Dienstag, 9. Juni 2026

Joseph Hone: The Book Forger

Dieser dokumentarische Roman erzählt die wahre Geschichte von Thomas James Wise, der als Englands größter Bücherjäger des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts galt. Wie schaffte es dieser Mann aus einfachen Verhältnissen nur, unaufhörlich kostbarste Erstausgaben großer Autoren aufzutun und auf den Markt zu bringen? Die Antwort: Weil er sie selbst gefälscht hatte. Er ließ nicht nur vermeintlich alte Bücher drucken - angebliche Privatdrucke, von denen selbst deren Autoren noch nichts gehört hatten -, sondern fledderte auch zahllose Bücher im British Museum und vervollständigte mit den erbeuteten Seiten Stücke in seiner eigenen Sammlung.

Wise genoss höchstes Ansehen - und so verwundert es nicht, dass die beiden jungen Buchhändler Pollard und Carter ("the Biblio Boys"), die ihm mit damals modernen Methoden auf die Schliche kamen, nur wenig Gehör fanden. Bis zu Wises Tod konnten sie ihm die Betrügereien und Fälschungen nicht nachweisen. Wiese selbst schwieg. Erst Jahrzehnte später fanden sich immer mehr Beweise für den großen Londoner Bibliophilen-Bluff.

Der Autor Joseph Hone hält sich einerseits akribisch an die diversen Quellen, worüber die ausufernden Endnoten minutiös Auskunft geben. Das macht das Ganze dann eben ziemlich langatmig und führt zu Wiederholungen. Gleichzeitig neigt Hone zum Psychologisieren - wenn auch nicht so stark wie Peter Härtling in den Siebzigerjahren. Er erinnert vielmehr an Dorothy L. Sayers, die tatsächlich als eine Verbündete Pollards und Carters dargestellt ist. Wenn im Text dann immer wieder daran erinnert wird, wie sehr sich die Biblio Boys für Kriminalromane interessierten, ist das schon ein bisschen platt. 

Hone, der den Stoff 2024 wieder ausgrub, nicht der erste, der sich mit der Thematik beschäftigte. Das stellt er aber in einem Anhang ausführlich dar. Wohl aber der erste, der eine Art Krimi aus dem Stoff macht.

Vielerlei Positives gibt es auch: Wer beschreibt, wie alte Bücher gefälscht werden, muss auch schreiben, wie sie hergestellt wurden, damit sie  den besonderen Zauber alte Bücher verströmen können, die du viele Hände gegangen sind und die Spuren der Zeit tragen. (Interessant: Gerade Wises Fälschungen, die noch immer von der British Library gehütet werden, sind auf perfekten „Erhaltungszustand“ bzw Mint-Kondition getrimmt worden, offenbar der Geschmack der damaligen Zeit oder auch: Mundus vult decipi…)

Lesenswert, was Hone über Typografie (was sind Ligaturen?), Papierherstellung, Drucktechnik, Restaurierung, Bindung, Illustrationen erzählt. Und wie er das eine Zeit porträtiert, in denen das Büchersammeln noch ein weit verbreitetes und respektiertes Hobby der höheren Gesellschaft und der Neureichen war.  

Wie um alte Bücher gefeilscht wurde, liest sich spannend. Wie Wise mit den Mechanismen des antiquarischen Marktes jonglierte, um seine Fälschungen unterzujubeln und dabei eigene Spuren verwischt, fasziniert. Wenn dann wieder einzelne Seiten mit dem Skalpell aus Bibliotheksbüchern getrennt werden, läuft es wirklich jedem Bibliophilen eiskalt den Rücken hinunter.