Dienstag, 6. September 2022

Emmanuel Carrère: Yoga

Im autobiographischen, sehr persönlichen Stil beschreibt Emmanuel Carrère einige Jahre seines Lebens. Was - das betont der Autor immer wieder - ein optimistisches Büchlein über Yoga werden soll, gerät zu einer Collage aus extrem persönlichen Aufzeichnungen einer schwierigen Phase seines Lebens.

Um Material für das Büchlein zu bekommen, zieht sich Carrère in ein  Yoga-Retreat in Zentralfrankreich zurück, in dem strenges Schweigen  angesagt ist: Die Anschläge auf Charlie Hebdo, bei denen ein Freund getötet wird, reißen ihn aus dieser abgeschotteten Welt. Nach einer Trennung (die aber nicht thematisiert ist) erleidet der Autor eine Depression, die in der psychiatrischen Klinik bei Elektroschockbehandlung endet, schließlich arbeitet er als Freiwilliger in einem Flüchtlingsheim auf der griechischen Insel Leros. Spätestens in dieser Leros-Episode wirft der Autor Zweifel an seiner eigenen Zuverlässigkeit als Erzähler auf: Wie weit kann man ihm trauen? Was lässt er weg, schmückt er aus?  Aber der Text ist eben absolut subjektiv und damit wahrhaftiger als ein Text der vorgibt, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu verkünden.

Über weite Strecken des Buches war ich begeistert. Ich hatte mir vorgenommen, es anschließend auf Französisch zu lesen. Begeisternd sind die Anfangskapitel, in der Carrère seinen Zugang zu Yoga beschreibt und der Leser diesen Weg mitgehen darf. Er trägt mehr als 15 Definitionen für Meditation zusammen. "Meditieren heißt, still und unbewegt dazusitzen", zum Beispiel, oder "Meditation heißt, nicht zu urteilen", "Meditation heißt, aufmerksam zu sein", "Meditation heißt, einen geheimen, strahlenden Raum in sic zu finden, in dem es einem gut geht", "Meditation heißt, loszulassen, nichts mehr zu erwarten, nichts mehr zu tun versuchen", "Meditation heißt, zu pinkeln und  zu scheißen, wenn man pinkelt und scheißt, und nur das".

Und wenn Yoga das Zusammenspannen von Gegensätzlichem - etwa Freude und Leid - unter einem Joch ist, dann kommt das in diesem Buch Erzählte Yoga sehr nahe. Dennoch, ich muss es einfach sagen, war das Lesen dieser Geschichte eine Qual und ich war froh, als ich sie beendet hatte.

"Und wenn Sie etwas lesen, vollziehen Sie nicht nur die Gedanken des Autors, berücksichtigen Sie auch, was Sie denken."

Das sagt der Lehrer John Keating, ein Held meiner Jugend, im Film "Der Club der toten Dichter". Natürlich berücksichtigen heute sehr viele - auf sozialen Netzwerken würde ich sogar sagen: zu viele - Rezensenten das, was sie selbst denken. Nur das. Sie schwadronieren darüber, wie es ihnen selbst beim Lesen eines Buches gegangen ist. Trotzdem: Angesichts der Innerlichkeit (Weinerlichkeit?) des Autors spielt es hier eine wichtige Rolle. Hört er in sich hinein, so tue ich das als Leser aus. Es zieht einen runter.

Carrère findet packende Bilder für seine Hoffnungslosigkeit. Geht es ihm gut, so spürt er, dass es ihm bald wieder schlecht gehen wird. Geht es ihm schlecht, so spürt er, dass es niemals wieder gut wird. 

Handwerklich ist vielleicht zu kritisieren, dass das Buch doch aus sehr losen Notizen zusammengeflickt ist. Leider hat es der Autor nicht gekürzt, wodurch es sehr gewonnen hätte. Soviel aus meiner Sicht.

PS: Auf dem Bild seht Ihr, wie der Rasen im Nördlinger Freibad diesen Sommer aussieht.

Dienstag, 16. August 2022

Susanne Niemeyer: Herr Wohllieb sucht das Paradies

 

Ein wirklich nettes Büchlein mit Listen und 40 kleinen Nachdenk-Episoden über Zeit, Leben, Glück und besonders häufig Gott. Mehr Philosophie braucht es manchmal gar nicht. Und die skizzierten Gedanken kann man ja selbst weiterspinnen, sich richtige Geschichten dazu ausdenken…

Zum Verschenken gut geeignet!

Mittwoch, 10. August 2022

Stefan Marxer: Pilzvergnügt

Obwohl Pilzbücher aus aller Welt zu meinen Sammelgebieten zählen, habe ich bisher keines von ihnen rezensiert. Aber dieser wirklich umfangreiche Ratgeber hat es verdient. Das Beste vorweg: Gestalterisch ist er fantastisch gelungen. Detaillierte, liebevolle Illustrationen und wunderschöne Aufnahmen machen Lust.

Auch die Idee, dass hier ein erfahrener (wenngleich junger) Pilzexperte seine praktischen Erfahrungen mit dem Finden, Bestimmen (etliche Speisepilze waren mir neu), Sammeln, Konservieren und Zubereiten (leckere Rezepte!) teilt, ist sehr sympathisch. Ein richtig praktischer Ratgeber, der die Leser an die Hand nimmt wie ein pilzkundiger Opa. Dazu passt durchaus, dass der Autor seine Leser duzt. Ein bisschen merkwürdig mutet an, dass er die einzelnen Pilze in der ersten Person sprechen lässt („Ich bevorzuge basische Augebiete bzw. Auwälder.“), dies dann aber nicht konsequent durchhält. Vollends verwirrend wird es angesichts der Tatsache, dass der Autor vom seinen eigenen Pilzsammlererfahrungen ebenfalls in der Ich-Form berichtet.

Auch sonst hat das Buch seine Licht- und Schattenseiten. Etliche wirklich wertvolle Tipps - wie sieht ein guter Pilzwald aus, auf welche Nachbarbäume ist zu achten - muss man suchen wie die Stecknadel im Heuhaufen - oder eben den Speisepilz im Wald. 

Seitenweise muss ich mich als Leser in den Anfangskapiteln durch Weitschweifiges, Floskeln, Doppelungen kämpfen. Dass der Aufenthalt im Wald erholsam ist, hat man dann doch irgendwann kapiert. Ein gutes Lektorat und viele Straffungen wären dringend nötig gewesen. Dadurch vergibt sich das Buch leider viel. Dennoch kann ich es nur empfehlen und werde es auch verschenken.

Donnerstag, 28. Juli 2022

Kazuo Ishiguro: Als wir Waisen waren

 

Erschienen 2000. Als Kind wächst Christopher Banks wohlbehütet in einer britisch-internationalen Siedlung in Shanghai auf. Da verschwindet plötzlich sein Vater spurlos - wurde er entführt? Mit seinem japanischen Freund Akira spielt Christopher Detektiv. Wieder und wieder finden sie den Vater, den die Entführer, da sind sich die zwei Hobbydetektive sicher, gut und respektvoll behandeln. Schließlich verschwindet aber auch die Mutter. Christopher ist nun eine Art Waise und wird nach England geschickt.

Dort spielt der inzwischen junge Mann nur zu gerne weiter - er wird tatsächlich Detektiv, löst einige schwierige Fälle, eine Erbschaft macht ihn finanziell unabhängig. Auf dem Höhepunkt seines Ruhms macht er sich nach Shanghai auf, um nach seinen verschwundenen Eltern zu fahnden. 

Die unglückliche Frau eines sadistischen englischen Politikers möchte von dort mit ihm durchbrennen. Und kurz sieht es so aus, als würde Christopher aus seiner Detektivspiel-Traumwelt ausbrechen. Doch er zieht es vor, mitten im Schlachtfeld nach dem Haus zu suchen, wo seinen Schlussfolgerungen nach immer noch seine Eltern gefangen gehalten werden. Er spielt also weiter Detektiv, trifft zwischen den Fronten seinen alten Freund Akira wieder und wird trotz tobenden Kriegs von allen Seiten ausnehmend respektvoll behandelt... 

Aber natürlich hat das Spiel irgendwann ein Ende. Von Kazuo Ishiguro meisterhaft doppelbödig inszeniert. Was ist Realität, was ist Spiel? Gerade diese Frage macht die Faszination aus.

Samstag, 9. Juli 2022

Andreas Sturm: Ich muss raus aus dieser Kirche

 

… Weil ich Mensch bleiben will. Ein Generalvikar spricht Klartext.“ So der volle Titel des neu erschienenen Buches.

Andreas Sturm, katholischer Priester und zuletzt Generalvikar in Speyer, beschreibt seine Entfremdung von und Verzweiflung an der römisch-katholischen Kirche, die ihn nun zum Austritt bewegt haben. Eine offene und treffsichere Abrechnung mit der  Kirche aus der Sicht einer ihrer Führungskräfte.

Sturm porträtiert eine unglaublich arrogante Institution, die Menschen, die ihr noch vertrauen und ihr Unmengen an Geld geben, missbraucht, entwertet, demütigt, an den Rand drängt. Nichts davon ist eine Enthüllung, alles kann  einem täglich begegnen - für viele ist es einfach unerheblich, weil die aus der Zeit gefallene katholische Kirche immer kleiner und bedeutungsloser wird.

Das Buch ist buchstäblich mit der heißen Nadel gestrickt. Deshalb ist es sprachlich nicht sehr gelungen, wirft mit bürokratischen Schachtelsätzen, Passivformulierungen, und unendlich oft dem Wörtchen „man“ um sich. Vielleicht ist dem Autor die Sprache der Kirche, welche die Menschen kaum noch erreicht,  zu sehr in Fleisch und Blut übergegangen. Das macht es ja andererseits auch authentisch. Aber Formulierungen wie „Die evangelischen Kirchen haben mit ihren Syoden (sic!) eine lange Tradition und die episkopalen Kirchen und die Alt-Katholiken haben gezeigt, dass man auch Synodalität und bischöfliche Verfasstheit gemeinsam denken und praktizieren kann“, machen es nicht leicht, dieses wichtige Zeitdokument zu lesen. Inhaltlich aber ganz sicher ein mutiges, wegweisendes Buch, das zum richtigen Zeitpunkt kommt.

Dienstag, 21. Juni 2022

Ilja Leonard Pfeijffer: Grand Hotel Europa

Ich gebe zu, ich bin ein langsamer - oder sagen wir: gründlicher - Leser. Aber, dass ich anderthalb Jahre für diese 554 starke Essay-Sammlung (das ist es nämlich eher als ein Roman) gebraucht habe, ist dann doch außergewöhnlich. Trotzdem bin ich immer wieder eingestiegen und bis zum Schluss dabeigeblieben. Lohnt sich meiner Meinung nach durchaus.

Worum es geht, sagt Schriftsteller Pfeijffer, der hier selbst als Ich-Erzähler auftritt, an einer Stelle seinem Verleger:

"Es soll von Europa handeln, von der europäischen Identität, die eng verknüpft ist mit der Vergangenheit, und davon, dass diese Vergangenheit aus Mangel einer besseren Alternative auf dem globalen Markt verhökert wird. Das Buch soll eine Liebeserklärung an Europa werden und an das, was es früher einmal war....Damit wird es auch ein trauriges Buch über das Ende unserer Kultur."

Und der Verleger antwortet:

"Eine Art Zauberberg des einundzwanzigsten Jahrhunderts."

…und vielleicht greift er damit ein bisschen hoch, aber auch nicht ganz daneben.

Niedergeworfen von der Trennung von seiner Geliebten Clio, einer italienischen Kunsthistorikerin, die Europa verlässt, um in Abu Dhabi die Louvre-Dependance aufzubauen, checkt Pfeijffer im Grand Hotel Europa ein. Diese aus der Zeit gefallenen Nobelherberge, die neuerdings einen chinesischen Besitzer hat, beheimatet Figuren wie den Pagen Abdul - aus der Wüste geflüchtet, sieht er in Europa eine Verheißung -, den altmodisch-korrekten Majordomus Montebello oder die mysteriöse, betagte Ex-Hotelbesitzerin, die im versteckten Zimmer Eins logiert und dieses niemals verlässt. Eingeflochten ist Pfeijffers und Clios Suche nach Caravaggios verschollenen letztem Gemälde. 

Aber das ist nur der lose Rahmen für zig feuilletonistische Betrachtungen über den Zustand Europas: An einer Stelle heißt es, „wenn ein signifikanter und stets wachsender Teil seiner Bevölkerung bereit ist zu glauben, dass früher alles besser war, dann darf man unseren Kontinent zu Recht als müde und alt bezeichnen, als hohläugigen Mummelgreis, der von der Zukunft nichts mehr erwartet (…)“

Stattdessen verkauft man sich an die Touristen. Der Erzähler hasst sie, ergeht sich in Fantasien (das ist ziemlich unterhaltsam) wie Urlauber mit mittelalterlichen Folterwerkzeugen langsam zu Tode gequält werden. Aber er beneidet sie auch.

"Der Unterschied ist, dass Touristen kurze Hosen und Flipflops tragen, und wir nicht. Das würden wir nur, wenn das eine Gepflogenheit der Einheimischen wäre. Touristen liegen am Strand und hängen in Cocktailbars herum, wir dagegen besichtigen die kleine Kirche im Ort und trinken etwas in der schmierigen Bar hinter der Tankstelle mit den versifften Stühlen und den verdreckten Tischtüchern, weil dort keine Touristen sitzen, sondern drei pensionierte Alkoholiker aus dem Ort."

Während er das Thema immer weiter variiert, präsentiert sich Pfeijffer selbst als Karikatur dieses Versiffte-Bar-Sitzers. Stets (über)korrekt gekleidet, halten ihn anderen Touristen in einem Urlaubshotel auf Malta für einen Bediensteten. Das Förmliche, einst ein Zeichen von stilvoller Überlegenheit, wird nur mehr als Maskerade für diejenigen empfunden, die sich den Auftritt in Freizeitkleidung und kurzen Hosen leisten können - und damit ihre Überlegenheit zeigen. Die Maskierten bespaßen sie gegen Geld mit ihrem überholten, nostalgischen Kulturkram.

Witzfigur Pfeijffer lässt sich (das erzählt er im Rückblick) ausgerechnet in Venedig nieder und setzt alles daran, dort als als Einheimischer (gibt es die überhaupt noch?) aufzutreten. Unbeirrt schreitet er im Anzug einher, auch wenn keiner Wert darauf legt. Die Touristen dagegen sind, selbst wenn sich belächelt, beschimpft, verwunschen werden, im Venedig und dem Rest Europas höchst willkommen. Pfeijffer weiß das selbst. Trotzdem hält er am alten, überholten Europa fest.

Dienstag, 7. Juni 2022

Gertrud Scherf: Zauberpflanzen, Hexenkräuter

Meine Begeisterung für Kräuter hat nicht in erster Linie mit ihrer möglichen Nutzung zum Kochen, Würzen, Heilen oder auch Basteln zu tun - auch, wenn das alles natürlich faszinierende Anwendungsmöglichkeiten sind und ich versuche, auch auf diesen Gebieten etwas zu lernen.

Was mich aber schon immer fasziniert hat, war das eigene Leben der Pflanzen, ihre Persönlichkeit, die Geschichten, die sie erzählen, die Sagen und Legenden, die sich um sie ranken. Dafür ist dieses Buch ein hervorragender Begleiter.

Es stellt eine Vielzahl von Zauberkräutern in einzelnen Kapiteln vor. Detailgenaue Fotos sowie sorgfältig ausgesuchte, alte und neue Illustrationen ergänzen die Texte. Es finden sich Fakten über botanische Eigenschaften, pharmazeutische Verwendung, auch berauschende und halluzinogene Wirkungen der Pflanzen oder ihre Verwendung in Ritualen und Kulten. Vor allem ist es ein unerschöpflicher Schatz an Märchen und Mythen, Volks- und Aberglauben, der dieses Buch zum spannenden Schmöker macht.

Verraten wird, dass laut alten Sagen Schlüsselblumen als Türöffner zu verborgenen Schätzen dienen. Oder, dass man laut dem Buch der Versammlung Maulwurzherz und Schöllkraut auf den Kopf eines schwer Kranken legen soll, um dessen Schicksal zu erfahren. Und dass nichts den Teufel besser vertreibt als der aromatische Duft von Quendel. Letzteres kann ich bestätigen.