Sonntag, 27. September 2026

Hanns-Joseph Ortheil: Paris, links der Seine

Hanns-Josef Ortheil stellt hier in seiner typisch verbindlichen Art* den Teil von Paris vor, den immer schon Universitäten, Verlage, Buchhandlungen und die damit verbundenen Menschen geprägt haben. Hier im Quartier Latin und in Saint-Germain-des-Prés war Paris durch die Jahrhunderte immer wieder geistiges Zentrum der Welt, hier entstanden Ideen, die das Denken der Menschheit revolutionierten, hier wurde das Nachdenken über den Menschen kultiviert wie nirgends sonst. 

Aber dieses Nachdenken, so führt es Ortheil vor Augen, ist kein halb schweigendes deutsches Denken, sondern eine Französisches: Es ist ein Sprechen. Und so geht es in Urteils Buch ganz viel um die Konversation, ihre manchmal undurchdringlichen Regeln. Die Kunst der Konversation, so zeigt er ist ein perfekt geschliffenes Monologisieren. 

Geographisch lässt sich Ortheil treiben durch diesen besonderen Teil von Paris. Aber weit kommt er nicht. Alle paar Hundert Meterbleibt er hängen bei exquisiten Austern, bei Weinbergschnecken und Lammkeule und natürlich bei anregenden Gesprächen. Er lässt sich nicht hetzen. Warum auch?

Was Paris für ihn ausmacht? Lebenslust, das "Lebenselixier, das die Stadt Paris wie keine andere für ihre Bewohner und Gäste bereithält", das wie ein Tage und Nächte anhaltendes Fieber wirkt: "Der freiheitstrunkene, grenzüberschreitende Élan vital ist eine der stärksten Kräfte und eines der tiefsten Geheimnisse des Pariser Leben". 

* Was ist Ortheils typische Art? Für mich besteht sie darin: Er will unbedingt, das Leserinnen und Leser seine Beobachtungen, Gedanken und Gefühle nachvollziehen können, und lässt nicht locker, bis er sicher sein kann, seine Botschaft vermittelt zu haben. Das macht er sehr gut und sympathisch.

Montag, 31. August 2026

Anthony Horowitz: Wenn Worte töten

Nach The Word is Murder (fand ich gut) und The Sentence is Death (fand ich bescheiden) ist dies (Originaltitel: A Line to Kill) dritte Teil der Reihe, in der Autor Horowitz selbst als dümmlich-eitler Sidekick des genial-verschrobenen Ex-Polizisten und Privatdetektivs Daniel Hawthorne auftritt.

Das Duo wird zu einem drittklassigen Literaturfestival auf die Kanalinsel Alderney eingeladen. Außer ihnen sind mit von der Partie: eine französische Performance-Lyrikerin, ein Fastfood-verliebter Fernsehkoch, eine Kinderbuchautorin, eine blinde Wahrsagerin und ein Lokalhistoriker. Unter den Insulanern herrscht unterdessen Streit  wegen einer geplanten Stromtrasse. 

Und prompt wird der Mäzen des Festivals, ein Glücksspielunternehmer, ermordet. Seine Frau ist das zweite Opfer. Und es stellt sich heraus: Keiner - außer dem unbedarften Horowitz - ist  in Wirklichkeit wegen der Literatur auf das Festival gekommen. Jeder hat seine eigenen Motive, die Hawthorne nicht verborgen bleiben. Horowitz schon. Klar. 

Schönes, solides Whodunnit, kein Meilenstein des Genres wie Die Morde von Pye Hall, aber eine kleine Wiedergutmachung für den versemmelten zweiten Hawthorne-Fall. Und wie immer erzählerisch ein gekonnter Salto mortale.

Donnerstag, 16. Juli 2026

Alexander Pechmann: Das Haus des Bücherdiebs

Als ich mir dieses Buch kaufte und zum ersten Mal las, gab es diesen Blog noch nicht. Ist also schon eine Zeit lang her. Tatsächlich ist es 2010 erschienen.

Seitdem habe ich viele, viele Bücher zum Thema studiert, muss aber sagen, das ist eines der besten, ähnlich geistreich wie El Infinito en un junco, aber um einiges kurzweiliger. Hat sich also auch beim zweiten Lesen gelohnt.

26 Kapitel erzählen von historischen Persönlichkeiten, die eine meist kauzige, manchmal krankhafte Beziehung zu Büchern unterhielten.

Letzteres trifft beispielsweise auf den katalanischen Mönch und Mörder Don Vincente zu, dessen Fall Flaubert zu seiner Erzählung Bibliomanie inspirierte.

Pechmann schildert Bibliophilie, Bibliophagie und Bibliomanie in verschiedenen Ausprägungen und Schweregraden. Antonio Magliabechi, der versierte Bibliothekar - eine "wandelnde Bibliographie". Charles Chadenat, der eigenbrötlerische Pariser Antiquar, der nur äußerst widerwillig ein Buch verkaufte. William Blake, der sich seine eigene, furchterregend-surrealistische Bibliothek zusammenschrieb, -zeichnete und -druckte. 

Porträtiert sind Schnorrer und Möchtegern-Intellektuelle, die sich als verheißungsvolle Schriftsteller gerieren und die Mitwelt zum Narren halten (wie Pechmann erinnert, perfekt im Foma Fomitsch in Dostojewskis Das Gut Stepantschikowo und seine Bewohner karikiert): so wie Frederick Rolfe alias Baron Corvo und der Wiener Peter Altenberg.

Interessant und äußerst treffend scheint auch die erwähnte Erzählung von Charles Asselineau über die Hölle des Bibliomanen, der in einem Alptraum gezwungen wird, wertlose Scharteken zu kaufen und eigene Schätze zum Spottpreis loszuschlagen. Muss ich lesen!

Die Faszination, die von der Jagd nach Büchern ausgeht, klingt schon im anfänglichen Kapitel um einen persischen Gelehrten an, der sein Leben lang nach einem verschollenen Buch fahndet, nur um, als er es endlich hat, festzustellen, dass es voller Unsinn steckt. Aber das sollte uns nicht allzu sehr ärgern, denn, O-Ton Pechmann:

„Denn wenn das Suchen wichtiger ist, dass das Finden, der Schlüssel wichtiger als der Schatz und der Weg wichtiger als das Ziel, dann hätten wir alles, was wir brauchen, um glücklich zu sein."

Dienstag, 14. Juli 2026

Howard P. Lovecraft: Cthulhus Ruf

Eine kurze Erzählung wie ein Fiebertraum, die keine besondere Handlung zu bieten hat, aber unendliches Grauen heraufbeschwört. Im Jahr 1928 veröffentlicht.

In einer Rahmenhandlung stöbert Francis Wayland Thurston in den Dokumenten seines verstorbenen Onkels, eines Professors für semitische Sprachen. der sich mit okkulten Phänomenen beschäftigt hatte…

…und entdeckt in einer Kiste Schriftstücke, die von einem unbekannten Kult um ein übernatürliches, tentakelbewehrtes Wesens namens Cthulhu erzählen. Es ist gefangen in R’lyeh, einer Stadt, die als ein geometrisch unmögliches („nicht-euklidisches“) Bauwerk und wie aus dem Nichts im Ozean auftaucht.

Mehrere Handlungen, Augenzeugenberichte von Seefahrern, Künstlern und Ermittlern, die mit dem Wesen oder seinem „Ruf“ in Kontakt gekommen sind, schälen sich heraus. Es wird klar: Weltweit existiert ein Kult um Cthulhu, dessen Anhänger das Wesen ekstatisch verehren und seiner Auferstehung entgegenfiebern.

Auch das Necronomicon, dieses rätselhafte (und imaginäre?) Zauberbuch, verfasst von einem gewissen Abdul Alhazred, taucht hier auf. Nicht die Geschichte, sondern die Welt zu Weiterfantasieren, die Lovecraft geschaffen hat, ist das Faszinierende.

Mittwoch, 8. Juli 2026

Robin Ince: Bibliomaniac

Robin Ince, englischer  Comedian, Schauspieler und ehemaliger BBC-Moderator von Wissenschaftssendungen, konnte während der Coronazeit nicht in großen Hallen auftreten und unternahm stattdessen eine Tour durch mehr als 100 Buchläden in Großbritannien.

Das ist schöne britische Buchcomedy. Ince witzelt über exzessives Bücherkaufen und -schleppen als Sport, der ihm Muskeln beschert, uralte Werbematerialien, die er auf Buchhandlungstoiletten entdeckt und studiert, seine Strategien, Impulsbücherkäufe vor seiner Frau zu verstecken…

Anders als in Torsten Woywods Reiseberichten, die sich fast lexikalisch lesen, erfährt man hier über die Buchhandlungen von Oxford bis Wigtown, Edinburgh. bis London, aber auch im Kleinstädten wenig bis nichts. Der Autor zählt oft nur auf, welche kuriosen Schmöker er sich dort gekauft hat und schweift dann meist unterhaltsam ab. 

Fast könnte man den Eindruck haben, er hätte sie gar nicht besucht. Hat er aber natürlich. Wahrscheinlich hat er nur den Entschluss, über sie zu schreiben, später getroffen und musste sich dann auf seine Erinnerung verlassen. Ganz nette Unterhaltung, aber kein Muss für Bibliophile.

Dienstag, 30. Juni 2026

Peter Henisch: Der Jahrhundertroman

Hat mich nicht überzeugt. 

Ein alter Mann, "Herr Roch", hat einen Roman geschrieben, in dem er die Wiener Schriftstellerinnen und Schriftsteller des 20. Jahrhunderts auftreten lassen will. Die junge Studentin Lisa, die in seinem Stammcafé bedient, will er dafür gewinnen, das Manuskript für ihn abzutippen - und vor allem, um ihm zuzuhören. Lisa wiederum will ihre Freundin Semira vor der drohenden Abschiebung retten.

Henisch war 2021, zum Zeitpunkt, als dieser Roman erschien, schon 78 Jahre alt. Lisa und ihre jugendliche Denkwelt sind beschrieben, wie die Autoren der Sechzigerjahre es, damals schon ungelenk, taten. Damals immerhin gehörten sie selbst noch halbwegs dazu. Jetzt liest sich das sehr unschön.

Zu Ende gelesen habe ich das Buch überhaupt nur, weil es für mein Buch "Wien für Buchverliebte" ein bisschen Hintergrund liefern sollte. In Rochs Roman treten auf: das 20. Jahrhundert und seine Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Robert Musil natürlich, Elfriede Jelinek, Friederike Mayröcker, Ernst Jandl, Thomas Bernhard, Peter Handke, H.C. Artmann, Heimito von Doderer. Henisch gelingt es mal sehr gut, mal besser, mal schlechter in die Sprache und das Denken der Porträtierten einzutreten.

Sie tauchen in kleinen Anekdoten, unscheinbaren, fast belanglosen Lebenssituationen auf. Dabei spielt es eigentlich keine Rolle, ob sie so stattgefunden haben - Roch und damit Henisch also auf Aufzeichnungen zurückgegriffen haben - oder ob sie völlig aus der Fantasie der Autoren entsprungen sind. 

Er ist schon ein seltsamer alter Mann, dieser Roch. Da fällt ihm ein, dass er ja noch Kokain zu Hause hat, was er auch sogleich konsumiert. Er hat auch noch eine lebensgroße Puppe da, die er mit Lisas Mütze zur Gesprächspartnerin ausstaffiert. Er erzählt ihr, wie er schon als Jugendlicher Romane großer Schriftsteller einfach weitergeschrieben hat. Fanfiction heißt das heute. "Mit Hemingway tat ich mir leichter. In seinen Rhythmus zu kommen, war kein Problem." So, so. 

Samstag, 27. Juni 2026

Shaun Bythell: Confessions of a Bookseller

Immer mal wieder verkaufe ich Bücher auf Flohmärkten (zu wirklich extrem niedrigen Preisen, kann sein, dass Ihr mich beim großen Altstadtflohmarkt Nördlingen am 1. August 2026 verkaufend finden werdet, aber das nur nebenbei). 

Dabei habe ich schon mehrfach ein seltsames Phänomen beobachtet. Eine Flohmarktbummlerin greift sich ein Buch aus meinen Kisten, blättert es durch, liest sogar darin. Dann, mit einem Mal, schmeißt sie es regelrecht zurück in die Kiste, als hätte sie sich soeben die Finger verbrannt, müsste ihren ganzen Abscheu vor meiner Dreistigkeit, etwas so Wertloses wie ein Buch gegen etwas so Wertvolles wie einen Bargeld-Euro tauschen zu wollen, in dieser Geste zum Ausdruck bringen. Pfui! Buch! Ich verstehe, dass sie das Buch nicht kaufen will. Aber nicht, warum sie es deshalb gleich kaputtmachen muss. 

Diese Anekdote aus meinem persönlichen Erfahrungsschatz könnten problemlos so in den Tagebüchern von Shaun Bythell, dem Antiquar aus dem schottischen Wigtown stehen. Dieser hat es nämlich auch im zweiten Band nach Tagebuch eines Buchhändlers mit unverständigen, rüpelhaften, geldgeilen und grenzdebilen Kundinnnen und Kunden zu tun. Alles, was ich über den ersten Band geschrieben habe, trifft auch auf diesen zweiten zu. 

Er liest sich unterhaltsam, bietet aber nichts wirklich Neues, Bythell hat einfach das Pferd noch ein bisschen weitergeritten und ein weiteres Jahr im Buchladen beschrieben. Für die Recherche zu Europa für Buchverliebte, das ich gemeinsam mit Angelika Dietrich und Sandra Sukola verfasse, und das demnächst im Bruckmann Verlag erscheint, wollte ich es aber unbedingt lesen. 

Gekauft habe ich es übrigens übrigens bei Porta Libri, einem grandiosen Antiquariatscafé in Portobello, Edinburghs Vorort am Meer. Es wurde als signierte Erstausgabe angepriesen. Signiert allerdings nicht von Shaun Bythell, den ich auf meiner Schottlandreise leider nicht getroffen habe. Vielmehr hat ein mysteriöser Peter Kenny seine Unterschrift auf den Titel gesetzt. Es stellte sich heraus: der Sprecher, der das Hörbuch eingelesen hat. Na ja, ich habe mich entschieden, das Buch bedenkenlos (aber natürlich pfleglich) auf dem Badetuch zu lesen. Im Rekordsommer 2026 muss ich raus!