Hanns-Josef Ortheil stellt hier in seiner typisch verbindlichen Art* den Teil von Paris vor, den immer schon Universitäten, Verlage, Buchhandlungen und die damit verbundenen Menschen geprägt haben. Hier im Quartier Latin und in Saint-Germain-des-Prés war Paris durch die Jahrhunderte immer wieder geistiges Zentrum der Welt, hier entstanden Ideen, die das Denken der Menschheit revolutionierten, hier wurde das Nachdenken über den Menschen kultiviert wie nirgends sonst.
Aber dieses Nachdenken, so führt es Ortheil vor Augen, ist kein halb schweigendes deutsches Denken, sondern eine Französisches: Es ist ein Sprechen. Und so geht es in Urteils Buch ganz viel um die Konversation, ihre manchmal undurchdringlichen Regeln. Die Kunst der Konversation, so zeigt er ist ein perfekt geschliffenes Monologisieren.
Geographisch lässt sich Ortheil treiben durch diesen besonderen Teil von Paris. Aber weit kommt er nicht. Alle paar Hundert Meterbleibt er hängen bei exquisiten Austern, bei Weinbergschnecken und Lammkeule und natürlich bei anregenden Gesprächen. Er lässt sich nicht hetzen. Warum auch?
Was Paris für ihn ausmacht? Lebenslust, das "Lebenselixier, das die Stadt Paris wie keine andere für ihre Bewohner und Gäste bereithält", das wie ein Tage und Nächte anhaltendes Fieber wirkt: "Der freiheitstrunkene, grenzüberschreitende Élan vital ist eine der stärksten Kräfte und eines der tiefsten Geheimnisse des Pariser Leben".
* Was ist Ortheils typische Art? Für mich besteht sie darin: Er will unbedingt, das Leserinnen und Leser seine Beobachtungen, Gedanken und Gefühle nachvollziehen können, und lässt nicht locker, bis er sicher sein kann, seine Botschaft vermittelt zu haben. Das macht er sehr gut und sympathisch.