Samstag, 13. Dezember 2014

Bernhard und Ingeborg Rüth: Schwäbisch-alemannisches Krippenbuch

Zwischen Weihnachtskommerz und Christmas-Kitsch gehören Krippen zu den authentischen Dingen, die an den Sinn des Festes erinnern. Sie verbinden Religion, Kultur, Brauchtum, Kreativität, Kunst, Handwerkstradition und Familienvergnügen. Das neu erschienene „Schwäbisch-alemannische Krippenbuch“ zeigt, dass die Menschen im Südwesten ihre „Krippele“ seit jeher geliebt haben und es heute noch tun: Eine „postmoderne Welle der Krippenbegeisterung“ in Baden-Württemberg und Bayerisch-Schwaben machen die Autoren anhand von Krippenwegen, Krippenbauervereinen, Ausstellungen und Museen aus.

Einst brachten die Figuren und Miniaturlandschaften den Menschen in Kirchen und Klöstern das Heilsgeschehen näher. Eine Blüte erlebten sie im Barock, als großartige Klosterkrippen wie in Gutenzell oder Bonlanden entstanden, die noch heute erhalten sind. Vor allem das sogenannte schwäbische Krippenparadies rund um Günzburg und Krumbach birgt barocke Schätze.

Die typisch schwäbische Krippe war als Hügel angelegt. Sie zeigte nicht nur die Geburt des Christkinds zwischen Ochs und Esel, sondern auch andere biblische Szenen, die nach einem festen Kalender durchgewechselt wurden: Anbetung der Hirten, Flucht nach Ägypten, Kindermord des Herodes, Beschneidung Christi, Heilige drei Könige, Predigt Jesu und Hochzeit zu Kana. Einige Krippen stellten das Leiden und die Kreuzigung Christi dar, wie die mehrstöckige Passionskrippe von 1720, die das Schwäbisch Gmünder Museum im Prediger beherbergt.

Unangefochtene Krippenhauptstadt ist Augsburg, wo im Dom eine zwischen 1550 und 1590 entstandene Krippe zu sehen ist. Neben Mindelheim, Rottenburg und Rottweil zählen die Autoren Ellwangen zu den Krippenstädten. Im dortigen Kapuzinerkloster existierte im 18. Jahrhundert eine Krippe mit schwebenden Engeln, die Helfer vom „Engelesboden“ auf die Krippe abseilten. Die Stubenvoll-Krippe im Schlossmuseum gehört zu den bedeutendsten noch heute erhaltenen Barockkrippen.

Auf die Blüte folgte der Bildersturm: Zwischen 1780 und 1840 wurden Krippen vielerorts in Südwestdeutschland verboten. Von „unanständige Schauspielen“, und „buntscheckigen Figuren“, die das Haus Gottes entweihten, ist in Erlassen die Rede. „Das Krippele ist abgeschafft“, notierte ein Dorfpfarrer. Die Krippe wanderte nun in die Bürger- und Bauernstuben, wo sie bis heute Hause ist. In unserer Zeit erfährt die Krippe einerseits eine Kommerzialisierung, andererseits neue Impulse durch Künstler wie den Malerpfarrer Sieger Köder, der in einem Interview zu Wort kommt: Es gehe nicht darum, eine alte Geschichte darzustellen, findet Köder, sondern die Menschen von heute, zum Beispiel die Armen in aller Welt.

Das Krippenbuch bietet obendrein als weihnachtlicher Reiseführer viele Tipps für Entdeckungsausflüge an den Feiertagen, etwa in Klöster und Ausstellungen. So lohnt es sich, im Museum Würth in Schwäbisch Hall Krippen aus aller Welt zu besichtigen. Und schließlich ist es ein Bildband, der einlädt, sich für ein paar Minuten vom Geist der Weihnacht einfangen lassen.

Bernhard und Ingeborg Rüth: Schwäbisch-alemamnnisches Krippenbuch. 352 Seiten, 296 Abbildungen. Kunstverlag Josef Fink. 39 Euro.




Erschienen in Ipf- und Jagst-Zeitung, 13. Dezember 2014

Mittwoch, 3. Dezember 2014

Erich Kästner: Drei Männer im Schnee

Ein Lesetipp für Sonntagnachmittage im Winter, wenn's draußen ungemütlich ist, zum Mitnehmen auf die Skihütte oder zu mehrtägigen Verwandtenbesuchen zwischen den Jahren: Eine unterhaltsame Wintergeschichte mit Verwechslung, Romanze und aberwitzigen Dialogen.

Kästner, der unter den Nazis nicht veröffentlichen durfte, brachte den Stoff 1934 in Deutschland als Stück unter dem Pseudonym Robert Neuner und mit dem Titel „Das lebenslängliche Kind“ heraus. "Drei Männer im Schnee" heißt die Prosafassung, die zuerst in Zürich erschien.

Der steinreiche Geheimrat Tobler nimmt an einem Reklamespruch-Wettbewerb seines eigenen Unternehmens, der Putzblank-Werke, teil und gewinnt prompt den zweiten Preis: einen Aufenthalt im piekfeinen Grandhotel zu Bruckbeuren in den Alpen. Erstplatzierter ist der glück- und arbeitslose Reklamefachmann Dr. Fritz Hagedorn. Tobler tritt ärmlich gekleidet und inkognito die Reise an. Leider sickert bei der  Hotelleitung und bald auch den anderen Gäste durch, dass ein verkleideter Millionär im Anmarsch ist. Als könnte es gar nicht anders sein, hält man im Hotel den armen Schlucker Hagedorn für den Millionär, Tobler für den Hungerleider.

Mehr unverhoffte Wendungen gibt die Handlung nicht her - Kapriolen schlägt sie nicht gerade. Umwerfend aber sind die verschrobenen Figuren, die Skilehrer, Portiers, Gattinnen, Emporkömmlinge, Liftboys, Bediensteten, Liederjane, Platzhirsche und Pomadenhengste, der staubtrockene Humor, die launigen Dialoge, die witzigen Details. An der Hotelbar turtelt ein sächsisches Liebespaar und der Barkeeper muss, um nicht laut loszulachen, ohne Sinn und Verstand im Eiskasten herumhacken. Der Millionär läuft Schlittschuh, denkt dabei an seine Jugend und streckt sich prompt auf dem Eis lang. Die barsche Haushälterin Frau Kunkel schlägt über die Stränge und lässt sich hinterher erzählen, wen sie während der Zeit ihres Filmrisses alles zum Tanzen aufgefordert hat.

Etwas im satirischen Stil so Gelungenes konnte man in deutscher Sprache erst zig Jahre später, zum Beispiel von Robert Gernhardt, wieder lesen. Wenn man überlegt, was seit Kästner für unsäglicher Schrott geschrieben wurde und immer noch fabriziert wird, ist dieses Buch unbedingt zu empfehlen. Hier ist keine Minute Lesezeit verschenkt.

Montag, 1. Dezember 2014

Stefan Zweig: Schachnovelle

Manche Bücher lese ich wieder, und sie verlieren dabei den Status als Lieblingsbuch. Die Schachnovelle dagegen hat den Test heute wieder einmal bestanden. Etwas anderes war auch nicht zu erwarten.
Auf einem Ozeandampfer treffen sich höchst unterschiedliche Gestalten am Schachbrett: Der technisch perfekte, aber dumpfe und geldgierige Schachweltmeister Czentovic, der stiernackige und ehrgeizige Millionär McConnor und der Österreicher Dr. B., der in einjähriger Gestapo-Gefangenschaft zum manischen Schachgenie wurde, weil er die tödliche Leere der Isolationshaft damit ausfüllte, im Geiste gegen sich selbst Schach zu spielen.

Für Zweig, der sich 1942 im brasilianischen Exil das Leben nahm, war die Schachnovelle das letzte Werk. Hier ist noch einmal in unglaublich dichter Form komprimiert, was schon für seine historischen Miniaturen galt: Zweig dringt tief in die Psyche seiner Figuren. Bei ihm liegen die Figuren auf der Couch.

Raffinierter geht es nicht: Zwei lässt zwei Ichs derselben Person gegeneinander Schach spielen. Was Dr. B. mit seinem Selbstversuch hervorruft, ist "der widersinnige Zustand, dass ein und dasselbe Gehirn etwas wissen und doch nicht wissen sollte". B. ist gespalten in ein Ich Schwarz und ein Ich Weiß.
 
Aber ist beim Schach ein Spielen ohne Gegenüber möglich - ist es dann noch ein Spielen, das mit unerwarteten Reaktionen umgeht, oder ein (eine Zweigsche Wortschöpfung) Ernsten? Ein Schachcomputer kann das: Gegen sich selbst spielen. Der Mensch nicht. Für ihn existiert das Ich nicht ohne das Du. Nicht umsonst versucht in Herbert Rosendorfers genialer Endzeitsatire "großes Solo für Anton" der letzte verbliebene Mensch auf der Welt verzweifelt, andere Menschen zu erschaffen.

Das Schachspiel, das die Welt auf 64 Felder reduziert, schafft gleichsam Laborbedingungen und eignet sich hervorragend, um die in der Hirnforschung so beliebten Inselbegabungen, die alles andere ausblenden können, zu thematisieren:
 
"Alle Arten von monomanischen, in eine einzige Idee verschossenen Menschen haben mich zeitlebens angereizt, denn je mehr sich einer begrenzt, umso mehr ist er andererseits dem Unendlichen nahe; gerade solche scheinbar Weltabseitigen bauen in ihrer besonderen Materie sich termitenhaft eine merkwürdige und durchaus einmalig Abbreviatur der Welt." Das ist Zweig pur.

Nun ist das Schachspiel einer der Bereiche, in dem die Maschine den Menschen bereits überflügelt hat. Im letzten großen Kräftemessen 2006 konnte der damalige Weltmeister Wladimir Kramnik  dem Rechner Deep Fritz immerhin noch vier Unentschieden abtrotzen. Gewinnen konnte er nicht mehr. Heute hätte ein menschlicher Spieler nicht mehr die geringste Chance, sagte neulich ein Schachexperte im Radio.
 
Bezeichnend, was bei Spiegel Online 2006 über das Duell stand: "Im Schaukampf gegen Kramnik siegte Deep Fritz nicht, weil er besser spielte, sondern, im Gegensatz zu Kramnik, weil er keine Fehler macht." Kramnik ging immerhin mit einem besonders dummen Fehler, dem Patzer des Jahrhunderts, in die Geschichtsbücher ein. Seht, da ist ein Mensch.
Ich selbst bin ein miserabler Schachspieler. Das soll Zweig auch gewesen sein.

Montag, 24. November 2014

Dave Eggers: Der Circle

Mae ist 24, intelligent, energiegeladen und tickt noch etwas kindlich. Sie macht Karriere beim Circle, einem Mega-Internetkonzern, der Google, Facebook, Twitter, Apple, Amazon und Paypal vereint und immer weitere Bereiche des menschlichen Lebens vereinnahmt. Das tut er mit Hilfe von Mae und einem Heer jungdynamischer Jünger, die bestens bezahlt und krankenversichert, auf dem kalifornischen Firmencampus in lichtdurchfluteten Büros arbeiten. Mae ist begeistert von dieser glänzenden Welt:

"Außerhalb der Circle-Mauern gab es bloß Lärm und Kampf, Versagen und Dreck. Hier dagegen war alles vollkommen."

Alles schöner, alles sauberer, alles perfekt: Wie bei einer Sekte eben.

"Das Unternehmen hatte so viele Projekte laufen, bot soviel Menschlichkeit und Wohlbefinden, leistete soviel Pionierarbeit an allen Fronten, dass sie allein schon durch ihre Nähe zu den Circlern ein besserer Mensch wurde, da war sie sicher".

Den Menschen verbessern, die Menschheit beglücken, das machen die Circler mit immer neuen Ideen und Produkten: Minikameras an allen erdenklichen Orten der Welt lassen Verbrechen schwinden, Chips, in die Knochen von Kindern eingepflanzt, machen Entführungen unmöglich. Ein Projekt durchleuchtet minutiös die Vergangenheit jedes erdenklichen Menschen und seiner Vorfahren, ein anderes ersetzt politische Wahlen und Paralmente durch transparente Abstimmungen im Circle-Netzwerk.

Unermessliches Heil durch umfassende Transparenz: "Mae, wir wären endlich gezwungen, bessere Menschen zu sein", sagt Circle-Boss Bailey und verdonnert die junge Frau umgehend dazu, sich mit einer Kamera um den Hals auf Schritt und tritt von der Netzgemeinde beobachten zu lassen: Mae macht begeistert mit.

Es geht um nicht weniger, als die Menschen zu ihrem Glück zu zwingen. Wer widerspricht, wird bekehrt - zur Not gewaltsam. Dem Circle steht mit dem Heilsprediger Bailey, dem profitgierigen Stenton und dem weltfremde Entwickler Ty, dem die Kontrolle über seine Erfindungen längst entglitten ist, eine Troika vor, die so realitätsfremd nicht ist. Das gilt auch für die beschriebenen Technologien. Alles wäre bereits heute möglich (und könnte in ähnlicher Form auch so eintreten) - von Science Fiction keine Rede.

Deutlich orientiert sich diese moderne Dystopie an Weltliteratur wie Aldous Huxleys "Schöne Neue Welt" - die totale Kontrolle der Menschheit durch eine kleine Gruppe geschieht hier wie dort zum angeblichen Wohle aller.  Noch augenfälliger sind die Parallelen zu George Orwells totalitärem Polit-Szenario in "1984". Die Parolen, die der Circle ausgibt "Geheimnisse sind Lügen. Teilen ist Heilen. Alles Private ist Diebstahl." ähneln frappierend den Neusprech-Leitideen aus "1984": „Krieg ist Frieden. Freiheit ist Sklaverei. Unwissenheit ist Stärke."

Von überzeichnet über platt bis peinlich geraten sind in Eggers Roman die meisten der Figuren. Da ist der karrieregeile Unsympath Francis mit seinen extrem frühzeitige Ejakulationen, der für jeden Sex von Mae auf einer Skala von 1 bis 100 gerankt werden will, noch einer der gelungenen.

Aber es ist spannend, die immer weiter greifende Ausbreitung dieser Datenkrake und Maes Weg zwischen Auflehnung und fanatischer Begeisterung  zu verfolgen. Besonders zum Ende hin ist das Buch ein echter Pageturner - ein  Umblätterer. Das liegt auch an den Fragen, die es aufwirft.

Wie kommt es, dass sich die Netz-Öffentlichkeit in unsere Handlungen  schleicht? Was verursacht den  Impuls, ein schönes Erlebnis, einen besuchten Ort, ein Treffen mit Freunden per Handy abzulichten und zu teilen - als hätten sie sonst nicht stattgefunden? Wieso verzichten wir freiwillig oder aus sozialem Druck auf immer mehr Privatsphäre, die immerhin einmal eine große Errungenschaft der Aufklärung war? Woher rührt das grenzenlose Vertrauen die Weisheit des Kollektivs, das letztlich doch von einem Monopolisten gesteuert wird? Wieviel sind Sicherheit und Freiheit, Fortschritt und Fantasie wert? Die Diskussion hat gerade erst begonnen - hoffentlich nicht zu spät.

Mittwoch, 12. November 2014

Charles Lewinsky: Kastelau

 
"Große Zeiten sind ein guter Boden für Geschichten. Die wird man erst schreiben können, wenn die Zeiten wieder klein sind."

"Filmen heißt Lügen."


Im Winter 1944 macht sich ein Filmteam der UFA auf in das oberbayerische Alpendorf Kastelau, um dort einen Durchhaltefilm zu drehen. Auch wenn das gesamte Aufnahmeteam bereits auf dem Weg Opfer eines alliierten Fliegerangriffs wird und dabei auch die komplette Filmausrüstung verloren geht, findet der Dreh statt: Die Schauspieler tun eben so, als würden sie im abgeschiedenen Alpenkaff einen richtigen Film machen - Hauptsache, weit weg vom Berliner Bombenhagel.
 
Als die US-Truppen dann immer näherrücken und die Kapitulation der Nazis unausweichlich ist, kommt Hauptdarsteller Walter Arnold auf die Idee, den Durchhalte-Schmierenkomödie zum Widerstandsfilm umfunktionieren, und ein Streit im Team beginnt, der tödlich endet. Für Walter Arnold ist die Episode in Kastelau der Auftakt zu einer beispiellosen Hollywood-Karriere.
 
Das Buch des Schweizers Charles Lewinsky, der als Drehbuchautor der TV-Sitkom "Fascht e Familie" bekannt wurde, liest sich unterhaltsam: Es gibt jede Menge Kinoluft zu schnuppern. Das Film-Set ist amüsant und detailreich beschrieben und auch die Verschachtelung in mehrere Rahmenhandlungen klappt. Die Collage aus fiktiven Wikipedia-Einträgen, Tagebuchnotizen, wissenschaftlichen Arbeiten, Interview-Mittschnitten, Drehbuchauszügen und Briefen fügt sich zusammen und ergibt mitunter den Eindruck, dass es einige der dargestellten Personen wirklich gegeben hätten: Sie sind alle frei erfunden.
 
Alles in allem hätten dem Buch hundert Seiten weniger nicht geschadet - zumal nach der starken Grundidee mit dem Dreh im hintersten Niemandsland wenige richtig gute Einfälle folgen. Vor allem sind die Figuren recht eindimensional geraten. "Deutsch und doof, das passt ohnehin am besten zusammen", lässt Lewinsky den UFA-Drehbuchautoren Werner Wagenknecht in sein Tagebuch schreiben. Und das sind fast alle der Figuren: doof. Der stiernackige Bilderbuch-Nazi Heckenbichler in der Lederhose, die karrieregeile Maria Maar, die herzensgute Wirtin und gescheiterte Schauspielerin Tiziana Adam mit ihrem arg begrenzten Wortschatz und natürlich der böse Schwule Walter Arnold. Dieses Figurenkabinett ist zu plakativ, um als Satire richtig zu zünden.

Mein Fazit: kein Meisterwerk, aber ein durchaus gelungener, gut recherchierter historischer Roman über glückliche Wendehälse, sture Pechvögel und professionelle Lügner, der UFA-Kino im Kopf erzeugt und deshalb das Lesen lohnt.

Mittwoch, 5. November 2014

Robert Pleyer: Der Satan schläft nie

Im Traum schlägt Satan mit der Rute zu
Sektenaussteiger Robert Pleyer berichtet Erschütterndes über sein Leben bei den Zwölf Stämmen
 
 „,Es tut mir so leid, dass ich gelacht habe’“, fleht ein kleines Mädchen und schaut mich mit großen Augen an. Meine Gefühle duellieren sich. Ich fühle mich miserabel, aber es muss sein – ich hole die Rute hervor.“ Robert Pleyer liest. Er hält inne, schluckt. Zum ersten Mal hat der Mann, der nach 20 Jahren aus der Sekte Zwölf Stämme ausgestiegen ist, öffentlich sein Buch „Der Satan schläft nie“ vorgestellt. Im Donauwörther Buchhaus Greno berichtet er Erschreckendes aus dem Innenleben der Sekte.
Für seinen Ausstieg vor vier Jahren hat er einen hohen Preis bezahlt: Die Mutter seiner vier Kinder hat ihn verlassen und lebt wieder in Klosterzimmern, dem Gutshof der Zwölf Stämme bei Nördlingen. Pleyer selbst hat mit einer anderen Partnerin und den Kindern ein neues Leben im Bayerischen Wald begonnen. Doch was er bei der Sekte erlebt hat, verfolgt ihn in seine Träume: „Der Satan schläft nie“, das haben sie ihm immer wieder eingebläut. Pleyer hat mit seinen Berichten über die Zwölf Stämme den Skandal ins Rollen gebracht. Galten sie vorher als eher skurrile Gemeinschaft altmodischer, bibeltreuer Sonderlinge, so offenbarten seine Schilderungen die dunkle Seite: Von ärztlichen Eingriffen ohne Betäubung, Kinderarbeit und systematischer Kindesmisshandlung ist nun die Rede.

Im September 2013 besetzte die Polizei Klosterzimmern, nahm alle 24 Kinder mit und brachte sie in Pflegefamilien oder Heimen unter. Die Prozesse am Nördlinger Amtsgericht wegen Misshandlungsverdachts laufen auch jetzt noch. Fünf Kinder ließ das Gericht zwischenzeitlich wieder zu ihren Eltern: Sie sind volljährig oder in einem Alter, in dem sie nicht mehr mit Rutenschlägen rechnen müssen. Zwei Kinder rissen im Frühling aus einem Heim aus. Die Polizei hat sie bis heute nicht gefunden. Noch 16 Kinder leben in Pflegefamilien oder Heimen.
Pleyer selbst beschuldigt sich offen als einer derjenigen, die Kinder mit Weidenruten „züchtigten“. „Ich war schockiert über mich selbst“, sagt der 45-Jährige, der eine Gemeinschaft in Stödtlen-Oberbronnen (Ostalbkreis) mit aufbaute und nach dem Umzug der Sekte 2001 nach Klosterzimmern als Lehrer tätig war. In der Regel schlug er die Kinder mehrfach am Tag im Heizungskeller, oft auf Wunsch der eigenen Eltern: Das verlangten die Sektenregeln. Selbst die eigene Tochter wurde Opfer: „Manchmal züchtige ich sie über Stunden, bis ihr Hintern wund ist.“ Es sei darum gegangen, den Willen der Kinder zu brechen.
Von Gewalt und Unterdrückung war keine Rede, als Pleyer mit Anfang 20 zu den Zwölf Stämmen stieß: Harmonie, Hippie-Geist, echten Sinn und Urchristentum glaubte er in einer Gemeinschaft der Sekte in Südfrankreich gefunden zu haben. Er blieb dabei, nannte sich fortan Yathar und unterwarf sich der streng hierarchischen Lebensweise, in der Zucker, Alkohol, Fernsehen, Romane, Sport und Spielsachen verboten sind. Privateigentum gibt es nicht. Staatliche Leistungen der Mitglieder wie Kindergeld kassiert der „Älteste“.

Der US-amerikanische Sektengründer Elbert Eugene Spriggs, geboren 1937, leitete all diese Regeln aus der Bibel ab. Im Mittelpunkt der kruden Lehre steht die Idee vom nahen Endgericht, in dem alleine die Jünger der Zwölf Stämme vom „ewigen Tod“ verschont bleiben. Frauen seien den Männern untertan, Schwarze den Weißen. Homosexuelle müssten „geheilt“ werden. Vom Bibelvers „Wer seine Rute schont, der hasst seinen Sohn“ leiten die Zwölf Stämme das Gebot ab, Kinder zu züchtigen.

In Klosterzimmern hatte die Gemeinschaft 2006 vom Freistaat Bayern das Recht erhalten, die eigenen Kinder in einer „privaten Ergänzungsschule“ selbst zu unterrichten. „Der Staat wollte wegen der anstehenden Landtagswahlen keinen Aufruhr und hat das durchgewunken“, glaubt Pleyer. „Als Lehrer ist es ein Traumjob“, sagt der Aussteiger, der einst Sozialarbeit studierte. „Diese Kinder sitzen still und hören zu.“ Allerdings waren die Lehrinhalte ungewöhnlich: „Wörter wie Liebe, Gemeinschaft, Partnerschaft, Ehe und Freundschaft besitzen bei den Zwölf Stämmen eine andere Bedeutung. Selbstständigkeit, Kreativität und Gerechtigkeit sind nicht mehr wichtig.“ Während die Erwachsenen für ein Bopfinger Möbelhaus Küchen montierten und später mit ihrer eigenen Firma Solarpanels installierten, arbeiteten die Kinder auf dem Feld und in der Küche.
Obwohl Pleyer selbst in den Leitungszirkel aufstieg, disziplinierten ihn die rigiden „Ältesten“ immer wieder: Weil er vor der Hochzeit seiner Braut über den Rücken streichelte, durfte er sie sechs Wochen nicht sehen. Das ausgemachte Ziel, „die totale Kapitulation meiner selbst“, habe er nie erreicht. Deshalb kehrte er der Sekte nach einigen Jahren den Rücken – und kehrte bald darauf zurück. Das Leben draußen erschien ihm leer, er hatte kein Geld, keine Ausbildung, wenig soziale Kontakte, keine Hilfestellungen: „Ich hätte damals so ein Buch wie meines gebraucht“, sagt er.
Er ging zurück nach Klosterzimmern, heiratete. Als es ihm unmöglich wurde, die eigenen Kinder immer wieder zu prügeln, überredete er seine Frau – Tochter eines der „Ältesten“ –, nach Berlin zu fliehen. Die Frau ging zurück, Pleyer mit den Kindern später auch. Zur Strafe musste die Familie nun getrennt leben. „Ich war wie ein Aussätziger“, sagt Pleyer.

Vor vier Jahren schließlich die erneute Flucht: Wieder lief die Frau nach kurzer Zeit davon in den Schoß der Sekte, diesmal gab Pleyer auf. Er blieb alleine mit den nun vier Kindern.

Mitglieder der Zwölf Stämme beschreiben Pleyers Darstellungen als „unzutreffend“. In einem Internetblog bezeichnen sie ihn als „Karriereaussteiger“, der die Gemeinschaft seit Jahren „anzuschwärzen und sich zu rächen“ versuche. Wie auch Christian Reip (siehe Interview) mache Pleyer die Gemeinschaft für seine Familientragödie verantwortlich. Mehrfach sind Mitglieder der Zwölf Stämme seit der Razzia öffentlich aufgetreten. Dabei bestritten sie die „Züchtigungen“ nicht, wollen aber von „Schlagen“ nichts wissen. Auch „Misshandlung“ gebe es nicht.

„Sie glauben, als einzige richtig zu handeln“, erklärt Pleyer diesen Widerspruch. Für die „Heiden“ außerhalb der Gemeinschaft werde eine Show abgeliefert. „Wenn man nicht die Wahrheit sagt, heißt das nicht, dass man lügt“, habe sein Schwiegervater ihm einmal gesagt. „Der Druck von außen schweißt sie zusammen.“

Derzeit halte wohl die Tatsache, dass sie nicht über ihre Kinder verfügen können, die Sektenmitglieder davon ab, etwa nach Tschechien auszuwandern. Dort müssten sie mit weniger Kontrolle rechnen. Pleyer hat mittlerweile das alleinige Sorgerecht für die Kinder. Er möchte sich von seiner Frau scheiden lassen. Er ist ihr nicht böse: „Sie denkt, das sei die wahre Liebe: Wenn sie Gott treu ist, wird Gott die Kinder erretten.“ Ab und zu schreibe sie noch Briefe. Von der „babylonischen Gefangenschaft“ sei darin die Rede.

Sein Geld verdient Pleyer mit einem kleinen Imbiss an der Bundesstraße. Er träumt davon, in einer Beratungsstelle Sektenaussteigern zu helfen – und damit auch die eigenen Alpträume zu therapieren. Eine Angst bleibt: „Dass sie meine Kinder entführen.“


Erschienen in Schwäbische Zeitung, 5. November 2014

Interview mit Aussteiger Christian Reip: "Ich habe wahnsinnige Angst, verletzt zu werden"

Mittwoch, 29. Oktober 2014

Thomas Kapielski: Je dickens, destojewski!

Wohl dem, der einen Stammtisch hat, an dem er dozieren und schimpfen, philosophieren und schweigen kann. Ernst L. Wuboldt, die Hauptfigur in Thomas Kapielskis „Volumenroman“ „Je dickens, destojewski!“ hat gleich zwei Stammtische: einen in Büttelmanns Kneipe im heimatlichen Spandau, einen in Bamberg beim „Fässla Spezial“. 
Die Stammtischgesellen, darunter Gestalten wie Reformschuhfabrikant Hubert Schwaderlapp, Oberkommissar a.D. Markulf Kräuter und Forstadjunkt Alwin Ortmann, trinken gerne. Dabei erörtern sie alles, was von Belang ist: Zeit und Ewigkeit, Zahngesundheit und Geschlechtskrankheit, Peter Kraus und Justin Bieber, Mathematik und Forstwirtschaft.

Und Wuboldt ist mittendrin, fühlt sich zu Hause, wenn er das Reich des gepflegten Rausches betritt: „In hellbraunes Licht getunkt, grüßte das Trinkvolk brummelnd dawider.“ Er nimmt hie und da einen „labsamen Schluck“ und sitzt dabei  „wohnlich da“. Ein perfektes Idyll.

Wäre da nicht der „Pohle“. Das ist der Erzähler, der Wuboldt und alle anderen Figuren erschaffen hat. Dieser Erzähler drangsaliert und piesackt Wuboldt in einem fort, erschafft ihm wie aus dem Nichts eine Ehefrau samt den ungeratenen Söhnen Diego und Domingo, lässt schließlich sogar einen grausamen Mord geschehen.

Kapielskis Roman steckt voller großartiger Kneipen- und Naturpoesie, Weisheiten und Albernheiten, aberwitzigen Wortschöpfungen und Wortwiederentdeckungen. Ein Fest der deutschen Sprache, das Kenner zu schätzen wissen dürften.

Thomas Kapielski: Je dickens, destojewki! Ein Volumenroman. Suhrkamp Verlag. 458 Seiten. 20 Euro.

Erschienen in Schwäbische Zeitung am 28. Oktober 2014

Donnerstag, 16. Oktober 2014

Marion Brasch: Wunderlich fährt nach Norden



Wunderlich lässt sich treiben und trifft nicht gerne Entscheidungen. Als Bildhauer gescheitert, schlägt er sich als Zeichenlehrer durch. Er ist 43, geschieden und hat seit Jahren keinen Kontakt mehr zu seinem Sohn. Am Tag, als seine Freundin Schluss mit ihm macht, erhält Wunderlich eine SMS von „Anonym".


Diese unbekannte Person schickt ihm noch weitere Nachrichten und bringt ihn dazu, in den Zug nach Norden zu steigen und auszubrechen. Auf dieser Reise, die ans Meer führt und Wunderlich mit einer Menge skurriler und liebenswerter Menschen zusammenbringt, sind „Anonym" und dessen SMS sein ständiger Begleiter. „Anonym" ist allwissend und liefert Wunderlich immer wieder ungefragt Details aus der Vergangenheit oder Zukunft von Personen, die Wunderlichs Weg kreuzen.
 

Eine schöne und magische Sommergeschichte, die die Radiomoderatorin Marion Brasch da aufgeschrieben hat. Die Sprache ist klar, knapp und federleicht.

Dass die Erzählung manchmal arg bedeutungsschwanger daher kommt und stilistische Ausrutscher passieren (das Feld mit "verdorrten Sonnenblumen, die deprimiert auf den trockenen Boden starrten und darauf warteten, endlich geerntet zu werden", „die frische Abendluft, die sie mit Marihuana schwängerten", Arme, die „schwer wie Blei" sind), zerstört den insgesamt positiven Eindruck nicht. Es gibt nämlich auch fabelhafte Formulierungen wie die „müden Montagsgestalten", die im Bus hocken.
 
Märchenhaft und übertrieben ist diese Geschichte – wunderlich eben. Allerlei Unwahrscheinliches und Übersinnliches begegnet dem Helden: wie das das leuchtende Blauharz, das Verletzungen heilt, und auch gleich die Erinnerung an die Verletzungen löscht. Vor allem die Erzählweise, die sich allen Figuren behutsam und unvoreingenommen nähert, und sie nicht in Schubladen steckt, lässt staunen und lächeln.
 
So wie die Männchen, die Wunderlichs Reisebekanntschaft Toni – das Mädchen mit den kurzen Stoppelhaaren – zeichnet. Sie bestehen zwar nur aus Strichen, treffen den Charakter der Dargestellten aber immer perfekt.









Dienstag, 16. September 2014

Robert Löhr: Das Erlkönig-Manöver

Das ist mal eine Reisegesellschaft: Goethe und Schiller, dazu Alexander von Humboldt, Achim von Arnim, Bettine Brentano und Heinrich von Kleist machen sich im Jahr 1805 gemeinsam ins von den Franzosen besetzte Mainz auf, um den französischen Thronfolger aus den Fängen Napoleons zu befreien. Aus dieser fantastischen Konstellation hat Robert Löhr ein sehr unterhaltsames und lustiges historisches Roadmovie gestrickt.


Die Reise, die von Weimar über Frankfurt, den Hunsrück, Mainz und das Kyffhäusergebirge wieder zurück nach Weimar führt, verläuft selbstverständlich turbulent, es kommt zu Verstrickungen und Verwicklungen. Die einen sind einander nicht grün (Kleist und Goethe), andere (Goethe und die Brentano, Humboldt und Kleist (!)) wiederum sind sich überaus zugetan. Der Autor hat die Dichter und Denker in ihren Eigenheiten fabelhaft charakterisiert und treffend überzeichnet.
 
Das  Wunderbare an diesem Buch aber sind die allgegenwärtigen Anspielungen auf die historischen Dichterpersönlichkeiten und ihre Werke. In nahezu jedem Dialog kann der Leser Zitate oder Figuren aus Dramen, Romanen, Gedichten oder Abhandlungen von Goethe & Co. entdecken. Das Ganze erscheint nie gewollt, höchstens satirisch überhöht:  Denn natürlich greift Schiller im Ernstfall zu Armbrust und hortet in seinem Schreibtisch faule Äpfel. Wenn Goethe dann plötzlich mit Schiller-Zitaten um sich wirft, hat dies eine ganz spezielle Bedeutung, die die Handlung voranbringt. Löhr ist ein wahres Kunstwerk gelungen.

Dienstag, 19. August 2014

Angela Bachmair: Wir sind stolz, Zigeuner zu sein

„Wir sind stolz, Zigeuner zu sein", hat die Augsburger Journalistin Angela Bachmair ihr Buch über die Rieser Sinti-Familie Reinhardt genannt. Der Ausspruch stammt von der 70-jährigen Anna Reinhardt, deren Erinnerungen die Autorin aufgezeichnet hat. Im Mittelpunkt steht die oft verdrängte Zeit bis 1945: „Porajmos" heißt auf Romanes „Verschlingen" und steht für die grausame Verfolgung und Ermordung der Sinti und Roma durch die Nationalsozialisten.
 
Die weit verzweigte Familie Reinhardt, die im Ries und in Württemberg zu Hause ist, traf der Nazi-Irrsinn mit Wucht. Sie mussten Schikanen wie „Rassenuntersuchungen" über sich ergehen lassen, wurden nach Polen deportiert und mussten Zwangsarbeit leisten. Familien wurden auseinandergerissen, nicht wenige kamen Konzentrationslagern um. Auch die Rückkehr nach Nördlingen und der Neuanfang war schwer. Im Kampf um Wiedergutmachung stießen die Reinhardts auf Unverständnis und Ablehnung: Oft saßen in den zuständigen Behörden noch die alten Nazischergen wie ein Polizeikommissar, der 1954 über die „angeborene Unsauberkeit der Zigeuner" dozierte.
 
Das Buch berichtet vom Aufenthalt Oberdorf, wo die Reinhardts in Bürgermeister August Hirsch einen ihrer wenigen engagierten Fürsprecher hatte. Aber auch vom großen Zusammenhalt der Familie, die sich mit Altmetallhandel durchschlug und erfolgreiche Fußballer und angesehene Musiker hervor brachte.
 
Bachmairs großes Verdienst ist, die Familiengeschichte vor dem Vergessen bewahrt zu haben. Behutsam, wissenschaftlich genau, geradezu detailversessen zeichnet sie den Lebensweg der Reinhardts nach. Das mit Fußnoten gespickte Werk taugt auch zum Nachschlagen. Bemüht, das Erinnerte einzuordnen, kommentiert Bachmair allerdings vieles, was allein stehen könnte. Das Buch wäre packender, würden Anna Reinhardts erschütternden Erzählungen einfach nur wirken. Wie etwa diese: Als fünfjähriges Mädchen bekommt Anna, eben in Nördlingen angekommen, ihre erste Puppe. Sogleich schneidet sie ihr die Haare kahl: So wie man es im Lager mit ihr selbst gemacht hat. Kommentare wären nicht nötig.
 
Dennoch: ein wichtiges Buch.
 
 
Angela Bachmair: Wir sind stolz, Zigeuner zu sein. Vom Leben und Leiden einer Sinti-Familie. Wißner Verlag. 216 Seiten. 9,80 Euro
 
 
Erschienen in Ipf- und Jagst-Zeitung / Aalener Nachrichten am 20. August 2014.

Sonntag, 10. August 2014

Edgar Hahnewald: Der grüne Film

Es ist nicht so einfach, Landschaft zu beschreiben, ohne auf die immer gleichen Formulierungen zu verfallen. Dieses Wanderbuch von Edgar Hahnewald aus dem Jahr 1920, zeigt wie es geht. Was ein Schreiber alles entdecken kann, wenn er genau hinsieht: Jede Wolke, jedes Kornfeld, jede Pfütze inspiriert diesen Mann zu Wortzaubereinen. 

Beschrieben sind 20 Wanderungen rund um Dresden zu allen Jahreszeiten. Zum Lesen ist es völlig unerheblich, ob man dieses Landschaften kennt oder ob man sie vielleicht niemals zu Gesicht bekommen wird. Sie ist einfach schön, diese Art von Naturpoesie, wie sich auch in alten Reiseführern und frühen Merian-Heften immer wieder auftaucht. 

Natürlich würde die Sprache heute teils als schwülstig und kitschig empfunden. Und vielleicht war sie es damals schon. Na und? Dafür macht sie glücklich und sorgt bei Lesern, die die Natur lieben und gerne wandern für ständige Wiedererkennens-Erlebnisse. 

Obendrein kommt Hahnewalds Sprache fast ganz ohne tote, abgedroschene Bilder aus. Jeder Vergleich passt zur Situation und ruft ein bestimmtes Gefühl, einen Klang, einen Geruch wach. Hier ist alles lebendig: Wege wandern oder schreiten, Häuser ducken sich oder stecken die Köpfe zusammen und flüstern. Blumiger geht es nicht: Wenn Hahnewald beschreibt, mit welchen Finten und Verführungen der verschiedenen Blüten es fertig bringen, Falter und Hummeln anzulocken, sieht man den Oberlehrer in Kniebundhosen vor sich, der seinen Schülern von Pflanze zu Pflanze vorauseilt. Der Autor regt sich auf über allzu akkurat geschnittene Hecken und geschmacklose Gartenzwerge, aber auch über die „Biervandalen“, die johlen und Blütenzweige abreißen. Ja, ja.

Warum gibt es solche Wanderbücher heute nicht mehr? Drängt sich die Natur nicht mehr so auf wie früher und tritt mehr in den Hintergrund? Oder haben wir das Sehen und das Achten auf Kleinigkeiten verlernt? Empfinden wir einen Sonnenaufgang im Nebel oder Herbstgewitter über einem abgeernteten Kornfeld nicht mehr als spektakulär, weil wir von allen Seiten zugedröhnt werden? In jedem Fall finde ich, dass eine solche Herrlichkeit nicht in Vergessenheit geraden darf. Deshalb hier ein paar besonders schöne Stellen: 

„Unter der treuen Aussicht zweier schlanker Kiefern dehnt sich eine Lichtung wohlig in der Sonne.“

„Der Zauber des Laubteppichs wird noch erhöht durch huschende Sonnenlichter, die am goldenen Boden zittern.“

„Hinten im Lichtglast breitet sich die große Stadt, haus an Haus, vom Silbergürtel der Elbe umflossen. Die Türme ragen klar und deutlich aus dem Häusergewoge empor."

„Der Weg verlässt die Enge und tritt hinaus auf lichtfunkelnde Höhen.“

„Auf waldigem Felsthrone träumt das Dorf Coschütz im Sonnenzauber, vom Windberg überwölbt.“

„Es ist ein still beschaulicher Gräbergarten. Aus dem tiefernsten Schatten der Zypressen blickt dich das lenzgläubige Himmelschlüssel fragend an ob du ihm sein freudiges Blühen an dieser Stätte verwehren möchtest."

„Und darüber hinaus blaut der duftige Kranz sonniger Höhen weltenweit.“

„Tiefen Frieden, leuchtende Sonnenfreude atmet alles.“

„Im Wiesengras frohlocken farbenglühende Blumenaugen im Lichte.“

„In freudigem Schauen versunken, weilt der Blick in weiter Ferne. Mit einem weltumfassenden Zuge möchte er all die Schönheit heimtragen, hinein ins graue Einerlei des Alltags.“

„Traumverloren, als habe ihn die Schönheit des Geschauten gepackt, zieht der Weg hinein in den Wald, an einem hoheitsvollen Buchentempel vorüber.“

„Lange könnte man hier sitzen, immer neue, feine Reize tun sich dem Auge kund.“

"Feld um Feld wallt die prangende Flut der Ähren, die Dörfer liegen wie Stille Inseln im goldnen Meere, und weit draußen, wo die wogende Getreideflut am Riesenleibe der Stadt verbrandet, blitzt der Strom und blaue Höhen Flimmern im Licht."

 

P.S.: Das Papier, auf dem dieses alte Buch gedruckt ist, muss eine besondere Zutat haben: Es glitzert in der Sonne. 

Robin Sloan: Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra

Der arbeitslose Webdesigner Clay Jannon aus San Francisco nimmt eine Stelle als Aushilfe in einer seltsamen 24-Stunden-Buchhandlung an. Bald stellt er fest, dass die meisten Kunden nicht kommen, um sich eines der Bücher zu kaufen, die sich hier in engen Gängen bis in schwindelerregende Höhen stapeln. Vielmehr sind es Mitglieder eines verschworenen Clubs, die mit Hilfe ausgewählter Bücher, die sie ausleihen und zurückbringen, einen uralten Code knacken wollen.
 
Clay dringt immer tiefer in diese Geheimgesellschaft vor, die sich zum Ziel gemacht hat, ein von Aldus Manutius (ein üblicher Verdächtiger in solchen Romanen, die am Okkulten kratzen, siehe auch hier) verschlüsseltes Buch zu enträtseln. Im Gegensatz zu den älteren Damen und Herren, die sich mit ihren althergebrachten Methoden die Zähne ausbeißen, setzt Clay auf seine Beziehungen zum Google-Konzern: Mit dessen geballter Rechner-Power möchte er das Jahrhunderte lang gehütete Geheimnis lüften.
 
So weit die Handlung dieses Romans, der zwar nicht schlecht geschrieben ist, aber auch nicht berauschend. Immerhin thematisiert er die Tatsache, dass wir mittlerweile gewohnt sind, dass Google alle unsere Fragen beantwortet: Dass das nicht immer funktioniert, hat mancher noch nicht begriffen.
 
Ansonsten plätschert die Story so vor sich hin, ohne große Überraschungen. Ganz unterhaltsam, wenn da nicht das extrem alberne Schlusskapitel wäre.

Dienstag, 5. August 2014

Baltasar Gracián: Handorakel oder Kunst der Weltklugheit

Tagtäglich zerbrechen wir uns den Kopf über tausend Kleinigkeiten: Soll’s der Toilettensitz aus Kunstharz oder doch der aus Kiefernholz sein? Als Vorspeise Paella oder Caldo con Pelota? Altglas a la española in den Hausmüll werfen oder zum kilometerweit entfernten Container kutschieren? Parkgebühren bezahlen oder auf das Glück vertrauen, dass keine Politesse vorbeikommt?

Philosophen sind da anders. Sie machen sich nur über die wirklich wichtigen Fragen des Lebens Gedanken. Das unterscheidet sie von uns Normalos und deshalb fallen jedem gleich Dutzende berühmte Philosophen, aber nur wenige berühmte Sanitärartikelverkäufer ein.

Eine der wichtigsten Fragen, über die sich Philosophen den Kopf zerbrechen, lautet: „Wie sollen wir handeln?“ Die Deutschen können sich da an ihren Immanuel Kant halten: „Demnach muss ein jedes vernünftige Wesen so handeln, als ob es durch seine Maximen jederzeit ein gesetzgebendes Glied im allgemeinen Reich der Zwecke wäre“, schrieb der. Hm. Und was bedeutet das jetzt für das Altglas? Und für die Vorspeise?

Und wie sollen die Spanier handeln, die keinen Kant in ihren Reihen haben? Martin Heidegger solle seinen Freund José Ortega y Gasset einmal gefragt haben, warum es in Spanien so wenige Philosophen gäbe, worauf jener zurückfragte: „Warum gibt es in Deutschland so wenige Toreros?“

Das mit den spanischen Philosophen stimmt aber nicht so ganz, denn es gab neben Ortega y Gasset („Gespräch beim Golf oder Über die Idee des Dharma“) zumindest noch einen, den Jesuitenpater Baltasar Gracián y Morales (1601-1658), der auch heute noch amüsant und aufschlussreich zu lesen ist. In seinem Buch „Handorakel und Kunst der Weltklugheit“ (das unter anderem auf der Internetseite „capitalista.de – Mehr Netto“ bestellt werden kann) redet er Klartext.

Klugheit heißt für ihn ungefähr dieses: Handle so, dass du andere von dir abhängig machst. Erwarte nichts von deinen Freunden. Benutze den anderen als Werkzeug für deine Zwecke. Sei misstrauisch jedermann gegenüber und verhalte dich so, als würdest du ständig beobachtet.

Dieses Büchlein ist – auch in der deutschen Übersetzung von Arthur Schopenhauer – unbedingt lesenswert! Und beim Altglas-Problem vielleicht sogar hilfreicher als der alte Kant!


Erschienen in Costa Blanca Rundschau Nr. 64, Woche 15/2006

Donnerstag, 17. Juli 2014

Jan Philipp Reemtsma: Im Keller

Die Entführung des Hamburger Sozialforschers und Millionärs Jan Philipp Reemtsma im März 1996 war einer der großen Kriminalfälle der deutschen Nachkriegszeit. 33 Tage lang war Reemtsma in einem Keller angekettet, bevor er nach Zahlung von 30 Millionen Mark Lösegeld freikam. Der Haupttäter Thomas Drach wurde später gefasst und saß von 1998 bis Oktober 2013 im Gefängnis. Wo die Millionen geblieben sind, ist bis heute nicht ganz geklärt.

Nicht lange nach seiner Freilassung veröffentlichte Reemtsma 1997 mit "Im Keller" einen Bericht über seine Entführung. Nun bin ich in einer Flohmarktkiste auf dieses Buch gestoßen, das ich schon längst hätte lesen sollen: Ein Intellektueller schildert, wie er auf brutale Art aus der Welt gerissen und in völlige Ohnmacht gestoßen wird. Und: Das Buch kann die hohen Erwartungen einlösen und ist auch fast zwei Jahrzehnte nach der Tat lesenswert.

Durch das Buch zieht sich die strikte Trennung von außen und innen - unter Mitmenschen und im abgeschotteten Keller: Das sind für den Entführten zwei komplett getrennte Welten, die nicht zusammenfinden. Zunächst schildert Reemtsma die äußeren Vorgänge, wie er sie aus Recherchen und Gesprächen mit der Polizei und seiner Familie rekonstruiert hat: Wie die Kriminellen, die ihn vor der Tür seines Hauses in Blankenese gekidnappt haben, immer wieder Lösegeld-Übergabeversuche scheitern lassen, wie sie schließlich die 30 Millionen erbeuten und ihn selbst einen Tag später im Wald bei Hamburg aussetzen.

Diese Rekonstruktion der Tatsachen, die aus heutiger Sicht ergänzt würden müsste, ist nicht besonders dramatisch im Aufbau. Sie ist auch nicht das Hauptanliegen des Buches. Der Text ist nämlich vor allem ein fein ausgearbeitetes Psychogramm und eine philosophische Erörterung der Frage: "Kann es unter Extrembedingungen so etwas wie ein Individuum überhaupt geben? Der Leser steigt in den folgenden Abschnitten mit Reemtsma hinab in eine andere Welt, die des drei mal vier Meter großen Kellers. Diese Welt befindet völlig außerhalb der Realität. Sie hat ihre eigene Rationalität. Außen ist Reemtsma ein anderer als er drinnen war - auch wenn der Keller Wochen nach der Entführung immer wieder unbarmherzig über ihn hereinbrechen wird.

Reemtsma zeigt diese extreme Spaltung auf, indem er die Schilderung seiner Person außerhalb des Kellers die Ich-Form, für die Person im Keller die Er-Form verwendet. Dabei kommt es zu Wendungen wie: "Ich weiß nicht mehr, was er gedacht hat." Wider Erwarten liest sich das alles flüssig und höchst plausibel.

Ein Gefühl bleibt hängen: Das Schlimmste im Keller sind nicht die körperliche Misshandlung, die Schikanen und die ständige Bedrohung mit dem Tod. Das Schlimmste sind absolute Passivität, Hilflosigkeit, Überwältigt-, Übermächtigt- und Ausgeliefertsein des Mannes, der hier als Tauschware für 30 Millionen festgehalten wird.

"Wer vollständig ohnmächtig ist, ist bei lebendigem Leibe nicht mehr ,da'" schreibt Reemtsma. Er ist, so betont Ich ein ums andere Mal, ist "aus der Welt gefallen", "aus allen sozialen und kommunikativen Beziehungen herausgefallen". Das Er im Keller ist keine Person, "sondern ein leerer Raum, durch den die Gefühle ziehen". Ein Ich, ein Individuum, das sich auflehnen kann, gibt es nicht (mehr).

Den Entführten treibt die Frage um, "ob er überhaupt noch dachte wie ein normaler Mensch" oder längst als verrückt angesehen werden musste. Das konkretisiert sich nicht nur in dem was er tut - er bietet sich den Entführern selbst als Geldbote an, er präpariert eines Scherbe, um sich das Leben zu nehmen - sondern speziell in seinem Denken:  Als die Entführer drohen, ihm einen Finger abzuschneiden, macht er sich Gedanken, von welchem Finger er sich am ehesten trennten könnte (dem kleinen Finger der rechten Hand). Einmal überfällt ihn der wache Wunschtraum, der Entführer solle ihn trösten, ihn berühren, die Hand auf seine Schulter legen. 

Diese als "Stockholm-Symdrom" bekannte Hinwendung des Entführten zum Entführer packt ihn mit Macht. Als er dem Entführer vor einer Geldübergabe "Drive carefully" zuruft (er spricht Englisch mit Thomas Drach), fügt er gleich hinzu: "That's why the call it the Stockholm Syndrome. "
Das ist typisch: Reemtsma beschreibt nicht nur seinen Gefühle, sondern erklärt und interpretiert sie gleich ausgiebig auf einer akademischen Meta-Ebene Vielleicht macht ihm das das Ausgeliefertsein erträglicher. Er selbst sieht es als "ein Sich-Wehren gegen die Reduktion der Welt auf ein überwältigendes Gefühl". Für den Leser gibt es dem Bericht eine zusätzliche Tiefe, die eine reine Schilderung nie vermocht hätte.

Gleiches gilt wohl für Reemtsmas Galgenhumor. Als ihn die Entführer in der Dunkelheit in einem Waldstück bei Hamburg aussetzen verabschiedet er sich mit: "Nice having met you, I can't stay."

Freitag, 20. Juni 2014

Ulrich Tukur: Die Spieluhr

Es gibt unendlich viele Welten.
Über diese nicht ganz neue Annahme hat unlängst der Physiker und Kosmologe Max Tegmark ein Buch veröffentlicht. Theorien gehen davon aus, dass mit dem Urknall Parallelwelten entstanden sind. Alles was passieren kann, passiert auch irgendwo in einem der in unendlicher Zahl parallel vorhandenen Universen.

Ein bisschen so ist es auch im Roman "Die Spieluhr" von Ulrich Tukur. Ja, Tukur kann nicht nur als Schauspieler und Musiker etwas. Wer diesen bibliophil gestalteten Band öffnet, reist sogleich zwischen Parallelwelten hin und her. Um von einer Welt in eine andere zu gelangen und dabei nebenbei auch durch die Zeit zu reisen, dienen mysteriöse Gemälde, Gobelins oder Brücken, mit denen der Autor die surreale Szenerie ausstaffiert hat.

Die Hauptfigur ist ein Schauspieler, mithin Tukur selbst. Er spielt den Kunstsammler Wilhelm Uhde in einer Verfilmung des Lebens der Putzfrau Séraphine de Senlis (1864-1942), die als eine der bedeutendsten Vertreterin der naiven Malerei gilt. Die Dreharbeiten finden zum Teil in einem Schloss in der Picardie statt. Tatsächlich hat Tukur 2008 in einem solchen Film mitgewirkt. Nur, dass er hier seine Erlebnisse ein bisschen weiterspinnt. Eine hervorragende Strategie beim Geschichtenerzählen. 

Und so lässt der Autor den Regieassistenten verschwinden: Wie sich herausstellen soll, hat ihn ein Gemälde verschluckt. Er ist der verhängnisvollen Sogwirkung der traumhaft schöne Marquise von Montrague und ihrer Musik erlegen. Auch der  Tukur-Erzähler selbst kann sich dem Sog der Parallelwelten nicht entziehen. Er landet auf rätselhafte Art und Weise im Jahr 1944 und ist als Staatssekretär verwickelt in Stauffenbergs missglücktes Hitler-Attentat. Wer ist wirklich, wer ist wer? Die Realitätsebenen geraten durcheinander. In einer Welt versteckt sich eine  andere, versteckt sich eine andere. Alles ist ineinandergeschachtelt. Wie bei einer Matrjoschka-Puppe oder zwei gegenüberliegenden Spiegeln

Zu kritteln habe ich durchaus etwas: So fehlen der Story die Spannung und ein echter Knalleffekt. Sprachlich kommt "Die Spieluhr" manchmal etwas schwurbelig daher. Schon der allererste Satz könnte manchem Leser die Lust rauben:
 
„Wie das Leben in der Rückschau aus einer Flut visueller Erinnerungen besteht, keinem rationalen System und ständiger Verwandlung unterworfen, so besteht ein kinematographischer Film aus einer Unzahl systematischer montierter, unveränderlicher Bilder, die zusammengesetzt eine mehr oder weniger ergreifende Geschichte ergeben.“
 
Oft ist Tukurs Sprache zu wenig konkret und schafft es eben nicht, Kino im Kopf zu erzeugen: Da werden "Backwerk" und "Obst" gereicht, drei "Männer" spielen zum Tanz auf. Manches ist allzu klischeehaft. Warum muss ein Tal unbedingt "anmutig" sein?

Aber dies soll mitnichten ein Verriss werden. Die märchenhafte Atmosphäre dieses magisch-realistischen Romans wiegt nämlich alle Schwächen auf. Die Leser wandeln durch eine attraktiv-surreale Zauberwelt wie man sie in Filmen von Tim Burton und Jean-Pierre Jeunet, Juraj Herz' "Das neunte Herz" oder in Martin Scorseses "Hugo Cabret" gesehen hat. Vor allem aber der grandiose  E.T.A. Hoffmann hat Pate gestanden: Menschen verlieren sich in schauerlichen Herrenhäusern, geraten in rätselhafte Zeitschleusen, verwandeln sich unvermittelt in Schmetterlinge, erliegen der Magie der Musik. Der offene Schluss passt hervorragend zu diesem gelungenen hoffmannesken Kleinod.
 
P.S. Wie auf dem Bild zu erkennen ist, muss ich die meisten Bücher, die ich in diesem Blog bespreche, aus der Stadtbibliothek entleihen. Vielleicht hat ja jemand im Verlag Lust, mir ein Rezensionsexemplar einer aktuellen Neuerscheinung zu schicken?

Freitag, 2. Mai 2014

Bernardo Atxaga - Der Mann der Obaba schuf

Gleiche Worte, andere Buchstaben – „Las mismas palabras con diferentes letras” heißt die Ausstellung, die bis zum 9. Dezember 2005 im CAM-Kulturzentrum von Alicante zu sehen ist und erstmals das bisherige Gesamtwerk Bernardo Atxagas in verschiedenen Sprachen zeigt. Atxagas Sprache ist die baskische, als deren bekanntester und wichtigster Literat er seit Jahren gilt. Die Ausstellung wird ergänzt durch Plastiken von Eduardo Chillida, Darío Urzay und Ricardo Toja: Sie alle ließen sich von Atxagas Geschichten inspirieren, deren Drehund Angelpunkt das fiktive baskische Dorf Obaba ist.

Atxaga, der mit bürgerlichem Namen Joseba Irazu Garmendia heißt, studierte zunächst Wirtschaftswissenschaften und veröffentlichte 1976 seinen ersten Roman „De la ciudad“. Den Künstlernamen lieh er sich damals von seinem Mitbewohner Bernardo, der ihm auch die Schreibmaschine für seine ersten literarischen Schritte zur Verfügung stellte.

Der Durchbruch gelang dem heute 54-Jährigen im Jahr 1988 mit dem Roman „Obabakoak“, einem Schelmenstreich skurriler Fabulierkunst. 26 Episoden ergeben in diesem Buch, wie auf einer Perlenschnur aneinander gereiht, ein Porträt des Ortes Obaba. Der Leser begegnet einer jungen Lehrerin, die einsam durch die Straßen zieht, einem Diener, der eine nächtliche Reise zu Pferd auf sich nimmt, um dem Tod zu entkommen, und einem Zwerg, der sich für einen großen Dichter hält.

Diskussionen über die Kunst des Geschichtenschreibens sind in die Erzählungen ebenso eingewoben wie eine Betrachtung über die Literatur des 19. Jahrhunderts. Wie das Dorf Macondo in Gabriel García Márquez‘ „Hundert Jahre Einsamkeit“ ist Obaba ein symbolischer Ort auf der Landkarte des menschlichen Bewusstseins, Denkens und Empfindens. Atxaga selbst verglich „Obabakoak“, das vielfach ausgezeichnet und in mehr als 20 Sprachen übersetzt wurde, mit den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht.

„Alles Sichtbare haftet am Unsichtbaren, das Hörbare am Unhörbaren, das Fühlbare am Unfühlbaren, vielleicht das Denkbare am Undenkbaren“, zitierte Atxaga einmal den deutschen Dichter Novalis und beschrieb damit seine Kunst, die große Welt in Obaba, der kleinen Welt der Bauern, Bettler und Tagelöhner, einzufangen. Obaba ist Hamburg – denn in dieser Stadt beginnt die Romanhandlung – genauso wie Asteasu, Atxagas eigener Heimatort. Im dortigen Bergwerk begegnete der Autor in seiner Kindheit deutschen Ingenieuren:

„Ihr Akzent, ihre zupackende Art sind mir unauslöschlich im Gedächtnis geblieben“, erklärte Atxaga, der zur Ausstellungseröffnung nach Alicante gekommen war, gegenüber der Costa Blanca Rundschau seine besondere Beziehung zu Deutschland. Die deutschen Ingenieure sind eingeflossen in die Figur des Esteban Werfell, eines baskischen Jungen, der sich von seinem Vater – einem deutschen Ingenieur – eingeengt fühlt. Auf besonderen Wunsch Atxagas spielt die Figur des deutschen Ingenieurs auch in der Verfilmung von „Obabakoak“, die seit wenigen Wochen in den spanischen Kinos zu sehen ist, eine wichtige Rolle.

Regisseur Montxo Arméndariz glückte der Versuch, aus der Geschichtensammlung eine zusammenhängende Filmstory zu machen. Als Rahmenhandlung dient die Reise der 25-jährigen Lourdes, die mit der Videokamera Obaba und seine Leute porträtieren will. Die spanisch-deutsche Koproduktion, die in Ustarroz (Navarra) gedreht wurde, tritt für Spanien bei der Bewerbung um die Oscars für nichtenglischen Film an. Obaba ist die Welt, in die Atxagas Erfahrungen aus Kindheit und Jugend einfl ießen. „Die Welt meiner Kindheit war ländlich und einfach, ohne Politik, ohne Lenin, Marx und Freud“, sagte der Schriftsteller in Alicante. Doch irgendwann brach die Politik über das Dorf herein: der Widerstandskampf der Basken, Terrorismus, Gewalt und Unterdrückung.

Über das literarische Schaffen Atxagas brach die Politik Mitte der 90er Jahre herein. Der Roman „Ein Mann allein“ ist das Porträt eines Ex-Aktivisten der Terrororganisation Eta, „Das Fenster zum Himmel“ begleitet eine Eta-Terroristin nach der Verbüßung ihrer Haftstrafe zurück ins Baskenland. Atxagas jüngstes Werk, „Der Sohn des Akkordeonspielers“ (2004), beschreibt einen jungen Mann, der in den 60er und 70er Jahren im gewaltsamen Umfeld der Eta aufwächst. Diese politischen Romane stießen bei der Kritik auf geteiltes Echo.
 
In Alicante kündigte Atxaga nun wiederum eine Kehrtwende an. Hatte er vor wenigen Jahren noch davon gesprochen, mit seiner Literatur zur Verständigung beizutragen und der Gewaltspirale im Baskenland die Kultur entgegenzusetzen, klingt der Schriftsteller nun resigniert. „Es ist alles zur Problematik im Baskenland gesagt und geschrieben, ich bin müde“, sagte er in Alicante und fügte hinzu: „Jetzt sollen die Politiker handeln und mir Bescheid sagen, wenn sich etwas verbessert hat.“
 
Auf die Frage, ob Kultur die Völker verbinden könne, antwortete er nur kurz „Da bin ich skeptisch“ und leitete lieber zu seinem neuesten Buchprojekt über. „Sieben Häuser in Frankreich“ soll es heißen und im nächsten Herbst erscheinen. Atxaga, so scheint es, kehrt zu seinen Wurzeln zurück, auch wenn er betont, das neue Buch sei realitätsnaher als seine früheren Werke. Ein altes Klassenfoto ist der Ausgangspunkt für den Erzähler, der die darauf Abgebildeten auf ihren getrennten Wegen in ihre verschiedenen Häuser begleitet: ein Hotel, ein Gefängnis, ein Tempel und ein Krankenhaus zum Beispiel.
 
Die Inspiration fand Atxaga – wo auch sonst – in Obaba, der Welt, die ihm begegnet und sein Bewusstsein prägt: „Ich hörte, dass ein ehemaliger Schulkamerad von mir inzwischen Mönch in einem hinduistischen Tempel ist.“ Von Bernardo Atxaga sind zahlreiche Werke in deutscher Übersetzung erschienen, darunter „Obabakoak“, „Das Fenster zum Himmel“, „Memoiren einer baskischen Kuh“ sowie das Kinderbuch „Shola und die Wildschweine“.

Erschienen in Costa Blanca Rundschau Nr. 42, Woche 45/2005

Mittwoch, 30. April 2014

Heinz Kraschutzki - Von den Nazis für tot gehalten

Extremer hätte der Wandel nicht sein können: vom Kapitänleutnant der kaiserlichen Reichskriegsmarine zum überzeugten Pazifisten. Heinz Kraschutzki, eine der politischsten und leidgeprüftesten Persönlichkeiten aus dem Kreis der Mallorca-Exilanten, ist fast völlig in Vergessenheit geraten. Jetzt sind – übersetzt in die katalanische Sprache – erstmals seine Memoiren erschienen. 1972 hatte sich der Friedenskämpfer an seine Schreibmaschine gesetzt, unter anderem, um endgültig mit einer Legende aufzuräumen, die seine Person immer noch umrankte: Er war nicht tot. Francos Truppen hatten ihn nicht erschossen.    

Den Entschluss, die Fronten zu wechseln, fasste Kraschutzki unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg, in dem der Danziger ein Minensuchboot befehligt hatte: Von nun an hielt er flammende Reden für den Frieden, organisierte Demonstrationen und gründete in Berlin die pazifistische Zeitung „Das andere Deutschland“, für die Größen der Weimarer Republik wie Kurt Tucholsky und Erich Kästner schrieben. Weil er die deutschen Aufrüstungsbestrebungen gegeißelt hatte, wurde Kraschutzki 1932 als Landesverräter angeklagt. Er floh nach Mallorca, wo sich seine Frau und seine vier Kinder bereits 1931 niedergelassen hatten. In Cala Ratjada gründete er die Fabrik „Las Estrellas“, in der mehr als 40 Frauen Körbe und Bastschuhe herstellten.    

Die Ruhe fand 1936 ein jähes Ende: Die faschistischen Truppen rollten Spanien von Süden her auf und hatten Mallorca bald unter ihrer Gewalt. Auf Geheiß des nationalsozialistischen deutschen Konsuls auf den Balearen, Johannes Dede, wurde Kraschutzki verhaftet und seine Familie nach Deutschland deportiert. Obwohl sich deutsche Nazis und die Jünger Francos – wie alte Fotografien beweisen – in Palma regelmäßig zum Umtrunk trafen, klappte ihre Kommunikation offenbar nicht reibungslos: Die Gestapo verlor Kraschutzkis Spur. Sie hielt ihn für tot. Im Volksempfänger habe Kraschutzkis Frau die Nachricht vom Tod ihres Gatten gehört, sagt der mallorquinische Übersetzer und Literaturwissenschaftler Germà Garcìa, der für die neue Veröffentlichung unter anderem einen Briefwechsel mit Kraschutzkis 82-jähriger Tochter führte. Noch 17 Jahre später behauptete Albert Vigoleis Thelen in seinem Mallorca-Schmöker „Die Insel des zweiten Gesichts“, Kraschutzki sei 1936 erschossen worden.   

Aber Kraschutzki lebte, wenn auch unter menschenunwürdigen Bedingungen. Er erlebte eine Odyssee durch die Bürgerkriegsgefängnisse Mallorcas und Lager in Formentera, Málaga, Madrid, Burgos, Gibraltar, Zaragoza und Barcelona. 1938 hatten ihn die Nazis wieder aufgespürt. Auf ihr Geheiß wurde Kraschutzki zu weiteren 30 Jahren Zuchthaus verurteilt.   

Erst nach Ende des Zweiten Weltkrieges gelang es Sympathisanten im britischen Außenministerium, die Freilassung des Friedensaktivisten zu erwirken. Nach neunjähriger Haft sah Kraschutzki seine Frau wieder, die zur Scheidung gezwungen worden war. Sein Engagement hörte nicht auf. Unermüdlich setzte er sich für Frieden und gegen Aufrüstung ein, unterstützte Willy Brandts Ostpolitik und schrieb sich mit Mahatma Ghandi Briefe. Seine alte Wirkungsstätte Cala Ratjada besuchte er immer wieder. Heinz Kraschutzki starb 1982 im Alter von 90 Jahren im Allgäu.


Info: Gefangeneninsel Mallorca

Als am 19. Juli 1936 Francos Truppen die Kontrolle über Mallorca übernahmen, brachen für die Anhänger der Republik Schreckensjahre an. Unter Federführung von Zivilgouverneur Mateu Torres Bestard und Polizeichef Francesc Barrado wurden auf der Insel hunderte politischer Gegner verhaftet. Man internierte sie u.a. im Castell Bellver, im Gefangenenschiff „Jaume I“, das im Hafen von Palma vor Anker lag, in den Forts San Carlos und Illetas sowie mehreren Gemeinde-Gefängnissen. Besonders unmenschlich sollen die Haftbedingungen im Lager Can Mir – es befand sich dort, wo heute das Kino Sala Augusta steht – gewesen sein. In einem ehemaligen Hospiz in der C/. de Sales, nahe dem Paseo del Borne, waren die Frauen inhaftiert. Ab Dezember 1936 wurden überall entlang der Küste Konzentrationslager gebaut, so in Capdellà, s’Espinegar, Port de Pollença, es Rafals dels Porcs, Sant Joan de la Font Santa, Son Catlar, Reganga, es Cap Gros, Albercutx, Port de Sóller. Als Zwangsarbeiter wurden die Gefangenen zum Beispiel beim Bau der Bahnlinie Sa PoblaAlcúdia eingesetzt.


Heinz Kraschutzki: Memòries a les presons de la guerra civil a Mallorca. Palma (Miquel Font) 2004.


Erschienen - bereits vor zehn Jahren - in Mallorca Zeitung, Nr. 213, Woche 23/2004

Montag, 28. April 2014

Gérard de Sède: Die Templer sind unter uns

Dieses Sachbuch mit dem Untertitel "Das Rätsel von Gisors" ist 1963 erschienen. Und schon damals fand der Autor den den legendären Schatz der Tempelritter. Na ja, nicht ganz. Aber er war eben nah dran. Ort des Geschehens ist die Burg von Gisors, im französischen Vexin, an der Grenze zur Normandie.

Der Journalist Gérard de Sède erzählt zu Beginn von seiner Bekanntschaft mit dem ehemaligen Gärtner und Burgführer Roger Lhomoy, der während des Zweiten Weltkrieges auf eigene Faust unter der Ruine buddelte und dabei eine unterirdische Kapelle mit Steinsärgen und Metalltruhen entdeckt haben will. Leider wurde der sagenhafte Fund von ignoranten und engstirnigen Behördenvertretern wieder zugeschüttet und bleibt bis heute verborgen.

De Sède vermutet nun, dass die Templer während der großen Verhaftungswelle 1307 ihren sagenhaften Schatz über eine alte Römerstraße von Paris zur Küste bringen wollten, um ihn über den Ärmelkanal nach England zu verschiffen. Weil sie aber in Gisors aufgehalten wurden, verbargen sie ihn in der nach geheimen Templerregeln erbauten Burg.

Ausführlich zu Wort kommt in dem Buch der "Hermetiker" Pierre Plantard, der vielen als Erfinder der Templer-Verschwörungstheorien rund um die sogenannte Prieuré de Sion gilt. In den Sechzigerjahren arbeitete er de Sède zusammen. Beide brachten schließlich in ihrem Buch "L'Or de Rennes"  die Gerüchte um Rennes le Château und das mysteriöse  Priorat auf. Damit wiederum schufen sie die Grundlage für die Verschwörungstheorien, die Lincoln, Baigent und Leigh 1982 ihrem Werk "Der heilige Gral und seine Erben" und später auch Dan Brown in seinem Thriller "Sakrileg" ausbreiteten.

Verglichen mit diesen Werken fehlt "Die Templer sind unter uns" noch der Charme, den die verblüffende Einfachheit und der Aha-Effekt dieser Theorien haben. Ist dort ein schillernde Figur wie der plötzlich zu Reichtum gelangte Dorfpfarrer Bérenger Saunière der Protagonist, muss hier noch ein durchgeknallter Gärtner herhalten. Dort ist es eine einleuchtende Verschwörungstheorie um die Nachkommenschaft von Jesus Christus und Maria Magdalena, hier sind es nur vage Spekulationen über eine Burg, die wohl nach komplizierten Sternen-Konstellationen angelegt wurde und einen Schatz, über dessen Substanz nichts weiter gesagt wird. 

"Die Templer sind unter uns"  liest sich spannend, auch wenn gegen Ende - speziell bei Plantards Ausführungen - keiner mehr durchsteigt. Die Geschichte des Templerordens ist aber sehr gut und übersichtlich zusammengefasst. Natürlich kommen auch - wie es sich für ein Werk zum Thema gehört - Hermetiker, Freimaurer, Alchimisten zu ihrem Recht.

Um noch einmal zu Burg von Gisors zu kommen: Wenn es stimmt, was meine oberflächliche Internetrecherche ergeben hat, so wurde unter der Burg offenbar bis heute nie nach der vermuteten Kapelle gegraben. Begründung: Grabungen würden die Statik der Ruine gefährden. Aber gäbe es denn heutzutage nicht - so zumindest meine laienhafte Vorstellung - andere Möglichkeiten, herauszufinden, was sich unter der Burg von Gisors verbirgt?

Freitag, 18. April 2014

Herbert Rosendorfer: Der Meister

 
"Der Meister" ist einer der letzten unter Rosendorfers zahlreichen Romanen. So zahlreich, so gut, denn der 2012 verstorbene Südtiroler wird chronisch unterschätzt und gehört mit Sicherheit zu den größten deutschsprachigen Erzählern der vergangenen Jahrzehnte.


"Der Meister" ist ein Palaver unter Freunden in einem venezianischen Restaurant. Die beiden erinnern sich an ihren früheren Freundeskreis, eine illustre Runde von Studenten der Musikwissenschaft samt Entourage.

Dazu gehören der göttliche Giselher mit seinen nicht immer fundierten, aber stets beeindruckenden Vorträgen zu allen erdenklichen Themen. Carlone, der aberwitzige Mengen isst, weil er Angst hat, zu verhungern. Die schöne und intelligente Helene Romberg, die mit Vorliebe nackt ist und deren genaue Beziehung zum ebenso tierlieben wie bauernschlauen Monisgnore Rohrdörfer - auch er eine schillernde Randfigur - nicht ganz geklärt wird. Ein kurioses Personal, das teils liebenswert, teils unausstehlich, meist beides ist.

Das gilt im Besonderen für den Titelhelden, den alle den Meister nennen, einen "linkischen, dürren, schwarzstrubbeligen Pedanten und Besserwisser", einen "leicht wurzelzwergischen, rumpelstilzigen ewigen Doktoranden", der ein besonders gefährlicher Besserwisser ist, weil er alles, wovon er spricht, wirklich besser weiß.

Bei allem Genie und unerschöpflichen Wissensschatz ist dieser Meister eine tragische Figur, die unter ärmsten Verhältnissen lebt, an panischer Prüfungangst leidet und obendrein mit Haut und Haar der vorlauten und egozentrischen Emma Raimer verfallen ist.

Ein Verleger hilft dem armen Schlucker zu einem kleinen Verdienst, indem er in Artikel für ein Musiklexikon schreiben lässt. Ab hier nimmt der Plot eine aberwitzige Wendung, wobei dem verkannten Komponisten Thremo Tofandor eine entscheidende Rolle zukommt. Aus den launigen Anekdoten heraus wuchert ein astreiner Krimi.

Wie immer bei Rosendorfer schlägt die Handlung Haken und leuchtet in jeden Winkel des Menschlichen hinein, wo dann allerhand zum Vorschein kommt. Jede Figur, und wird sie auch noch so kurz von der Handlung gestreift, zieht eine Lebensgeschichte nach sich.

"Der Meister" ist einer jener kleinen Romane, mit denen Rosendorfer sich einmal mehr selbst als Meister der Sprache und weiser Geschichtenerzähler erwiesen hat.

Mittwoch, 2. April 2014

Elke Koch: Schwäbische Alb Mitte


Frühling ist Wandersaison: Höchste Zeit, ein zu Unrecht unterschätztes Wandergebiet fast vor der Haustür zu entdecken. Der neue Führer „Schwäbische Alb Mitte“ von Elke Koch hilft dabei: Zwischen den Landkreisen Göppingen im Nordosten, Zollernalbkreis im Westen und Biberach im Süden führt das Buch ein verwunschenes Land der Burgen und Höhlen, Felsschluchten und Wacholderheiden, Albdörfer und Wallfahrtskapellen.

Die Autorin kennt sich bestens aus und macht nicht nur auf die bekannten Anziehungspunkte, sondern auch auf versteckte Kleinode und lohnende Extratouren aufmerksam. Wie wäre es mit einer Tour zum Landgestüt Marbach, einer nächtlichen Sternenwanderung zum dunkelsten Ort der Alb, einer Fahrt mit dem historischen Schienenbus „Ulmer Spatz“ oder einem Besuch bei der schönen Lau am Blautopf? Und wer kennt schon die „Onderhos“ und die „Küssende Sau“?

Zu den 30 Touren gibt es oft einfachere und kinderwagenfreundliche Varianten. Neben einer Fülle von Servicetipps und Hintergrundinformationen hält der Band vor allem für Familien ein besonderes Schmankerl bereit: Rätselfragen zu jeder einzelnen Tour machen die Entdeckungsreise über die Schwäbische Alb zu einer aufregenden Schnitzeljagd.

 Elke Koch: Schwäbische Alb Mitte. Unterwegs mit der ganzen Familie. G. Braun Verlag. 212 Seiten. 16,95 Euro.

 Erschienen in: Ipf- und Jagst-Zeitung/Aalener Nachrichten am 2. April 2014.


Montag, 31. März 2014

Lucien Deprijck: Die Inseln, auf denen ich strande

„Die Inseln auf denen ich strande" von Lucien Deprijck gehört zu den Büchern, von denen etwas hängen bleibt – die beschriebenen Situationen, die Bilder und Gedankengänge, das Meer. 18 Kurzgeschichten drehen sich vordergründig um das Gleiche: Der Ich-Erzähler strandet auf einer Insel.

Was dann aber für eine Geschichte daraus wird, hängt von winzigen Dingen ab, Parametern, die der Autor in jeder Erzählung neu justiert. Ist die Insel einsam oder bewohnt, jungfräulich oder verlassen, tropisch oder arktisch, paradiesisch oder lebensfeindlich, strandet der Erzähler alleine oder mit anderen?

Fast immer wird schnell klar, dass es mit der ersten Rettung, der auf die Insel, nicht getan ist. Der Gestrandete muss sich auch wieder von dort weg retten – oder gerettet werden. An Grenzsituationen kann der Gestrandete reifen oder scheitern. Manchmal hilft das Anpacken, manchmal bleibt nur das Resignieren. Die Natur oder die anderen Menschen können Rettung oder Verderben sein. Manchmal sind die Situationen tieftraurig, manchmal absurd, manchmal urkomisch. Und welchen Ausgang das Abenteuer schließlich nimmt, ist nie vorhersehbar.

Deprijck - und mit ihm der Leser - erleidet 18-mal meisterhaft Schiffbruch. Jede Insel ist ein faszinierendes Universum. Bildgewaltig erzählt und von Christian Schneider wunderschön illustriert. Ein Lieblingbuch für die einsame Insel.

Dienstag, 4. Februar 2014

Alexander Adrion: Taschendiebe

"Der heimlichen Zunft auf die Finger geschaut" - dieses Buch des 2013 verstorbenen Zauberers Alexander Adrion ist natürlich kein Handbuch "Wie werde ich zum erfolgreichen Taschendieb". Auch zum Thema "Wie schütze ich mich vor Taschendieben" bietet es außer ein paar Binsenweisheiten à la "Immer gut auf die persönlichen Dinge aufpassen" wenig.

Vielmehr ist es eine sehr unterhaltsame Anekdotensammlung. Adrion hat so ziemlich alle Geschichtchen zusammengetragen, die zum Thema Taschendiebe kursieren. Da werden Berüchtigte der heimlichen Zunft wie Mollie Matches, Mimi Lepreuil, Lady Finger, John Dawson, Elizabeth West oder Stanislaus Kransnik genauso vorgestellt, wie berühmte Taschendieb-Opfer: Winston Churchill, Max Brod und Wladimir Majakowski.

Wer selbst vor kurzem bestohlen worden ist, findet vielleicht nicht alles Beschriebene spannend und lustig. Ein bisschen Mitgefühl mit den Opfern hätte Adrion schon zeigen dürfen. Ansonsten: Ein vergnüglicher und spannender Einblick in die Welt der Pickpockets, Tireurs und Langfinger. 

Donnerstag, 30. Januar 2014

Haruki Murakami: Die unheimliche Bibliothek

So einfach und poetisch erzählt wie ein Märchen, so unlogisch, grausam und verstörend wie ein Märchen, aber auch so hoffnungsvoll wie ein Märchen – so ist Haruki Murakamis pechschwarze Erzählung „Die unheimliche Bibliothek“.

Ein Junge möchte mehr über die Steuereintreibung im Osmanischen Reich erfahren. Und wenn er etwas nicht weiß, geht er immer sofort in die Stadtbücherei, um es herauszufinden. Nun weiß jeder Bücherfreund, dass die Hüter von Bibliotheken nicht immer auch die Verbündeten der Leser sind. Oft sind es – oder waren es zumindest früher - strenge Beamte, die Lesehungrige mit allerlei Formalitäten und Verboten traktieren.

In diesem Fall entpuppt sich der Bibliothekar sogar als wahres Monster. Er entführt den wissbegierigen Jungen in ein Labyrinth tief unter der Bibliothek und sperrt ihn in ein Verlies. Eingekerkert muss das Kind mutterseelenallein Bücher zur osmanischen Steuereintreibung studieren und auf den Tag warten, da ihm das Bibliothekars-Scheusal den Kopf absägen und das Hirn aussaugen will. Vor dem Jungen – und dem Leser - türmt sich eine Angstwand von kafkaesken Ausmaßen auf.

Aber es gibt einen Ausweg: ein Mann im Schafskostüm, der Donuts backt, und ein zerbrechliches Mädchen, das einen Teewagen schiebt, kommen dem Jungen in dieser surrealen Alptraumwelt zu Hilfe. Murakamis so düstere wie anmutige Erzählung ist bereits 1982 erschienen, wurde aber erst jetzt aus dem Japanischen ins Deutsche übersetzt. Die Berlinerin Kat Menschik hat sie mit beklemmend-holzschnittartigen, farbig hinterlegten Tuschebildern fabelhaft illustriert.

Haruki Murakami: Die unheimliche Bibliothek. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. Dumont Verlag. 63 Seiten mit 20 Abbildungen von Kat Menschik. 14,99 Euro.
 
Erschienen in: Schwäbische Zeitung, 30. Januar 2014

Donnerstag, 2. Januar 2014

Alphonse Daudet: Tartarin von Tarascon

"Der Südländer lügt nicht, er erliegt einer Täuschung. Er sagt nicht immer die Wahrheit, aber er glaubt, sie zu sagen." Das liegt daran, dass die Sonne alles verwandelt und vergrößert.

So wird im südfranzösischen Tarascon, wo die Jäger nur auf Mützen schießen - es gibt nämlich im weiten Umkreis Tarascons kein Wild mehr - aus dem wackeren, kleinen, dicken Rentner Tartarin der unerschrockene, wagemutige und umjubelte Löwentöter Tartarin.

Tartarin marschiert gerne schwer bewaffnet durchs Dorf, das er in seinem Leben noch nie verlassen hat. Im Wirtshaus trumpft er mit fantasiereichen Erzählungen von Abenteuern auf, die er zwar nicht erlebt hat, aber so bildgewaltig darstellt, dass ganz Tarascon eingeschlossen ihm selbst nicht den geringsten Zweifel daran hat, dass sie wirklich passiert sind. "Das ja, das wäre eine Jagd" - seine dahingemurmelten Worte vor dem Käfig eines Zirkuslöwen bringen Tartarin plötzlich in die Bredouille: Das ganze Dorf ist nun fest überzeugt, dass der unerschrockene Tartarin jetzt auf Löwenjagd geht.

Leider wohnt in Tartarins Herz nicht nur ein romantisch-abenteuerlustiger Don Quijote, sondern auch ein bequemer und genussfreudiger Sancho Pansa. Und Tartarin-Sancho behält die Oberhand - so lange bis das Drängen der anderen Dorfbewohner gar zu stark wird: Wann geht der Herr denn nun auf Löwenjagd? Oder ist er gar ein Großmaul und Aufschneider?

Beherzt und schwer bewaffnet stürzt sich Tarascon ins Abenteuer, setzt nach Französisch-Algerien über und trifft dort einen überaus hilfsbereiten und uneigennützigen Prinzen aus Montenegro, der dank seiner überdimensionalen Fantasie-Uniformmütze den höchsten Respekt der Einheimischen genießt (und sich am Ende mit Tartarins prall gefüllter Brieftasche davon macht). Er verliebt sich unsterblich in eine Bilderbuch-Maurin, trifft einen hinterhältigen Muezzin und erwirbt ein altersschwaches Kamel, das sein treuester Begleiter werden soll. Schließlich steht er tatsächlich einem Löwen Auge in Auge gegenüber...
 
Eine der besten Figuren in Daudets erstem Tartarin-Roman ist der Erzähler selbst: Ebenso fabulierlustig wie der Titelheld, scheint er manchmal mit der gleichen zuträglichen Naivität wie Tartarin gesegnet zu sein. Mal rühmt er den Helden über den grünen Klee, manchmal scheint er ihm wissend auf die Schliche gekommen, um dann wieder umfassendes menschliches Verständnis für den liebenswerten Prahlhans aufzubringen. Und mitunter übt er offene Kritik am französischen Kolonialismus und all seinen Auswüchsen.

Ein Roman, bei dem sich auch das x-te Lesen lohnt.