Donnerstag, 19. Januar 2017

Eduard Mörike: Maler Nolten

Eine Schatztruhe ist dieses umfangreiche Buch, Eduard Mörikes einziger Roman. Hier ist alles drin, was den Dichter auszeichnete: Mörikesche Ironie, Rätsel und Spielereien, gleichzeitig herrlich romantische Bilder und Klänge, ein Schuss Biedermeier - in diese Schublade wird der hintergründige Schwabe gerne ja so gerne gesteckt. Aber er passt nur insofern hinein, als er und ebenso seine Figuren unentwegt Sehnsucht nach dem bürgerlichen, piefigen Philisterleben empfinden. Das klappt aber nicht, im Gegenteil. In diesem Roman müssen sogar alle Protagonisten in jungen Jahren sterben. Die Art, in der Mörike in seine Figuren hineinblickt und an tiefe psychologische Einsichten und Wahrheiten rührt, erinnert an Arthur Schnitzlers Prosa fast 100 Jahre später.

Mörike verfassste den Künstlerroman "Maler Nolten" während seiner "Vikariatsknechtschaft", als der junge Geistliche von 1826 bis 1833 im Jahrestakt von einem Kaff auf der Schwäbischen Alb ins nächste versetzt wurde. Er fand keine Ruhe, keine Sicherheit, und träumte doch so sehr davon.

Die Handlung ist vertrackt, spielt sie sich doch größtenteils  im Innenleben der Personen ab und schlägt dennoch hohe Wellen im Äußeren. Der junge, begabte Maler Theobald Nolten, der dank der Verstrickungen eines unglücklichen Schicksals, aber auch durch sein eigenes Ungeschick Unheil über andere und sich selbst bringt, tritt in einem seltsamen Schwebezustand zwischen weltabgewandtem Schöngeist, unbedarftem Taugenichts und einzig Normalem in einer Gesellschaft der Verrückten in Erscheinung. Gegenpart ist die unheimliche, intrigante Zigeunerin Elisabeth. Sie zieht im Hintergrund die Fäden, ohne je groß in Erscheinung zu treten. 

Am Ende sind dann alle tot.  Elisabeth, die eigentlich Noltens Cousine ist. Der überdrehte und melancholische Schauspieler Larkens, der heimlich Briefe in Noltens Namen an dessen Verlobte Agnes schreibt und so eine eigentlich da acta gelegte Beziehung künstlich am Leben erhält. Das zutiefst schwermütige "Rätselwesen" Agnes selbst, zu der Nolten erst zurückkehrt, die aber, als er ihr vom eigentlichen Briefeschreiber beichtet, vollends dem Wahnsinn verfällt und sich in einen Brunnen stürzt. Noltens Geliebte, die Gräfin Constanze, der Larkens intrigant Noltens vermeintliche Briefe an Agnes zuspielt, um Constanze und Nolten von dieser Affäre abzubringen, und die im Zorn veranlasst, dass Nolten und Larkens für ein satirisches Theaterstück ins Gefängnis wandern. Auch Nolten selbst wird vom Schlag getroffen - er erschrickt zu Tode über den Anblick einer Geistergestalt.

Die einzigen beiden Überlebenden sind schließlich der alte Förster, Agnes' Vater, und der alte Hofrat, der in Wirklichkeit Noltens Onkel Friedrich ist und einst mit einer Zigeunerin das unheilvolle Mädchen Elisabeth gezeugt hatte.

Ganz Spätromantiker, fährt Mörike Schauplätze wie eine verfallene Burgruine, einen seit Jahrhunderten verwunschene Brunnen, eine behagliche Ofenbank, einen holzgetäfelten Rittersaal voller Wappenschilder und Waffen und erquickendes Wiesengrün auf. Und sehr viel Gefühl. Schonungslos blickt der Erzähler die Tiefe der menschlichen Seele, in der er keinen Trost findet. Empfindet der Künstler Nolten die Wirklichkeit mitunter als "mit einer Zaubertapete bedeckt", so kann die schwermütigen Figuren Agnes und Larkens - die hochsensibel auf kleinste Schwingungen reagieren - letztlich gar nichts mehr erfreuen. Typisch Mörike ist das ironisch Überzeichnete der Figuren und die Art, mit dem Leser zu spielen, ihm das Wesentliche beiläufig in Klammern zu servieren und ihn hinters Licht  zu führen.
  
Eingefügt als "phantasmagorisches Zwischenspiel" ist "Der letzte König von Orplid", ein wunderbares Schattenspiel um einen unsterblichen König, eine Feenfürstin und ein geheimnisvolles Buch. Der Roman enthält die somnambulen Peregrina-Gedichte, in denen Mörike (wie im gleichnamigen Zyklus) seine eigene Liebesbeziehung mit der leidenschaftlichen Schwärmerin Maria Meyer verarbeitete. Noch viele weitere Gedichte flattern durch den "Maler Nolten", darunter das unsterbliche "Frühling lässt sein blaues Band..."

Ein paar schöne Zitate noch:

"Dieser Nolten ist der verdorbenste und gefährlichste Ketzer unter den Malern, einer von den halsbrecherischen Seiltänzern, welche die Kunst auf den Kopf stellen, weil das ordinäre Gehen auf zwei Beinen anfängt langweilig zu werden; der widerwärtigste Phantasie-Renommiste! Was malt er denn? eine trübe Welt voll Gespenstern, Zauberern, Elfen und dergleichen Fratzen, das ist's, was er kultiviert!"
"Wer war unglücklicher, als der Maler? und wer hätte glücklicher sein können als er, wäre er sogleich fähig gewesen, seinem Geiste nur so viel Schwung zu geben, als nötig, um einigermaßen sich über die Umstände, deren Forderungen ihm furchtbar über das Haupt hinauswuchsen, zu erheben und eine klare Übersicht seiner Lage zu erhalten. Doch dazu hatte er noch weit. In einer ihm selbst verwundersamen, traumähnlichen Gleichgültigkeit ritt er bald langsam, bald hitzig einen einsamen Feldweg, und statt daß er, wie er einigemal versuchte, wenigstens die Punkte, worauf es ankam, hätte nach der Reihe durchdenken können, sah er sich, wie eigen! immer nur von einer monotonen, lächerlichen Melodie verfolgt, womit ihm irgendein Kobold zur höchsten Unzeit neckisch in den Ohren lag. Mochte er sich Gewalt antun so viel und wie er wollte, die ärmliche Leier kehrte immer wieder und schnurrte, vom Takte des Reitens unterstützt, unbarmherzig in ihm fort. Weder im Zusammenhange zu denken, noch lebhaft zu empfinden war ihm gegönnt; ein unerträglicher Zustand." 
"Eine Sorge, die nur erst als schwacher Punkt zuweilen vor uns aufgestiegen und immer glücklich wieder verscheucht worden war, pflegt tückischerweise gerade in solchen Momenten uns am hartnäckigsten zu verfolgen, wo alles übrige sich zur freundlichen Stimmung um uns vereinigen will. Im heftigen Zugwinde einer aufgescheuchten Einbildungskraft drängt sich schnell Wolke auf Wolke, bis es vollkommen Nacht um uns wird."
"Ich kann es mir nicht reizend und rührend genug vorstellen, das stille gedämpfte Licht, worin dem Knaben dann die Welt noch schwebt, wo man geneigt ist, den gewöhnlichsten Gegenständen ein fremdes, oft unheimliches Gepräge aufzudrücken, und ein Geheimnis damit zu verbinden, nur damit sie der Phantasie etwas bedeuten, wo hinter jedem sichtbaren Dinge, es sei dies, was es wolle – ein Holz, ein Stein, oder der Hahn und Knopf auf dem Turme – ein Unsichtbares, hinter jeder toten Sache ein geistig Etwas steckt, das sein eignes, in sich verborgnes Leben andächtig abgeschlossen hegt, wo alles Ausdruck, alles Physiognomie annimmt."
"Der Maler hatte sich auf einen Sitz geworfen. Er sah mit kalter Selbstbetrachtung ruhig auf den Grund seines Innern herab, wie man oft lange dem Rinnen einer Sanduhr zusehn kann, wo Korn an Korn sich unablässig legt und schiebt und fällt. Er bröckelte spielend seine Gedanken, der Reihe nach, auseinander und lächelte zu diesem Spiel. Dazwischen quoll es ihm, ein übers andre Mal, ganz wohl und leicht ums Herz, als entfalte soeben ein Engel der Freuden nur sachte, ganz sachte die goldnen Schwingen über ihm, um dann leibhaftig vor ihn hinzutreten!"

Samstag, 14. Januar 2017

Tim Parks: Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen

Eine Sammlung von Essays, die sich mit Literatur, Schreiben und  Lesen auseinandersetzen. Verfasst hat sie der britische Romancier, Rezensent, Sachbuchautor und Übersetzer (er übertrug unter anderem Italo Calvino ins Englische) Tim Parks. Parks lebt  seit 1981 in Italien und lehrt dort Literatur.

In meinem Regal steht Parks jetzt zwischen Umberto Ecos "Die Kunst des Bücherliebens", Alberto Manguels "Die Bibliothek bei Nacht", Jacques Bonnets "Meine vielseitigen Geliebten", Hektor Haarkötters "Der Bücherwurm" und Robert Gernhardts "Der Weg zum Erfolg".

Parks Essays unterscheiden sich von unzähligen anderen Büchern zum Thema nicht nur im ironischen, pointierten und hemdsärmeligen Ton, der die Materie mit trockenem Humor und äußerst schlagfertig anpackt. Der Autor hat auch inhaltlich großen Spaß an der Rolle des Advocatus diaboli, der so ziemlich alle Gewissheiten infrage stellt und zu allen gängigen Meinungen leidenschaftlich Gegenpartei ergreift.

Manche seiner Thesen erscheinen offensichtlich: Etwa von der Ambivalenz des modernen Schriftstellers, der den Mythos vom rebellischen Nonkonformisten pflegt, sich aber gleichzeitig prostituieren muss, um den Gesetzen des Marktes zu entsprechen. Oder, dass man ein Buch nicht unbedingt zu Ende lesen muss, um es als Gewinn und Genuss zu empfinden. Manchmal reichen eben einzelne Stellen, die sich besonders lohnen, den Sinn erschließen oder überaus geglückt sind. Ich füge hinzu: Aufgabe eines Rezensenten sollte sein, diese Stellen den Lesern zu empfehlen. In diesem Buch wären es beispielsweise die ersten beiden Kapitel.

Manches ist erhellend. Etwa, dass die besondere narrative Form des Romans - mithin die Königsklasse literarischen Schreibens - zur ich-Vergewisserung und Selbsterfindung des Subjekts beiträgt, weil sie erst das Konzept des einzigartigen, handelnden Menschen mit einer Geschichte, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, mit (gescheiterten) Plänen, Widersachern etc. schafft. Der moderne Mensch braucht diese Geschichten, die sein Ich stärken, zwar nicht, findet Parks. Es gibt aber, wie er in einem anderen Kapitel feststellt, keine andere narrative Methode, die dem Roman Konkurrenz machen könnte.

Manches erscheint zumindest fragwürdig. Wenn Parks über den Zusammenhang von Schriftstellern, ihrem Werk und ihrer Rezeption philosophiert, bringt er die Theorien der italienischen Psychologin Valerio Ugazio ins Spiel, die von "semantischen Polaritäten" spricht. Die Begriffspaare, die in der Familie eines Menschen (eben auch Schriftstellers oder Lesers) wichtig sind, prägen ihn und sein Werk  oder seine Art zu lesen, ein Leben lang. Ging es in der Kindheit eher ums Gut- oder Böse-sein oder waren Mut versus Angst ausschlaggebend? Auch, wenn ich Parks hier nicht immer folgen kann, so sind die Essays zu diesem Thema doch mit schönen Details und Anekdoten aus dem Leben vor allem angelsächsischer Schriftsteller illustriert.

An einigen Stellen teile ich Parks' oftmals bewusst provokante Thesen nicht. Dass das Lesen eines guten Romans so sei könnte, als erlebe man eine Situation selbst und tauche in fremder Menschen Gedanken und Gefühle ein, wischt er als "Unsinn" beiseite. Ich glaube, dass Bücher durchaus diese Wirkung haben.

Mehrere Kapitel sind der gleichgeschalteten "Welt"-Literatur gewidmet, die in unserer Zeit aufgrund der Dominanz und Beliebtheit der anglo-amerikanischen Kultur entsteht. Schriftsteller allerorten versuchen sich in ihren weichgespülten und sogar sprachlich angepassten Werken, dieser dominierenden Lebenswelt anzupassen, ihre Werke möglichst leicht ins Englische übersetzbar zu gestalten. Europäische Leser wiederum greifen mit Vorliebe auf (übersetzte) Werke US-amerikanischer Autoren wie Jonathan Franzen zurück, weil sie sich als "Weltbürger als passive Beobachter der amerikanischen Kultur" empfinden. Was verloren geht, ist die intensive Beschäftigung der Autoren mit der eigenen Sprache und dem eigenen Kontext, die bereichernd wäre, aber der globalen Vermarktbarkeit widerstreben würde.

Ausgenommen sind freilich die selbstzufriedenen englischsprachigen Autoren, die ihre Lebenswirklichkeit bis ins Kleinste thematisieren und davon ausgehen können, dass sich die gesamte lesende Welt dafür interessiert. Parks macht sich lustig darüber, wie diese Autoren ihre weltweite Wirkung überheblich der hohen Qualität ihrer Literatur zuschreiben.

Nun ist zu sagen, dass der Engländer Parks - und das weiß er auch - selbst auf dieser Welle schwimmt. In seinen Beispielen ist er, bis auf wenige Ausnahmen, zentriert auf die angelsächsiche Literatur, als habe es noch nie etwas nennenswertes anderes gegeben als  D. H. Lawrence, Thomas Hardy, Samuel Beckett, Barbara Pym James Joyce, William Faulkner, Aber wer will es ihm verdenken - das ist sein Fach. Und das Ganze ist eben auch nur eine Übersetzung aus dem Englischen.

Mittwoch, 14. Dezember 2016

Karl Eugen Heilmann: Kräuterbücher in Bild und Geschichte

Kräuter und Bücher - und zwar alte kostbare, seltene, illustrierte - sind zwei meiner Leidenschaften. Was will man also mehr als ein Buch über Kräuterbücher? Dieses hier ist ein wirklich umfassendes Kompendium aus dem Jahr 1966 (ich habe die zweite Auflage von 1973) über die Bücher, die im Laufe von Jahrhunderten zum Thema Heilkräuter erschienen sind.

Kräuterbücher gehörten neben den religiösen Schriften zu den am weitesten verbreiteten Büchern. Sie wurden sowohl von Ärzten und Heilkundigen als auch von Laien als medizinische Nachschlagewerke benutzt. Deshalb sind gut erhaltene Kräuterbücher heute sehr selten und entsprechend teuer. Faszinierend sind sie auch wegen ihrer zum Teil aufwendigen und liebevollen Illustrationen.

Karl-Eugen Heilmann, Apotheker aus Mainz und weit gereister Büchersammler, über den es im Klappentext heißt, er habe 1966 "in überraschend körperlicher und geistiger Frische" seinen 80.  Geburtstag gefeiert, hat sein Leben lang Kräuterbücher gesammelt. Er stellt in diesem Buch die schönen Stücke aus seiner stattlichen Sammlung vor, beschreibt sie und ordnet sie ein.

Die Reihe beginnt bei Heilkunst-Darstellungen der alten Ägypter im Papyrus Ebers über Werke der antiken Autoren Hippokrates, Dioskurides und Galen, chinesische, japanische und arabische Schriften zur Kräuterkunde und stellt mittelalterliche Handschriften, etwa der Hildegard von Bingen (1098-1179), vor.

Großen Raum nimmt das Werk des Druckers und Gutenberg-Mitarbeiter Peter Schöffer (1425-1503) ein, dessen reich illustrierter "Gart der Gesundheit" vielfach nachgedruckt wurde. Ebenso die Werke von Hieronymus Brunschwig (1450-1512) sowie der drei Väter der Botanik, Otto Brunfels (1488-1534), Hieronymus Bock (1498-1554) und Leonhart Fuchs (1501-1566).

Eines der schönsten Pflanzenbücher überhaupt ist der Hortus Eystettensis, in dem Basilius Besler 1613 den herrlichen Kräuter- und Blumengarten des Eichstätter Fürstbischofs Konrad von Gemmingen auf der Willibaldsburg verewigte. In Heilmanns Buch ist seine Großartigkeit zu ahnen, wenn auch die Abbildungen nur in Schwarzweiß reproduziert sind.

Die Auswahl geht quer durch die Jahrhunderte, bis zur photolithographischen Darstellung von Farnen Ende des 19. Jahrhunderts. Auch wenn Heilmanns Sprache nicht geschliffen ist, sondern etwas hölzern, so ist doch sein Bemühen, die Einzelstücke in einen Kontext einzuordnen und einen brauchbaren Überblick zu schaffen, nicht hoch genug zu schätzen. Er liefert zahllose pharmazeutische Anmerkungen zu den abgebildeten Heil- und Zauberpflanzen (darunter immer wieder die Alraune), vermittelt aber auch Wissenswertes zu Drucktechnik, Typographie und Buchgestaltung. Seine Liebe zu den wertvollen Stücken seiner Sammlung scheint immer durch und macht dieses Buch lesenswert.

Für mich war es auch die Gelegenheit, ein anderes wunderbares Buch wieder aus dem Schrank zu holen: den Katalog der Ausstellung "Das Kreüterbuch. Holzschnitt-Illustrationen aus der Kräuterbuchsammlung der Universitätsbibliothek Eichstätt-Ingolstadt" von 2004. Er ist mit den farbigen Illustrationen der alten Kräuterbücher geschmückt und nach den einzelnen Heilpflanzen sortiert.


Dienstag, 13. Dezember 2016

Walter Moers: Das Labyrinth der träumenden Bücher

Diese Fortsetzung der faszinierenden Stadt der träumenden Bücher von 2004 hätte ich schon längst lesen sollen. Schließlich ist sie bereits 2011 erschienen. Immerhin habe ich es doch noch vor dem Erscheinen des dritten Teil von Walter Moers Buchhaim-Trilogie geschafft - weil dieser nun mehrfach angekündigt und immer wieder verschoben wurde, zuletzt auf unbestimmte Zeit.

"Sie Glückspilz! Denn dann können Sie es noch zum ersten Mal lesen! Wie ich Sie beneide!" (Zitat eines sogenannten Librinauten, eines Buchpiraten)

Autor und Erzähler (Walter Moers ist wie immer nur der Übersetzer aus dem Zamonischen) dieser Geschichte ist wie beim ersten Band der Dinosaurier Hildegunst vom Mythenmetz. Der zamonische Dichter-Titan leidet darunter, dass ihm das Orm, die dichterische Inspiration, verloren gegangen ist, und er zum satten, selbstzufriedenen Großdichter wurde. Da erreicht ihn eine folgenschwerer Brief. Der Schattenkönig, sein tot geglaubter großer Gegenspieler, sei wieder da.

Mythenmetz kehrt nach 200 Jahren an den Schauplatz seines großen Abenteuers zurück. Die Antiquariatsstadt Buchhaim ist nach dem verheerenden Brand teils aus versteinerten Büchern wieder aufgebaut worden. Mythenmetz entdeckt sie neu, vor allem nimmt ihn die Kunst des Puppenspiels gefangen, die in Buchheim eine Blüte erlebt. Als er schließlich einer Einladung in ein rätselhaftes unsichtbares Theater folgt, landet er unversehens wieder dort, wo er niemals hin wollte: Im unterirdischen Labyrinth der träumenden Bücher. 

Mit den Worten "Hier fängt die Geschichte an" endet das Buch. Das Schloss der träumenden Bücher, der angekündigte dritte Teil, löst dann hoffentlich vieles auf und erklärt so einiges, was in diese an inhaltlich-dramatischen Höhepunkten armen Vorspiel zunächst als Länge erscheint.

War die Stadt der träumenden Bücher eine faszinierende Liebeserklärung an das Buch, den Druck, die Sprache, die Fantasie, tut es ihr dieser Band gleich, ist aber gleichzeitig eine Hommage an das Puppentheater. Wie im Vorgängerband sprengt der Autor mit seiner Fantasiewelt alle Grenzen, stürzt sich kopfüber ins Abenteuer und fabuliert um sein Leben.

Dabei trifft er immer perfekt den Ton und behandelt die deutsche Sprache mit unvergleichlicher Liebe. Moers-Mythenmetz sprüht vor Ideen und streut im Vorbeigehen Hunderte weiterer möglicher Geschichten, ein. Die bloße Erwähnung eines Theaterstücks namens König Furunkel und der ertrunkene Donnerstag sorgt doch schon für bestes Kino im Kopf. Und dann ist wieder fröhliches Rätselraten angesagt: Welche Dichteranagramme verbergen sich hinter Zamoniens berühmten Literaten? Dölerich Hirnfidler ist Friedrich Hölderlin, Akud Ödreimer ist Eduard Mörike, Eiderich Fischnertz ist Friedrich Nietzsche und Heidler von Clirrfisch ist Friedrich von Schiller. Aber Artikularius Silbenpichler?

Das Foto des Labyrinths stammt von einer Walter-Moers-Ausstellung in Bad Mergentheim 2013.

Dienstag, 29. November 2016

Thea Dorn: Die Unglückseligen


Monumental ist sie, diese fast 600-seitige Bearbeitung des Faust-Stoffes, die Thea Dorn in Angriff genommen hat. Ein dickes, dickes Buch, in dem zwar einiges endlos ausgewälzt und vieles unnötig hineingepackt ist, das aber gleichzeitig mit Anspielungen gespickt ist, vielerlei Köstlichkeiten bietet und zum Nachdenken anregt.
Darum geht's: Die deutsche Molekularbiologin Johanna Mawit erforscht in den USA die Unsterblichkeit von Zebrafischen und Mäusen, um - so ihr ehrgeizges Ziel - eines Tages den Tod beim Menschen besiegen zu können. Da begegnet ihr ein zerzauselter Mann, der sich fantastischerweise als der der Physiker Johann Wilhelm Ritter entpuppt: Ritter ist 1776 geboren und müht sich seither vergebens zu sterben. Es will dem 250-Jährigen einfach nicht gelingen. Fasziniert versucht Johanna Ritters Unsterblichkeitsgeheimnis auf die Spur zu kommen: Erst mit DNA-Analyse, dann mit alchimistischen Experimenten, schließlich, indem die einst so nüchtern kalkulierende Wissenschaftlerin den Satan beschwört: Mit ihm, so glaubt sie, müsse der Unglückselige einen Bund eingegangen sein.

Zum Hintergrund: Den Physiker Ritter (1776-1810) gab es wirklich, er entdeckte die UV-Strahlung, erfand den ersten Akkumulator,  korrespondierte mit Goethe, Brentano und Humboldt und führte an seinem Körper galvanische Selbstversuche durch, die seinen Tod mitverursachten. Oder doch nicht? Thea Dorn lässt ihn zu seiner inzwischen wieder verheirateten Witwe zurückkehren, im Krieg kämpfen, im Gebirge umherstreifen, den Nationalsozialisten Widerstand leisten und in den USA zum Tütenpacker werden, ehe er Johanna trifft - irgendwie muss man die Jahrhunderte ja rumbringen.

Nicht alles ist gelungen in diesem episch angelegten Roman. Vieles ist zu breit getreten: Ja, Johanna ist zu Recht misstrauisch, ob dieser Mann wirklich 250 Jahre alt ist. Aber muss das über zig Seiten thematisiert werden? Manches ist recht platt und abgedroschen: Immer wieder steht der aus der Zeit gefallene Ritter wie ein Ochs vor den Segnungen der modernen Welt. Den "Leuchtkasten mit dem Apfelsymbol" identifiziert er als das Erkennungszeichen einer Geheimsekte. Manches ist einfach albern: Eine kleine Fledermaus als Augenzeuge schildert die Teufelsbeschwörung aus ihrer Sicht. Wahrscheinlich gibt es dafür eine Entsprechung bei Goethe oder sonstwo. Trotzdem ist es albern.

Herrlich ist die altfränkische Art, in der Thea Dorn den religiösen Ritter palavern lässt. Er muss" all seine Artigkeit zusammennehmen, dass er nicht stracks Fersengeld gab". Im nämlichen Augenblicke, Scholasterei, zernichten, Unstern, Gelass... herrlichste Sprachperlen sind hier ausgegraben. Immer wieder darf in Intermezzi zwischen den Kapiteln auch der leibhaftige Satanas selbst zu Wort kommen. Er spricht in kunstvollen Jamben.

Schön ist auch ein eingeworfener Brief Justinus Kerners, der den bereits an Unsterblichkeit leidenden Ritter an den charismatischen Pietisten Johann Christoph Blumhardt überweist, weil in seinem eigenen Weinsberger Geisterturm kein Platz mehr für den vermeintlich nervenkranken Gast ist. Im Turm wohnt nämlich schon der ebenfalls geistig angegriffene Nikolaus Lenau, der an seinem "Faust" schreibt.

Im Großen und Ganzen ist das ein witziger und kenntnisreicher  Ritt durch mehrere Jahrhunderte Forschungs- und Geistesgeschichte, der eine Menge Fragen über Leben und Tod, Gott und Mensch, Religion und Wissenschaft aufwirft.

Dienstag, 15. November 2016

Audrey Niffenegger: The Night Bookmobile

Alexandra streift nachts durch Chicago und trifft auf ein seltsames Wohnmobil, das sich als rollende Bibliothek entpuppt. Wie sie erstaunt feststellt, enthält diese Bibliothek sämtliche Bücher, die sie in ihrem Leben je gelesen hat, dazu alle Zeitungsartikel, Briefe und Notizen, ja sogar ihre Tagebücher. Bei Sonnenaufgang muss Alexandra die nur nachts geöffnete Bibliothek verlassen, wie ihr der kauzige Bibliothekar Robert Openshaw mitteilt.

Alexandra verzehrt sich nach der rollenden Bibliothek, die sie erst Jahre später - und dann noch mehrmals in ihrem Leben  - zufällig wieder finden wird. Ihre große Sehnsucht, selbst in dieser ständig wachsenden Bibliothek zu arbeiten, überlagert schließlich alle ihre anderen Wünsche.

Audrey Niffenegger, die US-amerikanische Autorin des Bestsellers "Die Frau des Zeitreisenden", hat diese Graphic Novel zuerst 2008 als Fortsetzungscomic für die britische Zeitung The Guardian verfasst und gezeichnet. 2012 erschien auch eine deutsche Übersetzung unter dem Titel "Die Nachtbibliothek".

Mit ihren reduzierten, mitunter unbeholfen wirkenden Illustrationen und ebenso reduzierten Worten erzählt Niffenegger eindrücklich von dem unerklärlichen Sog, den Bücher auf manche Menschen ausüben, die Zeit, die sie uns stehlen und gleichzeitig schenken, die Art, wie sie unser Leben bestimmen und sind. Wer diesen Sog nicht selbst empfindet, wird nicht nachvollziehen können, was Alexandra bis zum Äußersten treibt.

Montag, 7. November 2016

Umberto Eco: Nullnummer

Sein letzter Roman, 2015, ein Jahr vor dem Tod des Autors, erschienen, ist noch einmal ein echter Eco. Es geht um Medien, um Sprache und Worte, um Geschichte, geheime Machenschaften und Verschwörungen. Gleichzeitig ist dieser Roman, der im Mailand des Jahres 1992 spielt, politischer als seine sechs Vorgänger.

1992 war ein Jahr der Umwälzungen in Italien. Richter Giovanni Falcone wurde ermordet, groß angelegte Korruptionsermittlungen brachten die lange beherrschende Partei Democrazia Cristiana komplett zu Fall. All dies wird im Buch nur am Rande gestreift, schwingt aber immer mit.

Protagonist ist der Journalist Colonna, der für die Zeitung Domani schreibt. Ein Redakteursteam produziert Nullnummern für das Blatt, das in Wirklichkeit nie erscheinen soll - das wissen aber nur Colonna und der Chefredakteur Simei. Vielmehr möchte sich der Herausgeber, ein Provinzpolitiker und zweitklassiger Verleger namens Vimercate - deutliches Vorbild ist Silvio Berlusconi - mit der Androhung dieser auf Skandale, Enthüllungen und investigativen Journalismus angelegten Zeitung Zugang zu einflussreichen Kreisen erpressen. Die Redaktionssitzungen durchziehen zynische Überlegungen: Wie können die Leser am geschicktesten manipuliert, bevormundet und hinters Licht geführt werden?

Einer der Redakteure, Braggadocio (deutsch: Prahlhans), offenbart Colonna eine große Theorie, die er über Jahre gesponnen hat: Im Mittelpunkt steht Benito Mussolini, der 1945 nicht von Partisanen erschossen wurde, sondern in einem Versteck ausharrte, um durch einen Staatsstreich wieder an die Macht zu kommen. Alles, was zwielichtigen Rang und Namen hat, ist in diesen Skandal verwickelt: Vatikan, CIA, Stay-behind-Organisationen wie die paramilitärische Gruppe Gladio... Eines Tages wird Bragadoccio erstochen aufgefunden und Colonna, der eine Diskette (wir sind im Jahr 1992 und Eco liebte die physischen Medien!) mit belastendem Material besitzt, fürchtet um sein Leben.

Bis er zufällig im Fernsehen eine BBC-Dokumentation sieht, in der genau die von Bragadoccio vermuteten Machenschaften offen thematisiert werden. Lediglich die allzu abenteuerliche Theorie von Mussolini fehlt. Wie Colonna feststellen soll, löst die Doku weder ein politisches Erdbeben aus, noch interessiert sie irgendjemanden. "Ach ja? Interessant", sagen die Leute und gehen weiter ihren Geschäften nach. Schmutzige Wäsche wird längst nicht mehr im Verborgenen, sondern öffentlich gewaschen. Warum auch nicht? Dieser letzte, gekonnte Dreh setzt der Story, die als politische Satire angelegt ist, den perfekten, desillusionierenden Schlusspunkt.

Wie eigentlich alle Eco-Romane liest sich auch "Nullnummer" etwas zäh im Mittelteil. Er muss einfach so viel erklären. Diese undankbare Aufgabe hat Braggadocio übernommen, der Mythomane, der hinter jeder Ecke eine Verschwörung wittert. Manches ist umständlich und wortreich umschrieben, vieles Italien-spezifisch und für Mitteleuropäer nicht unbedingt nachzuvollziehen. Zum Beispiel auch die Darstellung des Journalismus, die von vielen deutschen Rezensenten kritisiert wurde. So würde Journalismus in Deutschland nicht laufen. In Südeuropa läuft er aber anders. Irgendeinen Unterschied muss es geben.