Mittwoch, 1. Januar 2020

Jan Peter Bremer: Der amerikanische Investor

Nichts. Das passiert in diesem Buch von Jan Peter Bremer. Buchstäblich nichts. Bremer ist seit vielen Jahren einer der besten deutschsprachigen Schriftsteller. Und der einzige, der so grandios über nichts, nichts und wieder nichts schreiben kann.

Der Erzähler, ein Schriftsteller, liegt in seinem Bett und lässt die Gedanken schweifen. Besser gesagt haben ihn seine Gedanken fest im Griff. Er sinniert über das Kreuzberger Mietshaus, in dem er mit Frau und zwei Kindern wohnt, und das von einem amerikanischen Investor gekauft wurde, der es nun sanieren lässt. Die Böden senken sich ab und Wände bekommen Risse. Von der Mieterberatung hat der Erzähler widersprüchliche Signale erhalten. Er sorgt sich um die Zukunft und denkt darüber nach, dem amerikanischen Investor einen Brief zu schreiben. Diesem schwer zu fassenden Unbekannter, von dem er gelesen hat, dass er an Bord eines Flugzeuges lebt. Aber das ist gar nicht so leicht, wenn man obendrein so müde ist.

Die Sorge um die Wohnung, die Unfähigkeit zu reagieren, die Trägheit, die davon abhält, den ersten Satz zu schreiben, lässt einen inneren Monolog entstehen. Die Worte spinnen sich weiter, die Gedanken malen sich aus was wäre, wenn.... wortreich und in plastischer Sprache hadert der Erzähler mit seiner vermeintlichen Sprachlosigkeit. Die Frau, die Kinder, der Hund, der frühere Hausmeister, der kleine Ali - alle, die seinen Weg kreuzen, leben intensiv wie in einem Fiebertraum auf. Anders als die unnahbar-bedrohlichen Figuren in den Romanen und Erzählungen Franz Kafkas haben diese Fremden Gefühle, hegen Zorn oder Hinterlist, handeln überlegt oder impulsiv. Der Erzähler steigert sich hinein, überschlägt sich, seine Einfälle verselbstständigen sich, er gibt sich larmoyant, selbstzufrieden, eitel, faul, hysterisch. Das ist mitunter zum Schreien komisch.

Dienstag, 10. Dezember 2019

Joseph Jefferson Farjeon: Geheimnis in Weiß

Dieser britische Whodunnit-Krimi aus dem Jahr 1937 ist der perfekte Weihnachtsschmöker. Es schneit und schneit und schneit in England an diesem Heiligabend. Und der Zug, der in der Nähe des Dorfes Hemmersby seit geraumer Zeit außerplanmäßig hält, kommt weder vor noch zurück. Einige zufällig zusammengewürfelte Passagiere eines Dritte-Klasse-Abteils nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand und versuchen, den nahe gelegenen Bahnhof zu Fuß zu erreichen.

Doch sie verirren sich heillos im Schneetreiben und sind schließlich froh, in der weißen Einöde ein Haus zu entdecken. Die Tür ist offen, es brennt sogar Feuer im Kamin - aber weit und breit ist kein Mensch zu entdecken. Notgedrungen lassen sie sich in dem heimelig eingerichteten Landhaus nieder. Ein schüchterner Buchhalter, der die kommenden Stunden fieberkrank in einem der Betten verbringen wird (die Beschreibungen von Thomsons skurrilen Fieberträumen haben echte literarische Qualität und machen diesen Krimi zu einem besonderen Juwel), ein Geschwisterpaar, eine Revuetänzerin, ein angeblich weit gereister Aufschneider und Mr. Edward Maltby, Mitglied der Königlich-Parapsychologischen Gesellschaft. Wie aus dem Nichts taucht auch noch ein grobschlächtiger, unsympathischer "Mr. Smith" auf.

An ein Fortkommen ist nicht zu denken. Während der Schnee das Haus immer mehr zudeckt, machen sich die unfreiwilligen Hausgäste daran, über die Rätsel nachzudenken, die sich umgeben. Was hat es mit dem brennenden Feuer und dem heißen Wasser im Teekessel auf sich? Wer ist der geheimnisvolle Mann mit den zynisch leuchtenden Augen auf dem Ölgemälde über dem Kamin? Verbirgt Smith etwas? Und ist der seltsame Schneehügel, den Maltby vor dem Haus entdeckt hat, wirklich eine eingeschneite Leiche? Die Gesellschaft rätselt, und der in übersinnlichen Phänomenen bewanderte Maltby führt dabei die Regie.

Schließlich erhält die illustre Runde in dieser Weihnachtsnacht noch weitere Gesellschaft und kommt, wie könnte es anders sein, mehreren Morden auf die Spur. Nicht alles kann geklärt werden - vieles bleibt ebenso rätselhaft wie Maltbys kühne Gedankengänge. Auch die beiden Polizisten, die sich am nächsten Tag zu dem Haus durchkämpfen, erfahren nur einen kleinen Teil der Wahrheit. Unaufgeregt, vertrackt, hintergründig und absolut unterhaltsam.

Mittwoch, 6. November 2019

Albert Maier: Der Antiquitätenhändler

Albert Maier ist ein Schatzjäger. Seine Beute: Rares und Kurioses, Wertvolles und Geschichtsträchtiges. Wenn der Ellwanger Antiquitätenhändler nicht in seinem Laden mit Kunden über Porzellanfiguren, Bauernmöbel oder Ölgemälde fachsimpelt, dann steht er als Experte für die TV-Sendung „Bares für Rares“ vor der Kamera. Nun ist Albert Maier unter die Buchautoren gegangen. In rund 30 reich bebilderten Kapiteln verrät er eine Menge von dem Wissen, den Anekdoten und Geschichten, die sich in einem Leben als Antiquitätenjäger angesammelt haben.

Es geht durch ganz Baden-Württemberg mit dem Experten, der in den einzelnen Kapiteln gesuchte und beliebte Altertümer vorstellt: von gusseisernen Ofenplatten der Schwäbischen Hüttenwerke in Wasseralfingen und exquisitem Silberbesteck der WMF aus Geislingen über Schwarzwaldglas, Stuttgarter Bauhausmöbel, kunstvoll mit Silberfäden aus Gmünd und Keramik aus Lorch ausgestattete Rosenkränze, Gemälde von Sieger Köder, Fayencen aus Schrezheim, Märklin-Blechspielzeug aus Göppingen ... bis zum unverwüstlichen großen Steiff-Bär aus Giengen. Der Leser erfährt, dass Erhard & Söhne in Gmünd – heute als Auto-Zulieferbetrieb Teil des Magna-Konzerns – einst Aschenbecher und luxuriöse Schatullen mit Holz-Messing-Intarsien herstellte.

Die Reise durchs Antiquitätenländle wäre nur halb so unterhaltsam, würde Albert Maier dabei nicht munter aus dem Nähkästchen plaudern. Er erzählt, wie er Zeuge eines fast handgreiflichen Streit unter Gemälde-Erben wurde. Wie bei einer Nachlass-Auflösung ein Sparbuch auftauchte. Wie Kunden in seinem Laden zornig wurden, weil sie nicht glauben wollten, dass das mitgebrachte, naives Nachkriegsgemälde wertlos ist. Oder wie er einen besonderen Fund – einen geschliffenen Deckelpokal aus dem 17. Jahrhundert – stolz seiner Frau präsentieren wollte und dabei das 1000-Mark-Stück fallen ließ. Und er bedauert, dass er heutzutage auf Flohmärkten schnell als Antiquitätenexperte erkannt und daher ordentlich zur Kasse gebeten wird.

Aufgezeichnet hat Maiers Schilderungen der Fernsehjournalist Bernhard Foos. Er hat die Sprache nicht geschliffen, sondern lässt Maier so erzählen, wie man eben redet: einfach, ungekünstelt, lebensecht. Und ohne falsche Romantik: Bibeln sind wertlos, weiß Maier, selbst wenn sie 300 Jahre alt sind. Alter Schmuck wird fast immer nur zum Materialpreis angekaut. Porzellan, Zinn, Tiergemälde, Ofenplatten, Schwarzwälder Uhren – früher teuer, heute Ladenhüter.

Nebenbei schildert Maier auch seine Kindheit in Ellwangen, berichtet von der geliebten Oma, die der zum ungeliebten Rosenkranzgebet begleiten musste, von seinem Opa, dem weit gereisten „China-Michel, vom Kolonialwarenladen der Eltern und vom Palais Adelmann, wo der kleine Albert bei den Großeltern eine Klassenkameraden erstmals Barockmöbel, Gobelins, Porträtgemälden bestaunte.

Anfang der 1970-er, erinnert sich Maier, habe er in Aalen ausgemusterte Gefängnistüren kaufen können. Diese bot er in München zum Verkauf an: Sie fanden reißenden Absatz und sorgten sogar für einer Magazinstory im „Spiegel“. Beflügelt von dem Deal gab der junge Mann sein Jurastudium auf und klapperte fortan im VW-Bus die Flohmärkte ab.
Maiers Faszination steckt an. Sie macht Lust, über Flohmärkte zu streifen, in Antiquitätenläden nach Schätzen zu stöbern oder Museen in vergangene Zeiten zu reisen. Ein tolle Buch für alle Fans von Antiquitäten und Kunst, aber auch ein informatives Kompendium für alle, die an Regional- und Wirtschaftsgeschichte interessiert sind.

Albert Maier: Der Antiquitätenhändler. Auf der Suche nach verborgenen Schätzen. Aufgezeichnet von Bernhard Foos. Silberburg-Verlag. 173 Seiten. 19,99 Euro.

Erschienen in: Wirtschaft Regional, 24. Oktober 2019

Samstag, 2. November 2019

Sasha Abramsky: Das Haus der zwanzigtausend Bücher

Bücher, Dokumente, Papierstapel in jedem Raum, jeder Ecke, an jeder Wand bis zur Decke. Das ist Haus der zwanzigtausend Bücher in Hillway 5 in London. Das unscheinbare Reihenhaus, das der jüdische Gelehrte, Antiquar, Sammler, Universitätsprofessor und bibliophile Experte Chimen Abramsky (1916-2010) mit seiner Familie bewohnte. Sein Enkel Sasha hat beide - seinen Großvater und das Bücherhaus - in einer Biographie verewigt. Sie wären ohnehin schwer zu trennen gewesen.

Geboren 1916 als Sohn des berühmten Rabbiners Yehezkel Abramsky in Minsk, emigrierte Chimen Abramsky 1932 mit der Familie nach London. In größtmöglicher Opposition zu seinem frommen Vater wurde Chimen glühender Marxist, das Haus im Hillway 5 avancierte zum lebendigen Treffpunkt für kommunistische Denker. Und es füllte sich mit marxistischen Büchern. Später wandte sich Chimen vom Kommunismus ab. Nun gingen Liberale und Büchersammler im Hillway ein und aus. Und das Haus füllte sich weiter, mit kostbaren Judaica, mit Zeugnissen der riesigen schriftlichen Kultur, die jüdische Gelehrte ab dem frühen Mittelalter geschaffen haben.

Chimen Abramsky trug nicht nur persönlich eine der weltweit bedeutendsten Judaica-Sammlungen zusammen. Er arbeitete auch als Buchexperte für das Auktionshaus Sotheby's und verantwortete maßgeblich mit, dass ein Weltmarkt für seltene Judaica entstand. Auf Vermittlung seines Freundes, des Philosophen Isaiah  Berlin, wurde er Lehrbeauftragter, dann Professor für Hebräisch und Jüdische Studien am Londoner University College.

Viel mehr als heute bedeuteten Bücher in Chimen Abramskys Zeit und Welt Wissen, Erkenntnis, Zugang zu den Geschichten und den Leben anderer Menschen. Und eine Büchersammlung war (und ist zum Teil auch heute noch) viel mehr, denn: Die gesammelten Bücher konstituieren ein Leben, geben Halt, helfen, wie der Enkel schreibt, durch das "Chaos zu navigieren", möblieren die eigene geistige Persönlichkeit.

Eine solche Sammlung geht normalerweise mit dem Sammler unwiederbringlich verloren. Nicht so hier. Denn Sasha Abramsky hat dieses mittlerweile längst ausgeräumte Bücherhaus mit seinen Zimmern und den Büchern darin selbst in einem Buch - und damit einer Zeitkapsel - verewigt. Das Werk ist somit gleichzeitig eine Biographie und eine Bibliographie, ein unvollständiger Bibliothekskatalog in Prosa. Zwar sind besondere Stücke nur vereinzelt beschrieben, wohl aber gibt Abramsky in die Welt der vom Großvater verehrten Denkern wie Moses Mendelssohn oder Baruch Spinoza, stellt Druckerpioniere wie Daniel Bomberg und zahlreiche jüdische - auch marxistische - Gelehrte und Philosophen vor.

Jedes Kapitel ist einem Zimmer und den Büchern darin gewidmet, dem Wohnzimmer, dem Schlafzimmer, der - natürlich mit Bänden vollgestopften - Diele. In der Küche widmet sich Abramsky seiner Großmutter Miriam - Sozialarbeiterin, ebenfalls in jungen Jahren Marxistin - die er aber ausschließlich in ihrer Rolle als Gastgeberin und Köchin preist. Offenbar war sie selbst darauf besonders stolz, und ihre Gastfreundschaft, die dem Haus erst seinen Zauber verliehen habe, wird vom Enkel ja auch über den grünen Klee gelobt.

Es wird klar, dass es Abramsky sehr an Vollständigkeit gelegen ist. Er lässt nichts aus, rekapituliert die Familiengeschichte, nimmt langen Anlauf - der Leser muss deshalb mit vielen Längen leben. Manche Kapitel sind dann wieder wunderbare Perlen: etwa jenes über das obere, mit bibliophilen Kostbarkeiten aus Jahrtausenden jüdischer Geschichte vollgestopfte obere Wohnzimmer.

Ein lesenswertes Essay von Philipp Blom über "Bibliomanie und Emigration" als Nachwort rundet die deutsche Ausgabe ab.

Mittwoch, 30. Oktober 2019

John Kaag: Das Bücherhaus

Einer der Schlüsselmomente geschieht kurz vor Schluss dieser autobiographischen Skizze. Ein Gutachter durchforstet die Privatbibliothek des lange verstorbenen Philosophen und Universitätsprofessors William Ernest Hocking (1873-1966) im Hinterland von New Hampshire und taxiert die Bücher nach ihrem miserablen Erhaltungszustand und Marktwert.
 
Der junge Philosophieprofessor John Kaag steht dabei und ist empört: "Philosophie, die gewaltige Liebesbeziehung mit der Weisheit,  auf einen Kalkulationsbogen summiert, zum Zwecke steuerlicher Absetzbarkeit". Immerhin hat er, Kaag, dieses Bücherversteck als 27-Jähriger zufällig entdeckt und mit Erlaubnis von Hockings Erben drei Jahre lang geordnet und katalogisiert. Er hat Nächte zwischen den feuchten Regalen verbracht, vor dem baufälligen Anwesen gezeltet und ist mit Stirnlampe ausgerüstet durch den Stachelschweindreck auf dem Dachboden gekrochen. Dabei hat er Erstausgaben, Manuskripte, Notizen und  Briefe nicht nur Hockings, sondern praktisch aller namhaften Philosophen und Philosophinnen der USA des 19. und angehenden 20. Jahrhunderts geborgen. Ein unermesslicher Schatz, den er vor dem weiteren Verfall retten muss.

In diesem Moment wird klar: Bücher, Texte bekommen ihre entscheidende Bedeutung dadurch, dass sie in Bezug zum eigenen Leben gesetzt werden. Die Gedanken der Philosophen steigen im Wert, wenn sie heute jemanden berühren, ihn zum Weiterdenken bringen, ihm eine Idee über das gute Leben vermitteln, ihm von Gemeinschaft, Freundschaft und Liebe erzählen. Sie können nicht taxiert werden.
 
Diese In-Beziehung-Setzen unternimmt Kaag in diesem Stück Prosa, das eine Episode in seinem eigenen Leben ab 2008 beschreibt. Kaag verwendet persönliche Erlebnisse und Empfindungen als Stichworte, um die philosophischen Schätze der Bibliothek und ihre Urheber vorzustellen. Was hätte Ralph Waldo Emerson in meiner Situation (witzig: Kaag fragt sich das, als er eine Autopanne hat) gedacht? Ging es Henry David Thoreau ebenso? Deckte sich William Ernest Hockings eigenes Familienleben mit seinen philosophischen Entwürfen? Wie lebten und dachten dessen Vorbilder, Zeitgenossen, Nachfolger? Zu Wort kommen neben anderen Charles Sanders Peirce, Josiah Royce, William James, Jane Addams und Walt Whitman. Kaag würdigt ausführlich amerikanischen Pragmatismus und Transzendentalismus. Aber auch Kant und Hegel, Platon und Dante haben ihre Werke in der Bibliothek - und damit ihre Gedanken in diesem Buch hinterlassen.
 
Gleichzeitig beschreibt Kaag sein eigenes Leben. Er schreibt vom Vater, der Alkoholiker war und die Familie verließ. Er schreibt von seiner eigenen Ehe - er hatte in sehr jungen Jahren geheiratet. Die Beziehung belastet ihn, während er viel Zeit in der verfallenen Bibliothek verbringt, schließlich lässt sich das Paar scheiden. Was ihn belastet hat, was nicht stimmte in der Ehe - hier bleibt Kaag sehr vage. Die Handlung mag zwar persönlich angelegt sein, in letzter Konsequenz aber macht der Autor dicht, schließt die Türen. Das gilt auch für Kaags neue Liebesbeziehung zu seiner Philosophenkollegin Carol Hay, die gemeinsam mit ihm die Hocking-Bibliothek katalogisiert und die schließlich seine zweite Frau wird. Immer, wenn es zu persönlich zu werden droht, beginnt der nächste Exkurs und Kaag berichtet aus dem Leben der Philosophen.
 
Insofern gibt das Buch hervorragenden und sehr detaillierten Einblick in die Ideengeschichte der US-Philosophie des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Wer sich für diese Thema interessiert, dürfte Das Bücherhaus mit großem Gewinn lesen. Er erfährt auch, was letztlich aus der Bibliothek wurde - denn alles wird an dieser Stelle nicht verraten.


John Kaag: Das Bücherhaus. Eine philosophische Liebesgeschichte. Aus dem Amerikanischen von Martin Ruben Becker. btb 2019. 11 Euro.
 

Samstag, 12. Oktober 2019

Horst Evers: Der König von Berlin

Bester Regionalkrimi ever.

Ja, erstens Regionalkrimi. Es ist zwar gemein, dieses Familienepos, diese Sozialstudie, diese satirische Großstadtsinfonie in eine Reihe mit den humorlosen Kluftinger-Krimis und noch viel, viel schlimmeren Machwerken zu stellen. Trotzdem ist es auch einer von denen. Allerdings einer, der das Genre des Regionalkrimis wunderbar durchschaut, thematisiert, persifliert. Und dennoch seine Stärken nutzt, die Wiedererkennensmomente, die Orte, Situationen, Menschen. Ja, genau, Berlin, det is Balin wa.

Ja, zweitens, ever, auch wenn das nach einem billigen Namenskalauer klingt. Aber Evers selbst hat in sein Buch ja einige plattestmögliche Gags eingebaut, die sich sehr gut in Luke Mockridges diesjährigem Fernsehgarten-Auftritt gemacht hätten, den ich übrigens sehr gut finde, weil er einer Gesellschaft ihren schizophrenen Umgang mit Kindern um die Ohren haut.

Ich schweife ab. Ist egal. Im 2012 erschienenen Roman des Satirikers und Lesebühnen-Stars Horst Evers geht es um eine Rattenplage in Berlin und den Hauptkommissar Carsten Lanner. Lanner war in der niedersächischen Provinz eine große Nummer, versetzt in die Hauptstadt wird er jedoch von den Kollegen gehänselt, als Landei verspottet, ignoriert. Obendrein ist in Berlin ein Polizist so ziemlich das unterste in der sozialen Rangordnung. Hätte Lanner wissen können.

Einzige kurze Moment des Glücks sind dem Kommissar vergönnt, wenn er an der Resopal-Arbeitsplatte seiner Küche steht und von der Mettrauchwurst nascht, die ihm seine Mutter aus Cloppenburg geschickt hat. Wunderbar. So muss ein Krimiheld sein, der mir sympathisch ist.

Und Evers schickt noch mehr so tollen Typen auf die Szenerie: Der mysteriös verstorbene Schädlingsbekämpfer-Großmogul und Unsympath Erwin Michallik, seine beiden unfähigen Söhne Helmut und Max, seine resolute Chefsekretärin Claire Matthes. Dazu der einsilbige, in Breslau aufgewachsene Kammerjäger Toni Karhan, der zum Actionhelden wird und einen geheimnisvoll verrätselten Stadtplan entdeckt. Georg Wolters, ehemaliger Langzeitstudent und jetzt ebenfalls Kammerjäger, Cloppenburger Schulkamerad von Lanner, welcher ihn zähneknirschend um Hilfe bitten muss. Dann der „dreieckige Spurensicherer“ Manfred Kolbe, der mit, ja, "Berliner Schnauze" ausgestattet, den Dorfsherrif Lanner besonders gerne schikaniert. Die patente, aber etwas undurchsichtige Kommissarin Carola Markowitz. Außerdem ein Nerd, der von seinem Computer aus Ratten dirigiert, ein Ausbrecherkönig, eine Runde korrupter Stadtbarone, die mit dem Regierenden Bürgermeister in der Sauna klüngelt, eine Schar unterbelichteter Brandenburger und dann noch der unvermeidbare Ex-Polizist, der den Dienst quittiert, aber noch einige Rechnungen offen hat.

Nebenbei wird noch die Leiche eines unscheinbaren Mannes gefunden, dessen Wohnung voller Bargeld ist - das hat er, so wird bald klar, als Ghostwriter für Regionalkrimi-Reihen verdient.

Die philosophische Botschaft dieser erratischen Heldenreise lautet: Jeder delegiert alles, vor allem Verantwortung, an andere, will aber die Anerkennung selbst einstreichen. Das passiert auf allen Ebenen - der Regierende tut es sowieso, die Unternehmer und der Polizeichef tun es, selbst der kleine Spurensicherer tut es.

Ein schmieriger Bauunternehmer lässt einen Schlüsselsatz fallen:
„Dieser niedersächsische Bauer versteht nicht, was diese Stadt ausmacht!“

Ja was denn? Wer hat nicht schon gerätselt, woher die bizarr-geschmacklose Form des Einkaufszentrums Alexa kommt? Und wozu der Steglitzer Bierpinsel eigentlich dient? Oder ist daran verzweifelt, dass er einfach nicht verstanden hat, wie diese Stadt tickt? Nach der Lektüre dieses Buches hat er es. Horst Evers, gebürtig Gerd Winter aus Evershorst in Niedersachsen, hat es ihm spannend, actionreich, witzig und hintergründig erklärt.

Samstag, 5. Oktober 2019

Helmut Ahrens: Das Leben des Romanautors, Dichters und Journalisten Theodor Fontane

Diese Schrift widmet sich Theodor Fontane (1819-1898) aus Neuruppin: Apotheker, Balladendichter, Berichterstatter, einer der bedeutendsten Theaterkritiker der Bismarck-Epoche, Englandkenner, Reiseschriftsteller - so wie Walter Scott über Schottland schrieb, setzte er es für die Mark Brandenburg um - und Kriegsschilderer.

Sehr spät, als 60-Jähriger, wurde Fontane zum Romancier, der in eine Liga mit Tolstoi, Flaubert und Dickens aufstieg. Fontanes schriftstellerisch interessanteste Epoche setzt ein, wenn die Seiten dieses Buches schwinden. Das stimmt traurig, aber auch hoffnungsvoll.

Bevor es so weit kommt, berichtet dieses Biografie lang und breit über Fontanes Anstellungen, sein Familienleben, die kleinen Reisen, die journalistischen und publizistischen Arbeiten. Als Apotheker hielt er es nicht lange aus, er wollte schreiben. Und er schrieb auch, lebenslang. Aber nicht das Werk, sondern das Leben Fontanes steht hier im Mittelpunkt. Und das verlief eben meist im Klein-Klein, ehe es dann doch zum großen Roman wurde.

Insofern ist diese Biografie umfassend, aber dann eben doch wieder nicht: Wie seltsam verklausuliert ist hier mitgeteilt, Fontane habe in Dresden zwei uneheliche Kinder gehabt? Im Gegensatz zu seinen späteren ehelichen Kindern wird über diese Kinder seltsam verhuscht hinweggegangen. Ein paar Sätze sind ihnen gewidmet, wenn aus einem Brief Fontanes zitiert wird. Dann sind sie nie wieder erwähnt.

Wer war die Mutter? Welches Verhältnis pflegte Fontane zu ihr? Was wurde aus den Kindern? Hatte Fontane die Kinder, die er nur in diesen Briefen erwähnte, vielleicht frei erfunden? Seltsam, in einer Biografie aus dem Jahr 1985. Damals waren doch uneheliche Kinder (selbst die eines Dichterfürsten) keinesfalls etwas, dass man "der Schicklichkeit halber" verschweigen oder seltsam verdruckst unter den Tisch kehren musste. Vielmehr war wohl die Quellenlage sehr dünn - aber dann hätte der Biograf eben genau dies und die offenen Fragen thematisieren müssen.

Am schönsten ist dieses Buch, wenn Fontane selbst ausführlich zu Wort kommt. Etwa in seiner großartigen Theaterkritik zur Erstaufführung von Gerhart Hauptmanns Vor Sonnenaufgang. Ich sollte wieder Fontane selbst lesen, vielleicht zuerst den fabelhaften Krimi Unterm Birnbaum.