Donnerstag, 30. Mai 2024

Von Wellen und Weite. Die schönsten literarischen Geschichten vom Meer


Ja klar, ein Geschenkbuch. Aber was für eines! Hier ist die Zusammenstellung von literarischen Prosatexten und Gedichten über das Meer wirklich gelungen - wenn man einmal von vereinzeltem getretnem Quark wie Sergio Bambarens Der träumende Delphin absieht. 

Und ich habe viele, viele solcher Bücher in meinem Regal stehen. 

Packend: Melania Gaia Mazzuccos Vita, Thomas Manns Tod in Venedig, Albert Camus Hochzeit des Lichts. Immer wieder faszinierend: Melvilles Moby Dick. Herrlich illustriert mit maritimen Aquarellen.

Christian Kracht: Faserland

Beim Wiederlesen für mein neues "Deutschland für Buchverliebte" (dort werden verschiedene Roman-Reisen abgebildet) habe ich festgestellt: Es steckt mehr Bleibendes in diesem Buch von 1995, das mir damals von zu vielen Tennis-Papa-Schnöseln gut gefunden und deshalb nur oberflächlich gelesen wurde.

Auch wenn manches nach 30 Jahren aus der Zeit gefallen ist - normal. Ein so naives Stolpern durch die Republik wie in der sorgenfreien Nachwendezeit ist heute undenkbar. Aber diese naive Figur, die sich für abgeklärt hält und das übertrieben zur Schau stellt, ist zeitlos. 

Wenn sich Krachts Held im Lufthansaflieger mit den in seinem Luxussakko (natürlich steht da eine Marke, aber die schaue ich jetzt nicht nach) gehamsterten Ehrmann-Joghurts vollsaut und schließlich einfach darüber hinweggeht, das erinnert schon sehr an Christian Reuters Schelmuffsky. Ein perfekter Schelmenroman. In 1979 kriegt der Bubi dann  die ersehnte Abreibung und muss im chinesischen Straflager die Maden aus seiner eigenen Scheiße fressen.

Kracht mag Pathos. Das ist am Ende (an Thomas Manns Grab) nicht zu übersehen. Und tritt in späteren Romanen noch deutlicher hervor. Ist halt so. Dafür kann er wirklich, wirklich schreiben.

Mittwoch, 20. März 2024

Iris Wolff: Lichtungen

Hier hast du nichts, halt es fest

Wetten? Wenn Sie dieses Buch durchgelesen haben, werden Sie Lust haben, noch einmal von vorne zu beginnen? Iris Wolff erzählt von Leonhard, genannt Lev, und seiner Jugend in Siebenbürgen zur Zeit des rumänischen Kommunismus und dessen Zusammenbruches. Aber sie erzählt die Handlung rückwärts – das nächste Kapitel liegt chronologisch immer vor dem vorhergehenden. Und sie wendet diese Technik meisterhaft an. 

Die Autorin, geboren in Hermannstadt, kam selbst achtjährig aus Rumänien nach Deutschland. An der Geschichte von Lev und dem Mädchen Kato, die eine tiefe Freundschaft verbindet, macht sie in erfahrbar, wie über die Jahre Gewissheiten und Identitäten zerbrechen. Alles spitzt sich auf die Frage zu: bleiben oder weggehen? 

Wolff gelingt ein packendes Spiel mit der deutschen Sprache, die sie als kostbares poetisches Gut behandelt - fast als drohe sie, mit einer Minderheit unterzugehen. Einem Kapitel stellt sie ein ungarisches Sprichwort voran, das übersetzt heißt: Hier hast du nichts, halt es fest.

Iris Wolff: Lichtungen. Klett-Cotta, 256 Seiten, 24 Euro

Erschienen in Schwäbische Post / Gmünder Tagespost, 20. März 2024

Mittwoch, 10. Januar 2024

Christian Rieck: Anleitung zur Selbstüberlistung

Wie wir unsere inneren Flachpfeifen, Nervgeigen und Müßiggänger überlisten

Finanzwissenschaftler Christian Rieck zeigt in seiner "Anleitung zur Selbstüberlistung" auf, wie die Spieltheorie hilft, Arbeitsleben und Alltag zu organisieren.

Warum tun wir so oft nicht das, was wir sollen – und eigentlich auch wollen? Diese Frage stellt Christian Rieck, Professor für Finanzwesen in Frankfurt, Spieltheorie-Experte und erfolgreicher Youtuber, in seinem Buch "Anleitung zur Selbstüberlistung".

Obwohl wir doch wissen, dass es besser wäre, den geschäftlichen Anruf zu erledigen, die Präsentation oder die Steuererklärung fertigzustellen, lassen wir uns ablenken, verplempern Zeit auf Social Media oder streamen Videos. Wir sind anfällig für die Aufschieberitis, auch Prokrastination genannt: Wir schieben wichtige Dinge immer wieder auf. Manchmal verfallen wir auch in ihr Gegenteil, die Vorzieheritis: Wir stürzen uns übereilt in Aufgaben, wenn Abwarten und Vorbereiten viel sinnvoller wären. Dazu gesellt sich schließlich noch die Nichtfertigstellerits: Wir bekommen wichtige Projekte einfach nicht abgeschlossen. 

Warum tun wir nicht, was wir wollen? Weil, so meint Rieck, zwei Seelen in unserer Brust wohnen. Unsere innere "Direktorin" hat das große Ganze im Blick und denkt an die Zukunft. Unsere inneren "Agenten", die Entscheidungen im Hier und Jetzt treffen, denken dagegen ziemlich kurzfristig: Sie wollen Ärger und Anstrengung vermeiden und fahren auf sofortige Belohnungen ab. Sie deswegen "innere Schweinehunde" zu nennen wäre ungerecht, denn für ihren eigenen, kurzen Zeithorizont verhalten sich ganz rational. 

Es geht nur darum, Direktorin und Agenten unter einen Hut bringen, oder wie Rieck schreibt: „Das große Ganze entsteht, indem diese vielen kleinen Flachpfeifen, Nervgeigen, Müßigggänger und Herumposauner so orchestriert werden, dass ein Gesamtkunstwerk auf höherer Ebene entsteht." 

 Dazu allerdings müssen die inneren Agenten ab und an überlistet werden. Und wie bewerkstelligt man das? Man gibt ihnen etwas zum Spielen. Schließlich besteht bei jedem Spiel der Reiz darin, Hindernisse zu überwinden. Aus der Computerspielentwicklung hat Rieck Faktoren zusammengetragen, die ein gutes Game ausmachen und sie auf Arbeits- und Alltagstätigkeiten übertragen. Mit Tricks bringen wir unsere inneren Agenten dazu, Spaß an sinnvollen Tätigkeiten zu haben. 

Am besten, wir legen gleich los und motivieren uns mit dem Wörtchen "So". Wer einmal "So" gesagt hat und dann nicht ins Wasser springt, der verliert seine Glaubwürdigkeit. Schreibt Rieck, der viele, viele ähnliche Tipps, beispielsweise zum Umgang mit Deadlines, gesammelt hat. In halbstündigen "Deadline-Sprints" etwa sollte direkt vor einem feststehenden Termin Wichtiges abgearbeitet werden. 

Der Autor zeigt aber auch Situationen auf, in denen das Aufschieben von Arbeit sinnvoll ist – weil sie sich von selbst erledigen. Er erläutert, dass die Dinge, die wir tun, um einer ungeliebten Aufgabe auszuweichen (Putzen ist hier der Klassiker) uns oft genauso weiterführen. Und er erbringt den Beweis, dass ein unaufgeräumter Schreibtisch für manche das einzig Wahre ist. 

Neben unzähligen praktischen Ratschlägen steuert Rieck philosophische - welche Glücksbegriffe existieren, was treibt unser Handeln an - und ökonomische Grundlagen wie das Prinzip vom abnehmenden Grenznutzen bei. Vieles von dieser unterhaltsamen und gut lesbaren Anleitung können wir im neuen Jahr gleich umsetzen. So!


Erschienen in Schwäbische Post, 10. Januar 2024

Mittwoch, 13. Dezember 2023

William Somerset Maugham: Der Magier

Von 1908. Der widerliche Landadelige Oliver Haddo schnappt dem rechtschaffenen aber reichlich hölzernen Arzt Arthur Burdon die Verlobte Margaret weg -  mutmaßlich, um sie für ein obskures Ritual schwarzer Magie zu opfern. Er benötigt, so Arthurs Verdacht, das Blut einer Jungfrau, um einen Homunculus zu erschaffen.

Die ihm treu ergebene Susie und den in Alchimie bewanderte französischen Arzt Porhoët im Schlepptau, macht sich Arthur aus Paris auf zu Haddos englischem Landsitz, um Margaret zurückzugewinnen...

Die Handlung und der allzu offene Schluss sind - na ja. Trotzdem ein schöner früher Parapsychologie-Schocker mit allen nötigen Zutaten, Geister- und Totenbeschwörung, Hypnose und Telekinese, brodelnde Säuren in Phiolen, hysterische Schreie und unerklärliche Vorahnungen, manch versteckte Ironie... doch, insgesmat lesenswert.

Mittwoch, 15. November 2023

Dror Mishani: Vertrauen. Ein Fall für Avi Avraham.


Ein solider, gut konstruierter Krimi mit spannenden Momenten. Nicht gerade haarsträubend plump, wenn auch kein meisterlicher Pageturner.

Polizeioberinspektor Avraham Avraham arbeitet sich in Tel Aviv an kleinen, unbedeutenden Vorkommnissen an. Ein Tourist ist aus seinem Hotel verschwunden, ohne seine Zimmerrechnung zu bezahlen. Ein Baby ist vor einem Krankenhaus ausgesetzt worden.

Kleinigkeiten, Avraham verbeißt sich dennoch. Er interessiert sich für das scheinbar Unbedeutende, die kleinem Unstimmigkeiten, die zu großen kriminalistischen Rätseln werden, aber auch für die kleinen Leute, die den Großem ins Getriebe geraten und dafür bezahlen müssen. War der vermeintliche Tourist, der wenig später tot aus dem Fluss gezogen wird, wirklich ein Drogenhändler? Oder arbeitete er für den Mossad, wie seine Tochter meint? Avraham gibt sich bis zum Schluss nicht mit den einfachen Lösungen zufrieden. Das offene Ende leitet womöglich auf einen weiteren Teil der Krimi-Reihe über.

Das Buch bietet gerade Israel-Fans viel Lokalkolorit, beobachtet den israelischen Alltag, analysiert eine gespaltene, friedlose (derzeit leider sehr aktuell!) Gesellschaft und zählt damit unter den so beliebten landestypischen Krimis zu den besseren.

Sonntag, 29. Oktober 2023

Gianni Celati: Erzähler der Ebenen

 

Wieso habe ich diese wundersame Geschichtentruhe, die seit Jahrzehnten in meinem Regal schlummert, einst von der Stadtbibliothek ausrangiert und von mir gekauft wurde, zwischenzeitlich in meinem Haus halb verbrannt ist, erst jetzt geöffnet? 

Besser spät als nie. Celati schrieb Anfang der Achtziger diese Geschichten auf, die ihn von Bewohnern der Po-Ebene erzählt wurden. Gute sind dabei, mittlere und schlechte. Von Menschen, die sich ausnutzen und über den Tisch ziehen lassen, von Menschen, die auf Kosten ihrer Eltern leben und als Glücksritter in der Welt unterwegs sind, von einem einsamen Mann, der in allen Büchern seiner Bibliothek per Hand den Schluss korrigierte, um sie glücklich enden zu lassen. Es geht eigentlich immer um die Anderen. 

 Diese Geschichten haben fast nie eine Pointe, keinen Spannungsbogen, keine Wendungen, keine Moral, kein Happy End. Wie Leben eben in Wirklichkeit ist oder was wie man eben vom Leben der anderen landläufig erzählt. Als Steinbruch, die Geschichten weiterzudrehen, sie als Versatzstücke eigener Erzählungen zu verwenden, ist das durchaus geeignet. Viel mehr aber auch nicht.

Wurden diese Geschichten, als sie Anfang der Achtzigerjahre aufgeschrieben wurden, als origineller empfunden als heute, da auf verschiedensten Kanälen Originelles zu finden ist? Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Wir sind ja heute sehr verwöhnt. Bestätigt hat sich: Wie so oft im Wagenbach-Verlag hält der Inhalt nicht mit der schönen Aufmachung mit.