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Donnerstag, 2. April 2026

Adelbert von Chamisso: Reise um die Welt

Adelbert von Chamisso, bekannt als romantischer Autor von Peter Schlemihls wundersamer Geschichte um den Unglücklichen, der seinen Schatten verkauft, machte im Berlin zum Beginn des 19. Jahrhunderts auch als Botaniker Karriere. In den Jahren 1815 bis 1818 begleitete er als Naturforscher das russische Expeditionsschiff "Rurik". Unter dem Kommando des deutschen Kapitäns Otto von Kotzebue (Sohn des Dramatikers August von Kotzebue) umsegelte es die Welt, um im Polarmeer eine Nordostpassage zu entdecken.

Die Expedition scheiterte, weil der Kapitän erkrankte. Dennoch gelangen Chamisso einzigartige Entdeckungen, von denen er einige in dieser schön bebilderten Auswahl seiner Tagebuchaufzeichnungen schildert. Vor allem aber sind es die allgemeinmenschlichen Betrachtungen, die dieses Buch so sympathisch und lesenswert machen. Chamisso erzählt von seiner Freundschaft mit dem Südseeinsulaner Kadu - der die Expidition ein großes Stück und bis in den hohen Norden begleitet - und macht sich Gedanken über dessen Weltsicht und Welterkennen. Eine perfekte Gelegenheit, um in Chamissos herrlichem Deutsch zu baden:

"Kadu, der, ein anderer Odysseus, ein vielbewegtes taten- und abenteuerreiches Leben zwischen den Wendekreisen auf einem Meerstrich geführt, dessen Ausdehnung beiläufig der Breite des atlantischen Ozeans gleichkommt, und nie das flüssige Lazur des Wasser erstarren, nie das üppige Grün des Waldes verwelken gesehen, - Kadu sah in diesen Tagen zum ersten mal das Wasser zum festen Körper werden und Schnee fallen. Ich glaube, dass ich ihm das grässliche Märchen unseres Winters nicht vorher erzählt hatte, um nicht von ihm, wenigstens bis zu der traurigen Erfüllung meiner Worte, für einen Lügner gehalten zu werden.“

Weniger gut versteht sich Chamisso mit Kapitän der ihn in seine Schranken weist und die Expedition, auf die Chamisso so brennt, schlicht abbricht. 

Schon zu Beginn der Reise macht er die ernüchterte Feststellung, dass er als Wissenschaftler vor allem die Aufgabe hat, nicht zu stören, sich unsichtbar zu machen: "Er hat hochherzig von Kämpfen mit den Elementen, von Gefahren, von Taten geträumt, und findet dafür nur die gewohnte Langeweile und die nie ausgehende Scheidemünze des häuslichen Elendes, ungeputzte Stiefeln und dergleichen." Die ganze Tragik des Urwaldschiffes...

Oder auch: Alle Abenteuer sind Luxus, den einem andere ermöglichen. Für die Seeleute gilt nur die Arbeit, nicht das Abenteuer. Auch er selbst soll seine Arbeit tun, die sich nicht groß von dem unterscheidet, was er zu Hause in Berlin macht.

Mittwoch, 6. August 2025

Emanuele Coccia: Die Wurzeln der Welt

Emanuele Coccia, italienischer Philosoph und Professor für Philosophiegeschichte in Paris, veröffentlichte dieses Werk 2016. Der französische Titel, der übersetzt Das Leben der Pflanzen – eine Metaphysik der Mischung lautet, trifft den Geist dieses Werks besser. 

Denn diese weitgehend im akademischen Stil gehaltene Abhandlung ist nicht nur eine Philosophie der Pflanzen, sondern eine Philosophie des kosmischen Lebens in seiner Gesamtheit. Alles mischt sich, alles taucht ineinander ein und gestaltet sich dadurch gegenseitig. Jede Aktivität ist Weltgestaltung. Die Pflanzen sind nur das sichtbarste Beispiel dieser Welt, in der alles Kontinuum – nichts Individuum und nichts nur zugehörige Umwelt – ist. Grenzen zwischen Mensch (oder auch Geist) und Umwelt (oder Materie) existieren nicht. 

Alles atmet gemeinsam diese Durchdringung: "Die Welt ist Atem und alles, was in ihr existiert, existiert als solcher." Coccia zeigt das am Blatt, mit welchem die Pflanze Photoynthese betreibt, auf.  Die Atmosphäre ist zu verstehen als "die Welt als Realität der Mischung, innerhalb derer alles atmet." 

  Die Wurzel wiederum ist die Extremität eines auf die Sonne bezogenen Kosmos. Sie "erlaubt es der Sonne – und dem Leben –, bis ins Mark des Planeten vorzudringen, den Einfluss der Sonne bis in seine tiefsten Schichten voranzutreiben." 

Coccia schafft es, seine wenigen prägnanten Botschaften eindringlich zu vermitteln. Ein bahnbrechendes philosophisches Werk. Faszinierend – und für sich allein mustergültig – ist die kurze Einlassung zu philosophischem Schreiben im Schlusswort.

Freitag, 13. Juni 2025

Meike Winnemuth: Bin im Garten

Ich weiß nicht, was ich mir von diesem Buch erwartet habe. Auf jeden Fall nicht, dass es so gut ist. Ich hatte ja schon von dieser Autorin gehört, die bei Jauch eine halbe Million gewonnen hat, danach auf Weltreise ging und dann das Gärtnern für sich entdeckt hat. Da mich dieses Thema interessiert, habe ich es mir zu Gemüte geführt. Und ich muss sagen: Lohnt sich.

Die Autorin lebte 2018 ein Jahr lang in einem kleinen Häuschen mit großem Garten an der Ostseeküste und führte von Januar bis Dezember ein originelles Gartentagebuch. Der Rückzug in Garten und Natur eignet sich wie kaum etwas, um über das Leben, die Rolle des Menschen darin, Arbeit, Wachsen, Ziele, Lernen, Scheitern, Vergänglichkeit und vieles mehr zu philosophieren. Nicht umsonst wird gleich zu Beginn auf Henry David Thoreau und seine Einsiedelei am Walden Pond Bezug genommen. 

Zu den Beschreibungen und Betrachtungen gibt es natürlich eine Menge praktischer Gartentipps. Wobei die gar nicht so im Vordergrund stehen, es ist ja kein Ratgeber. Dafür habe ich Gartenlesetipps (Die Wurzeln der Welt von Emanuele Coccia) und Gartenfernsehtipps (BBC Gardener‘s World) mitgenommen. 

Was man sagen muss: Meike Winnemuth steckt in diesen Garten eine Menge eigenes Geld rein. Lässt vielfach den Boden ausbaggern, Pflaster verlegen, großes Pflanzenmaterial ankarren. Aber es ist eben ein Jahr lang ihr Fulltimejob. Und in diesem Jahr muss alles passieren, ehe sich Frau Winnemuth wieder anderen Projekten zuwendet. Also ist es eher das Format, das nicht zu meiner persönlichen Philosophie vom Gärtnern passt,  ja sogar eher das Gegenteil ist.

Was ist meine Philosophie? Na, dass ein Garten ein lebenslanges Projekt ist. Und ein sanfter Begleiter, dem man nicht mit Gewalt kommen sollte. Die Natur sitzt immer am längeren Hebel. Ihn mit Hauruck-Aktionen auf die eigenen Bedürfnisse zu trimmen, funktioniert nicht. Oder irgendwie doch, aber konsequent weitergeführt landet man dann irgendwann beim Kiesgarten. Oder man betreibt eine Landwirtschaft. 

Vielleicht sind Winnemuths kostspielige Aktionen einfach nötig, wenn man so ein Mammutprojekt in ein kompaktes Gartentagebuch-Jahr packen muss. Denn eigentlich ist ja auch ihre Philosophie eine geerdete: Einfach machen, das klappt schon. Und wenn es nicht klappt, dann klappt etwas anderes.

Einfach sehr sympathisch mit angenehmem und geistreichem Humor verfasst. Und wer dann auch noch Kurt Tucholsky zitiert, kann keine ganz schlechte Autorin sein. 


Dienstag, 8. April 2025

Richard Powers: Das große Spiel

Todd Keane, Tech-Milliardär und Pionier der künstlichen Intelligenz, der an Demenz leidet, Evelyne Beaulieu, 92-jährige kanadische Meeresbiologin, Todds früherer Freund Rafi Young und Rafis Partnerin, die Künstlerin Ina Aroita, treffen auf der Pazifikinsel Makatea  zusammen.

Ein Buch wie ein wunderschöner Bildband. Es gilt, die Beschreibungen zu genießen, sich an ihnen erfreuen. Oder auch wie ein sehr unterhaltsam geschriebenes Sachbuch. Oder ein Gast, der zwar geistreich und unterhaltsam ist, aber einen Tick zu lange bleibt.

Wer es liest, erfährt viel Wissenswertes, eine enorme Menge über das Meer und seine Bewohner, über Spielen in allen möglichen Formen und über die Emtwicklung künstlicher Intelligenz. So plätschert es über viele, viele Seiten geistreich dahin. Sprachlich ist alles politisch sehr korrekt. Die Guten, das sind die Minderheiten, die Benachteiligten, die Frauen. Vielleicht weil Todd, der ganz offensichtlich als Erzähler fungiert, es so darstellen will.

Eine echte Handlung kommt erst nach auf den letzten von 500 Seiten zustande. Dann aber taucht ein Hauch von unzuverlässigem Erzählen auf und es enthüllt sich ein Spiel mit der Wirklichkeit, in dem absichtlich unklar bleibt, ob manche der Personen nur in Todds Fantasie - als von ihm geschaffene Avatare - existieren oder in der "Realität". Oder ob das heutzutage noch einen Unterschied macht. Gleiches gilt für die Insel Makatea - ist das am Ende nur eine virtuelle Welt, die Todd geschaffen hat?


Donnerstag, 30. Mai 2024

Von Wellen und Weite. Die schönsten literarischen Geschichten vom Meer


Ja klar, ein Geschenkbuch. Aber was für eines! Hier ist die Zusammenstellung von literarischen Prosatexten und Gedichten über das Meer wirklich gelungen - wenn man einmal von vereinzeltem getretnem Quark wie Sergio Bambarens Der träumende Delphin absieht. 

Und ich habe viele, viele solcher Bücher in meinem Regal stehen. 

Packend: Melania Gaia Mazzuccos Vita, Thomas Manns Tod in Venedig, Albert Camus Hochzeit des Lichts. Immer wieder faszinierend: Melvilles Moby Dick. Herrlich illustriert mit maritimen Aquarellen.

Dienstag, 4. Juli 2023

Matthias Bumiller: Thorbeckes magischer Kräutergarten

Nicht ganz so ausführlich wie dieses Buch zum Thema, dafür wunderbar illustriert mit Abbildungen aus alten Kräuterbüchern. Nach einer allgemeinen Einleitung über Kräuter und ihre Beschreibung in Büchern stellt Bumiller je auf wenigen Seiten eine Pflanze vor, der magische Eigenschaften zugeschrieben wurden und werden, die in Sagen und Märchen, Religion und Aberglaube, Heilkunst und (Rausch-)Ritual eine wichtige Rolle spielt - vom Odermennig bis zur Mistel, von der Herbstzeitlosen bis zum ominösen Boramez. 

Die Illustrationen stammen zumeist aus der Inkunabelzeit oder dem 16. Jahrhundert, sind also Holzschnitte. Aber auch von Kniphofs Naturselbstdrucken sind einige abgebildet.


Montag, 3. Juli 2023

Christine Becker: Helleborus 1485-1905

Untertitel: „Botanische Darstellungen, wissenschaftliche Illustrationen & Biographien.“ Dieses großformatige, unendlich liebevoll und detailreich gestaltete Werk versammelt mehr als 150 Darstellungen der Pflanze Helleborus (bekannt als Christrose) aus fünf Jahrhunderten - begonnen mit der Erfindung des Buchdrucks - und bietet darüber hinaus einen reichhaltigen Textteil.

Was Autorin und Herausgeberin Christine Becker hier quasi im Alleingang und mit riesigem Aufwand zustande gebracht hat, macht sich unfassbar schön nicht nur in der Gestaltung aus. Im Text werden die Biographien von Herausgebern, Autorinnen und Verleger historischer Pflanzenbücher, aber auch Pflanzenmalern, Illustratorinnen, Kupferstechern usw. abgehandelt.

Dieser Alleingang sorgt aber auch für die kleinen Kritikpunkte, vielleicht wären mehr Lektoratsschritte nötig gewesen. In den Texten sind leider nicht alle Informationen zuverlässig. Manches doppelt sich, manches ist anscheinend kritiklos aus uralten Quellen übernommen. 

Beispiele: Ein ominöses „Deutsches Museum Berlin“ wird gleich mehrmals erwähnt, ein Verleger wird als „vorbildlicher Christ“ tituliert (sinngemäß, ich will die genaue Formulierung nicht mehr suchen), statt Arts and Crafts, ist von „Art and Crafts“ die Rede. Dennoch ist dieses Buch ein echter Schatz und ein großer Gewinn für alle bibliophilen Pflanzenfreunde.

Preis bei Amazon neu: 129 Euro.

Donnerstag, 13. April 2023

Hermann Joseph Roth: Schöne alte Klostergärten

Erschienen 1996. Herzstück des Buches ist ein wirklich lesenswerter Essay des Natur- und Kulturwissenschaftlers Hermann Josef Roth, selbst Zisterzienser. Er stellt allgemeine Betrachtungen über das Verhältnis von Pflanze und Mensch seinen Ausführungen über die Entwicklung der Klostergärten vom Mittelalter bis zur Barockzeit voran. Alles, was an Zeugnissen von der Gartenkultur der Mönche und Nonnen erhalten ist - der Klosterplan von St. Gallen, der Plan des Kölner Dominikaners und Universalgelehrten Albertus Magnus, der selbst mit Pflanzen experimentierte, das Kräutergedicht des Reichenauer Abtes Wahlafrid Strabo oder das Kräuterbuch des früheren Kartäusers Otto Brunfels - stellt der Autor vor.

Gärten, das hält er fest, besitzen immer auch einen theologischen Sinn. Sie sind Raum für Betrachtung und Meditation. Den Pflanzen kommt stets religiös-symbolische Bedeutung zu - neben ihrer Nützlichkeit für die Liturgie sowie natürlich Ernährung und Heilkunde. Eine schöne Auflistung (sehenswerter) Klostergärten der in Deutschland, Österreich und der Schweiz rundet das Buch ab.

Dazu hat der Fotograf Werner Richner stimmungsvoll Klosteranlagen, Beete und bewachsene Kreuzgänge in ganz Europa eingefangen. Wirklich schade, dass die Bilder offenbar weitgehend unabhängig vom Text ausgewählt wurden und in keiner wirklichen Beziehung zu diesem stehen. Wäre es doch an einigen Stellen sehr sinnvoll gewesen, das Beschriebene bildlich vor Augen führen. 

Dienstag, 14. März 2023

Wolfgang Büscher: Heimkehr

Leider, ich muss es so deutlich sagen, eine große Enttäuschung. Reiseschriftsteller Büscher hat einen Sommer in der Waldhütte eines Wald besitzenden "Fürsten" in seiner nordhessischen Heimat verbracht.

Das Leben im und mit dem Wald ist sprachlich faszinierend eingefangen, Bilder, die Welten öffnen, Klarheit und Eleganz, die an Thomas Mann denken lassen. Hier poetischer Fichtendämmer und Waldewigkeit, dort sehr nüchterne Forstwirtschaft, Jagd, Borkenkäfer. 

Doch der Wald nimmt nur einen sehr kleinen Teil ein. Büschers Betrachtungen drehen sich um seine eigene Kindheit, den Menschen an sich, vor allem aber über den „Adel“. Der Autor hält mit seinen - in diesem Fall stockkonservativen - politischen Ansichten nicht hinter dem Berg. Wie offenbar immer

Aber hier verengt sich alles auf ein Thema: seine fast schon devote Verehrung für den "Adel" ("Fürsten" und "Erbprinzen" gibt es in Deutschland seit mehr als 100 Jahren nicht mehr). Ein Buch über diese Familie, in der NS-Zeit gar nicht so verstrickt war, wie allgemein angenommen wird, die aber hervorragende Jäger hervorgebracht hat und ihren Untertanen mildtätig zugetan ist… wollte ich eigentlich nicht lesen. Schade.

Mittwoch, 10. August 2022

Stefan Marxer: Pilzvergnügt

Obwohl Pilzbücher aus aller Welt zu meinen Sammelgebieten zählen, habe ich bisher keines von ihnen rezensiert. Aber dieser wirklich umfangreiche Ratgeber hat es verdient. Das Beste vorweg: Gestalterisch ist er fantastisch gelungen. Detaillierte, liebevolle Illustrationen und wunderschöne Aufnahmen machen Lust.

Auch die Idee, dass hier ein erfahrener (wenngleich junger) Pilzexperte seine praktischen Erfahrungen mit dem Finden, Bestimmen (etliche Speisepilze waren mir neu), Sammeln, Konservieren und Zubereiten (leckere Rezepte!) teilt, ist sehr sympathisch. Ein richtig praktischer Ratgeber, der die Leser an die Hand nimmt wie ein pilzkundiger Opa. Dazu passt durchaus, dass der Autor seine Leser duzt. Ein bisschen merkwürdig mutet an, dass er die einzelnen Pilze in der ersten Person sprechen lässt („Ich bevorzuge basische Augebiete bzw. Auwälder.“), dies dann aber nicht konsequent durchhält. Vollends verwirrend wird es angesichts der Tatsache, dass der Autor vom seinen eigenen Pilzsammlererfahrungen ebenfalls in der Ich-Form berichtet.

Auch sonst hat das Buch seine Licht- und Schattenseiten. Etliche wirklich wertvolle Tipps - wie sieht ein guter Pilzwald aus, auf welche Nachbarbäume ist zu achten - muss man suchen wie die Stecknadel im Heuhaufen - oder eben den Speisepilz im Wald. 

Seitenweise muss ich mich als Leser in den Anfangskapiteln durch Weitschweifiges, Floskeln, Doppelungen kämpfen. Dass der Aufenthalt im Wald erholsam ist, hat man dann doch irgendwann kapiert. Ein gutes Lektorat und viele Straffungen wären dringend nötig gewesen. Dadurch vergibt sich das Buch leider viel. Dennoch kann ich es nur empfehlen und werde es auch verschenken.

Dienstag, 7. Juni 2022

Gertrud Scherf: Zauberpflanzen, Hexenkräuter

Meine Begeisterung für Kräuter hat nicht in erster Linie mit ihrer möglichen Nutzung zum Kochen, Würzen, Heilen oder auch Basteln zu tun - auch, wenn das alles natürlich faszinierende Anwendungsmöglichkeiten sind und ich versuche, auch auf diesen Gebieten etwas zu lernen.

Was mich aber schon immer fasziniert hat, war das eigene Leben der Pflanzen, ihre Persönlichkeit, die Geschichten, die sie erzählen, die Sagen und Legenden, die sich um sie ranken. Dafür ist dieses Buch ein hervorragender Begleiter.

Es stellt eine Vielzahl von Zauberkräutern in einzelnen Kapiteln vor. Detailgenaue Fotos sowie sorgfältig ausgesuchte, alte und neue Illustrationen ergänzen die Texte. Es finden sich Fakten über botanische Eigenschaften, pharmazeutische Verwendung, auch berauschende und halluzinogene Wirkungen der Pflanzen oder ihre Verwendung in Ritualen und Kulten. Vor allem ist es ein unerschöpflicher Schatz an Märchen und Mythen, Volks- und Aberglauben, der dieses Buch zum spannenden Schmöker macht.

Verraten wird, dass laut alten Sagen Schlüsselblumen als Türöffner zu verborgenen Schätzen dienen. Oder, dass man laut dem Buch der Versammlung Maulwurzherz und Schöllkraut auf den Kopf eines schwer Kranken legen soll, um dessen Schicksal zu erfahren. Und dass nichts den Teufel besser vertreibt als der aromatische Duft von Quendel. Letzteres kann ich bestätigen.



Samstag, 16. Oktober 2021

Liesel Malm: Die Kräuter-Liesel

Dieses Buch hat mir eine sehr gute Freundin geschenkt, um mich bei der Vorbereitung auf meine Prüfung zum Kräuterpädagogen zu unterstützen. Es ist ein wirklicher Schatz, umfassend und spannend, als Nachschlagewerk, aber auch zum Schmökern in den Wintermonaten geeignet.

Liesel Malm, die in diesem Frühling 87-jährig verstorben ist, gibt ihr unglaublich umfangreiches Kräuterwissen in diesem Band weiter. Der Fokus liegt dabei nicht so sehr auf dem Kräutersammeln, sondern darauf, sich die Kräuter selbst in den Garten zu holen, wie es Liesel Malm selbst machte. Sie besaß einen 2000 Quadratmeter großen Kräutergarten im Westerwald, in dem sie vom Beinwell bis zum Heilziest und vom Bertram bis zum Guten Heinrich so ziemlich alles anbaute und finden konnte, was in Küche, Heilkunde, Kosmetik… verwendbar ist - oder einfach nur durch seine Schönheit bezaubert.

Den Mehrwert machen die praktischen Anleitungen und Rezepte aus, aber auch die detailgenauen Fotos, die das Werk zu einer Art Bestimmungsbuch machen. Die Autorin streift botanisches Wissen nur am Rande, teilt dafür einen reichen Schatz an Lebenserfahrung und praktisches Alltagswissen.

Samstag, 6. April 2019

Heidi Howcroft: Gartenreiseführer Südwestengland

Auf zu einer Reise in eine andere, gemächlichere Welt, in der es wimmelt von Rhododendron, Magnolien und Kamelien, in Gartenräume, Gartenschluchten, verwunschen zugewucherte Anlagen aus dem 17. Jahrhundert, altehrwürdige Landgüter und neogotische Herrenhäuser, zu Staudenrabatten und Bachläufen, versteckten Skulpturen und Tümpeln, Baumgängen, Pflanzinseln, Natursteinmauern, Geheimverstecken und botanischen Staunerlebnissen. Mit dem neu aufgelegten Gartenreiseführer (erstmals 2011 erschienen) hat die deutschsprachige Engländerin Heidi Howcroft sowohl einen praktischen Reisebegleiter durch Dorset, Somerset, Devon und Cornwall als auch ein Lesejuwel für die Armsessel-Traumreise zu Hause geschaffen.

Letzteres habe ich unternommen. Kompetent, detailgenau und sehr umfassend liest sich das wunderbar von der Autorin bebilderte Buch. Das Register sortiert die 59 besprochenen, öffentlich zugänglichen Gartenanlagen auch thematisch, etwa nach "Gärten mit Schneeglöckchen", "English Country Gardens", "Subtropische Gärten" oder "Gärten mit bedeutenden Kunstwerken". Karten, Infos zu Preisen, Anfahrten und Öffnungszeiten, Routenvorschläge innerhalb der Gärten, Tipps zur Leuchttürmen, malerischen Dörfern und urigen Pubs in der Umgebung - alles da.

Für die Autorin, so schreibt sie im Vorwort, ist der Gartenbesuch "ein unterhaltsamer Ausflug mit Teetrinken, Kuchenkosten, Pflanzenerwerben und Ideensammeln". Für diese liebenswerte Art des Reises oder Fantasiereisens bieten die beschriebenen, liebevoll gestalteten und oft Jahrhunderte alten Gärten die ideale Kulisse. Zum Beispiel der Minack Theatre Garden rund um ein Amphitheater an den Küstenklippen Cornwalls, Pencarrow mit seinem Irrgarten aus Lorbeerhecken oder der urwaldähnliche Lost Garden of Heligan...

Ach ja: Beim Garten von Barrington Court in Somerset ist mir sogleich diese Bemerkung unter "Besonderheit" aufgefallen: "Antiquariat in der Scheune, ein Schlaraffenland für Leseratten, gut sortierte Bücher zu Pauschalpreisen, an der Hauptkasse zu zahlen". Was will man mehr?

Heidi Howcroft: Gartenreiseführer Südwestengland. DVA. 176 Seiten. 19,95 Euro.

Donnerstag, 21. September 2017

Charles Foster: Der Geschmack von Laub und Erde

Klar, so etwas macht nur ein Engländer. Charles Foster, Tierarzt, Anwalt, Ethikprofessor, Schriftsteller und Reisender, beschreibt in diesem Buch minutiös, wie er mit seinem achtjährigen Sohn Tage und Nächte in einem Erdhügel verbrachte, wie er auf Regenwürmern herumkaute, sich nackt in einem Hinterhof zusammenrollte wie ein Fuchs und im Fluss nach lebendigen Fischen schnappte. Um Tieren so nahe zu kommen wie noch keiner zuvor, versuchte Foster genauso zu leben wie Dachs, Otter, Fuchs, Rothirsch und Mauersegler.

Das Ganze dann höchst unterhaltsam zu erzählen und bei allem philosophischen Tiefgang selbstironisch zu sein - genau dann die Luft rauszulassen, wenn es zu pathetisch wird -, das kann ebenfalls nur ein Engländer. Wie fühlen Tiere, können wir überhaupt etwas über sie herausfinden? Leben wir in der selben Welt wie die Tiere? Was wissen wir überhaupt über uns Menschen? Können wir mit Tieren kommunizieren, können wir mit Menschen kommunizieren? Können wir etwas anderes sein als ein Mensch? Was unterscheidet uns von den Tieren? Gibt es etwas, das jeden von uns besonders macht?

Es macht eine Menge Spaß, über diese existenziellen Fragen nachzudenken, während man über Fosters groß angelegte "Tier-Versuche" liest. Der Ekel und das Belächeln weichen der Bewunderung - vor allem auch für Fosters fabelhafte Art, zu schreiben.

Donnerstag, 9. Februar 2017

Ferienland Donau-Ries: Wandern

Einen liebevoll gestalteten kleinen Wanderführer hat der Verein Ferienland Donau-Ries jetzt herausgegeben. Detailliert und je auf einer Doppelseite sind in dieser Broschüre 16 Wanderungen zwischen dem Ipf im Westen und dem Altmühltal im Osten aufgeführt.

Knapp 15 Kilometer lang ist etwa der beschriebene Keltenweg. Er startet am ehemaligen Zisterzienserinnenkloster Kirchheim und führt über den Goldberg, durch das Osterholz, über Ipf und Blasienberg wieder zum Ausgangsopunkt. Der Schäferweg des „Geopark Ries“, der von Nördlingen über den Adlersberg, das Geotop Lindle, den Steinbruch Alte Bürg, die Oftnethöhlen mit Römischem Gutshof und Utzmemmingen zurück nach Nördlingen führt, ist ebenfalls ausführlich beschrieben. Weitere Wanderungen in allen Ecken des Rieses und im Donauwörther Raum machen das 40 Seiten starke Heft zu einem handlichen Wanderbegleiter.

Besonders nützlich sind die genauen Kartenausschnitte und die zahlreichen Infos: Zu jeder Wanderung sind Weglänge, Gehzeit, Parkmöglichkeiten (mit GPS-Koordinaten) und Höhenprofil angegeben. Lediglich die Einkehrmöglichkeiten – hier wird jeweils nur das betreffende Dorf genannt – hätten genauer erläutert werden können.

Die Broschüre ist ab sofort kostenlos in vielen Rathäusern erhältlich oder kann unter Telefon 0906 / 74-211 oder Mail info@ferienland-donau-ries.de angefordert werden. Außerdem kann sie unter www.ferienland-donau-ries.de heruntergeladen werden.


Erschienen in Ipf- und Jagst-Zeitung / Aalener Nachrichten, 8. Februar 2017

Mittwoch, 14. Dezember 2016

Karl Eugen Heilmann: Kräuterbücher in Bild und Geschichte

Kräuter und Bücher - und zwar alte kostbare, seltene, illustrierte - sind zwei meiner Leidenschaften. Was will man also mehr als ein Buch über Kräuterbücher? Dieses hier ist ein wirklich umfassendes Kompendium aus dem Jahr 1966 (ich habe die zweite Auflage von 1973) über die Bücher, die im Laufe von Jahrhunderten zum Thema Heilkräuter erschienen sind.

Kräuterbücher gehörten neben den religiösen Schriften zu den am weitesten verbreiteten Büchern. Sie wurden sowohl von Ärzten und Heilkundigen als auch von Laien als medizinische Nachschlagewerke benutzt. Deshalb sind gut erhaltene Kräuterbücher heute sehr selten und entsprechend teuer. Faszinierend sind sie auch wegen ihrer zum Teil aufwendigen und liebevollen Illustrationen.

Karl-Eugen Heilmann, Apotheker aus Mainz und weit gereister Büchersammler, über den es im Klappentext heißt, er habe 1966 "in überraschend körperlicher und geistiger Frische" seinen 80.  Geburtstag gefeiert, hat sein Leben lang Kräuterbücher gesammelt. Er stellt in diesem Buch die schönen Stücke aus seiner stattlichen Sammlung vor, beschreibt sie und ordnet sie ein.

Die Reihe beginnt bei Heilkunst-Darstellungen der alten Ägypter im Papyrus Ebers über Werke der antiken Autoren Hippokrates, Dioskurides und Galen, chinesische, japanische und arabische Schriften zur Kräuterkunde und stellt mittelalterliche Handschriften, etwa der Hildegard von Bingen (1098-1179), vor.

Großen Raum nimmt das Werk des Druckers und Gutenberg-Mitarbeiter Peter Schöffer (1425-1503) ein, dessen reich illustrierter "Gart der Gesundheit" vielfach nachgedruckt wurde. Ebenso die Werke von Hieronymus Brunschwig (1450-1512) sowie der drei Väter der Botanik, Otto Brunfels (1488-1534), Hieronymus Bock (1498-1554) und Leonhart Fuchs (1501-1566).

Eines der schönsten Pflanzenbücher überhaupt ist der Hortus Eystettensis, in dem Basilius Besler 1613 den herrlichen Kräuter- und Blumengarten des Eichstätter Fürstbischofs Konrad von Gemmingen auf der Willibaldsburg verewigte. In Heilmanns Buch ist seine Großartigkeit zu ahnen, wenn auch die Abbildungen nur in Schwarzweiß reproduziert sind.

Die Auswahl geht quer durch die Jahrhunderte, bis zur photolithographischen Darstellung von Farnen Ende des 19. Jahrhunderts. Auch wenn Heilmanns Sprache nicht geschliffen ist, sondern etwas hölzern, so ist doch sein Bemühen, die Einzelstücke in einen Kontext einzuordnen und einen brauchbaren Überblick zu schaffen, nicht hoch genug zu schätzen. Er liefert zahllose pharmazeutische Anmerkungen zu den abgebildeten Heil- und Zauberpflanzen (darunter immer wieder die Alraune), vermittelt aber auch Wissenswertes zu Drucktechnik, Typographie und Buchgestaltung. Seine Liebe zu den wertvollen Stücken seiner Sammlung scheint immer durch und macht dieses Buch lesenswert.

Für mich war es auch die Gelegenheit, ein anderes wunderbares Buch wieder aus dem Schrank zu holen: den Katalog der Ausstellung "Das Kreüterbuch. Holzschnitt-Illustrationen aus der Kräuterbuchsammlung der Universitätsbibliothek Eichstätt-Ingolstadt" von 2004. Er ist mit den farbigen Illustrationen der alten Kräuterbücher geschmückt und nach den einzelnen Heilpflanzen sortiert.


Mittwoch, 13. Mai 2015

Aus der Tiefe ans Licht - Schauhöhlen auf der Schwäbischen Alb

„Aus der Tiefe ans Licht“ heißt ein neuer Führer durch die Schauhöhlen auf der Schwäbischen Alb. Die Alb ist die höhlenreichste Region Deutschlands. Wer einen Gang in die Unterwelt wagt, kann interessante und faszinierende Einblicke in die Geschichte unseres Planeten gewinnen.


Der Geopark Schwäbische Alb und der Landesverband für Höhlen- und Karstforschung Baden-Württemberg haben diesen Schauhöhlenführer zusammengestellt. Er ist kein eigentliches Buch, sondern eine Sammlung von 12 Infokarten in einem Schuber. Darauf ist alles Wissenswerte zu Anfahrt, Geschichte, Entdeckung und Besonderheiten der Höhlen vermerkt, die jährlich von rund 320.000 Besuchern entdeckt werden.


Beschrieben ist beispielsweise die Charlottenhöhle bei Giengen, die auf 460 Metern begehbar ist und der mit dem Höhlen-Schauland eine interaktive Erlebnisausstellung angegliedert ist. Spannend auch die Wimsener Höhle bei Hayingen im Landkreis Reutlingen, welche die Besucher mit einer Bootstour erkunden. Oder die Tiefenhöhle Laichingen, bei der Hobby-Höhlenforscher rund 55 Meter tief in Hallen und Schächte hinabsteigen können.


Der Hohle Fels bei Schelklingen war 2008 die Fundstätte der Elfenbeinfigur „Venus vom Hohle Fels“ – der mit 42500 Jahren weltweit ältesten Darstellung eines Menschen überhaupt. Außerdem sind beschrieben: Gutenberger Höhle und Gußmannshöhle bei Lenningen, Karls- und Bärenhöhle bei Sonnenbühl, Kolbinger Höhle im Kreis Tuttlingen, Nebelhöhle bei Genkingen, Olgahöhle bei Honau, Schertelshöhle bei Westerheim und Sontheimer Höhle bei Heroldstatt. Der Schauhöhlenführer ist zum Preis von einem Euro in allen Schauhöhlen auf der Schwäbischen Alb erhältlich. Infos unter www.geopark-alb.de.


Erschienen in Ipf- und Jagst-Zeitung / Aalener Nachrichten vom 12. Mai 2015

Donnerstag, 22. Januar 2015

Lucius Burckhardt: Warum ist Landschaft schön? Die Spaziergangswissenschaft.

Der Schweizer Soziologe Lucius Burckhardt (1925 bis 2003) gilt als Begründer der Spaziergangswissenschaft oder Promenadologie.


Im Mittelpunkt dieser Wissenschaft steht die Frage: Wie nimmt der Spaziergänger Umwelt wahr und konstruiert daraus eine Landschaft? Und wann empfinden wir diese Landschaft als schön? Schon die Fragestellung macht klar: Die Landschaft ist nicht in der Natur der Dinge, sondern in unserem Kopf – wir konstruieren sie aus Umwelteindrücken.


In unserem Kopf ist die Landschaft aber schon vor dem Spaziergang: In Erwartungen und Erinnerungen. Wenn wir eine Landschaft ausmachen, erkennen wir wieder, was Dichter, Maler, Gelehrte, aber auch Erdkundelehrer, Eltern, Großeltern und Kinderbücher uns beigebracht haben. Der Wiesengrund mit Brunnen vor dem Tore, die Heidelandschaft, das schroffe Gebirge, die endlose Wüste.



Räumlich entsteht Landschaft beim Spaziergang während des Weges. Unsere Wahrnehmung schließt heterogene Dinge zu einer Landschaft zusammen und blendet andere aus, sodass wir beim Heimkehren die liebliche Landschaft rühmen, oder aber sagen: Das Ries (der Hunsrück, die Toscana, der Spreewald....) ist auch nicht mehr das, was es einmal war.



Drei Entwicklungen, so führt Burckhardt aus, beeinflussen unsere Landschaftswahrnehmung. Zum einen ist der Unterschied zwischen Stadt und Land aufgehoben: Wir leben heute alle mehr oder weniger in einer Metropole, das Land ist industrialisiert, die Stadt begrünt. Das klassische Landschaftserlebnis aber war immer der Übergang von der Stadt auf das Land. Der Städter sah Landschaft, wenn er zum Spaziergang aus den Mauern heraustrat.



Damit entfällt auch ein zweites Kriterium: Die Interesselosigkeit. „Landschaft (…) ist das Bild, das sich der Städter, der sich die Hände nicht am Boden schmutzig macht, der kein Interesse am Land hat von der landwirtschaftlichen Welt außerhalb der Mauern gemacht hat", so Burckhardt.



Drittens spielt das Verkehrsmittel eine Rolle. Seit der Mensch Gegenden nicht mehr Stück für Stück zu Fuß erwanderte, sondern mit der Eisenbahn ein einzelnes Ziel ansteuerte, musste das komplette Landschaftserlebnis – quasi als Postkartenbild – an diesem einen Zielort vorhanden sein. Diese oft künstlichen Postkartenidyllen inklusive Panoramahotel sind seit der Verbreitung des Autos auch wieder überholt. Die Autoreise unterscheidet sich vom Spaziergang zu Fuß dadurch, dass die Distanzen weiter werden, „viel heterogenere Eindrücke müssen zu viel abstrakteren Ideallandschaften integriert werden“.



Burckhardt führte den Spaziergang auch als Methode ein, um diese Mechanismen zu ergründen. Unter anderem ließ es er eine Gruppe Studenten mit Windschutzscheiben vor den Gesicht durch die Straßen der Stadt gehen, um eine besondere Wahrnehmung zu simulieren.



Viele weitere Gedanken sind in diesem Kompendium angerissen: Über die Entwicklung der Gartenkunst, über die „totale Begärtnerung“, „Funktionalisierung und Hygienisierung“ der Städte, der Burckhardt die Brache und das Prinzip des „kleinsten Eingriffs“ als nutzerfreundliche Alternative entgegenstellt.


Weil „Warum ist Landschaft schön" kein wissenschaftliches Fachbuch, sondern eine Sammlung von Aufsätzen, Vorträgen und Artikeln aus Fachzeitschriften und Sammelbänden ist, gibt es zahllose Doppelungen, die aber auch dafür sorgen, dass sich die Grundgedanken einprägen.


Als Einstieg und Überblick gut geeignet ist der Beitrag „Bergsteigen auf Sylt“  auf den Seiten 306 bis 319. Nikolaus Wyss interviewte Burckhardt darin für das Magazin des Zürcher Tages-Anzeigers im März 1989.

Sonntag, 10. August 2014

Edgar Hahnewald: Der grüne Film

Es ist nicht so einfach, Landschaft zu beschreiben, ohne auf die immer gleichen Formulierungen zu verfallen. Dieses Wanderbuch von Edgar Hahnewald aus dem Jahr 1920, zeigt wie es geht. Was ein Schreiber alles entdecken kann, wenn er genau hinsieht: Jede Wolke, jedes Kornfeld, jede Pfütze inspiriert diesen Mann zu Wortzaubereinen. 

Beschrieben sind 20 Wanderungen rund um Dresden zu allen Jahreszeiten. Zum Lesen ist es völlig unerheblich, ob man dieses Landschaften kennt oder ob man sie vielleicht niemals zu Gesicht bekommen wird. Sie ist einfach schön, diese Art von Naturpoesie, wie sich auch in alten Reiseführern und frühen Merian-Heften immer wieder auftaucht. 

Natürlich würde die Sprache heute teils als schwülstig und kitschig empfunden. Und vielleicht war sie es damals schon. Na und? Dafür macht sie glücklich und sorgt bei Lesern, die die Natur lieben und gerne wandern für ständige Wiedererkennens-Erlebnisse. 

Obendrein kommt Hahnewalds Sprache fast ganz ohne tote, abgedroschene Bilder aus. Jeder Vergleich passt zur Situation und ruft ein bestimmtes Gefühl, einen Klang, einen Geruch wach. Hier ist alles lebendig: Wege wandern oder schreiten, Häuser ducken sich oder stecken die Köpfe zusammen und flüstern. Blumiger geht es nicht: Wenn Hahnewald beschreibt, mit welchen Finten und Verführungen der verschiedenen Blüten es fertig bringen, Falter und Hummeln anzulocken, sieht man den Oberlehrer in Kniebundhosen vor sich, der seinen Schülern von Pflanze zu Pflanze vorauseilt. Der Autor regt sich auf über allzu akkurat geschnittene Hecken und geschmacklose Gartenzwerge, aber auch über die „Biervandalen“, die johlen und Blütenzweige abreißen. Ja, ja.

Warum gibt es solche Wanderbücher heute nicht mehr? Drängt sich die Natur nicht mehr so auf wie früher und tritt mehr in den Hintergrund? Oder haben wir das Sehen und das Achten auf Kleinigkeiten verlernt? Empfinden wir einen Sonnenaufgang im Nebel oder Herbstgewitter über einem abgeernteten Kornfeld nicht mehr als spektakulär, weil wir von allen Seiten zugedröhnt werden? In jedem Fall finde ich, dass eine solche Herrlichkeit nicht in Vergessenheit geraden darf. Deshalb hier ein paar besonders schöne Stellen: 

„Unter der treuen Aussicht zweier schlanker Kiefern dehnt sich eine Lichtung wohlig in der Sonne.“

„Der Zauber des Laubteppichs wird noch erhöht durch huschende Sonnenlichter, die am goldenen Boden zittern.“

„Hinten im Lichtglast breitet sich die große Stadt, haus an Haus, vom Silbergürtel der Elbe umflossen. Die Türme ragen klar und deutlich aus dem Häusergewoge empor."

„Der Weg verlässt die Enge und tritt hinaus auf lichtfunkelnde Höhen.“

„Auf waldigem Felsthrone träumt das Dorf Coschütz im Sonnenzauber, vom Windberg überwölbt.“

„Es ist ein still beschaulicher Gräbergarten. Aus dem tiefernsten Schatten der Zypressen blickt dich das lenzgläubige Himmelschlüssel fragend an ob du ihm sein freudiges Blühen an dieser Stätte verwehren möchtest."

„Und darüber hinaus blaut der duftige Kranz sonniger Höhen weltenweit.“

„Tiefen Frieden, leuchtende Sonnenfreude atmet alles.“

„Im Wiesengras frohlocken farbenglühende Blumenaugen im Lichte.“

„In freudigem Schauen versunken, weilt der Blick in weiter Ferne. Mit einem weltumfassenden Zuge möchte er all die Schönheit heimtragen, hinein ins graue Einerlei des Alltags.“

„Traumverloren, als habe ihn die Schönheit des Geschauten gepackt, zieht der Weg hinein in den Wald, an einem hoheitsvollen Buchentempel vorüber.“

„Lange könnte man hier sitzen, immer neue, feine Reize tun sich dem Auge kund.“

"Feld um Feld wallt die prangende Flut der Ähren, die Dörfer liegen wie Stille Inseln im goldnen Meere, und weit draußen, wo die wogende Getreideflut am Riesenleibe der Stadt verbrandet, blitzt der Strom und blaue Höhen Flimmern im Licht."

 

P.S.: Das Papier, auf dem dieses alte Buch gedruckt ist, muss eine besondere Zutat haben: Es glitzert in der Sonne.