Dieses hübsche Buch versammelt Widmungen - und zwar nicht Autorenwidmungen, also signierte Ausgaben - sondern Gedanken, die Buchverschenker den Beschenkten auf den Schmutztitelseiten hinterlassen haben. Autor Wayne Gooderham beschreibt sich im Vorwort als einen Sammler, der gebrauchte Bücher kaufte und so viele dieser Widmungen darin fand, dass er schließlich ein Sammelgebiet daraus machte. Abgebildet sind die Buchcover und die jeweiligen Widmungen - wo sie allzu unleserlich geraten sind, finden sie sich zusätzlich säuberlich gedruckt.
Das Gros dieser Botschaften war zunächst einmal völlig privat und ganz sicher nicht für Dritte bestimmt. Obwohl in den Sprüchlein mitunter sogar ausdrücklich davor gewarnt wird, das Buch zu verlieren oder wegzugeben...
"If this book should ever roam, box its ears an send it home."
... wurde es letztlich doch auf die Reise geschickt und landete im Antiquariat oder auf dem Flohmarkt. Solche Einträge, ob gekritzelt oder in Schönschrift, machen den Mehrwehrt eines Buches aus. Neben Autor, Verleger, Lektor, Drucker, Buchgestalter und Buchhändler sind zwei weitere Personen an der Enstehung und damit der Persönlichkeitsentwicklung des Buches beteiligt: der Schenker und der Leser. Wieder so eine magische Sache, die mit der Digitalisierung des Mediums Buch verloren geht.
Oft erzählen die Einträge ganze Geschichten. Words (Les mots) von Jean Paul Sartre schenkt eine Hetty ihrer Mutter und mahnt diese, es sorgfältig und ohne Vorurteile bis zum Schluss zu lesen. Manchmal passt die Botschaft so gar nicht zum Buch in dem sie steckt: So verbirgt das Kompendium mit dem prosaischen Titel Embedded Autonomy. States of an industrial transformation eine flammende, poetische Liebeserklärung auf dem Vorsatz.
Manches dagegen passt beängstigend gut zusammen. ln der Shooter's Bible. The world's Standard firearms reference book widmet Daniel dem beschenkten Matt, das brutale Filmzitat aus Taxi Driver mit Robert de Niro: "One day a real rain will come and wash all the scum of the streets."
Neuigkeiten, Dank, Wünsche, Skizzen, Karikaturen, eigene Gedichte, fremde Zitate, Erklärungen zum jeweiligen Buch, Gebrauchsanweisungen, wie es zu lesen oder verstehen ist, manchmal auch Warnungen davor. Das Genre kennt keine Grenzen. Manches ist ironisch, boshaft, sogar beleidigend: „from a selfish old slag to a fat lazy old cow" in Londoners von Celina Fox.
Bisweilen ist das Gedruckte mit einbezogen: Aus der Verlagsangabe Fourth Estate wird "Your fourth dimension lover". Manches bleibt rätselhaft. In den Bildband Love Goddesses of the Movies schrieb jemand "You satisfied my hunger". Ausnahmsweise finden sich auch Nachrichten des Besitzers und Lesers an sich selbst, der diese Botschaften liest, wenn er den Band später wieder zur Hand nimmt. "I'm quite bewildered by it" steht da über A Severed Head von Iris Murdoch. Dem Band Unemployment and Plenty wurde eine Wutrede über Margaret Thatcher hinzugefügt.
Schön ist die Widmung in einem Charlie-Brown-Buch. Sie lautet schlicht und einfach: "I love you"
Das darf zum Schluss nicht fehlen: Natürlich habe ich dieses Buch selbst gebraucht (in einem Oxfam Shop) gekauft. Und es trägt ebenfalls eine Widmung von Weihnachten 2013 (Ich wusste nicht, ob sie eingedruckt war, aber die Tinte ließ sich verwischen):"To Stan, with love Polly - I could have been pretentious and quoted some ancient sage but I think Willie Nelson said what I want to say well enough ,You were always on my mind'".
Donnerstag, 9. Mai 2019
Sonntag, 5. Mai 2019
Anthony Horowitz: The Word is Murder
Goldene Regel: Wo Anthony Horowitz draufsteht, stecken intelligente, vertrackte, doppelbödige Krimis drin, die so spannend sind, dass man sie von der ersten bis zur letzen Seite fressen möchte. So auch The Word is Murder, eine Detektivgeschichte aus dem London der Jetzt-Zeit. Wie in Die Morde von Pye Hall thematisiert der Autor den Prozess des Krimi-Schreibens selbst, spielt mit verschiedenen Ebenen und führt den Leser fies in die Irre. Unzählige Shakespeare-Zitate und Anspielungen zeigen nur zu deutlich, dass wir uns hier in die magische Welt des Theaters begeben.
Hauptfigur ist der Detektiv Daniel Hawthorne, ein ziemlich unsympathischer, schroffer, homophober und unsozialer Ex-Polizist, den sein früherer Arbeitgeber Scotland Yard wegen seines besonderen Riechers bei besonders kniffligen Fällen hinzuzieht. Und da ist sein ahnungsloser, unbedarfter und rechtschaffener Sidekick, der Hawthorne bewundern darf, aber sonst den Mund halten soll und natürlich auf jede zwingende Schlussfolgerung viel, viel später stößt als der Leser. Das klingt nach Dr. Watson oder Hutchinson Hatch, aber es ist (und das ist neu): der Schriftsteller Anthony Horowitz selbst.
Horowitz lässt hier tatsächlich sein reales Ich erzählen, von seinen Buchprojekten, der Arbeit mit der Agentin, Aufritten bei Lesefestivals berichten. Der mürrische Hawthorne hat den renommierten Autor als Chronisten gewonnen, der seinem neuesten Fall ein Buch widmen soll: Hawthorne investigates soll es heißen - wenigstens hier setzt sich Horowitz durch, der sonst wenig zu melden hat: The word is murder, heißt das Buch schließlich.
Geschickt verwebt Horowitz Realität (das meiste, was seine eigene Person und ihr Umfeld betrifft) und Fiktion (den ganzen Rest) - und hält dieses Verwirrspiel sogar bis ins die Danksagungen am Schluss des Buches durch. Herrlich, wie Hawthorne mitten in ein vielversprechendes Treffen Horowitz' mit Steven Spielberg und Peter Jackson platzt und so dessen Karriere als Kino-Autor nachhaltig beschädigt.
Aber der Fall hat Vorrang: Hawthorne soll herausfinden, wer die Witwe Diana Cowper, die Mutter des erfolgreichen Hollywood-Schauspielers Damian Cowper, stranguliert hat. Pikant: Sechs Stunden vorher hatte Diana Cowper bei einem Bestattungsinstitut die Details für ihre eigene Beerdigung regeln lassen. Und noch einmal zehn Jahre früher hatte Diana Cowper mit dem Auto zwei Kinder überfahren - eines starb, das andere überlebte schwerstbehindert - und Fahrerflucht begangen.
Hawthorne ermittelt und Horowitz versucht nachvollziehen, wie er die Fäden entwirrt, zieht aber meist die falschen Schlüsse. Sehr schön, wie selbstironisch sich der Autor hier als ahnungslos, leicht blasiert und etwas dämlich darstellt. Was die Auflösung des Falls angeht, habe ich immer auf den großen Knalleffekt gewartet, der alles bis dahin Gelesene radikal auf den Kopf stellt. Das hat dieser Krimi zwar nicht zu bieten. Trotzdem ist es ein sehr kniffliger und durchdachter Plot, der bis zum Ende spannend bleibt und zig Aha-Erlebnisse bietet.
Hauptfigur ist der Detektiv Daniel Hawthorne, ein ziemlich unsympathischer, schroffer, homophober und unsozialer Ex-Polizist, den sein früherer Arbeitgeber Scotland Yard wegen seines besonderen Riechers bei besonders kniffligen Fällen hinzuzieht. Und da ist sein ahnungsloser, unbedarfter und rechtschaffener Sidekick, der Hawthorne bewundern darf, aber sonst den Mund halten soll und natürlich auf jede zwingende Schlussfolgerung viel, viel später stößt als der Leser. Das klingt nach Dr. Watson oder Hutchinson Hatch, aber es ist (und das ist neu): der Schriftsteller Anthony Horowitz selbst.
Horowitz lässt hier tatsächlich sein reales Ich erzählen, von seinen Buchprojekten, der Arbeit mit der Agentin, Aufritten bei Lesefestivals berichten. Der mürrische Hawthorne hat den renommierten Autor als Chronisten gewonnen, der seinem neuesten Fall ein Buch widmen soll: Hawthorne investigates soll es heißen - wenigstens hier setzt sich Horowitz durch, der sonst wenig zu melden hat: The word is murder, heißt das Buch schließlich.
Geschickt verwebt Horowitz Realität (das meiste, was seine eigene Person und ihr Umfeld betrifft) und Fiktion (den ganzen Rest) - und hält dieses Verwirrspiel sogar bis ins die Danksagungen am Schluss des Buches durch. Herrlich, wie Hawthorne mitten in ein vielversprechendes Treffen Horowitz' mit Steven Spielberg und Peter Jackson platzt und so dessen Karriere als Kino-Autor nachhaltig beschädigt.
Aber der Fall hat Vorrang: Hawthorne soll herausfinden, wer die Witwe Diana Cowper, die Mutter des erfolgreichen Hollywood-Schauspielers Damian Cowper, stranguliert hat. Pikant: Sechs Stunden vorher hatte Diana Cowper bei einem Bestattungsinstitut die Details für ihre eigene Beerdigung regeln lassen. Und noch einmal zehn Jahre früher hatte Diana Cowper mit dem Auto zwei Kinder überfahren - eines starb, das andere überlebte schwerstbehindert - und Fahrerflucht begangen.
Hawthorne ermittelt und Horowitz versucht nachvollziehen, wie er die Fäden entwirrt, zieht aber meist die falschen Schlüsse. Sehr schön, wie selbstironisch sich der Autor hier als ahnungslos, leicht blasiert und etwas dämlich darstellt. Was die Auflösung des Falls angeht, habe ich immer auf den großen Knalleffekt gewartet, der alles bis dahin Gelesene radikal auf den Kopf stellt. Das hat dieser Krimi zwar nicht zu bieten. Trotzdem ist es ein sehr kniffliger und durchdachter Plot, der bis zum Ende spannend bleibt und zig Aha-Erlebnisse bietet.
Sonntag, 28. April 2019
Charlie Lovett: Der Buchliebhaber
So. Da habe ich nun also einen Liebesroman aus dem Goldmann-Verlag gelesen. Warum? Weil es in diesem Buch um die abenteuerliche Jagd nach einem verschlüsselten Manuskript in einer mittelalterlichen Klosterbibliothek, um einen Kreis von Bibliophilen und um die Artussage geht. Das steht nicht nur im Klappentext, sondern ist wirklich der Fall.
Im fiktiven englischen Ort Barchester lebt der etwa 40-jährige Universitätsdozent, Eigenbrötler, Mittelalterbegeisterte und Büchernarr Arthur Prescott. Arthur arbeitet an einem Kirchenführer zur Kathedrale, die auf dem Grund eines ehemaligen Klosters, gegründet von der heiligen Ewolda, steht. Da taucht die 14 Jahre jüngere US-amerikanische Studentin Bethany auf, die die alten Handschriften der wenig besuchten Kathedralbibliothek im Auftrag eines evangelikalen Milliardärs digitalisieren soll. Arthur und Bethany stellen fest, dass eines der Manuskripte fehlt - womöglich enthält es geheime Informationen zur Klostergründerin Ewolda und vielleicht auch zum Heiligen Gral. Sie machen sich auf die Suche und kommen sich dabei näher.
Es ist schön zu lesen, wie der ehemalige Antiquar und eingefleischte Büchersammler Lovett sein bibliophiles Wissen einwebt. So diskutieren Arthur und seine gleichgesinnten Freunde, die sich zu den Bücherfreunden Barchester zusammengeschlossen haben, ob Sammler die unbeschnittenen Seiten eines uralten Buches mit dem Messer öffnen sollten - schließlich sind Bücher da, um gelesen zu werden - oder sie jungfräulich und verschlossen belassen, um den Sammlerwert zu erhalten: Diese Frage stellt sich tatsächlich jeder Büchersammler irgendwann.
Leser erfahren zudem eine Menge über die Artussage und ihre literarischen Bearbeitungen, allen voran von Thomas Malory und Alfred Tennyson, über verschiedene Theorien zum Heiligen Gral, über Buchherstellung in mittelalterlichen Skriptorien, Einbände, Geheimschriften, den Geruch von Büchern, den Charme von Penguin-Taschenbüchern (…"die Seiten blätterten sich geschmeidig wie Sahne, die aus dem Krug rinnt, und während die meisten alten Taschenbücher irgendwann auseinanderfielen, reiften Penguins."), Kettenbücher, Bibliotheksregale und vieles, vieles mehr. Ein Genuss.
Aber dann finden sich doch immer wieder solche Klöpse:
"Ihm war gar nicht aufgefallen, wie düster der Raum gewesen war, bis Miss Davis ihn mit ihrer Anwesenheit zum Leuchten brachte."
oder auch:
"Die Morgensonne funkelte auf dem Wiesentau, und die Vögel zwitscherten so lieblich wie nie, als Arthur am Zaun lehnte..."
Inwieweit derlei Stilblüten mit der Übersetzung oder dem Lektorat zu tun haben, vermag ich nicht zu beurteilen.
Irgendwie uninspiriert erzählt wirkt auch die Liebesgeschichte, die sich zwischen Arthur und Bethany entspinnt. Die wenigen eingestreuten romantischen Szenen sind relativ nichtssagend und gerade gut, guten Gewissens überblättert zu werden. Fans des Liebesroman-Genres, die der Goldmann-Verlag mit rosa Schrift und Blümchen auf dem Cover zu ködern sucht, dürften enttäuscht sein.
Leider ist es ja so, dass Romane über Bücher und Bibliophile - von wenigen ruhmreichen Ausnahmen abgesehen - meist wenig originell und kreativ sind. Da ist das immerhin ein kleiner Ausreißer nach oben.
Im fiktiven englischen Ort Barchester lebt der etwa 40-jährige Universitätsdozent, Eigenbrötler, Mittelalterbegeisterte und Büchernarr Arthur Prescott. Arthur arbeitet an einem Kirchenführer zur Kathedrale, die auf dem Grund eines ehemaligen Klosters, gegründet von der heiligen Ewolda, steht. Da taucht die 14 Jahre jüngere US-amerikanische Studentin Bethany auf, die die alten Handschriften der wenig besuchten Kathedralbibliothek im Auftrag eines evangelikalen Milliardärs digitalisieren soll. Arthur und Bethany stellen fest, dass eines der Manuskripte fehlt - womöglich enthält es geheime Informationen zur Klostergründerin Ewolda und vielleicht auch zum Heiligen Gral. Sie machen sich auf die Suche und kommen sich dabei näher.
Es ist schön zu lesen, wie der ehemalige Antiquar und eingefleischte Büchersammler Lovett sein bibliophiles Wissen einwebt. So diskutieren Arthur und seine gleichgesinnten Freunde, die sich zu den Bücherfreunden Barchester zusammengeschlossen haben, ob Sammler die unbeschnittenen Seiten eines uralten Buches mit dem Messer öffnen sollten - schließlich sind Bücher da, um gelesen zu werden - oder sie jungfräulich und verschlossen belassen, um den Sammlerwert zu erhalten: Diese Frage stellt sich tatsächlich jeder Büchersammler irgendwann.
Leser erfahren zudem eine Menge über die Artussage und ihre literarischen Bearbeitungen, allen voran von Thomas Malory und Alfred Tennyson, über verschiedene Theorien zum Heiligen Gral, über Buchherstellung in mittelalterlichen Skriptorien, Einbände, Geheimschriften, den Geruch von Büchern, den Charme von Penguin-Taschenbüchern (…"die Seiten blätterten sich geschmeidig wie Sahne, die aus dem Krug rinnt, und während die meisten alten Taschenbücher irgendwann auseinanderfielen, reiften Penguins."), Kettenbücher, Bibliotheksregale und vieles, vieles mehr. Ein Genuss.
Aber dann finden sich doch immer wieder solche Klöpse:
"Ihm war gar nicht aufgefallen, wie düster der Raum gewesen war, bis Miss Davis ihn mit ihrer Anwesenheit zum Leuchten brachte."
oder auch:
"Die Morgensonne funkelte auf dem Wiesentau, und die Vögel zwitscherten so lieblich wie nie, als Arthur am Zaun lehnte..."
Inwieweit derlei Stilblüten mit der Übersetzung oder dem Lektorat zu tun haben, vermag ich nicht zu beurteilen.
Irgendwie uninspiriert erzählt wirkt auch die Liebesgeschichte, die sich zwischen Arthur und Bethany entspinnt. Die wenigen eingestreuten romantischen Szenen sind relativ nichtssagend und gerade gut, guten Gewissens überblättert zu werden. Fans des Liebesroman-Genres, die der Goldmann-Verlag mit rosa Schrift und Blümchen auf dem Cover zu ködern sucht, dürften enttäuscht sein.
Leider ist es ja so, dass Romane über Bücher und Bibliophile - von wenigen ruhmreichen Ausnahmen abgesehen - meist wenig originell und kreativ sind. Da ist das immerhin ein kleiner Ausreißer nach oben.
Mittwoch, 10. April 2019
Ladislav Slivka/Herma Schaper: Der grüne Drache
Dieses wunderliche Märchenbuch, ein Flohmarktfund, erzählt von einem rätselhaften grünen Drachen. Ich konnte nicht herausfinden, ob es in zumindest in Teilen auf ein chinesisches Volksmärchen zurückgeht, tippe aber, dass es komplett der Fantasie des Autors Ladislav Slivka entsprungen ist.
Der Kaiser von China ist neidisch auf den Kaiser von Japan, weil dieser einen siebenköpfigen Drachen besitzt. Lange sucht er nach einem eigenen Drachen, bis ihm ein kleiner Junge sogar ein zwölfköpfiges Exemplar bringt, das schimmert wie der Mond, der sich in einem dunkelgrünen See spiegelt. Unter der Bedingung, dass das Tier weiter mit Kindern spielen darf, überlässt er ihm dem Kaiser. Die missgünstigen Höflinge vertreiben jedoch die Kinder und spannen den Drachen vor die Kutsche. Der lässt sich das nicht gefallen, verspeist Kaiser samt Hofstaat, fällt jedoch der Schwermut anheim. Ein Zauberer heilt ihn erst und verwandelt ihn dann in Porzellan. So gelangt in die Hände des Erzählers, hilft diesem aus Geldnot und sorgt dafür, dass dieser schließlich in einem fliegendes Paket mit einer schönen Prinzessin in eine schöne Zukunft reist.
Das 1959 in München-Aubing verlegte Bilderbuch ist ungemein poetisch, versponnen humorvoll und kindgerecht erzählt. Es regt die Fantasie an. Dazu tragen auch die filigranen und ausdrucksstarken kolorierten Tuschezeichnungen von Illustratorin Herma Schaper bei. Erhältlich ist es vereinzelt über den antiquarischen Buchhandel.
Der Kaiser von China ist neidisch auf den Kaiser von Japan, weil dieser einen siebenköpfigen Drachen besitzt. Lange sucht er nach einem eigenen Drachen, bis ihm ein kleiner Junge sogar ein zwölfköpfiges Exemplar bringt, das schimmert wie der Mond, der sich in einem dunkelgrünen See spiegelt. Unter der Bedingung, dass das Tier weiter mit Kindern spielen darf, überlässt er ihm dem Kaiser. Die missgünstigen Höflinge vertreiben jedoch die Kinder und spannen den Drachen vor die Kutsche. Der lässt sich das nicht gefallen, verspeist Kaiser samt Hofstaat, fällt jedoch der Schwermut anheim. Ein Zauberer heilt ihn erst und verwandelt ihn dann in Porzellan. So gelangt in die Hände des Erzählers, hilft diesem aus Geldnot und sorgt dafür, dass dieser schließlich in einem fliegendes Paket mit einer schönen Prinzessin in eine schöne Zukunft reist.
Das 1959 in München-Aubing verlegte Bilderbuch ist ungemein poetisch, versponnen humorvoll und kindgerecht erzählt. Es regt die Fantasie an. Dazu tragen auch die filigranen und ausdrucksstarken kolorierten Tuschezeichnungen von Illustratorin Herma Schaper bei. Erhältlich ist es vereinzelt über den antiquarischen Buchhandel.
Dienstag, 9. April 2019
John Boyne: Der Junge im gestreiften Pyjama
Der Ire John Boyne, Jahrgang 1971, hat 2006 diesen Roman über den Holocaust veröffentlicht. Er handelt vom neunjährigen Bruno, der mit seiner Familie nach Auschwitz zieht, wo sein Vater Lagerkommandant ist. Trotz Verbots nähert er sich dem Konzentrationslager und schließt Freundschaft mit Schmuel, dem gleichaltrigen „Jungen im gestreiften Pyjama“ auf der anderen Seite des Zauns. Die beiden sehen sich sehr ähnlich und könnten fast verwechselt werden, wenn Bruno nicht viel dicker wäre als Schmuel.
Mit Sicherheit ist dieses Buch irgendwo Schullektüre. Und die Lehrer und Lehrpläne, die das verordnen, haben ja auch Recht. Denn natürlich darf die Beschäftigung mit diesem schrecklichen Teil der Geschichte niemals aufhören. Aber muss das mit einem so eindimensionalen Buch geschehen? Ich beneide diese Schüler nicht. Denn Boyne - so nobel sein Ansinnen sein mag und so wichtig es ist, das Gedenken an Auschwitz immer wieder wach zu rufen - macht es sich zu leicht.
Er hat seinen Helden nämlich bewusst doof gestaltet. Ein tumber Tor, der nicht begreift, was da Ungeheuerliches um ihn herum passiert. Das funktioniert aber so nicht mit einem Neunjährigen, der immer nur von "Aus-wisch" und dem "Furor" redet, von den "schaumigen Getränken", die Erwachsene trinken und so weiter. Und der dann im nächsten Atemzug sagt: „Ist alles relativ, oder? Entfernung, meine ich.“
Hier ist ein Erwachsener, der sich überhaupt nicht in Kinder hineindenken kann. Das nimmt diesem Buch jede Glaubwürdigkeit, es geht einfach nicht auf und deshalb läuft diese gute Handlungsidee um ein unfassbar unmenschliches Geschehen ins Leere. Wahnsinnig schade.
Mit Sicherheit ist dieses Buch irgendwo Schullektüre. Und die Lehrer und Lehrpläne, die das verordnen, haben ja auch Recht. Denn natürlich darf die Beschäftigung mit diesem schrecklichen Teil der Geschichte niemals aufhören. Aber muss das mit einem so eindimensionalen Buch geschehen? Ich beneide diese Schüler nicht. Denn Boyne - so nobel sein Ansinnen sein mag und so wichtig es ist, das Gedenken an Auschwitz immer wieder wach zu rufen - macht es sich zu leicht.
Er hat seinen Helden nämlich bewusst doof gestaltet. Ein tumber Tor, der nicht begreift, was da Ungeheuerliches um ihn herum passiert. Das funktioniert aber so nicht mit einem Neunjährigen, der immer nur von "Aus-wisch" und dem "Furor" redet, von den "schaumigen Getränken", die Erwachsene trinken und so weiter. Und der dann im nächsten Atemzug sagt: „Ist alles relativ, oder? Entfernung, meine ich.“
Hier ist ein Erwachsener, der sich überhaupt nicht in Kinder hineindenken kann. Das nimmt diesem Buch jede Glaubwürdigkeit, es geht einfach nicht auf und deshalb läuft diese gute Handlungsidee um ein unfassbar unmenschliches Geschehen ins Leere. Wahnsinnig schade.
Samstag, 6. April 2019
Emmanuel Pierrat: Les nouveaux cabinets de curiosités
Wunderkammern und Kuriositätenkabinette waren der letzte Schrei in der Renaissancezeit. Gelehrte und Adelige präsentierten ihren Gästen mit Vorliebe Ausgefallenes, Exotisches und Bizarres - von der kostbaren chinesischen Vase bis zum Schrumpfkopf -, um sie staunen und erschauern zu lassen.
Auch heute noch gibt es Kuriositätenkabinette in Privaträumen. Der Autor dieses Bildbandes hat 20 von ihnen ausfindig gemacht. Zwar hat er den Besitzern Anonymität zugesagt, aber die fotografierten Räume verraten doch so viel über die Besitzer. Pierrat streut dazu kurze essayistische Betrachtungen ein.
Einer der Sammler (es sind Männer und Frauen darunter) hat seine Wände, Tische, Schränke und Regale mit Erotica dekoriert, einer mit Devotionalien, die an Verbrechen erinnern, einer mit Diktatorenporträts und -büsten, ein anderer mit vergoldeten Kinderschuhen, dazu immer wieder Gemälde, Fotos, Glasfläschchen in allen Farben, Notizzettel, ausgestopfte Tiere, Schiffsinstrumente, Versteinerungen und Muscheln, eine Opiumliege, sehr oft Masken, Fetische, Statuetten aus Afrika, Ostasien, Ozeanien oder Südamerika. Meistens auch Bücher, in Leder gebunden oder abgelesen, gereiht oder gestapelt, thematisch passend oder kontrastierend.
Viele Fragen kommen auf. Warum sammeln wir? Ist das Sammeln an sich etwas Befriedigendes, oder sammeln wir nicht eigentlich doch nur, um einen neuen, kreativen Kontext zu schaffen, etwas Neues zu kreieren, auszustellen und präsentieren, etwas dokumentieren und verewigen?
„Le cabinet de curiosités peut servir à fantasmer... un monde disparu dans lequel le collectioneur a cru vivre, auquel il aurait appartenu.“
Meistens sind die Kuriositäten ästhetisch arrangiert, manche sind wahre Kunstinstallation, andere bestricken mit überraschenden Kombinationen und Kontexten. Oft ist alles vollgestopft - es sind wahre Wimmelbilder, auf denen das Auge immer wieder Neues entdeckt.
„L‘inventivité est sans cesse mise à l‘épreuve, dès qu‘un nouvel arrivant doit trouver sa place parmi des centaines d‘objets, des milliers de livres, de multiples images sous cadre etc.“
Auffällig, wie schmal der Grat zwischen Kuriositätenkabinett und Messie-Wohnung ist. Wo er verläuft, liegt wahrscheinlich auch im Auge des Betrachters.
Auch heute noch gibt es Kuriositätenkabinette in Privaträumen. Der Autor dieses Bildbandes hat 20 von ihnen ausfindig gemacht. Zwar hat er den Besitzern Anonymität zugesagt, aber die fotografierten Räume verraten doch so viel über die Besitzer. Pierrat streut dazu kurze essayistische Betrachtungen ein.
Einer der Sammler (es sind Männer und Frauen darunter) hat seine Wände, Tische, Schränke und Regale mit Erotica dekoriert, einer mit Devotionalien, die an Verbrechen erinnern, einer mit Diktatorenporträts und -büsten, ein anderer mit vergoldeten Kinderschuhen, dazu immer wieder Gemälde, Fotos, Glasfläschchen in allen Farben, Notizzettel, ausgestopfte Tiere, Schiffsinstrumente, Versteinerungen und Muscheln, eine Opiumliege, sehr oft Masken, Fetische, Statuetten aus Afrika, Ostasien, Ozeanien oder Südamerika. Meistens auch Bücher, in Leder gebunden oder abgelesen, gereiht oder gestapelt, thematisch passend oder kontrastierend.
Viele Fragen kommen auf. Warum sammeln wir? Ist das Sammeln an sich etwas Befriedigendes, oder sammeln wir nicht eigentlich doch nur, um einen neuen, kreativen Kontext zu schaffen, etwas Neues zu kreieren, auszustellen und präsentieren, etwas dokumentieren und verewigen?
„Le cabinet de curiosités peut servir à fantasmer... un monde disparu dans lequel le collectioneur a cru vivre, auquel il aurait appartenu.“
Meistens sind die Kuriositäten ästhetisch arrangiert, manche sind wahre Kunstinstallation, andere bestricken mit überraschenden Kombinationen und Kontexten. Oft ist alles vollgestopft - es sind wahre Wimmelbilder, auf denen das Auge immer wieder Neues entdeckt.
„L‘inventivité est sans cesse mise à l‘épreuve, dès qu‘un nouvel arrivant doit trouver sa place parmi des centaines d‘objets, des milliers de livres, de multiples images sous cadre etc.“
Auffällig, wie schmal der Grat zwischen Kuriositätenkabinett und Messie-Wohnung ist. Wo er verläuft, liegt wahrscheinlich auch im Auge des Betrachters.
Heidi Howcroft: Gartenreiseführer Südwestengland
Auf zu einer Reise in eine andere, gemächlichere Welt, in der es wimmelt von Rhododendron, Magnolien und Kamelien, in Gartenräume, Gartenschluchten, verwunschen zugewucherte Anlagen aus dem 17. Jahrhundert, altehrwürdige Landgüter und neogotische Herrenhäuser, zu Staudenrabatten und Bachläufen, versteckten Skulpturen und Tümpeln, Baumgängen, Pflanzinseln, Natursteinmauern, Geheimverstecken und botanischen Staunerlebnissen. Mit dem neu aufgelegten Gartenreiseführer (erstmals 2011 erschienen) hat die deutschsprachige Engländerin Heidi Howcroft sowohl einen praktischen Reisebegleiter durch Dorset, Somerset, Devon und Cornwall als auch ein Lesejuwel für die Armsessel-Traumreise zu Hause geschaffen.
Letzteres habe ich unternommen. Kompetent, detailgenau und sehr umfassend liest sich das wunderbar von der Autorin bebilderte Buch. Das Register sortiert die 59 besprochenen, öffentlich zugänglichen Gartenanlagen auch thematisch, etwa nach "Gärten mit Schneeglöckchen", "English Country Gardens", "Subtropische Gärten" oder "Gärten mit bedeutenden Kunstwerken". Karten, Infos zu Preisen, Anfahrten und Öffnungszeiten, Routenvorschläge innerhalb der Gärten, Tipps zur Leuchttürmen, malerischen Dörfern und urigen Pubs in der Umgebung - alles da.
Für die Autorin, so schreibt sie im Vorwort, ist der Gartenbesuch "ein unterhaltsamer Ausflug mit Teetrinken, Kuchenkosten, Pflanzenerwerben und Ideensammeln". Für diese liebenswerte Art des Reises oder Fantasiereisens bieten die beschriebenen, liebevoll gestalteten und oft Jahrhunderte alten Gärten die ideale Kulisse. Zum Beispiel der Minack Theatre Garden rund um ein Amphitheater an den Küstenklippen Cornwalls, Pencarrow mit seinem Irrgarten aus Lorbeerhecken oder der urwaldähnliche Lost Garden of Heligan...
Ach ja: Beim Garten von Barrington Court in Somerset ist mir sogleich diese Bemerkung unter "Besonderheit" aufgefallen: "Antiquariat in der Scheune, ein Schlaraffenland für Leseratten, gut sortierte Bücher zu Pauschalpreisen, an der Hauptkasse zu zahlen". Was will man mehr?
Heidi Howcroft: Gartenreiseführer Südwestengland. DVA. 176 Seiten. 19,95 Euro.
Letzteres habe ich unternommen. Kompetent, detailgenau und sehr umfassend liest sich das wunderbar von der Autorin bebilderte Buch. Das Register sortiert die 59 besprochenen, öffentlich zugänglichen Gartenanlagen auch thematisch, etwa nach "Gärten mit Schneeglöckchen", "English Country Gardens", "Subtropische Gärten" oder "Gärten mit bedeutenden Kunstwerken". Karten, Infos zu Preisen, Anfahrten und Öffnungszeiten, Routenvorschläge innerhalb der Gärten, Tipps zur Leuchttürmen, malerischen Dörfern und urigen Pubs in der Umgebung - alles da.
Für die Autorin, so schreibt sie im Vorwort, ist der Gartenbesuch "ein unterhaltsamer Ausflug mit Teetrinken, Kuchenkosten, Pflanzenerwerben und Ideensammeln". Für diese liebenswerte Art des Reises oder Fantasiereisens bieten die beschriebenen, liebevoll gestalteten und oft Jahrhunderte alten Gärten die ideale Kulisse. Zum Beispiel der Minack Theatre Garden rund um ein Amphitheater an den Küstenklippen Cornwalls, Pencarrow mit seinem Irrgarten aus Lorbeerhecken oder der urwaldähnliche Lost Garden of Heligan...
Ach ja: Beim Garten von Barrington Court in Somerset ist mir sogleich diese Bemerkung unter "Besonderheit" aufgefallen: "Antiquariat in der Scheune, ein Schlaraffenland für Leseratten, gut sortierte Bücher zu Pauschalpreisen, an der Hauptkasse zu zahlen". Was will man mehr?
Heidi Howcroft: Gartenreiseführer Südwestengland. DVA. 176 Seiten. 19,95 Euro.
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