert. Ich hatte mir vorgenommen, es anschließend auf Französisch zu lesen. Begeisternd sind die Anfangskapitel, in der Carrère seinen Zugang zu Yoga beschreibt und der Leser diesen Weg mitgehen darf. Er trägt mehr als 15 Definitionen für Meditation zusammen. "Meditieren heißt, still und unbewegt dazusitzen", zum Beispiel, oder "Meditation heißt, nicht zu urteilen", "Meditation heißt, aufmerksam zu sein", "Meditation heißt, einen geheimen, strahlenden Raum in sic zu finden, in dem es einem gut geht", "Meditation heißt, loszulassen, nichts mehr zu erwarten, nichts mehr zu tun versuchen", "Meditation heißt, zu pinkeln und  zu scheißen, wenn man pinkelt und scheißt, und nur das".

Und wenn Yoga das Zusammenspannen von Gegensätzlichem - etwa Freude und Leid - unter einem Joch ist, dann kommt das in diesem Buch Erzählte Yoga sehr nahe. Dennoch, ich muss es einfach sagen, war das Lesen dieser Geschichte eine Qual und ich war froh, als ich sie beendet hatte.

"Und wenn Sie etwas lesen, vollziehen Sie nicht nur die Gedanken des Autors, berücksichtigen Sie auch, was Sie denken."

Das sagt der Lehrer John Keating, ein Held meiner Jugend, im Film "Der Club der toten Dichter". Natürlich berücksichtigen heute sehr viele - auf sozialen Netzwerken würde ich sogar sagen: zu viele - Rezensenten das, was sie selbst denken. Nur das. Sie schwadronieren darüber, wie es ihnen selbst beim Lesen eines Buches gegangen ist. Trotzdem: Angesichts der Innerlichkeit (Weinerlichkeit?) des Autors spielt es hier eine wichtige Rolle. Hört er in sich hinein, so tue ich das als Leser aus. Es zieht einen runter.

Carrère findet packende Bilder für seine Hoffnungslosigkeit. Geht es ihm gut, so spürt er, dass es ihm bald wieder schlecht gehen wird. Geht es ihm schlecht, so spürt er, dass es niemals wieder gut wird. 

Handwerklich ist vielleicht zu kritisieren, dass das Buch doch aus sehr losen Notizen zusammengeflickt ist. Leider hat es der Autor nicht gekürzt, wodurch es sehr gewonnen hätte. Soviel aus meiner Sicht.

PS: Auf dem Bild seht Ihr, wie der Rasen im Nördlinger Freibad diesen Sommer aussieht.

Samstag, 9. Juli 2022

Andreas Sturm: Ich muss raus aus dieser Kirche

 

… Weil ich Mensch bleiben will. Ein Generalvikar spricht Klartext.“ So der volle Titel des neu erschienenen Buches.

Andreas Sturm, katholischer Priester und zuletzt Generalvikar in Speyer, beschreibt seine Entfremdung von und Verzweiflung an der römisch-katholischen Kirche, die ihn nun zum Austritt bewegt haben. Eine offene und treffsichere Abrechnung mit der  Kirche aus der Sicht einer ihrer Führungskräfte.

Sturm porträtiert eine unglaublich arrogante Institution, die Menschen, die ihr noch vertrauen und ihr Unmengen an Geld geben, missbraucht, entwertet, demütigt, an den Rand drängt. Nichts davon ist eine Enthüllung, alles kann  einem täglich begegnen - für viele ist es einfach unerheblich, weil die aus der Zeit gefallene katholische Kirche immer kleiner und bedeutungsloser wird.

Das Buch ist buchstäblich mit der heißen Nadel gestrickt. Deshalb ist es sprachlich nicht sehr gelungen, wirft mit bürokratischen Schachtelsätzen, Passivformulierungen, und unendlich oft dem Wörtchen „man“ um sich. Vielleicht ist dem Autor die Sprache der Kirche, welche die Menschen kaum noch erreicht,  zu sehr in Fleisch und Blut übergegangen. Das macht es ja andererseits auch authentisch. Aber Formulierungen wie „Die evangelischen Kirchen haben mit ihren Syoden (sic!) eine lange Tradition und die episkopalen Kirchen und die Alt-Katholiken haben gezeigt, dass man auch Synodalität und bischöfliche Verfasstheit gemeinsam denken und praktizieren kann“, machen es nicht leicht, dieses wichtige Zeitdokument zu lesen. Inhaltlich aber ganz sicher ein mutiges, wegweisendes Buch, das zum richtigen Zeitpunkt kommt.

Dienstag, 12. Oktober 2021

Thomas Hettche: Herzfaden


Der Roman erzählt die Geschichte der in den Vierzigerjahren gegründeten Augsburger Puppenkiste in breiter Ausführlichkeit. Letzteres ist denn auch schon mein kleiner Kritikpunkt. Wer wirklich Lust auf ein dickes Epos hat, in dem die Protagonisten bei jeder sich bietenden Gelegenheit über das Marionettentheater als moralische Anstalt philosophieren, wird es mögen. Ich habe es gemocht. 

Ein Mädchen verschlägt es auf den geheimnisvollen Dachboden der Augsburger Puppenkiste. Dort begegnet es den lebendig gewordenen Marionetten des legendären Theaters. Urmel, Jim Knopf und Kalle Wirsch helfen ihm gegen das bösen Kasperle, das das IPhone gestohlen hat. Aber sie trifft ist auch die eigentlich schon gestorbene Frau Hatü - so wurde Hannelore Oehmichen, die Tochter des Puppenkiste-Gründers Walter Oehmichen genannt. Innerhalb dieser Rahmenhandlung erzählt Hettche von den Anfängen des Theaters im Krieg  - wie Oehmichen, der Schauspieler des Augsburger Stadttheaters, in der Gefangenschaft einen Puppenschnitzer kennenlernt und für die eigene Familie ein Marionettentheater baut -, von Neuanfang, Nachkriegszeit, ersten Erfolgen, ersten TV-Produktionen… 

Die Augsburger Puppenkiste ist ein wichtiger Bestandteil der deutschen Kultur im 20. Jahrhundert. Der Roman setzt ihr ein Denkmal.

Dienstag, 20. April 2021

Thea Dorn: Trost

 Sind Bücher zur momentanen Lage oft schon bei ihrem Erscheinen obsolet, ist dieses - leider - immer noch hochaktuell: In einem Briefroman thematisiert Thea Dorn die Corona-Pandemie und die vielfältigen Reaktionen und Beschränkungen in ihren Auswirkungen auf das tägliche Leben der Menschen. In diesem Fall der Zeitungsjournalistin Johanna.


Diese schreibt Briefe an Max, ihren ehemaligen Philosophielehrer, der auf Capri lebt. Die Form des Briefromans: Na ja, sie musste eben irgendetwas wählen, und diesen Essay nicht als Thea Dorn zu schreiben. Natürlich frage ich mich: Gibt es wirklich Menschen, die so geistreiche, ausgefeilte und überlegte Briefe auf die Reise schicken? Aber sei's drum. Max jedenfalls antwortet höchst lakonisch. Manchmal gar nicht, dann wieder in Form einer Kunstpostkarte, auf der er Johanna etwas in zwei, drei Wörtern vor den Latz knallt.

Sehr viel Kluges zum Corona-Irrsinn ist da zu lesen. Manches kommt auch sehr verkopft daher. Diese Johanna holt immer wieder weit aus, möchte wie eine Musterschülerin vor dem verehrten Lehrer mit ihrem Wissen und den Gedankengängen glänzen. Hoffmannsthal und Canetti, Gryphius und  Ernst Jünger werden als Stichwortgeber, Vorbilder und Pandemie-Theoretiker zitiert.

Anfangs herrscht bei Johanna noch Wut auf ihre Mutter vor - eine lebenslustige Theateragentin, die sich von  Warnungen nicht beirren ließ und mitten im Lockdown eine Italienreise unternahm, auf der sie an Covid verstarb. Doch die Stimmung schlägt bald um. Johanna, die ihre Mutter nicht einmal auf dem Sterbebett sehen darf, ist wütend auf die "Maßnahmen", die Politiker nun allerorts verhängen:

„Wie eine Horde durchgegangener Sanitätsnashörner überbieten sie sich im Menschenlebenrettenwollen - und merken nicht, dass sie dabei die Menschlichkeit tottrampeln.“

Sie beobachtet eine Gesellschaft, in der grenzenloser Individualismus in blinden Herdentrieb umschlägt. Alles Namen der großen "Doktrin des Untotseins“. Hauptsache bei guter Gesundheit möglichst lange leben und konsumieren und dabei doch so leblos sein. Wenn der Tod nicht mehr als Teil des Lebens - etwa in Ritualen - wahrgenommen wird, glauben die Menschen an nichts anderes mehr als das (lange) Leben - und verbieten sich paradoxerweise alles, was das Leben lebenswert macht.

Johanna weiß, dass "sich das Leben nur umarmen lässt, wenn ich bereit bin, auch den Tod zu umarmen" und leidet darunter: "Was bringt es, sein Leben in Angst vor dem Tod zu verzittern? Erleben wir nicht gerade, wie das scheinbar Vernünftige ins Absurde umschlägt, wenn ganze Gesellschaften sich und ihren Mitgliedern aus Angst vor dem Tod das Leben verbieten?"

Wütend ist sie auch auf den „Stoa-Spießer“ Max - auf die Stoiker insgesamt, die Ertragen, Hinnehmen, Abfinden - oder heutzutage: "Resilienz" - predigen.

Als Hommage an das Leben, zu dem der Tod gehört, ist Trost auch als eine Art Fortsetzung von Dorns Roman Die Unglückseligen zu lesen. Ein wunderbares Fundstück präsentiert Thea Dorn/Johann aus
Hugo von Hoffmannsthals Der Tor und der Tod:

Du Tor! Du schlimmer Tor, ich will dich lehren, Das Leben, eh du's endest, einmal ehren. 

Mittwoch, 30. Oktober 2019

John Kaag: Das Bücherhaus

Einer der Schlüsselmomente geschieht kurz vor Schluss dieser autobiographischen Skizze. Ein Gutachter durchforstet die Privatbibliothek des lange verstorbenen Philosophen und Universitätsprofessors William Ernest Hocking (1873-1966) im Hinterland von New Hampshire und taxiert die Bücher nach ihrem miserablen Erhaltungszustand und Marktwert.
 
Der junge Philosophieprofessor John Kaag steht dabei und ist empört: "Philosophie, die gewaltige Liebesbeziehung mit der Weisheit,  auf einen Kalkulationsbogen summiert, zum Zwecke steuerlicher Absetzbarkeit". Immerhin hat er, Kaag, dieses Bücherversteck als 27-Jähriger zufällig entdeckt und mit Erlaubnis von Hockings Erben drei Jahre lang geordnet und katalogisiert. Er hat Nächte zwischen den feuchten Regalen verbracht, vor dem baufälligen Anwesen gezeltet und ist mit Stirnlampe ausgerüstet durch den Stachelschweindreck auf dem Dachboden gekrochen. Dabei hat er Erstausgaben, Manuskripte, Notizen und  Briefe nicht nur Hockings, sondern praktisch aller namhaften Philosophen und Philosophinnen der USA des 19. und angehenden 20. Jahrhunderts geborgen. Ein unermesslicher Schatz, den er vor dem weiteren Verfall retten muss.

In diesem Moment wird klar: Bücher, Texte bekommen ihre entscheidende Bedeutung dadurch, dass sie in Bezug zum eigenen Leben gesetzt werden. Die Gedanken der Philosophen steigen im Wert, wenn sie heute jemanden berühren, ihn zum Weiterdenken bringen, ihm eine Idee über das gute Leben vermitteln, ihm von Gemeinschaft, Freundschaft und Liebe erzählen. Sie können nicht taxiert werden.
 
Diese In-Beziehung-Setzen unternimmt Kaag in diesem Stück Prosa, das eine Episode in seinem eigenen Leben ab 2008 beschreibt. Kaag verwendet persönliche Erlebnisse und Empfindungen als Stichworte, um die philosophischen Schätze der Bibliothek und ihre Urheber vorzustellen. Was hätte Ralph Waldo Emerson in meiner Situation (witzig: Kaag fragt sich das, als er eine Autopanne hat) gedacht? Ging es Henry David Thoreau ebenso? Deckte sich William Ernest Hockings eigenes Familienleben mit seinen philosophischen Entwürfen? Wie lebten und dachten dessen Vorbilder, Zeitgenossen, Nachfolger? Zu Wort kommen neben anderen Charles Sanders Peirce, Josiah Royce, William James, Jane Addams und Walt Whitman. Kaag würdigt ausführlich amerikanischen Pragmatismus und Transzendentalismus. Aber auch Kant und Hegel, Platon und Dante haben ihre Werke in der Bibliothek - und damit ihre Gedanken in diesem Buch hinterlassen.
 
Gleichzeitig beschreibt Kaag sein eigenes Leben. Er schreibt vom Vater, der Alkoholiker war und die Familie verließ. Er schreibt von seiner eigenen Ehe - er hatte in sehr jungen Jahren geheiratet. Die Beziehung belastet ihn, während er viel Zeit in der verfallenen Bibliothek verbringt, schließlich lässt sich das Paar scheiden. Was ihn belastet hat, was nicht stimmte in der Ehe - hier bleibt Kaag sehr vage. Die Handlung mag zwar persönlich angelegt sein, in letzter Konsequenz aber macht der Autor dicht, schließt die Türen. Das gilt auch für Kaags neue Liebesbeziehung zu seiner Philosophenkollegin Carol Hay, die gemeinsam mit ihm die Hocking-Bibliothek katalogisiert und die schließlich seine zweite Frau wird. Immer, wenn es zu persönlich zu werden droht, beginnt der nächste Exkurs und Kaag berichtet aus dem Leben der Philosophen.
 
Insofern gibt das Buch hervorragenden und sehr detaillierten Einblick in die Ideengeschichte der US-Philosophie des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Wer sich für diese Thema interessiert, dürfte Das Bücherhaus mit großem Gewinn lesen. Er erfährt auch, was letztlich aus der Bibliothek wurde - denn alles wird an dieser Stelle nicht verraten.


John Kaag: Das Bücherhaus. Eine philosophische Liebesgeschichte. Aus dem Amerikanischen von Martin Ruben Becker. btb 2019. 11 Euro.
 

Mittwoch, 3. Juli 2019

Jurek Becker: Bronsteins Kinder

Das Faszinierende an diesem Roman ist die präzise, gewählte, mitunter sogar sommerlich-federleichte Sprache, mit der hier über eine Ungeheuerlichkeit berichtet wird. Jurek Becker (1937-1997, Jakob der Lügner), selbst Holocaust-Überlebender, thematisierte 1986 in seinem sechsten Roman, wie die Erinnerung an Naziverbrechen auf Opfer, Täter und die Nachkommen von beiden wirkt.

Ostberlin im Sommer 1973: Der 18-jährige Hans Bronstein steht kurz vor dem Abitur. Er lebt bei seinem Vater, einem jüdischen Überlebenden der NS-Vernichtungslager. Seine wesentlich ältere Schwester Elle wohnt im Heim. Sie, die den Nationalsozialismus elend versteckt bei habgierigen Bauern überlebt hat, ist vom Drang erfasst, scheinbar wahllos und unvermittelt Menschen auf der Straße anzugreifen und ihnen das Gesicht zu zerkratzen.

Hans trifft seine Freundin Martha heimlich in dem Häuschen, das sein Vater außerhalb der Stadt besitzt. Eines Tages trifft er dort ein und wird Zeuge des Unglaublichen: Sein Vater und zwei weitere ehemalige KZ-Insassen haben einen Mann entführt, der früher KZ-Aufseher war. Arnold Heppner heißt er. Hans ergreifen Skrupel - dürfen die drei Männer Selbstjustiz üben, Heppner aus Rache in dem Landhaus quälen, ihn ermorden? Er will mit ihnen reden und erntet nur schroffe Härte. Im Deutschland, einem "minderwertigen Land", umgeben von "würdelosen Menschen" gelte es, das Recht in die Hand zu nehmen, meint der Vater. Dürfen die Opfer andere zu Opfer machen? Soll Hans Heppner selbst befreien?

All das erzählt Hans dem Leser ein Jahr später: Die Zeitebenen, also die Gegenwart und die Zeit der Entführung wechseln einander ab - sie sind jeweils im Präsens und im Präteritum erzählt. Mittlerweile lebt Hans zurückgezogen bei der Familie Marthas, von der er sich entfernt hat und wartet auf seine Zulassung zum Studium. Der Vater ist mittlerweile tot, offiziell hat er einen Herzinfarkt erlitten. Der Ich-Erzähler rollt auf, wie der Tod und alles weitere mit den Ereignissen von damals zusammenhängt: Wie Hans hat der Leser hier eine Menge zu grübeln, zu fragen und zu zweifeln. Große Literatur.

Dienstag, 9. April 2019

John Boyne: Der Junge im gestreiften Pyjama

Der Ire John Boyne, Jahrgang 1971, hat 2006 diesen Roman über den Holocaust veröffentlicht. Er handelt vom neunjährigen Bruno, der mit seiner Familie nach Auschwitz zieht, wo sein Vater Lagerkommandant ist. Trotz Verbots nähert er sich dem Konzentrationslager und schließt Freundschaft mit Schmuel, dem gleichaltrigen „Jungen im gestreiften Pyjama“ auf der anderen Seite des Zauns. Die beiden sehen sich sehr ähnlich und könnten fast verwechselt werden, wenn Bruno nicht viel dicker wäre als Schmuel.

Mit Sicherheit ist dieses Buch irgendwo Schullektüre. Und die Lehrer und Lehrpläne, die das verordnen, haben ja auch Recht. Denn natürlich darf die Beschäftigung mit diesem schrecklichen Teil der Geschichte niemals aufhören. Aber muss das mit einem so eindimensionalen Buch geschehen? Ich beneide diese Schüler nicht. Denn Boyne - so nobel sein Ansinnen sein mag und so wichtig es ist, das Gedenken an Auschwitz immer wieder wach zu rufen - macht es sich zu leicht.

Er hat seinen Helden nämlich bewusst doof gestaltet. Ein tumber Tor, der nicht begreift, was da Ungeheuerliches um ihn herum passiert. Das funktioniert aber so nicht mit einem Neunjährigen, der immer nur von "Aus-wisch" und dem "Furor" redet, von den "schaumigen Getränken", die Erwachsene trinken und so weiter. Und der dann im nächsten Atemzug sagt: „Ist alles relativ, oder? Entfernung, meine ich.“

Hier ist ein Erwachsener, der sich überhaupt nicht in Kinder hineindenken kann. Das nimmt diesem Buch jede Glaubwürdigkeit, es geht einfach nicht auf und deshalb läuft diese gute Handlungsidee um ein unfassbar unmenschliches Geschehen ins Leere. Wahnsinnig schade.

Montag, 4. Februar 2019

Édouard Louis: Wer hat meinen Vater umgebracht

Ein autobiographischer Essay, in dem Édouard Louis (Jahrgang 1992) auf 80 Seiten das Wort für seinen sprachlosen Vater ergreift: In Schlaglichtern erinnert sich der Autor an seine Familie, in der frühmorgens schon vor dem Fernseher geraucht wurde, in der Gewalt, Demütigungen, Schweigen, Verachtung für Schwule und Ausländer zum Alltag gehörten. Der Vater, ein Fabrikarbeiter, sitzt nicht (wie im Louis' erstem Buch Das Ende von Eddy) auf der Anklagebank, sondern er ist hier das Opfer, der Autor so etwas wie sein rechtlicher und moralischer Beistand.

Der Vater gehört zu denjenigen, "denen niemand zu Hilfe kommen würde" und "zu jener Kategorie von Menschen, für die die Politik einen verfrühten Tod vorgesehen hat". Nichts, aber auch nichts, ist ihm gegönnt: kein Geld, keine Ausbildung, keine Träume. Schließlich erleidet er auch noch einen Arbeitsunfall, der sein brüchiges Leben vollends aus der Bahn bringt. Ein Opfer, das keines sein will. Das einizige, was dem Vater  bleibt, ist das stolze Beharren darauf, er habe sein Unglück, seine Misere selbst gewollt. Er verhält sich brutal und kindisch, tritt andere - dabei wird niemand so getreten wie er.

Dass der Vater das Opfer ist, ist nicht das Besondere an diesem Text, sondern dass Louis die Täter mit Namen benennt. Chirac, Sarkozy, Hollande, Macron... die Riege der französischen Politiker, die  Rücken, Darm und Lunge des Vaters mit ihren Sozialkürzungen, ihrer Drangsal und ihre Respektlosigkeit gegenüber den Abgehängten kapput gemacht haben. Kein Wunder, dass Wer hat meinen Vater umgebracht (ohne Fragezeichen!) als der Text schlechthin zu den aktuellen Gelbwesten-Protesten gilt. Hier entlädt sich der ganze Zorn: Louis will deutlich machen, was Politik wirklich anrichtet. Denn mit den realen Folgen von Politik müssen andere leben, nicht die Politiker. Für diese abgehobene Kaste ist Politik eine ästhetische Frage, für den Vater eine von Leben und Tod.

In seiner Absolutheit klingt der Text manchmal sehr überheblich und mitunter belehrend: Schaut her, ich habe die endgültige Wahrheit gefunden, scheint Louis auszurufen, wenn er Sätze wie diesen an seinen Vater richtet: "Ein klassischer Mechanismus: Unter dem Eindruck, dass du deine Jugend nicht voll hast ausleben können, hst du versucht, dein ganzes Leben lang an ihr festzuhalten." Man muss ihm nicht in aller Radikalität folgen - zum Nachdenken regt er allemal an. Erst recht die unerwarteten Worte des Vaters, mit denen Louis den Text enden lässt: "Ich glaube, was es bräuchte, das ist eine ordentliche Revolution."

Dienstag, 20. März 2018

Karl-Heinz Göttert: Deutsch - Biografie einer Sprache

Wie die deutsche Sprache geworden ist, was sie ist - und ja, sie ist immer noch im Werden - beschreibt der Germanist Karl-Heinz Göttert in diesem 2010 erschienenen Buch. Das Werk ist ein historischer Abriss mit einer knappen Analyse der Gegenwart sowie kurzem Ausblick.

Göttert zeichnet die Entwicklung des Deutschen nach, beginnt bei dessen germanischen Wurzeln und verdeutlicht, wie ihre Sprecher und vor allem Schreiber dieser Sprache nach und nach neues Land erschlossen haben:

Notker der Deutsche, der Heliand und Otfried von Weißenburgs Evangelienbuch den Kosmos des christlichen Glaubens,
die Minnedichtung die Welt des Höfischen,
die Predigten des Berthold von Regensburg Handwerk und Handel,
der  Sachsenspiegel das Recht,
Mystiker wie Mechthild von Magdeburg und Meister Eckhart die menschliche Seele und ihre Tiefen,
die Prager Universität und Kanzlei das Behördentum.

Gestreift werden Luthers wegweisende Bibelübersetzung - die allerdings laut Göttert in ihrer Bedeutung für die Entwicklung des Deutschen überschätzt wird - die barocken Sprachgesellschaften, Aufklärer und Deutsch-Verfechter wie Christian Weise und Christian Wolff, Wörterbuchschmiede wie Johann Christoph Adelung und die Brüder Grimm, die Klassiker Goethe und Schiller und Literaten der Moderne, die das Spiel mit der Sprache auf die Spitze trieben.

Immer wieder stieß die deutsche Sprache in ihrer Entwicklung auf (lebensbedrohliche?) Widerstände, nicht nur durch Deutsch-Verweigerer wie den Humanisten Conrad Celtis oder den Preußenkönig Friedrich den Großen.

Anschaulich ist dargestellt, wie das Deutsche dabei immer von anderen Sprachen, dem Lateinischen, später dem Französischen und Englischen beeinflusst wurde, Wörter oder auch ganze Vokabularien übernahm, dabei dieses zugewanderte Vokabular aber mitunter vereinnahmte und in ihrem Sinne weiterentwickelte.

Weiterentwickelt hätte sich die Sprache aber auch nicht ohne die kreativen Köpfe, Sprachschützer, Literaten und Sprachverliebten, die ihr neue Wendungen und Wörter schenkten: Natürlich Luther, von dem die Dachrinne, der Lockvogel und Begriffe wie friedfertig oder nacheifern stammen. Mechthild von Magdeburg, die als erste von Eitelkeit und Finsternis schrieb. Joachim Heinrich Campe, dem wir fortschrittlich und Feingefühl zu verdanken haben, Georg Philipp Harsdörffer, Gründer des Pegnesischen Blumenordens, der passenderweise das Wort Gießkanne ersonnen haben soll, und Turnvater Jahn (den Göttert kritisch sieht), der Barren, Reck und Grätsche schuf.

So detailliert und aufschlussreich der historische Teil, so verwaschen und blass sind die Analyse der Ist-Situation und der Ausblick am Schluss. Göttert erwähnt zwar Befürchtungen, Deutsch könne bloßen Dialekt für den Hausgebrauch herabsinken und nach und nach verschwinden, wischt sie aber beiseite, ohne einen wirklichen Ausweg anzubieten.

Dass sich die deutsches Sprache in der Vergangenheit auch gegen Widrigkeiten behauptet hat, ist noch kein Argument dafür, dass es in Zeiten der Globalisierung genauso sein muss.  Dieses Vorgehen frei nach dem kölschen Motto "Es hätt noch immer jot jejange" macht nicht wirklich Mut und lässt eher ratlos zurück. Götterts Fazit, "Die Zukunft des Deutschen liegt jedenfalls darin, sich in einem vielsprachigen Europa und einem mehrsprachigen Deutschland zu behaupten", klingt nach unverbindlichem Politikersprech. Schade. Was allerdings den historischen Abriss angeht, und der macht immerhin rund 90 Prozent dieses Buches aus: absolut lesenswert!

Montag, 22. Januar 2018

Rodrigo Hasbún: Die Affekte

Der deutsche Bergsteiger und Abenteurer Hans Ertl war während der NS-Zeit Kameramann und Liebhaber Leni Riefenstahls. Nach dem Krieg bekommt er in Deutschland keinen Fuß mehr auf den Boden und entschließt sich, mit seiner Frau Aurelia und den drei Töchtern Monika, Heidi und Trixi nach Bolivien auszuwandern.

In Bolivien kommt der umtriebige, fast besessene Ertl nicht zur Ruhe und unternimmt sogleich eine Expedition in den Urwald. Ertl verliebt sich in eine Assistentin, Heidi in einen Expeditionsteilnehmer. Monika teilt die obsessive Art der Vaters: Sie heiratet erst in jungen Jahren einen reichen, aber unerträglichen Deutsch-Bolivianer, wendet sich dann den Ärmsten zu, gerät ins Umfeld der Nationalen Befreiungsarmee Che Guevaras, wird nach dessen Ermordung Vertraute und Geliebte von dessen Nachfolger Inti Peredo und rächt dessen Exekution, indem sie den bolivianischen Konsul in Hamburg erschießt.

Die Ertls hat es wirklich gegeben. Die düstere Romanhandlung, die auf historischen Ereignissen basiert, wird aus den Perspektiven verschiedener Personen erzählt, darunter die drei Ertl-Töchter. Das Ganze ist atmosphärisch äußerst dicht, inhaltlich stimmig, sprachlich treffend und sehr mitreißend erzählt. Vielleicht eine Art Fazit: Enttäuschungen und Niederlagen begleiten uns - wir können ihnen nicht entfliehen. Schon gar nicht mit Gewalt.

Montag, 27. November 2017

Manfred Flügge: Die vier Leben der Marta Feuchtwanger


Diese Biografie widmet sich Marta Feuchtwanger. Im Klappentext heißt es, sie sei "Muse, Grand Dame, Ikone des deutschen Exils" und eine der "großen Dichterfrauen des 20. Jahrhunderts" gewesen. Ohne Zweifel, diese Frau hat viel mitgemacht: Zwei Weltkriege, Internierung, Flucht, Exil, ihr einziges Kind starb kurz nach der Geburt, dazu musste sie einen unmöglichen Ehemann ertragen. Im Verlauf dieses Buches wird aber klar: Marta war vor allem anderen die Ehegattin an der Seite des Schriftstellers Lion Feuchtwanger („Erfolg“, „Jud Süß“, „Die Jüdin von Toledo“).

Im Buch heißt es: "Fast fünfzig Jahre hatte sie Lion bemuttert (...) Sie war von ihm abhängig gewesen, sein Erfolg, seine Geltung, seine internationalen Verbindungen hatten auch ihr Dasein bestimmt (...)." Alles, was von Marta geblieben ist, hat Bezug zu Lion Feuchtwanger. Natürlich hatte sie ihr Reich, das Haus und den Garten (nach dem Umzug aus München zuerst in Berlin, dann in Sanary sur Mer, dann in Pacific Palisades), sie hatte ihre Hobbies wie den Skisport und die Gymnastik, war emanzipiert, aber nicht unabhängig. Sie besaß keinen Beruf und keine eigenständige Existenz - das ist ihr weiß Gott nicht vorzuwerfen. Eine Lebensbeschreibung Marta Feuchtwangers ist aber deshalb weniger interessant aus dem Standpunkt, was sie geschaffen hat, sondern danach, was sie miterleben musste.

"Das Schicksal dieser Frau, die unter so vielen Autoren lebte, aber selbst nicht schrieb, war es, alle Erfahrungen zu berühren, die ihr Jahrhundert bereithielt, die schlimmsten wie die besten", schreibt Flügge. Letzte Station des Feuchtwanger-Exils war, als die Nazis Europa völlig überrannt hatten, eine mondäne Villa in Pacific Palisades an der Küste Kaliforniens. Cellist Mstislav Rostropowitch war zu Gast und gab ein Privatkonzert, viele weitere Größen aus Kunst und Kultur gingen bei Feuchtwangers und ein. "Bei den Leseabend trat Marta als hilfreiche und diskrete Gastgeberin in Erscheinung." So viel zu ihrer Bedeutung: Diskret und wichtig, aber im Hintergrund.

Der Leser erfährt in jedem Fall eine Menge über die literarische Bedeutung Lion Feuchtwangers, der als  jüdische Existenzen in seinem von Aktualität geprägten Werk - besonders im Moment der Katastrophe - literarisch verewigt hat. Privat, so wird deutlich, war er ein Erotomane, der ständig mehrere Affären gleichzeitig hatte, seine Sexpartnerin teilweise täglich wechselte, dazu regelmäßig  ins Bordell ging, was er wiederum minutiös in seinem Tagebuch aufzeichnete. Ein zwanghafter Charakter, so scheint es. Marta, das legt zumindest diese Biografie nahe, ist darüber hinweg gegangen.

Sie war - das zeigen Fotos - eine rätselhafte Schönheit, auch wenn sie selbst das bewusst herunterspielte. "Sie fand, sie habe einen Eidechsenkopf und ihr Mund sei zu groß. (...) Ihr Kopf war rundlich, fast oval und wurde durch das meist nach hinten gelegte Haar noch betont."

Schließlich bleibt noch etwas zum Stil dieser Biografie anzumerken. Er ist eigenwillig, fast drollig. Er erinnert manchmal ungewollt an den genialen Kinderbuchautor Janosch, etwa hier:

"In Pompeji wollte sie nicht die obszön bemalten Wände antiker Bordelle sehen. Mit Lion allein hätte sie es getan, aber nicht mit einem fremden Führer. Lion kannte das alles schon aus Büchern. Er kannte auch, aus eigener Anschauen, die modernen Hetären und deren Welt. In Amalfi nahm Marta das erste Meerbad ihres Lebens. Die nächsten sechzig Jahre wurde dies eines ihrer Hauptvergnügen. Als sie nach Lions weggewehter Brille tauchte, wäre sie beinahe ertrunken."

Der Autor ergreift mitunter Partei, mischt sich manchmal mehr ein, als es bei Lesen angenehm ist. "Er war halt doch ein altes Rabenaas", urteilt er über Lion Feuchtwanger. Von Feuchtwangers Weggefährten Bertolt Brecht, an dessen Charakter Flügge kein gutes Haar lässt, ganz zu schweigen.

Freitag, 24. März 2017

Navid Kermani: Ungläubiges Staunen über das Christentum

Der deutsch-iranische Autor Navid Kermani, Muslim, hat sich in dieser Essaysammlung von 2015 dem Christentum genähert. Er selbst beschreibt das Buch als "eine frei assoziierende Meditation - ein Staunen eben - über vierzig Bilder und Begriffe, Heilige und Rituale". Neugierig, ernsthaft, fasziniert, interessiert, kenntnisreich und mit großer Sympathie vertieft sich der Autor in Gemälde von El Greco, Botticelli, Caravaggio, Rembrandt und anderen, betrachtet Darstellungen von Jesus und Maria, biblischer Gestalten und der Heiligen, sieht sich in Rom, Köln und dem Kosovo um, um den Wesenskern des christlichen Denkens und Glaubens herauszukitzeln.

Er tut es auf eine sehr persönliche, poetische und mystische Art, versinkt gleichsam in den Bildnissen und seinen Betrachtungen. Immer wieder bezieht er dabei den Islam mit ein, vor allem identifiziert er sich in seiner Sichtweise mit den spirituell-mystisch orientierten Sufis, "die ihre Texte mit erotischen Signalen spickten" und Jesus als "Geliebten" verehren. Dem in seinem Augen unerotischen Protestantismus kann Kermani weniger bis nichts abgewinnen. Das Ganze ist kölsch-katholisch-gewitzt, sprachlich geschliffen, oft ironisch, teils auch sehr flapsig (aber immer originell). Aposteldarstellungen auf einer Monstranz werden mit Tippkick-Spielern verglichen, das Jesuskind als Rotzlöffel bezeichnet. Und wozu möchte Maria auf dem Bildnis Pietro Peruginos den heiligen Bernhard verführen? "Ja, bumsen, nichts anderes". Aber das klingt respektloser, als es ist. 

Unter den Persönlichkeiten, denen sich Kermani besonders verbunden fühlt, ist Franziskus von Assisi, der sich bereits um Verständigung mit dem Islam bemüht habe. Oder aber der italienische Jesuitenpater Paolo D'All Oglio, der ein syrisches Kloster wiederaufbaute, den Islam liebte und einen Dialog der Religionen praktizierte. Heute ist D'All Oglios Schicksal ungewiss, seitdem er im Juli 2013 vom IS gekidnappt wurde. 

 Schöner als in manchen seiner Texte kann man über christliche Religion nicht schreiben. Vor allem, weil Kermani erfasst, was der Wesenskern des Christentums ist: die Liebe. Liebe, die keinen Unterschied macht. 

Montag, 7. November 2016

Umberto Eco: Nullnummer

Sein letzter Roman, 2015, ein Jahr vor dem Tod des Autors, erschienen, ist noch einmal ein echter Eco. Es geht um Medien, um Sprache und Worte, um Geschichte, geheime Machenschaften und Verschwörungen. Gleichzeitig ist dieser Roman, der im Mailand des Jahres 1992 spielt, politischer als seine sechs Vorgänger.

1992 war ein Jahr der Umwälzungen in Italien. Richter Giovanni Falcone wurde ermordet, groß angelegte Korruptionsermittlungen brachten die lange beherrschende Partei Democrazia Cristiana komplett zu Fall. All dies wird im Buch nur am Rande gestreift, schwingt aber immer mit.

Protagonist ist der Journalist Colonna, der für die Zeitung Domani schreibt. Ein Redakteursteam produziert Nullnummern für das Blatt, das in Wirklichkeit nie erscheinen soll - das wissen aber nur Colonna und der Chefredakteur Simei. Vielmehr möchte sich der Herausgeber, ein Provinzpolitiker und zweitklassiger Verleger namens Vimercate - deutliches Vorbild ist Silvio Berlusconi - mit der Androhung dieser auf Skandale, Enthüllungen und investigativen Journalismus angelegten Zeitung Zugang zu einflussreichen Kreisen erpressen. Die Redaktionssitzungen durchziehen zynische Überlegungen: Wie können die Leser am geschicktesten manipuliert, bevormundet und hinters Licht geführt werden?

Einer der Redakteure, Braggadocio (deutsch: Prahlhans), offenbart Colonna eine große Theorie, die er über Jahre gesponnen hat: Im Mittelpunkt steht Benito Mussolini, der 1945 nicht von Partisanen erschossen wurde, sondern in einem Versteck ausharrte, um durch einen Staatsstreich wieder an die Macht zu kommen. Alles, was zwielichtigen Rang und Namen hat, ist in diesen Skandal verwickelt: Vatikan, CIA, Stay-behind-Organisationen wie die paramilitärische Gruppe Gladio... Eines Tages wird Bragadoccio erstochen aufgefunden und Colonna, der eine Diskette (wir sind im Jahr 1992 und Eco liebte die physischen Medien!) mit belastendem Material besitzt, fürchtet um sein Leben.

Bis er zufällig im Fernsehen eine BBC-Dokumentation sieht, in der genau die von Bragadoccio vermuteten Machenschaften offen thematisiert werden. Lediglich die allzu abenteuerliche Theorie von Mussolini fehlt. Wie Colonna feststellen soll, löst die Doku weder ein politisches Erdbeben aus, noch interessiert sie irgendjemanden. "Ach ja? Interessant", sagen die Leute und gehen weiter ihren Geschäften nach. Schmutzige Wäsche wird längst nicht mehr im Verborgenen, sondern öffentlich gewaschen. Warum auch nicht? Dieser letzte, gekonnte Dreh setzt der Story, die als politische Satire angelegt ist, den perfekten, desillusionierenden Schlusspunkt.

Wie eigentlich alle Eco-Romane liest sich auch "Nullnummer" etwas zäh im Mittelteil. Er muss einfach so viel erklären. Diese undankbare Aufgabe hat Braggadocio übernommen, der Mythomane, der hinter jeder Ecke eine Verschwörung wittert. Manches ist umständlich und wortreich umschrieben, vieles Italien-spezifisch und für Mitteleuropäer nicht unbedingt nachzuvollziehen. Zum Beispiel auch die Darstellung des Journalismus, die von vielen deutschen Rezensenten kritisiert wurde. So würde Journalismus in Deutschland nicht laufen. In Südeuropa läuft er aber anders. Irgendeinen Unterschied muss es geben.

Montag, 3. Oktober 2016

Hannes Stein: Der Komet




Was wäre, wenn der österreichische Thronfolger Franz-Ferdinand 1914 nach dem ersten Attentatsversuch in Sarajewo einfach umgekehrt und nach Hause gefahren wäre? Dann hätte es, so die Version in diesem Roman aus dem Jahr 2013, keinen Ersten und keinen Zweiten Weltkrieg gegeben, die k.u.k.-Hauptstadt Wien wäre politisches und kulturelles Zentrum der Welt, in ganz Europa gäbe es blühende jüdische Gemeinden, der Mond wäre eine deutsche Kolonie, die USA eine unbedeutende Republik der Cowboys und Hinterwäldler, Anne Frank Nobelpreisträgerin, der Almdudler das weltweit beliebteste Getränk...

Schauplatz der Handlung ist das Wien der Jetzt-Zeit, wo sich zwischen Klapprechnern, Elektropost und tragbarem Telefon folgendes zuträgt: Der Student Alexej und die Frau des Hofastronomen Dudu Gottlieb, Barbara, haben eine Affäre, während der Gatte auf dem Mond weilt und dort entdeckt, dass ein Komet auf die Erde zurast. Als wäre das alles nicht schon langweilig genug, explodiert der Komet kurz vor dem Auftreffen und verschont die Erde, wo sich die Angehörigen aller Religionen vor Harmonie und gegenseitigem Verständnis nicht mehr einkriegen.

Klar: Stein geht es nicht um eine Handlung, sondern er möchte sein Utopia entwerfen, das aber in seiner aufgesetzten Wiener Seligkeit weder stringent, noch hintersinnig-wienerisch-humorvoll, sondern einfach nur platt und klischeehaft gezeichnet ist. In fast jedem Satz wird auf plumpeste Art und Weise irgendein Wissen vermittelt. Manchmal hat der Autor dabei wohl das Bändchen "Österreichisch für Touristen" zu Rate gezogen, um das Ganze so richtig original klingen zu lassen. Es klingt aber dann so richtig deppert:

 "Er hatte ein Wiener Schnitzel von enormen Ausmaßen verzehrt und hatte dabei die Neue Freie Presse durchgeblättert, er hatte ein Achterl und dann noch ein Achterl vom Blauen Zweigelt getrunken und im Prager Tagblatt geschmökert; er hatte den Pester Lloyd studiert und einen großen Braunen getrunken, er hatte Marillenpalatschinken mit Schlagobers vertilgt und die Morgenzeitung gelesen; quasi als Nachgedanken schickte er einen Slibowitz hinterher."

Was wäre passiert, wenn der Thronfolger in Sarajewo umgekehrt wäre? Dann hätte halt es halt einen anderen Auslöser für den Ersten Weltkrieg gegeben. Meine Meinung.

Samstag, 16. Juli 2016

Wolfgang Schorlau: Die schützende Hand

Wer braucht dieses Buch? Ich nicht. Es ist weder ein spannender Krimi noch ein ernst zu nehmendes Sachbuch.

Darum geht's: Der ehemalige BKA-Mitarbeiter und jetzige Privatermittler Georg Dengler erhält von einer anonymen Person den Auftrag, die wahre Todesursache der NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt zu ermitteln. Er findet sie heraus, indem er nacheinander Leute befragt, von einer alten Liebe geheime BKA-Akten bekommt und sich heimlich einen Schlüssel für einen Geheimaktenschrank nimmt. Das Ergebnis: Mundlos und Bühnhardt haben nicht Selbstmord begangen, sondern sind exekutiert worden, wahrscheinlich vom Geheimdienst, der den ganzen NSU-Komplex mit seiner V-Mann-Szene zu verantworten hat. Auch die CIA hat ihre Finger im Spiel.

Erster Kritikpunkt: Die Spannung fehlt. Von Anfang an ist das Fazit klar, und Dengler findet immer mehr Indizien dafür, dass die offizielle These - dass Böhnhardt und Mundlos ihren Wohnwagen in Brand gesteckt haben und sich anschließend darin umbrachten - falsch ist. Am Ende sind es wohl drei oder vier solcher Indizien, die aber unendlich breit getreten werden. Das Buch besteht in langen Abschnitten aus Ermittlungsakten, Protokollen und Fußnoten. Mangelnde Recherche kann man Schorlau nicht vorwerfen. Aber ein Krimi ist das nicht. Zumal auch die Figuren unwahrscheinlich platt gezeichnet sind. Da sagt einer "Prostata" statt "Prost".

Das eigentlich Schlimme: Schorlau glaubt selbst an seine Verschwörungstheorien. Er, das schreibt der Autor im Nachwort und unterstrich es in zahlreichen Interviews, ist fest davon überzeugt, dass hier ein Staatsverbrechen vertuscht worden ist. "Es geht um die Suche nach Wahrheit", schreibt er. Ein hehres Ziel, an dem immerhin schon einige Untersuchungsausschüsse gescheitert sind. Aber vielleicht sind deren Mitglieder ja auch alle korrupt und vom Big Brother fernbestimmt.

Schorlau hat diese drei bis vier Ungereimtheiten gefunden, und auf denen lässt er seinen Dengler wieder und wieder herumtrampeln. Es ist gar nicht nötig, sich beim Lesen der einzelnen Protokollausschnitte anzustrengen, weil alles garantiert zigmal wiederholt wird.

Vielleicht hat Schorlau ja sogar Recht. Manche seiner "Enthüllungen" sind gar keine, weil die Sachverhalte offensichtlich sind: "Ein Ergebnis dieser Recherchen ist die auch für mich überraschende Erkenntnis, wie wenig souverän und wie sehr fremdbestimmt das Land ist, in dem ich lebe." (Nachwort). Deutschland ist nicht souverän, sondern wird von den USA gesteuert. Xavier Naidoo ist für eine solche Aussage zum Teufel gejagt worden.

Wenn schon Enthüllungen, dann bitte ein Sachbuch, das klar strukturiert ist und klar erkennen lässt, was Fiktion und was Ergebnis seriöser Recherche ist. Meinetwegen auch im Kopp-Verlag.

Das anstrengendste Buch, dass ich je geschrieben habe", nennt Schorlau "Die schützende Hand" in einem SWR-Interview. Es ist auch anstrengend, es zu lesen.

Mittwoch, 4. Mai 2016

Volker Weidermann: Ostende 1936 - Sommer der Freundschaft

Zu Filmen auf DVD gibt's oft  Bonusmaterial. Es bietet einen Blick hinter die Kulissen, ein Making-of, ein Gespräch mit dem Regisseur und ähnliches. Ist der Film gut, schaue ich mir dieses Bonusmaterial ganz gern an. Der Film sind in diesem Fall die Werke von Stefan Zweig, Josef Roth, Irmgard Keun, Egon Erwin Kisch, Ernst Toller, Arthur Koestler, Hermann Kesten und vielen anderen. Das Bonusmaterial ist diese biografische Skizze aus dem Jahr 1936, als alle diese Exilautoren - und noch mehr Verfemte und Vertriebene des Naziregimes - im belgischen Badeort Ostende aufeinandertrafen. Beides ist es wert.

Literaturkritiker Weidermann, zurzeit "Der Spiegel" und "Literarisches Quartett", veröffentlichte dieses Buch 2014, als er noch Feuilletonchef der FAS war. Er hat unendlich viel Material gesammelt, wunderbare Briefe und Zitate ausgegraben - wie Zweigs göttlichen Text "Das Buch als Eingang zur Welt" - und eine leichtfüßige Erzählung daraus gemacht. Das Gegenteil von bleischwerer Sekundärliteratur.

Es ist wohl kein Zufall dass das alles sehr an die psychologisch fein gezeichneten historischen Biografien Stefan Zweigs wie in "Sternstunden der Menschheit" erinnert. Was Weidermann nicht belegen kann, konstruiert er nach dem Prinzip der größtmöglichen Wahrscheinlichkeit - und es ist letztlich egal, wass er hinzugefügt hat. Denn so könnten sie wirklich gelaufen sein: Die Runden Egon Erwin Kischs im Kreise seiner kommunistischen Kampfgenossen. Die Gespräche zwischen Zweig und seinem bettelarmen, abgerissenen, versoffenen, weinerlichen, aber genialen und geliebten Freund Joseph Roth.

Die Vertrautheit zwischen dem Schriftsteller Zweig, der gerade dabei ist, alles zu verlieren, und seiner scheuen Sekretärin und Geliebten Lotte Altmann. Und die ganz große Liebe zwischen Joseph  Roth und Irmgard Keun. Sie spornen sich gegenseitig zum Schreiben an, saufen gemeinsam, und sie hält ihn, wenn er sich morgens übergeben muss. Irgendwann erträgt sie ihn nicht mehr, sie flieht und schreibt in einem Brief: "Es war wie immer. Es war das Ende."

Eine unbeschwerte Urlausstimmung ist das nicht. Die Katastrophe ist nah. Für einige ist sie schon da, für alle wird sie kommen. Viele haben schon alles verloren, andere klammer sich an das, was sie noch haben, und  wollen - wie Zweig - offenbar nicht wahrhaben, dass das größte Unheil noch über sie kommt. Sie müssen weiter, weg aus Europa, oder direkt in den Kampf, wie Arthur Koestler in den spanischen Bürgerkrieg. Es wird noch schlimmer - für fast alle, nach diesem Sommer in Ostende.