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Dienstag, 30. Juni 2026

Peter Henisch: Der Jahrhundertroman

Hat mich nicht überzeugt. 

Ein alter Mann, "Herr Roch", hat einen Roman geschrieben, in dem er die Wiener Schriftstellerinnen und Schriftsteller des 20. Jahrhunderts auftreten lassen will. Die junge Studentin Lisa, die in seinem Stammcafé bedient, will er dafür gewinnen, das Manuskript für ihn abzutippen - und vor allem, um ihm zuzuhören. Lisa wiederum will ihre Freundin Semira vor der drohenden Abschiebung retten.

Henisch war 2021, zum Zeitpunkt, als dieser Roman erschien, schon 78 Jahre alt. Lisa und ihre jugendliche Denkwelt sind beschrieben, wie die Autoren der Sechzigerjahre es, damals schon ungelenk, taten. Damals immerhin gehörten sie selbst noch halbwegs dazu. Jetzt liest sich das sehr unschön.

Zu Ende gelesen habe ich das Buch überhaupt nur, weil es für mein Buch "Wien für Buchverliebte" ein bisschen Hintergrund liefern sollte. In Rochs Roman treten auf: das 20. Jahrhundert und seine Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Robert Musil natürlich, Elfriede Jelinek, Friederike Mayröcker, Ernst Jandl, Thomas Bernhard, Peter Handke, H.C. Artmann, Heimito von Doderer. Henisch gelingt es mal sehr gut, mal besser, mal schlechter in die Sprache und das Denken der Porträtierten einzutreten.

Sie tauchen in kleinen Anekdoten, unscheinbaren, fast belanglosen Lebenssituationen auf. Dabei spielt es eigentlich keine Rolle, ob sie so stattgefunden haben - Roch und damit Henisch also auf Aufzeichnungen zurückgegriffen haben - oder ob sie völlig aus der Fantasie der Autoren entsprungen sind. 

Er ist schon ein seltsamer alter Mann, dieser Roch. Da fällt ihm ein, dass er ja noch Kokain zu Hause hat, was er auch sogleich konsumiert. Er hat auch noch eine lebensgroße Puppe da, die er mit Lisas Mütze zur Gesprächspartnerin ausstaffiert. Er erzählt ihr, wie er schon als Jugendlicher Romane großer Schriftsteller einfach weitergeschrieben hat. Fanfiction heißt das heute. "Mit Hemingway tat ich mir leichter. In seinen Rhythmus zu kommen, war kein Problem." So, so. 

Samstag, 18. April 2026

Sándor Márai: Die Glut

„Was kann man die Menschen mit Worten fragen? Und was ist die Antwort wert, die sie nicht mit der Wirklichkeit ihres Lebens, sondern mit Wörtern geben?“

Dieser fabelhafte Roman des Ungarn Márai von 1942 liefert die treffende Erkenntnis, dass, wer mit Worten fragt, fast nie das erreicht, was er will. Zumindest, wenn er eine Ant-wort - also Worte - erwartet. 

Wir befinden uns im Jahr 1941: In einem Jagdschloss in den Karpaten vegetiert ein gealterter, einsamer General vor sich hin. Er erwartet die lange ersehnte Ankunft seines Jugendfreundes Konrád. Dieser war vor Jahrzehnten plötzlich abgetaucht. Im Kerzenschein hebt der General zu einem langen Monolog an, der Konrád mit dringenden Fragen konfrontieren soll, die der General ein Leben lang mit sich herum getragen hat. Aber die Fragen gehen unter. Das Gegenüber bleibt seltsam stumm. 

Irgendwo habe ich gelesen: Die Leute hören dir nicht zu, sie warten nur auf ihren eigenen Einsatz, auf ein Stichwort eine Pause, um selbst zu Wort zu kommen. Denn jeder lebt in seiner eigenen Welt.

Viele tiefe Gedanken kommen hier in leichtfüßiger Sprache daher. Einer davon: Erst die  Sehnsucht gibt dem Leben Sinn.

Donnerstag, 2. April 2026

Adelbert von Chamisso: Reise um die Welt

Adelbert von Chamisso, bekannt als romantischer Autor von Peter Schlemihls wundersamer Geschichte um den Unglücklichen, der seinen Schatten verkauft, machte im Berlin zum Beginn des 19. Jahrhunderts auch als Botaniker Karriere. In den Jahren 1815 bis 1818 begleitete er als Naturforscher das russische Expeditionsschiff "Rurik". Unter dem Kommando des deutschen Kapitäns Otto von Kotzebue (Sohn des Dramatikers August von Kotzebue) umsegelte es die Welt, um im Polarmeer eine Nordostpassage zu entdecken.

Die Expedition scheiterte, weil der Kapitän erkrankte. Dennoch gelangen Chamisso einzigartige Entdeckungen, von denen er einige in dieser schön bebilderten Auswahl seiner Tagebuchaufzeichnungen schildert. Vor allem aber sind es die allgemeinmenschlichen Betrachtungen, die dieses Buch so sympathisch und lesenswert machen. Chamisso erzählt von seiner Freundschaft mit dem Südseeinsulaner Kadu - der die Expidition ein großes Stück und bis in den hohen Norden begleitet - und macht sich Gedanken über dessen Weltsicht und Welterkennen. Eine perfekte Gelegenheit, um in Chamissos herrlichem Deutsch zu baden:

"Kadu, der, ein anderer Odysseus, ein vielbewegtes taten- und abenteuerreiches Leben zwischen den Wendekreisen auf einem Meerstrich geführt, dessen Ausdehnung beiläufig der Breite des atlantischen Ozeans gleichkommt, und nie das flüssige Lazur des Wasser erstarren, nie das üppige Grün des Waldes verwelken gesehen, - Kadu sah in diesen Tagen zum ersten mal das Wasser zum festen Körper werden und Schnee fallen. Ich glaube, dass ich ihm das grässliche Märchen unseres Winters nicht vorher erzählt hatte, um nicht von ihm, wenigstens bis zu der traurigen Erfüllung meiner Worte, für einen Lügner gehalten zu werden.“

Weniger gut versteht sich Chamisso mit Kapitän der ihn in seine Schranken weist und die Expedition, auf die Chamisso so brennt, schlicht abbricht. 

Schon zu Beginn der Reise macht er die ernüchterte Feststellung, dass er als Wissenschaftler vor allem die Aufgabe hat, nicht zu stören, sich unsichtbar zu machen: "Er hat hochherzig von Kämpfen mit den Elementen, von Gefahren, von Taten geträumt, und findet dafür nur die gewohnte Langeweile und die nie ausgehende Scheidemünze des häuslichen Elendes, ungeputzte Stiefeln und dergleichen." Die ganze Tragik des Urwaldschiffes...

Oder auch: Alle Abenteuer sind Luxus, den einem andere ermöglichen. Für die Seeleute gilt nur die Arbeit, nicht das Abenteuer. Auch er selbst soll seine Arbeit tun, die sich nicht groß von dem unterscheidet, was er zu Hause in Berlin macht.

Samstag, 12. September 2020

Stefan Müller: 111 Gründe, Bücher zu lieben.

 

Der Literaturwissenschaftler Stefan Müller hat in dieser „Liebeserklärung an das Lesen“ 111 kleine „Weil...“-Kapitel rund um das Thema Buch versammelt. Darunter sind wunderbar nachdenkliche Essays, wie „Weil ich die Protagonisten manchmal einfach besser verstehe als sonst jemanden“.

Den Großteil nehmen Buchbesprechungen ein, darunter Aktuelles wie Judith Schalanskys Der Hals der Giraffe und Klassiker wie Franz Kafkas Die Verwandlung oder Lewis Carrolls Alice im Wunderland. Von Musils Mann ohne Eigenschaften bis zu Joanne K. Rowlings Harry-Potter-Romanen. Das sind schöne knappe Inhaltsangaben, meist kompetent eingeordnet. Sprachlich gibt es hier und da etwas zu mäkeln: Von Miguel de Cervantes‘ Romanfigur Don Quijote als „dem Don“ zu sprechen, klingt dämlich. Und wenn sich bei Sherlock Holmes „die Leser lesehungrig auf neue Geschichten freuen“, dann steht da ein Wörtchen zu viel.

Manchmal sind es einfach nur Listen, die nicht weiter kommentiert werden wie beispielsweise: „Weil diese elf Bücher so ziemlich jeden zum Lachen bringen.“ Vieles ist eher überflüssig, weil bekannte Vorzüge des Medium Buchs erörtert werden - allerdings nicht originell und sprachlich außerordentlich  genug, um einen Mehrwert zu bieten.

Sehr gelungen ist der Gang durch 111 Jahre deutscher Literaturgeschichte in den letzten Kapiteln. Das ist übersichtlich und pointiert, teilweise sogar überraschend und neu. Aber warum muss dies wieder in das dämliche Frage-Antwort-Korsett des Buches eingezwängt werden? Das führt zu grotesken Kapitelüberschriften wie „Weil die Mitte des 20. Jahrhunderts unter dem Zeichen der Aufarbeitung und Bewältigung der jüngsten deutschen Vergangenheit stand, Bücher von Weltruhm hervorbrachte und zuletzt auch wieder den ganz normalen Alltagswahnsinn in den Fokus rückte“.  Ist das ein Grund, Bücher zu lieben?

Eine schöne Fundgrube aber nicht das, was es vorgibt. Keine Wunderlampe, um die Liebe zu Büchern zu wecken oder wieder wachzurufen. Dafür über weite Strecken gute, informative Unterhaltung.

Samstag, 5. Oktober 2019

Helmut Ahrens: Das Leben des Romanautors, Dichters und Journalisten Theodor Fontane

Diese Schrift widmet sich Theodor Fontane (1819-1898) aus Neuruppin: Apotheker, Balladendichter, Berichterstatter, einer der bedeutendsten Theaterkritiker der Bismarck-Epoche, Englandkenner, Reiseschriftsteller - so wie Walter Scott über Schottland schrieb, setzte er es für die Mark Brandenburg um - und Kriegsschilderer.

Sehr spät, als 60-Jähriger, wurde Fontane zum Romancier, der in eine Liga mit Tolstoi, Flaubert und Dickens aufstieg. Fontanes schriftstellerisch interessanteste Epoche setzt ein, wenn die Seiten dieses Buches schwinden. Das stimmt traurig, aber auch hoffnungsvoll.

Bevor es so weit kommt, berichtet dieses Biografie lang und breit über Fontanes Anstellungen, sein Familienleben, die kleinen Reisen, die journalistischen und publizistischen Arbeiten. Als Apotheker hielt er es nicht lange aus, er wollte schreiben. Und er schrieb auch, lebenslang. Aber nicht das Werk, sondern das Leben Fontanes steht hier im Mittelpunkt. Und das verlief eben meist im Klein-Klein, ehe es dann doch zum großen Roman wurde.

Insofern ist diese Biografie umfassend, aber dann eben doch wieder nicht: Wie seltsam verklausuliert ist hier mitgeteilt, Fontane habe in Dresden zwei uneheliche Kinder gehabt? Im Gegensatz zu seinen späteren ehelichen Kindern wird über diese Kinder seltsam verhuscht hinweggegangen. Ein paar Sätze sind ihnen gewidmet, wenn aus einem Brief Fontanes zitiert wird. Dann sind sie nie wieder erwähnt.

Wer war die Mutter? Welches Verhältnis pflegte Fontane zu ihr? Was wurde aus den Kindern? Hatte Fontane die Kinder, die er nur in diesen Briefen erwähnte, vielleicht frei erfunden? Seltsam, in einer Biografie aus dem Jahr 1985. Damals waren doch uneheliche Kinder (selbst die eines Dichterfürsten) keinesfalls etwas, dass man "der Schicklichkeit halber" verschweigen oder seltsam verdruckst unter den Tisch kehren musste. Vielmehr war wohl die Quellenlage sehr dünn - aber dann hätte der Biograf eben genau dies und die offenen Fragen thematisieren müssen.

Am schönsten ist dieses Buch, wenn Fontane selbst ausführlich zu Wort kommt. Etwa in seiner großartigen Theaterkritik zur Erstaufführung von Gerhart Hauptmanns Vor Sonnenaufgang. Ich sollte wieder Fontane selbst lesen, vielleicht zuerst den fabelhaften Krimi Unterm Birnbaum.

Dienstag, 11. Juni 2019

Christian Tielmann: Unsterblichkeit ist auch keine Lösung

Dieser Roman hat in meiner Stadt dieses Jahr die Abstimmung zu Nördlingen liest ein Buch gewonnen und ist nun Gegenstand zahlreicher Aktionen. Eine gute Wahl.

Darum geht's: Goethe und Schiller sind zwar unsterbliche Klassiker, werden aber nicht mehr häufig gelesen, weshalb ihr Verleger Cotta den 270-jährigen Goethe und den zehn Jahre jüngeren Schiller zur Lesereise durch den Harz verdonnert. Vor Grundschülern sollen sie dort ihre Werke präsentieren.

Erzählt ist die Reise-Story aus der Sicht des tragikomischen, aber unheimlich sympathischen Helden Goethe. Der  Dichterfürst verzweifelt an verständnislosen Achtjährigen und Lehrern, die sich vorlaut einmischen oder aus dem Staub machen und die Schriftsteller lärmenden Schülerhorden überlassen. Dazu kommt die fehlende Wertschätzung durch Cottas arrogante Assistentin, Denkmalschutzbehörden, Politik und Presse. Vom devoten, aber unterbelichteten Adlatus Eckermann und seinen Mailbox-Nachrichten aus Weimar ganz zu schweigen.

Trost verspricht sich der Junggebliebene von seinen Eroberungen. Die er allerdings erst vollbringen muss. Zur Wahl stehen attraktive Buchhändlerinnen oder/und Schulrektorinnen. Doch, o weh: Goethe muss mit ansehen, wie der zwar kranke, aber agilere Schiller nicht nur die Damen, sondern auch die Grundschüler restlos bezaubert. Der Schwabe lässt sich sogar herab, eigens für die Lesereise einen Fantasy-Roman samt Elfen und Einhörnern zu fabrizieren. Egal, wie sehr Goethe sich müht: Der Dichterkollege ist ihm immer eine Schillersche Nasenlänge voraus.

Das alles ist absolut lustig. Tielmann, als Kinder- und Jugendbuchautor ausgezeichnet, trifft den Ton perfekt. Er lässt den Klassiker Goethe zwischen Egozentrik und Selbstzweifel, Tatendrang und Dekadenz, Weltverachtung und Geltungssucht, Dünkel und Selbstironie, Genie und menschlichen Schwächen oszillieren. Vollgepackt mit literarischen und historischen Anspielungen, kommt das Buch mal lässig, mal grotesk daher, und setzt noch einen drauf, wenn der Spaß schon auf die Spitze getrieben ist.

So kehren die Dichter in einem Harz-Kaff mal wieder in ein ranziges, von Altfett triefendes Restaurant ein. Ihr Chef habe ihr das Gasthaus empfohlen, beteuert die begleitende Buchhändlerin Fräulein Huggelmann:

"Goethe mochte sich gar nicht vorstellen, wie viele Kilos dieser Chef wohl auf die Waage bringen würde. Geschmacksknospen hatte der aber garantiert nicht mehr - oder er trieb es mit der Küchenchefin, falls das nicht seine Schwester war. Oder beides."

Sonntag, 17. März 2019

Iso Camartin: Die Bibliothek von Pila

Die Grundidee dieses 1994 veröffentlichten Buches könnte von mir sein. Der Schweizer Publizist Iso Camartin hat sich in ein Bauernhaus in Pila zurückgezogen. Das Dorf liegt im Oberengadin auf 1800 Metern Höhe. Im Rucksack trägt er seine Lieblingsbücher, über die er hier  in zwölf Essays die Gedanken frei schweifen lässt: Er schaut ihren Hauptfiguren über die Schulter, dringt in die Gedanken der Autoren ein und stellt eigene Überlegungen an.

Es sind allesamt Klassiker. Die Bibel ("das große Wunderbuch der schönen und fesselnden Ungereimtheiten") Dante, Petrarca, Theodor Fontane, Franz Kafka und viele mehr. Der Autor führt durch die Bücher - so wie Vergil den Dichter in der Göttlichen Komödie durch die Bezirke der Hölle führt.

Als Leser des Lesers Camartin ist dieses Vorgehen spannend und unterhaltsam, wenn man die Werke selbst kennt oder vor Jahren gelesen hat und die Lektüre hier nun quasi wiederholt, auffrischt, vertieft. Sehr gut gefiel mir das bei Gogols Die Toten Seelen, dessen unvergleichlich intensive Charaktere Camartin auferstehen lässt - und ihre Doppelgänger in Graubünden aufmarschieren lässt. Anhand der faszinierenden "Augenlehre der Madame Chauchat" aus Thomas Manns Zauberberg lotet Camartin die Untiefen menschlicher Anziehung aus.

Bei Werken, die ich nicht gelesen habe  wie etwa  Denis Diderots Rameaus Neffe oder Virginia Woolfs Orlando diese Art ist diese Art von Sekundärliteratur schwierig. Wer die zugrundeliegenden Werke nicht kennt, hat Schwierigkeiten, Camartins mitunter frei drehenden Gedanken zu folgen, die sich immer wieder in Verästelungen verlieren und  die Geschichten manchmal auch weinterspinnen - und sie schließlich auch noch zur Dorf- und Bergwelt in Pila in Beziehung setzen.

Die Betrachtungen zu Carlo Levis Christus kam nur bis Eboli sind einer der wenigen Fälle, in denen Camartin die Handlung so ausführliche erzählt, dass sie der unkundige Leser nachvollziehen - und sich an den weiterführenden Gedanken  erfreuen - kann.

Von jüdischen Gelehrten hat Camartin gelernt: "Wer das Buch liebt, lieb das Leben." Schön ist, was über Das Wunder des Lesens und seine Beziehung zum Leben gesagt wird. Schon eine winzige Bibliothek, die in einen Rucksack passt, ist eine ganze Welt.

"Der Ort, an dem du dich befindest, ist nicht mehr das Bauernhaus mit den zu niedrigen Querbalken (…) Lesend verlierst du deine unmittelbare Lebenswelt, um in eine ganz andere einzudringen. Vom fliegenden Teppich der Erzählung fortgetragen, bist du auf einmal mitten in Paris."

Mittwoch, 24. Januar 2018

Michael Angele: Der letzte Zeitungsleser

Traurig, traurig. Aber das Medium gedruckte Zeitung, dem Michael Angele dieses wunderschöne Abschieds-Essay gewidmet hat, wird wohl in absehbarer Zeit nur noch ein Nischendasein führen - ähnlich dem gedruckten Buch oder auch dem Kino.

Angele ist stellvertretender Chefredakteur der Wochenzeitung "Der Freitag" und war auch schon Chefredakteur der Netzeitung (Ironie der Geschichte: Deutschlands erste Internetzeitung hielt sich leider nur ein paar Jahre...)

In leichtfüßigen Anekdoten erzählt der Deutsch-Schweizer, was die gedruckte Zeitung liebenswert und besonders macht. Er stellt klar: "Es gibt tausend Gründe eine Zeitung zu lesen, der Informationsbedarf ist dabei nur einer von vielen." Das sei schon zu allen Zeiten so gewesen: "Eine Zeitung war ein Zugang zur Welt, war ein Stück Heimat und ihr Gegenteil, wenn sie den Blick weitete (...)."

Einer der tausend Gründe ist beispielsweise, sich über Leitartikel aufregen zu können. Oder dieser: Dass es auf Reisen nur Zeitungen vom Vortag zu kaufen gab, war ein untrügliches Zeichen, dass man wirklich im Urlaub war - sonst hätte man auch gleich daheim bleiben können. Früher.

Zeitungen sind die große Welt. In New York die New York Times, in Paris Le Monde zu kaufen heiße, in die kosmopolitische Sphäre einzutauchen. Irgendwo auf der Welt in einem Internetcafé Spiegel Online lesen heißt, außen vor zu bleiben: "Dann erleben wir die Globalisierung."

Die ständige Verfügbarkeit von Informationen im Netz produziert nicht mehr, sondern weniger Geistesmenschen - Geist könne sich nur bilden, wo Mangel und Aufschub ist, vermutet Angele. Die gedruckte Zeitung wird weiterhin existieren - aber eben nicht mehr als Massenprodukt, weil alle genannten Vorzüge mit der Zeitung verschwinden werden, ebenso wie die Zeitungssüchtigen, die sie schätzen und sich ihrer erinnern.

Einer der letzte ist der Theatermacher Claus Peymann, der sieben oder acht Zeitungen täglich liest. Mit ihm sprach Angele auch über dessen Weggefährten Thomas Bernhard - zu Lebzeiten ein wahrer Zeitungsfanatiker, der einmal 350 Kilometer im Auto fuhr, nur um eine aktuelle Ausgabe der Neuen Zürcher Zeitung zu erhaschen.

Angele zitiert aus einem Fernsehinterview, das mit dem Schriftsteller auf Mallorca geführt wurde:  Auf die Frage, ob er in den Zeitungen Informationen finde, die er in seinen Büchern verwerte, antwortete Bernhard: "Na sicher, es ist ja in den Zeitungen überhaupt alles zu finden, was es gibt. Das heißt alles, was eigentlich existiert, ist in den Zeitungen. Die Realität ist in den Zeitungen noch übersteigert. Die Leerstellen der Wirklichkeit sind in den Zeitungen noch ausgestopft." Er bevorzuge die Boulevardblätter: "Je scheußlicher die Zeitungen, desto mehr Gewinn ziehe ich daraus."

Angele zeigt: Eine gut gemachte Zeitung ist nicht einfach nur eine Ansammlung von Artikeln, sondern eine abwechslungsreiche Komposition - noch mehr, eine "Erzählung der Welt". Das geht verloren, weil zu viele denken, sie bräuchten das nicht oder könnten es sich von anderen Medien besser liefern lassen. Ein Irrtum.

Mittwoch, 30. August 2017

Werner Bergengruen: E.T.A. Hoffmann

"...ich habe jetzt wirklich Wichtigeres zu lesen, als mich mit der doch etwas verstaubten Prosa Bergengruens noch einmal zu beschäftigen", schrieb Marcel Reich-Ranicki 2006 unnachahmlich in der FAZ. Verstaubt ist sie wirklich, die Sprache Bergengruens, andererseits ist eine Schriftsteller-Biographie, von einem anderen Schriftsteller verfasst, immer etwas Lesenswertes - weil sie den Blick auf gleich zwei Literaten erlaubt. Hinzu kommt mein besonderes Interesse an E.T.A. Hoffmann, das mich eigentlich alles lesen lässt, was vom oder über den großen Romantiker geschrieben wurde.

1939 hat der Balte Werner Bergengruen den 116 Jahre vor ihm in Königsberg geborenen Hoffmann porträtiert. Tatsächlich mutet seine Sprache verstaubt und behäbig an, aber auch schon wieder so sehr aus der Zeit gefallen, dass es den Leser in eine angenehm ferne, exotische Welt versetzt. "Der Oweh-Onkel war nicht ohne eine gewisse leblose Gutmütigkeit, vor allem aber ein beschränkter und hypochondrischer Pedant, dessen Lebenslauf sich nach dem Uhrenschlage richtete, und in die Mechanik dieses Ablaufs spannte er in wohlmeinender Unbarmherzigkeit auch den Neffen ein." So beschreibt Bergengruen Hoffmanns Onkel Otto.

Das Büchlein beleuchtet auf knapp 100 Seiten kurz und bündig die Lebensstationen Hoffmanns, als Student in Königsberg, Beamter in Polen, Kapellmeister in Bamberg, Musikdirektor in Leipzig und Dresden, schließlich Kammergerichtsrat in Berlin, die lebenslange Freundschaft zum biederen Theodor Hippel, die verrückte Liebe zu seiner 20 Jahre jüngeren Gesangsschülerin Julia Marc in Bamberg und die wahnsinnigen Nächte mit Ludwig Devrient im Weinhaus Lutter und Wegner.

Bergengruens Kunstgriff ist, dass er Hoffmann anhand von dessen Roman- und Novellenfiguren charakterisiert. Das ist sicher nicht ganz redlich, aber im Sinne einer literarischen Biografie durchaus unterhaltsam und anregend.

Bergengruen hält sich mit seinem eigenen Urteil über den von ihm verehrten Hoffmann und seine Literatur nicht zurück. Das ist, besonders, wo er ihn kritisiert, wert, zitiert zu werden, weil es Einblick auch auch in Bergengruens Denkwelt gibt:

"Gepackt von einem Einfall, beginnt er zu schreiben, ohne sich Gedanken zu machen, wie es weitergehen soll. Daher das Ungleichmäßige, das Nichtdurchkomponierte, das Fragmentarische gerade seiner herrlichsten Schöpfungen, daher die Schwäche der zweiten Teile, in denen ein meisterhaft geschürzter Knoten oft eine unfreudige und trockne Auflösung erfährt. (...) Von seinen Visionen gejagt, schreibt er schnell und flüchtig. (...) Oft unterlaufen ihm Ungeschicklichkeiten und Unwahrscheinlichkeiten; hiermit ist nicht das Außergewöhnliche, Übernatürliche, Spukige gemeint - denn dies ist bei Hoffmann immer wahrscheinlich! -, aber das Erzählerisch Unglaubwürdige oder das unzureichend Motivierte."



Montag, 31. Juli 2017

Hanns Arens: Unsterbliches München

"Streifzüge durch 200 Jahre literarischen Lebens der Stadt" heißt dieses fast 850-seitige Kompendium, das im Jahr 1968 erschienen ist. Und es ist wirklich komplett. Nichts, was sich in Sachen Literatur in diesen 200 Jahren in München abgespielt hat, lässt der Autor aus.

Zu ihrem Recht kommen natürlich die großen Wahl-Münchner Thomas Mann, Rainer Maria Rilke, Stefan George, Frank Wedekind, Lion Feuchtwanger, der Literatur-Nobelpreisträger Paul Heyse - seinerzeit sehr beliebt, heute kaum noch der Rede wert -, Bert Brecht, Joachim Ringelnatz und Erich Kästner. Bayerns Heimatromancier Nummer 1, Ludwig Ganghofer, ist ebenso auf vielen Seiten gewürdigt wie Humor-Philosoph Karl Valentin und die auf verlorenem Posten um deutsch-französische Verständigung kämpfende Annette Kolb.

Es fehlt nichts. Es scheint, als hätte der Autor (er taucht immer wieder selbst mit seinen Erlebnissen auf und nennt sich dann "Der Chronist") vollständig sämtliche Zeugnisse, Tagebuchnotizen, Zeitungsartikel und Erinnerungsbücher zusammengetragen, um auch kürzeste Aufenthalte bedeutender Schriftstellerinnen und Schriftsteller an der Isar zu dokumentieren. Wer wüsste schon, dass Knut Hamsun, Franz Kafka, Wilhelm Busch,
Heinrich Heine und Henrik Ibsen in München weilten?

Leider doppelt sich vieles. Und der damals vielleicht noch übliche Plauderton, der vielen jungen Schriftstellern "jugendlichen Leichtsinn" unterstellt und ähnliche altkluge Einordnungen und Bewertungen vornimmt, ist die Kröte, die der Leser für diese geballte Ladung Information schlucken muss.

Sonntag, 28. Mai 2017

Reinhard Horowski: Hölderlin war nicht verrückt

"
Die letzten 36 Jahre seines Lebens vegetierte Friedrich Hölderlin (1777-1843) nervlich und geistig zerrüttet in einem Turm am Tübinger Neckarufer. Der Literat, dessen Briefroman „Hyperion“ zu den Klassikern der deutschen Literatur zählt, hatte eine Odyssee hinter sich, als er im Alter von 36 Jahren zusammenbrach. Kindheit in Nürtingen, verschiedene evangelische Internate und Bildungsstätten, Anstellungen als Hauslehrer, schließlich die unglückliche Liebe zur verheirateten Susette Gontard, deren jäher Tod ihn bestürzte.

Gegen seinen Willen wurde Hölderlin ins Authenriedsche Klinikum Tübingen eingeliefert. Nach achtmonatiger Behandlung gaben ihn die Ärzte auf. Zum Glück nahm sich der Tübinger Schreinermeister Ernst Zimmer des Poeten an und ließ ihn bis bis zu seinem Tod im Alter von 73 Jahren in seinem Turm wohnen.

Während der letzten Jahrzehnte war Hölderlin ein Schatten seiner selbst: Menschenscheu tigerte er vor dem Turm auf und ab, er schrieb Zusammenhangloses, redete wirr, benutzte Fantasiewörter wie „pallaksch“, titulierte Besucher mit „Majestät“ und „Heiligkeit“. Davon berichteten Literaten und andere Neugierige, die den „wahnsinnigen Dichter“ – so kannte ihn ganz Tübingen – besuchten.

Mit dem Mythos vom „genialen Irren“ will der Pharmakologe Reinhard Horoswki in seiner neu erschienenen Streitschrift „Hölderlin war nicht verrückt“ aufräumen. Er widerspricht der Annahme, die Psychiater bis heute vertreten: der Dichter sei schizophren gewesen. Teils folgt Horowski dem französischen Germanisten Pierre Berthaux, der vermutete, Hölderlin habe als republikanischer Revolutionär seine psychische Erkrankung nur vorgetäuscht, um einer Verfolgung zu entgehen. Aber auch Hölderlins Mutter, die er als geldgierig beschreibt, trägt für Horowski Schuld, dass der Literat als unzurechnungsfähig eingestuft wurde: Sonst hätte sie einen Teil der Stipendien zurückzahlen müssen. Für Verhaltensstörungen, Mattheit und Konzentrationsschwäche des späten Hölderlin findet Horowski indes eine Erklärung: Der Dichter sei im Authenriethschen Klinikum mit einer Überdosis Kalomel fehlmedikamentiert und somit vergiftet worden.

Horowskis Buch trägt Züge einer polemischen Abrechnung mit der Psychiatrie und schießt in seinem pauschalen Urteil gegen einen ganzen Berufsstand mitunter über das Ziel hinaus. Andererseits ist dem Autor eine höchst unterhaltsame und kenntnisreiche Auseinandersetzung mit Leben, Umfeld, literarischer Bedeutung und Wirkung Hölderlins gelungen.

Zeitgleich ist im Tübinger Verlag Klöpfer & Meyer eine Neuauflage des Werks erschienen, das den Mythos vom „wahnsinnigen Dichter“ mitbegründete. Schriftsteller Wilhelm Waiblinger, der Theologiestudent in Tübingen war, ehe er des Evangelischen Stifts wegen Verstößen gegen die Hausordnung verwiesen wurde und nach Rom zog, wo er 1830 mit nur 25 Jahren an den Folgen einer Syphillis starb, legte 1827 die erste Hölderlin-Biografie vor.

In „Friedrich Hölderlins Leben, Dichtung und Wahnsinnn“ schilderte Waiblinger, der Hölderlin vier Jahre lang besuchte und sich liebevoll ihn kümmerte, wie sich der Umnachtete von der Realität entfernte, keinen Gedanken mehr festhalten konnte und den Zugang zur Außenwelt verlor. „Hölderlin schüttelt mich“, schrieb Waiblinger. Ob der jüngere Autor, der sich dem Hyperion-Dichter seelenverwandt fühlte, jedoch als absolut verlässliche Quelle für die Hölderlin-Forschung dienen kann, bezweilfelt Kurt Oesterle in seinem lesenswerten Vorwort: Zu sehr habe Waiblinger eigene Charakterschwächen wie den übergroßen Ehrgeiz auf Hölderlin projiziert. Der mit Tagebucheinträgen, Briefen und Wabilingers Gedicht „An Hölderlin“ ergänzte Band ist dennoch geeignet, einem der größten literarischen Genies auf die Spur zu kommen.

Reinhard Horowski: Hölderlin war nicht verrückt. Streitschrift. Klöpfer & Meyer, Tübingen. 192 Seiten. 20 Euro.

Wilhelm Waiblinger: Friedrich Hölderlins Leben, Dichtung und Wahnsinn. Mit einer Einleitung von Kurt Oesterle. Klöpfer & Meyer, Tübingen. 120 Seiten. 18 Euro.


Erschienen in Schwäbische Zeitung, Mai 2017.

Mittwoch, 22. Juni 2016

Peter Härtling: Hölderlin

Ich habe mich durchgekämpft. Es war nicht immer leichte Kost, aber wer das geschafft hat, ist amtlicher Experte für das Leben des Dichters Friedrich Hölderlin. Akribisch ist untertrieben: Peter Härtling hat augenscheinlich alles recherchiert, was es zu Hölderlins Leben gab. Dokumente, Briefe, Manuskripte, Verzeichnisse, jedes Stück Sekundärliteratur, jede Lebensbeschreibung, Gemälde, Quittungen, Papierfetzen, beschriebene Bierdeckel, was weiß ich... In diesem biographischen Roman steckt der ganze Hölderlin drin - und noch mehr. Und das muss man mögen.

Die Handlung zeichnet alle Lebensstationen des Dichters nach, die Kindheit in Nürtingen, die Internatsjahre in Denkendorf und Maulbronn, die revolutionäre Phase am strengen Tübinger Stift, die erste Hofmeisterstelle beim sadistischen Sohn der Waltershausener Familie von Kalb, die unglückliche Liebe zu seiner Dienstherrin Susette Gontard in Frankfurt, die Arbeit am "Hyperion", die Stationen in Hauptwil, Bordeaux, Stuttgart und Homburg. Schließlich der geistige Zusammenbruch und die 36 letzten, umnachteten Jahre im Tübinger Turm. Und mehr, mehr, mehr.

Dieses Mehr ist das Problem. Eine Biographie hält sich nämlich entweder ausschließlich an die Fakten, oder der Autor macht einen Roman daraus, der weglässt, ergänzt, fokussiert, zuspitzt. Härtling versucht in seinem "Hölderlin" von 1976 beides, allerdings ist ihm sichtlich unwohl dabei. Warum müsste er sonst ständig thematisieren, dass er Hölderlins "Gedanken nicht nachdenken" kann, es aber dennoch unaufhörlich versucht und in einem fort psychische Regungen rekonstruiert?

"Wäre es nur so, dachte er. Sie rechnen nicht mit dieser Bitterkeit und dem Frost, der mich manchmal steif macht."

Und dann wieder thematisiert der Erzähler, dass er dieses Hineindenken eigentlich nicht darf und kann. Manchmal spielt er selbstbewusst mit dieser Marotte, tritt als auktorialer Erzähler, der bewusst die Fäden zieht in Erscheinung:

"Ich lasse den Jungen hartnäckig sein."

Manchmal geht er vorsichtig zu Werke:

"Es kann sein, dass er wieder das Gefühl hatte, von innen zuzuwachsen".

Das, nebenbei bemerkt, ist eine wunderschöne Formulierung. Von innen zuwachsen. Das Gehetzte, Getriebene, die Flucht, das Fremdsein, der Kontrast zwischen weitem Geist und beengten Verhältnissen, alles das ist eindrücklich beschrieben. Und ich gehe jetzt einfach mal davon aus, dass Härtling richtig liegt, wenn er das zu einem Wesenskern Hölderlins kürt.

Aber, um noch einmal zurückzukommen auf die Erzählweise: Zu oft ist die einfach nur nervig. Dieses Buch atmet den Geist der Siebzigerjahre: Du, was hat sich der Hölder dabei gedacht? Was hat das mit ihm gemacht? Lass uns darüber reden.

Aber auch ein paar Lustigkeiten sind dabei. Wenn Härtling, der selbst in Nürtingen aufwuchs, Hölderlin und Schelling in breitestem Schwäbisch über Hegel sinnieren lässt, das hat was (siehe Foto).

Alles in allem: Hardcore-Hölderlin-Fans - ich oute mich als einer - kommen auf ihre Kosten. Man könnte aber  auch gleich Hölderlin lesen ;-)

"Jede Zeit hat ihre Sprache. Diese irrt zwischen Himmel und Erde. Sie sucht nach Göttern und Geistern, baut arkadische Landschaften, modelt an einem Menschenbild, das bieder und hochfahrend in einem ist. Sie findet Wörter, Begriffe, die sich von dem lösen, was sie fassen sollen."

Mittwoch, 4. Mai 2016

Volker Weidermann: Ostende 1936 - Sommer der Freundschaft

Zu Filmen auf DVD gibt's oft  Bonusmaterial. Es bietet einen Blick hinter die Kulissen, ein Making-of, ein Gespräch mit dem Regisseur und ähnliches. Ist der Film gut, schaue ich mir dieses Bonusmaterial ganz gern an. Der Film sind in diesem Fall die Werke von Stefan Zweig, Josef Roth, Irmgard Keun, Egon Erwin Kisch, Ernst Toller, Arthur Koestler, Hermann Kesten und vielen anderen. Das Bonusmaterial ist diese biografische Skizze aus dem Jahr 1936, als alle diese Exilautoren - und noch mehr Verfemte und Vertriebene des Naziregimes - im belgischen Badeort Ostende aufeinandertrafen. Beides ist es wert.

Literaturkritiker Weidermann, zurzeit "Der Spiegel" und "Literarisches Quartett", veröffentlichte dieses Buch 2014, als er noch Feuilletonchef der FAS war. Er hat unendlich viel Material gesammelt, wunderbare Briefe und Zitate ausgegraben - wie Zweigs göttlichen Text "Das Buch als Eingang zur Welt" - und eine leichtfüßige Erzählung daraus gemacht. Das Gegenteil von bleischwerer Sekundärliteratur.

Es ist wohl kein Zufall dass das alles sehr an die psychologisch fein gezeichneten historischen Biografien Stefan Zweigs wie in "Sternstunden der Menschheit" erinnert. Was Weidermann nicht belegen kann, konstruiert er nach dem Prinzip der größtmöglichen Wahrscheinlichkeit - und es ist letztlich egal, wass er hinzugefügt hat. Denn so könnten sie wirklich gelaufen sein: Die Runden Egon Erwin Kischs im Kreise seiner kommunistischen Kampfgenossen. Die Gespräche zwischen Zweig und seinem bettelarmen, abgerissenen, versoffenen, weinerlichen, aber genialen und geliebten Freund Joseph Roth.

Die Vertrautheit zwischen dem Schriftsteller Zweig, der gerade dabei ist, alles zu verlieren, und seiner scheuen Sekretärin und Geliebten Lotte Altmann. Und die ganz große Liebe zwischen Joseph  Roth und Irmgard Keun. Sie spornen sich gegenseitig zum Schreiben an, saufen gemeinsam, und sie hält ihn, wenn er sich morgens übergeben muss. Irgendwann erträgt sie ihn nicht mehr, sie flieht und schreibt in einem Brief: "Es war wie immer. Es war das Ende."

Eine unbeschwerte Urlausstimmung ist das nicht. Die Katastrophe ist nah. Für einige ist sie schon da, für alle wird sie kommen. Viele haben schon alles verloren, andere klammer sich an das, was sie noch haben, und  wollen - wie Zweig - offenbar nicht wahrhaben, dass das größte Unheil noch über sie kommt. Sie müssen weiter, weg aus Europa, oder direkt in den Kampf, wie Arthur Koestler in den spanischen Bürgerkrieg. Es wird noch schlimmer - für fast alle, nach diesem Sommer in Ostende.


Dienstag, 19. April 2016

Hermann Hesse: Im Presselschen Gartenhaus

Eine hinreißende Tübingen-Miniatur aus dem Jahr 1913. Hesse hatte in der Unistadt  bei Heckenhauer von 1895 bis 1899 eine Buchhändlerlehre absolviert. In dieser Momentaufnahme gelingt ihm eine fantastische Charakteristik seiner verflossenen Tübinger Dichterbrüder ein Jahrhundert zuvor.

Eduard Mörike und Wilhelm Waiblinger, beide Theologiestudenten am evangelischen Stift, holen den damals 53-jährigen, geistig umnachteten Friedrich Hölderlin in seinem Turm ab, wo ihn die Familie des Schreiners Zimmer pflegt. Gemeinsam ziehen sie ins Sommergartenhaus auf dem Österberg. Als Hölderlin wieder abgeholt wurde, erzählt Mörike die lustig-fantastische Geschichte von seiner Begegnung mit dem Museumsdirektor Joachim Andreas Vogeldunst aus Samarkand, der für seine Kuriositätensammlung noch einen schwäbischen Dichter benötigt.

Höderlin ist nur noch ein Schatten seiner selbst, traurig und verängstigt wie ein gefangener großer Vogel. Spricht er, so verschanzt sich hinter einem feierlichen Hofzeremoniell, redet die Studenten mit "Majestät" an, brabbelt Unverständliches vor sich hin. In seiner Krankheit erkennen die Studenten weniger einen Wahnsinn "als eine tiefe Ermüdung und hoffnungslose Resignation des verbrauchten Geistes und Herzens". Immer wieder flackert in Hölderlin eine Ahnung des Großen auf, etwa bei dem abendlichen Gedanken, Jugend und Schönheit, vergessene geistige Gedankenwelten hätten an diesem Tag in der Laube zu ihm gesprochen. Doch: "Er vermochte nur noch die dünne, vereinzelte Melodie seiner eigenen Vergangenheit zu hören, und die war nichts als unendliche Sehnsucht ohne Erfüllung gewesen. Er war alt, er war alt und müde."

Waiblinger ist ein Fantast, reizbar, impulsiv und vom absoluten Willen durchdrungen, Schönes und Wahres zu schaffen - zur Not mit Gewalt. Mörike fürchtet seine "Mischung von brutaler Offenheit und pathetischer Schauspielerei". Waiblinger weiß, dass seine Lebenszeit schneller verbraucht ist als bei anderen: "Ich bin gezeichnet wie ein Baum, der gefällt werden soll." Ganz anders Waiblingers Gesicht, wenn er sich rührend und liebevoll um seinen geistigen Bruder Hölderlin kümmert.

In keinen der drei blickt Hesse so tief hinein wie in Mörike. Äußerlich wegen seiner guten Laune geliebt, ein "stiller und guter Stern", der Verzicht predigt. "Du stehst überall nur wie ein Wächter dabei und hast überall nur teil am Schönen und Zarten und nicht am Giftigen und Hässlichen", wirft ihm Waiblinger vor. Und innerlich? Da schaudert Mörike vor sich selbst, wie ihm in manchen schönen Augenblicken "plötzlich die ganze Umgebung zu einem verzauberten Bilde erstarrte, in dem er mit staunenden Augen stand und die rätselhafte Schönheit der Welt wie eine Mahnung und beinahe wie einen feinen, heimlichen Schmerz empfand." Wie er in Abgründe und Schwermut hinabgleitet. "War es wirklich das Schicksal der Dichter, dass ihnen keine Sonne scheinen konnte, deren Schatten sie nicht in der eigenen Seele sammeln mussten?" fragt sich Mörike selbst

Hesse schließlich gelingt es, sich unter die anderen schwäbischen Dichter einzureihen. Der abgründige Menschenkenner leidet mit, fühlt sich verwandt, setzt Tübingen und der Zeit ein unfassbar poetisches Denkmal. Und auf Hessesche Schrulligkeiten wie die "frohen, ernsten, heiteren oder träumerischen Jünglingsgesichter", bei denen "knabenhafter Stirn" strahlt, muss der Leser auch nicht verzichten. Also alles drin.

Sonntag, 17. April 2016

Peter Härtling: Waiblingers Augen

Dem vergessenen Dichtergenie Wilhelm Waiblinger (1804-1830) hat Peter Härtling 1987 diesen biografischen Roman gewidmet. Aus dem ohnehin kurzen Leben Waiblingers, der mit 25 Jahren in Rom starb, hat Härtling eine kurze, aber intensive Lebensepisode herausgepickt. 

Der junge Mann, der schon als Dreizehnjähriger Hilfsschreiber am Uracher Oberamtsgericht war, war als Theologiestudent provisorisch im Tübinger Stift aufgenommen. In dieser Zeit, als 19-Jähriger, veröffentlichte Waiblinger seine gefeierte autobiografische Erzählung um den Dichter Phaeton. 1822 besuchter er erstmals den seit langem geistig umnachteten Hölderlin in seinem Turm, mit dem er von nun an immer wieder Gespräche führte. Sein viel beachteter Aufsatz "Friedrich Hölderlins Leben. Dichtung und Wahnsinn" ist das Ergebnis dieser Begegnungen.

Ebenfalls historisch belegt ist das Verhältnis Waiblingers mit der fünf Jahre älteren Julie Michaelis, der Schwester des jüdischen Tübinger Juristen Adolph Michaelis, das aktenkundig wurde, weil das Haus der Familie nach Brandstiftung in Flammen aufging. Auf die Veröffentlichung seiner Bücher "Lieder der Verirrung" und "Drei Tage in der Unterwelt" hin wurde Waiblinger aus dem Stift ausgeschlossen. 1826 reiste er nach Italien, wo er bis zu seinem Tod lebte.

Für Härtling ist dieses Leben die Grundlage für das Porträt eines überschäumenden Gefühlsmenschen, der in seinen immer weiter gesteigerten Emotionen verglüht. "Verspätetes Kraftgenie" war der Ausdruck, den Hermann Hesse für Waiblinger fand.

Bei Härtling ist Waiblinger ein durch und durch poetisches Wesen, ein Lord Byron, ein Don Giovanni, dem die biedere Realität bei Weitem nicht genügt. Dass die Straßen Tübingens nicht auch verwüstet sind, wenn sein Inneres zerrütet ist, macht ihn fassungslos. Die undurchsichtige, - mir sehr sympathische - Erzählweise dieses Romans macht mitunter schwer zu unterscheiden, was Teil der erlebten Wirklichkeit und was Teil des in Waiblingers Kopf wuchernden, energiestrotzenden Romans.

Wie ich es immer bei besonders gelungenen Romanen mache, kommt verstärkt das Buch selbst zu Wort.

Waiblinger sagt:

"Ja, ich bin überreizt, ich verwechsle Glück mit Unglück, liebe leidenschaftlicher als andere, renne gegen Wände, und manchmal, nachts, bin ich das Geschöpf meiner Alpträume, ein orientalischer Fürst und eine blutgierige Bestie zugleich."

"Schreiben und Leben zusammenführen, so zu verquicken, dass mein Werk und ich eines werden, das Leben die Dichtung und die Dichtung das Leben."

Die Familie Michaelis weist ihn zurück, sieht sich selbst an den Rand gedrängt, kann das ungestüme Wesen des Dichters nicht ertragen.

"Er ist in unser Leben eingebrochen, eigensüchtig, nur darauf aus, sich zu erkunden und uns zu gebrauchen, gewiss begabt, doch eingesperrt in seinem Wahn, mit ein paar Versen das Leben zu steigern"

Julie sagt zu Waiblinger:

"Du gehörst zum niemandem, Wilhelm, du bist entsetzlich frei und vielleicht deshalb auch verloren."

"Was du liebst, zerstörst du auch."

Jedes zweite Kapitel aus der Sicht von Julies jüngerer Schwester Lily geschrieben. Das frühreife Kind erkennt als einzige die ganze Weite von Waiblingers Wesen, sie sieht sich als die wahre Geliebte des Dichters. Sie liebt und versteht Waiblinger und weiß, sie würde mit ihm die Flucht aus der Enge ergreifen - nicht wie die ängstliche, verzagte Julie. Aber auch diese kann nicht verhindern, dass die Berührung mit Waiblinger in einer vielfachen Katastrophe endet.
 





Dienstag, 16. September 2014

Robert Löhr: Das Erlkönig-Manöver

Das ist mal eine Reisegesellschaft: Goethe und Schiller, dazu Alexander von Humboldt, Achim von Arnim, Bettine Brentano und Heinrich von Kleist machen sich im Jahr 1805 gemeinsam ins von den Franzosen besetzte Mainz auf, um den französischen Thronfolger aus den Fängen Napoleons zu befreien. Aus dieser fantastischen Konstellation hat Robert Löhr ein sehr unterhaltsames und lustiges historisches Roadmovie gestrickt.


Die Reise, die von Weimar über Frankfurt, den Hunsrück, Mainz und das Kyffhäusergebirge wieder zurück nach Weimar führt, verläuft selbstverständlich turbulent, es kommt zu Verstrickungen und Verwicklungen. Die einen sind einander nicht grün (Kleist und Goethe), andere (Goethe und die Brentano, Humboldt und Kleist (!)) wiederum sind sich überaus zugetan. Der Autor hat die Dichter und Denker in ihren Eigenheiten fabelhaft charakterisiert und treffend überzeichnet.
 
Das  Wunderbare an diesem Buch aber sind die allgegenwärtigen Anspielungen auf die historischen Dichterpersönlichkeiten und ihre Werke. In nahezu jedem Dialog kann der Leser Zitate oder Figuren aus Dramen, Romanen, Gedichten oder Abhandlungen von Goethe & Co. entdecken. Das Ganze erscheint nie gewollt, höchstens satirisch überhöht:  Denn natürlich greift Schiller im Ernstfall zu Armbrust und hortet in seinem Schreibtisch faule Äpfel. Wenn Goethe dann plötzlich mit Schiller-Zitaten um sich wirft, hat dies eine ganz spezielle Bedeutung, die die Handlung voranbringt. Löhr ist ein wahres Kunstwerk gelungen.

Freitag, 2. Mai 2014

Bernardo Atxaga - Der Mann der Obaba schuf

Gleiche Worte, andere Buchstaben – „Las mismas palabras con diferentes letras” heißt die Ausstellung, die bis zum 9. Dezember 2005 im CAM-Kulturzentrum von Alicante zu sehen ist und erstmals das bisherige Gesamtwerk Bernardo Atxagas in verschiedenen Sprachen zeigt. Atxagas Sprache ist die baskische, als deren bekanntester und wichtigster Literat er seit Jahren gilt. Die Ausstellung wird ergänzt durch Plastiken von Eduardo Chillida, Darío Urzay und Ricardo Toja: Sie alle ließen sich von Atxagas Geschichten inspirieren, deren Drehund Angelpunkt das fiktive baskische Dorf Obaba ist.

Atxaga, der mit bürgerlichem Namen Joseba Irazu Garmendia heißt, studierte zunächst Wirtschaftswissenschaften und veröffentlichte 1976 seinen ersten Roman „De la ciudad“. Den Künstlernamen lieh er sich damals von seinem Mitbewohner Bernardo, der ihm auch die Schreibmaschine für seine ersten literarischen Schritte zur Verfügung stellte.

Der Durchbruch gelang dem heute 54-Jährigen im Jahr 1988 mit dem Roman „Obabakoak“, einem Schelmenstreich skurriler Fabulierkunst. 26 Episoden ergeben in diesem Buch, wie auf einer Perlenschnur aneinander gereiht, ein Porträt des Ortes Obaba. Der Leser begegnet einer jungen Lehrerin, die einsam durch die Straßen zieht, einem Diener, der eine nächtliche Reise zu Pferd auf sich nimmt, um dem Tod zu entkommen, und einem Zwerg, der sich für einen großen Dichter hält.

Diskussionen über die Kunst des Geschichtenschreibens sind in die Erzählungen ebenso eingewoben wie eine Betrachtung über die Literatur des 19. Jahrhunderts. Wie das Dorf Macondo in Gabriel García Márquez‘ „Hundert Jahre Einsamkeit“ ist Obaba ein symbolischer Ort auf der Landkarte des menschlichen Bewusstseins, Denkens und Empfindens. Atxaga selbst verglich „Obabakoak“, das vielfach ausgezeichnet und in mehr als 20 Sprachen übersetzt wurde, mit den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht.

„Alles Sichtbare haftet am Unsichtbaren, das Hörbare am Unhörbaren, das Fühlbare am Unfühlbaren, vielleicht das Denkbare am Undenkbaren“, zitierte Atxaga einmal den deutschen Dichter Novalis und beschrieb damit seine Kunst, die große Welt in Obaba, der kleinen Welt der Bauern, Bettler und Tagelöhner, einzufangen. Obaba ist Hamburg – denn in dieser Stadt beginnt die Romanhandlung – genauso wie Asteasu, Atxagas eigener Heimatort. Im dortigen Bergwerk begegnete der Autor in seiner Kindheit deutschen Ingenieuren:

„Ihr Akzent, ihre zupackende Art sind mir unauslöschlich im Gedächtnis geblieben“, erklärte Atxaga, der zur Ausstellungseröffnung nach Alicante gekommen war, gegenüber der Costa Blanca Rundschau seine besondere Beziehung zu Deutschland. Die deutschen Ingenieure sind eingeflossen in die Figur des Esteban Werfell, eines baskischen Jungen, der sich von seinem Vater – einem deutschen Ingenieur – eingeengt fühlt. Auf besonderen Wunsch Atxagas spielt die Figur des deutschen Ingenieurs auch in der Verfilmung von „Obabakoak“, die seit wenigen Wochen in den spanischen Kinos zu sehen ist, eine wichtige Rolle.

Regisseur Montxo Arméndariz glückte der Versuch, aus der Geschichtensammlung eine zusammenhängende Filmstory zu machen. Als Rahmenhandlung dient die Reise der 25-jährigen Lourdes, die mit der Videokamera Obaba und seine Leute porträtieren will. Die spanisch-deutsche Koproduktion, die in Ustarroz (Navarra) gedreht wurde, tritt für Spanien bei der Bewerbung um die Oscars für nichtenglischen Film an. Obaba ist die Welt, in die Atxagas Erfahrungen aus Kindheit und Jugend einfl ießen. „Die Welt meiner Kindheit war ländlich und einfach, ohne Politik, ohne Lenin, Marx und Freud“, sagte der Schriftsteller in Alicante. Doch irgendwann brach die Politik über das Dorf herein: der Widerstandskampf der Basken, Terrorismus, Gewalt und Unterdrückung.

Über das literarische Schaffen Atxagas brach die Politik Mitte der 90er Jahre herein. Der Roman „Ein Mann allein“ ist das Porträt eines Ex-Aktivisten der Terrororganisation Eta, „Das Fenster zum Himmel“ begleitet eine Eta-Terroristin nach der Verbüßung ihrer Haftstrafe zurück ins Baskenland. Atxagas jüngstes Werk, „Der Sohn des Akkordeonspielers“ (2004), beschreibt einen jungen Mann, der in den 60er und 70er Jahren im gewaltsamen Umfeld der Eta aufwächst. Diese politischen Romane stießen bei der Kritik auf geteiltes Echo.
 
In Alicante kündigte Atxaga nun wiederum eine Kehrtwende an. Hatte er vor wenigen Jahren noch davon gesprochen, mit seiner Literatur zur Verständigung beizutragen und der Gewaltspirale im Baskenland die Kultur entgegenzusetzen, klingt der Schriftsteller nun resigniert. „Es ist alles zur Problematik im Baskenland gesagt und geschrieben, ich bin müde“, sagte er in Alicante und fügte hinzu: „Jetzt sollen die Politiker handeln und mir Bescheid sagen, wenn sich etwas verbessert hat.“
 
Auf die Frage, ob Kultur die Völker verbinden könne, antwortete er nur kurz „Da bin ich skeptisch“ und leitete lieber zu seinem neuesten Buchprojekt über. „Sieben Häuser in Frankreich“ soll es heißen und im nächsten Herbst erscheinen. Atxaga, so scheint es, kehrt zu seinen Wurzeln zurück, auch wenn er betont, das neue Buch sei realitätsnaher als seine früheren Werke. Ein altes Klassenfoto ist der Ausgangspunkt für den Erzähler, der die darauf Abgebildeten auf ihren getrennten Wegen in ihre verschiedenen Häuser begleitet: ein Hotel, ein Gefängnis, ein Tempel und ein Krankenhaus zum Beispiel.
 
Die Inspiration fand Atxaga – wo auch sonst – in Obaba, der Welt, die ihm begegnet und sein Bewusstsein prägt: „Ich hörte, dass ein ehemaliger Schulkamerad von mir inzwischen Mönch in einem hinduistischen Tempel ist.“ Von Bernardo Atxaga sind zahlreiche Werke in deutscher Übersetzung erschienen, darunter „Obabakoak“, „Das Fenster zum Himmel“, „Memoiren einer baskischen Kuh“ sowie das Kinderbuch „Shola und die Wildschweine“.

Erschienen in Costa Blanca Rundschau Nr. 42, Woche 45/2005

Samstag, 7. April 2012

Hermann Hesse: Magie des Buches

Dreitausend Buchkritiken hat Hermann Hesse veröffentlicht – das werde ich wohl nicht mehr schaffen. Aber ich lasse mich nicht entmutigen und nehme mir den Suhrkamp-Band „Magie des Buches“ vor. Es enthält Essays zum Thema Buch, Lesen und Literaur, die Hesse über die Jahre publiziert hat.

Ich gebe zu: Es ist für mich immer noch ein Genuss, macht mich glücklich und gibt mir das Gefühl, an Weisheit zu gewinnen, wenn ich Hesse lese. „Zu diesem Gebiete, wo ich vor Enttäuschungen ebenso sicher bin wie vor Sensationen, kehre ich von allen Ausflügen ins Älteste und Fernste immer wieder zurück“: Was Hesse in seinem Text „Lieblingslektüre“ (1945) über die deutsche Literatur von 1750 bis 1850 schreibt, kann ich für mich auf die Werke Hesses anwenden. Mit der Ausnahme, dass Sensationen bei diesem Autoren, der gerne als kindisch, kitschig und neoromantisch (als sei dies ein Schimpfwort) geschmäht wird, durchaus drin sind. Etwa, wenn er Worte findet, um die glasklaren Lehren der östlichen Philosophie in den abenteuerlich zerklüfteten Landschaften der Romantik blühen zu lassen.

Auch die in diesem Band zusammengefassten Betrachtungen sind gleichzeitig ein „Zen in der Kunst des Bücherlesens“ und eine energiegeladene Hymne an das große Gefühl und die schöne Sprache. Was gut ist, kommt von innen: Das gilt auch für Gedichte (Essay von 1918), die „Träume oder Tanzschritte oder Schreie einer Seele, Reaktionen auf Erlebnisse gestammelte Wunschbilder oder Zauberformeln, Gebärde eines Weisen oder Grimasse eines Irren“ sein müssen, und eben nicht „gewollte Erzeugnisse, Fabrikate, Pralinés für das Publikum.“