Freitag, 24. März 2017

Navid Kermani: Ungläubiges Staunen über das Christentum

Der deutsch-iranische Autor Navid Kermani, Muslim, hat sich in dieser Essaysammlung von 2015 dem Christentum genähert. Er selbst beschreibt das Buch als "eine frei assoziierende Meditation - ein Staunen eben - über vierzig Bilder und Begriffe, Heilige und Rituale". Neugierig, ernsthaft, fasziniert, interessiert, kenntnisreich und mit großer Sympathie vertieft sich der Autor in Gemälde von El Greco, Botticelli, Caravaggio, Rembrandt und anderen, betrachtet Darstellungen von Jesus und Maria, biblischer Gestalten und der Heiligen, sieht sich in Rom, Köln und dem Kosovo um, um den Wesenskern des christlichen Denkens und Glaubens herauszukitzeln.

Er tut es auf eine sehr persönliche, poetische und mystische Art, versinkt gleichsam in den Bildnissen und seinen Betrachtungen. Immer wieder bezieht er dabei den Islam mit ein, vor allem identifiziert er sich in seiner Sichtweise mit den spirituell-mystisch orientierten Sufis, "die ihre Texte mit erotischen Signalen spickten" und Jesus als "Geliebten" verehren. Dem in seinem Augen unerotischen Protestantismus kann Kermani weniger bis nichts abgewinnen. Das Ganze ist kölsch-katholisch-gewitzt, sprachlich geschliffen, oft ironisch, teils auch sehr flapsig (aber immer originell). Aposteldarstellungen auf einer Monstranz werden mit Tippkick-Spielern verglichen, das Jesuskind als Rotzlöffel bezeichnet. Und wozu möchte Maria auf dem Bildnis Pietro Peruginos den heiligen Bernhard verführen? "Ja, bumsen, nichts anderes". Aber das klingt respektloser, als es ist. 

Unter den Persönlichkeiten, denen sich Kermani besonders verbunden fühlt, ist Franziskus von Assisi, der sich bereits um Verständigung mit dem Islam bemüht habe. Oder aber der italienische Jesuitenpater Paolo D'All Oglio, der ein syrisches Kloster wiederaufbaute, den Islam liebte und einen Dialog der Religionen praktizierte. Heute ist D'All Oglios Schicksal ungewiss, seitdem er im Juli 2013 vom IS gekidnappt wurde. 

 Schöner als in manchen seiner Texte kann man über christliche Religion nicht schreiben. Vor allem, weil Kermani erfasst, was der Wesenskern des Christentums ist: die Liebe. Liebe, die keinen Unterschied macht. 

Dienstag, 21. März 2017

Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit

"Das Gegengift zu Einsamkeit ist nicht das wahllose Zusammensein mit irgendwelchen Leuten. Das Gegengift zu Einsamkeit ist Geborgenheit."

Drei Geschwister, die früh beide Eltern bei einem Autounfall verloren haben, versuchen, jedes auf seine eigene Weise, der Einsamkeit zu entkommen.

Erzählt wird die Familiengeschichte von Jules, dem "Erinnerer und Bewahrer", der nach dem frühen Verlust im Internat keinen Anschluss findet, sich aus  Verpflichtungsgefühl seinem Vater gegenüber erfolglos als Fotograf versucht, ein Studium abbricht und ohne große Freude bei einem Musiklabel arbeitet.

Der dann über viele Umwege seine große Liebe aus Internatszeiten wieder gewinnt - und verliert. Halt findet er im Schreiben und in der Sorge um seine beiden Kinder, die ihm den Spiegel vorhalten und seine gegensätzlichen Wesenszüge verkörpern: ängstlich und mutig.

Jules' älterer Bruder Marty, im Internat ein verschrobener Nerd mit fettigen Haaren, später erfolgreicher Computerunternehmer, führt eine ungewollt kinderlose Ehe in einem viel zu großen Haus und wird seine Zwangsneurose ein Leben lang nicht los.

Die Schwester Liz schließlich flüchtete vor der Realität in Rausch und Affären. Den Zauberer Toni, ebenfalls ein Internatsfreund, der sie vergöttert und nie aufgibt, lässt sie nicht völlig an sich heran.

Diese traurige Geschichte ist stimmig und einfühlsam erzählt. Manchmal kommt sich recht bedeutungsschwer daher. Das bringt dann auch ungelenk pathetische Sätze wie den oben zitierten mit sich, oder:

"Wie so oft, wenn sich ein Schauspiel in der Natur mit meine Sehnsüchten und Erinnerungen verband, spürte ich ein leichtes Ziehen in der Magengrube."

Ansonsten ist das sehr, sehr schöne Literatur. Ein Roman wie ein lange vergessenes und wieder entdecktes Familienalbum, in das Seiten herausgerissen und nachträglich wieder hineingeklebt wurden und in dem einige Fotos lose sind. Das Leben ist kein Nullsummenspiel, sondern ein Kommen und Gehen. Soundtrack und Hintergrundrauschen zu dieser nachdenklichen Suche nach Geborgenheit liefern Nick Drake und Paolo Conte, Nabokov, Hemingway und Carson McCullers.

Sonntag, 19. Februar 2017

Neil Gaiman: Der Ozean am Ende der Straße

O Mann, das kostet Nerven! Hier bei den Hempstocks ist er erst mal sicher. Bloß nicht in die Hände dieser abscheulichen Ursula Monkton fallen, dieses sadistischen Kindermädchens, das in Wirklichkeit ein Floh ist, ein Wesen aus einer anderen Dimension, das er als Wurm in seiner Fußsohle hereingetragen hat.

Da hat der scheue, bücherverliebte Siebenjährige wirklich Glück, dass am Ende seiner Straße die drei Hempstocks in einem alten englischen Bauernhaus wohnen. Großmutter, Mutter und die elfjährige Lettie geben ihm Zuflucht vor dem bedrückenden Zuhause und dem verständnislosen Vater, der die Mutter mit dem gruseligen Kindermädchen betrügt.

Die Hempstocks besitzen hinter dem Haus einen Ozean, den Außenstehende als Ententeich betrachten würden. Sie sind gute Geister, Schicksalsgöttinnen, die mit Schere, Nadel und Faden Episoden aus der Zeit herausschneiden können. 

Was hier Realität ist, was Märchen, ist unerheblich, es geht ineinander über, die Hauptfigur kann es nicht steuern. Nur die Hempstocks können es. 

Der Erzähler dieses Romans erinnert sich an diese Abenteuer seiner Kindheit, als er, mittleren Alters, zu einer Beerdigung in seinen Heimatort zurückkehrt - nur um diese Abenteuer beim Verlassen sogleich wieder zu vergessen. Deren actionreiche Handlung an sich ist nicht besonders originell, sie folgt einem ziemlich einfach gestrickten Fantasy-Plot: Um ihren Freund vor den bösen Hungervögeln zu schützen und diese zurück in ihre Welt zu verbannen, opfert sich die mutige Lettie.

Aber das alles ist zauberhaft erzählt und spielt mit uralten Mythen und den großen Nachdenkereien des Leben. Der Möglichkeit, in die Kindheit zurückzukehren, als es noch um das große Ganze, die bedeutenden Fragen ging. Kann noch einmal alles so wie früher sein?

Poetisch ist die Stelle, als der Junge im Ozean untertaucht, vom Wasser umfangen wird, und auf einmal alles, alles, versteht. Er empfindet unendliches Glück und möchte ewig in diesem Zustand bleiben. Das gehe nicht, sagt ihm Lettie. Er würde sich auflösen und überall gleichzeitig existieren: "Von dir wäre nie genug an einem Ort, das von sich selbst als Ich denkt."

Dieses kuriose kleine Buch ist ein Kick für die Fantasie und lässt ein bisschen über die Welt, die Zeit und uns nachdenken.

Sonntag, 12. Februar 2017

Allard Schröder: Der Hydrograf

1913. Der Meereswissenschaftler Franz von Karsch reist auf dem Viermaster Posen nach Valparaíso. Um an Bord das Verhalten der Wellen, Seegang, Wind, Wogen und Strömungen zu erforschen, wie er seinen Mitreisenden erklärt. In Wahrheit aber, weil er flüchtet: vor einem eintönigen Leben als Privatdozent am Hamburger Ozeanografischen Institut, vor der drohenden Heirat mit seiner reizlosen Verlobten Agnes in der Heimat Pommern, vor der "schwermütigen pommerschen Erde, die auch im Sommer, wenn es heißt und trocken war, ein wenig faulig roch", vor der verstörenden Umklammerung durch seine Mutter, die Gräfin.

Der 32-jährige Karsch ist kein außergewöhnlicher Mensch. Er weiß das, und darum dreht sich dieses Buch. Er hat keinen Ehrgeiz, keinen Antrieb mehr, wenn er ihn denn je hatte. Beim Landgang in Lissabon trifft Karsch mit einem Portugiesen zusammen, der einen seltsamen Zettel hinterlässt:

"Ich bin nichts. Nie werde ich etwas sein. Ich kann nichts sein wollen. Aber davon abgesehen trage ich alle Träume der Welt in mir."

Karsch denkt sich: "Der erste Teil traf vielleicht auf ihn selbst zu, der zweite nicht, und das machte ihm zu schaffen."

Passagiere auf der Posen sind auch der hemdsärmelige Salpeterhändler Moser, der von einem neuen Zeitalter, in dem die gewöhnlichen Menschen die Macht übernehmen, träumt, und der humanistisch gebildete, nihilistisch philosophierende Gymnasiallehrer Todtleben. Beim beim Landgang in Rio de Janeiro wird Todtleben unter mysteriösen Umständen verhaftet. Wie sich herausstellen soll, wird er in Deutschland gesucht, wo er eine jungen Mann sexuell hörig gemacht und in den Tod getrieben haben soll-

"Moser hatte eine glühende Zukunftsvision, in der er uns seinesgleichen das Sagen haben würden, Todtleben suchte den Tod und dadurch umso mehr das Leben, Karsch suchte gar nichts."

In Lissabon kommt Asta Maris, die geheimnisvolle Schöne, mit einem riesigen Koffer, auf den ein großes M gemalt ist, an Bord. Ist sie Pianistin, Schauspielerin, Falschspielerin? Karsch kommt ihr näher - zu nahe. Es geht ihm auf: Nur hier, an Bord der Posen, kann er mit dieser ewig Reisenden und ihren dunklen Geheimnissen zusammen sein.

Ist sie das Meer?

Es gibt nichts zu hoffen, nichts zu träumen. Mehr und mehr reift in Karsch ein großes, schwarzes Nein heran.  Er will nicht länger begreifen, nicht daran verzweifeln, nichts zu suchen, Er umarmt den Tod. Die Reise hat ihn auch körperlich gezeichnet, er hat keine Vergangenheit, keine Zukunft mehr. Die Stadt Valparaíso wird in dem Roman nicht einmal gestreift. Karsch hat aufgegeben. "Reizt Sie das Meer nicht mehr?", fragt ihn Moser. 

Karsch kehrt heim, tritt ins Heer ein - den Militärdienst hatte ihm zuerst ein sogenannter Einsteher, ein Bauernbursche aus dem Dorf abgenommen - kämpft im Ersten Weltkrieg, sucht den Tod - und findet ihn später schließlich.

Der Kosmos Schiffsreise ist hier ebenso wie in Ondaatjes "Katzentisch" wunderbar elegant, leicht und verstörend zugleich eingefangen. Dieses 2002 im niederländischen Original erschienene und nun übersetzte Buch verzichtet fast komplett auf Städte- oder Landschaftsbeschreibungen, auch auf Beschreibungen des Meeres und porträtiert es doch auf faszinierende Weise:

"Es war keine Fläche mit Horizont und rauschenden Wogen - nein, das Meer war wie die Sonne, die an der Oberfläche zu kochen schien, als sei sie ein einziger großer Ozean, und die im Innern heiß und weiß war, so wie in den Tiefen des Meeres Kälte und Finsternis herrschte. Sonne und Meer waren tote Materie, die lebte. - ' Es ist nicht mein Meer', sagte Karsch, während er die Gardine vor das Bullauge schob."

Donnerstag, 9. Februar 2017

Ferienland Donau-Ries: Wandern

Einen liebevoll gestalteten kleinen Wanderführer hat der Verein Ferienland Donau-Ries jetzt herausgegeben. Detailliert und je auf einer Doppelseite sind in dieser Broschüre 16 Wanderungen zwischen dem Ipf im Westen und dem Altmühltal im Osten aufgeführt.

Knapp 15 Kilometer lang ist etwa der beschriebene Keltenweg. Er startet am ehemaligen Zisterzienserinnenkloster Kirchheim und führt über den Goldberg, durch das Osterholz, über Ipf und Blasienberg wieder zum Ausgangsopunkt. Der Schäferweg des „Geopark Ries“, der von Nördlingen über den Adlersberg, das Geotop Lindle, den Steinbruch Alte Bürg, die Oftnethöhlen mit Römischem Gutshof und Utzmemmingen zurück nach Nördlingen führt, ist ebenfalls ausführlich beschrieben. Weitere Wanderungen in allen Ecken des Rieses und im Donauwörther Raum machen das 40 Seiten starke Heft zu einem handlichen Wanderbegleiter.

Besonders nützlich sind die genauen Kartenausschnitte und die zahlreichen Infos: Zu jeder Wanderung sind Weglänge, Gehzeit, Parkmöglichkeiten (mit GPS-Koordinaten) und Höhenprofil angegeben. Lediglich die Einkehrmöglichkeiten – hier wird jeweils nur das betreffende Dorf genannt – hätten genauer erläutert werden können.

Die Broschüre ist ab sofort kostenlos in vielen Rathäusern erhältlich oder kann unter Telefon 0906 / 74-211 oder Mail info@ferienland-donau-ries.de angefordert werden. Außerdem kann sie unter www.ferienland-donau-ries.de heruntergeladen werden.


Erschienen in Ipf- und Jagst-Zeitung / Aalener Nachrichten, 8. Februar 2017

Donnerstag, 19. Januar 2017

Eduard Mörike: Maler Nolten

Eine Schatztruhe ist dieses umfangreiche Buch, Eduard Mörikes einziger Roman. Hier ist alles drin, was den Dichter auszeichnete: Mörikesche Ironie, Rätsel und Spielereien, gleichzeitig herrlich romantische Bilder und Klänge, ein Schuss Biedermeier - in diese Schublade wird der hintergründige Schwabe gerne ja so gerne gesteckt. Aber er passt nur insofern hinein, als er und ebenso seine Figuren unentwegt Sehnsucht nach dem bürgerlichen, piefigen Philisterleben empfinden. Das klappt aber nicht, im Gegenteil. In diesem Roman müssen sogar alle Protagonisten in jungen Jahren sterben. Die Art, in der Mörike in seine Figuren hineinblickt und an tiefe psychologische Einsichten und Wahrheiten rührt, erinnert an Arthur Schnitzlers Prosa fast 100 Jahre später.

Mörike verfassste den Künstlerroman "Maler Nolten" während seiner "Vikariatsknechtschaft", als der junge Geistliche von 1826 bis 1833 im Jahrestakt von einem Kaff auf der Schwäbischen Alb ins nächste versetzt wurde. Er fand keine Ruhe, keine Sicherheit, und träumte doch so sehr davon.

Die Handlung ist vertrackt, spielt sie sich doch größtenteils  im Innenleben der Personen ab und schlägt dennoch hohe Wellen im Äußeren. Der junge, begabte Maler Theobald Nolten, der dank der Verstrickungen eines unglücklichen Schicksals, aber auch durch sein eigenes Ungeschick Unheil über andere und sich selbst bringt, tritt in einem seltsamen Schwebezustand zwischen weltabgewandtem Schöngeist, unbedarftem Taugenichts und einzig Normalem in einer Gesellschaft der Verrückten in Erscheinung. Gegenpart ist die unheimliche, intrigante Zigeunerin Elisabeth. Sie zieht im Hintergrund die Fäden, ohne je groß in Erscheinung zu treten. 

Am Ende sind dann alle tot.  Elisabeth, die eigentlich Noltens Cousine ist. Der überdrehte und melancholische Schauspieler Larkens, der heimlich Briefe in Noltens Namen an dessen Verlobte Agnes schreibt und so eine eigentlich da acta gelegte Beziehung künstlich am Leben erhält. Das zutiefst schwermütige "Rätselwesen" Agnes selbst, zu der Nolten erst zurückkehrt, die aber, als er ihr vom eigentlichen Briefeschreiber beichtet, vollends dem Wahnsinn verfällt und sich in einen Brunnen stürzt. Noltens Geliebte, die Gräfin Constanze, der Larkens intrigant Noltens vermeintliche Briefe an Agnes zuspielt, um Constanze und Nolten von dieser Affäre abzubringen, und die im Zorn veranlasst, dass Nolten und Larkens für ein satirisches Theaterstück ins Gefängnis wandern. Auch Nolten selbst wird vom Schlag getroffen - er erschrickt zu Tode über den Anblick einer Geistergestalt.

Die einzigen beiden Überlebenden sind schließlich der alte Förster, Agnes' Vater, und der alte Hofrat, der in Wirklichkeit Noltens Onkel Friedrich ist und einst mit einer Zigeunerin das unheilvolle Mädchen Elisabeth gezeugt hatte.

Ganz Spätromantiker, fährt Mörike Schauplätze wie eine verfallene Burgruine, einen seit Jahrhunderten verwunschene Brunnen, eine behagliche Ofenbank, einen holzgetäfelten Rittersaal voller Wappenschilder und Waffen und erquickendes Wiesengrün auf. Und sehr viel Gefühl. Schonungslos blickt der Erzähler die Tiefe der menschlichen Seele, in der er keinen Trost findet. Empfindet der Künstler Nolten die Wirklichkeit mitunter als "mit einer Zaubertapete bedeckt", so kann die schwermütigen Figuren Agnes und Larkens - die hochsensibel auf kleinste Schwingungen reagieren - letztlich gar nichts mehr erfreuen. Typisch Mörike ist das ironisch Überzeichnete der Figuren und die Art, mit dem Leser zu spielen, ihm das Wesentliche beiläufig in Klammern zu servieren und ihn hinters Licht  zu führen.
  
Eingefügt als "phantasmagorisches Zwischenspiel" ist "Der letzte König von Orplid", ein wunderbares Schattenspiel um einen unsterblichen König, eine Feenfürstin und ein geheimnisvolles Buch. Der Roman enthält die somnambulen Peregrina-Gedichte, in denen Mörike (wie im gleichnamigen Zyklus) seine eigene Liebesbeziehung mit der leidenschaftlichen Schwärmerin Maria Meyer verarbeitete. Noch viele weitere Gedichte flattern durch den "Maler Nolten", darunter das unsterbliche "Frühling lässt sein blaues Band..."

Ein paar schöne Zitate noch:

"Dieser Nolten ist der verdorbenste und gefährlichste Ketzer unter den Malern, einer von den halsbrecherischen Seiltänzern, welche die Kunst auf den Kopf stellen, weil das ordinäre Gehen auf zwei Beinen anfängt langweilig zu werden; der widerwärtigste Phantasie-Renommiste! Was malt er denn? eine trübe Welt voll Gespenstern, Zauberern, Elfen und dergleichen Fratzen, das ist's, was er kultiviert!"
"Wer war unglücklicher, als der Maler? und wer hätte glücklicher sein können als er, wäre er sogleich fähig gewesen, seinem Geiste nur so viel Schwung zu geben, als nötig, um einigermaßen sich über die Umstände, deren Forderungen ihm furchtbar über das Haupt hinauswuchsen, zu erheben und eine klare Übersicht seiner Lage zu erhalten. Doch dazu hatte er noch weit. In einer ihm selbst verwundersamen, traumähnlichen Gleichgültigkeit ritt er bald langsam, bald hitzig einen einsamen Feldweg, und statt daß er, wie er einigemal versuchte, wenigstens die Punkte, worauf es ankam, hätte nach der Reihe durchdenken können, sah er sich, wie eigen! immer nur von einer monotonen, lächerlichen Melodie verfolgt, womit ihm irgendein Kobold zur höchsten Unzeit neckisch in den Ohren lag. Mochte er sich Gewalt antun so viel und wie er wollte, die ärmliche Leier kehrte immer wieder und schnurrte, vom Takte des Reitens unterstützt, unbarmherzig in ihm fort. Weder im Zusammenhange zu denken, noch lebhaft zu empfinden war ihm gegönnt; ein unerträglicher Zustand." 
"Eine Sorge, die nur erst als schwacher Punkt zuweilen vor uns aufgestiegen und immer glücklich wieder verscheucht worden war, pflegt tückischerweise gerade in solchen Momenten uns am hartnäckigsten zu verfolgen, wo alles übrige sich zur freundlichen Stimmung um uns vereinigen will. Im heftigen Zugwinde einer aufgescheuchten Einbildungskraft drängt sich schnell Wolke auf Wolke, bis es vollkommen Nacht um uns wird."
"Ich kann es mir nicht reizend und rührend genug vorstellen, das stille gedämpfte Licht, worin dem Knaben dann die Welt noch schwebt, wo man geneigt ist, den gewöhnlichsten Gegenständen ein fremdes, oft unheimliches Gepräge aufzudrücken, und ein Geheimnis damit zu verbinden, nur damit sie der Phantasie etwas bedeuten, wo hinter jedem sichtbaren Dinge, es sei dies, was es wolle – ein Holz, ein Stein, oder der Hahn und Knopf auf dem Turme – ein Unsichtbares, hinter jeder toten Sache ein geistig Etwas steckt, das sein eignes, in sich verborgnes Leben andächtig abgeschlossen hegt, wo alles Ausdruck, alles Physiognomie annimmt."
"Der Maler hatte sich auf einen Sitz geworfen. Er sah mit kalter Selbstbetrachtung ruhig auf den Grund seines Innern herab, wie man oft lange dem Rinnen einer Sanduhr zusehn kann, wo Korn an Korn sich unablässig legt und schiebt und fällt. Er bröckelte spielend seine Gedanken, der Reihe nach, auseinander und lächelte zu diesem Spiel. Dazwischen quoll es ihm, ein übers andre Mal, ganz wohl und leicht ums Herz, als entfalte soeben ein Engel der Freuden nur sachte, ganz sachte die goldnen Schwingen über ihm, um dann leibhaftig vor ihn hinzutreten!"

Samstag, 14. Januar 2017

Tim Parks: Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen

Eine Sammlung von Essays, die sich mit Literatur, Schreiben und  Lesen auseinandersetzen. Verfasst hat sie der britische Romancier, Rezensent, Sachbuchautor und Übersetzer (er übertrug unter anderem Italo Calvino ins Englische) Tim Parks. Parks lebt  seit 1981 in Italien und lehrt dort Literatur.

In meinem Regal steht Parks jetzt zwischen Umberto Ecos "Die Kunst des Bücherliebens", Alberto Manguels "Die Bibliothek bei Nacht", Jacques Bonnets "Meine vielseitigen Geliebten", Hektor Haarkötters "Der Bücherwurm" und Robert Gernhardts "Der Weg zum Erfolg".

Parks Essays unterscheiden sich von unzähligen anderen Büchern zum Thema nicht nur im ironischen, pointierten und hemdsärmeligen Ton, der die Materie mit trockenem Humor und äußerst schlagfertig anpackt. Der Autor hat auch inhaltlich großen Spaß an der Rolle des Advocatus diaboli, der so ziemlich alle Gewissheiten infrage stellt und zu allen gängigen Meinungen leidenschaftlich Gegenpartei ergreift.

Manche seiner Thesen erscheinen offensichtlich: Etwa von der Ambivalenz des modernen Schriftstellers, der den Mythos vom rebellischen Nonkonformisten pflegt, sich aber gleichzeitig prostituieren muss, um den Gesetzen des Marktes zu entsprechen. Oder, dass man ein Buch nicht unbedingt zu Ende lesen muss, um es als Gewinn und Genuss zu empfinden. Manchmal reichen eben einzelne Stellen, die sich besonders lohnen, den Sinn erschließen oder überaus geglückt sind. Ich füge hinzu: Aufgabe eines Rezensenten sollte sein, diese Stellen den Lesern zu empfehlen. In diesem Buch wären es beispielsweise die ersten beiden Kapitel.

Manches ist erhellend. Etwa, dass die besondere narrative Form des Romans - mithin die Königsklasse literarischen Schreibens - zur ich-Vergewisserung und Selbsterfindung des Subjekts beiträgt, weil sie erst das Konzept des einzigartigen, handelnden Menschen mit einer Geschichte, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, mit (gescheiterten) Plänen, Widersachern etc. schafft. Der moderne Mensch braucht diese Geschichten, die sein Ich stärken, zwar nicht, findet Parks. Es gibt aber, wie er in einem anderen Kapitel feststellt, keine andere narrative Methode, die dem Roman Konkurrenz machen könnte.

Manches erscheint zumindest fragwürdig. Wenn Parks über den Zusammenhang von Schriftstellern, ihrem Werk und ihrer Rezeption philosophiert, bringt er die Theorien der italienischen Psychologin Valerio Ugazio ins Spiel, die von "semantischen Polaritäten" spricht. Die Begriffspaare, die in der Familie eines Menschen (eben auch Schriftstellers oder Lesers) wichtig sind, prägen ihn und sein Werk  oder seine Art zu lesen, ein Leben lang. Ging es in der Kindheit eher ums Gut- oder Böse-sein oder waren Mut versus Angst ausschlaggebend? Auch, wenn ich Parks hier nicht immer folgen kann, so sind die Essays zu diesem Thema doch mit schönen Details und Anekdoten aus dem Leben vor allem angelsächsischer Schriftsteller illustriert.

An einigen Stellen teile ich Parks' oftmals bewusst provokante Thesen nicht. Dass das Lesen eines guten Romans so sei könnte, als erlebe man eine Situation selbst und tauche in fremder Menschen Gedanken und Gefühle ein, wischt er als "Unsinn" beiseite. Ich glaube, dass Bücher durchaus diese Wirkung haben.

Mehrere Kapitel sind der gleichgeschalteten "Welt"-Literatur gewidmet, die in unserer Zeit aufgrund der Dominanz und Beliebtheit der anglo-amerikanischen Kultur entsteht. Schriftsteller allerorten versuchen sich in ihren weichgespülten und sogar sprachlich angepassten Werken, dieser dominierenden Lebenswelt anzupassen, ihre Werke möglichst leicht ins Englische übersetzbar zu gestalten. Europäische Leser wiederum greifen mit Vorliebe auf (übersetzte) Werke US-amerikanischer Autoren wie Jonathan Franzen zurück, weil sie sich als "Weltbürger als passive Beobachter der amerikanischen Kultur" empfinden. Was verloren geht, ist die intensive Beschäftigung der Autoren mit der eigenen Sprache und dem eigenen Kontext, die bereichernd wäre, aber der globalen Vermarktbarkeit widerstreben würde.

Ausgenommen sind freilich die selbstzufriedenen englischsprachigen Autoren, die ihre Lebenswirklichkeit bis ins Kleinste thematisieren und davon ausgehen können, dass sich die gesamte lesende Welt dafür interessiert. Parks macht sich lustig darüber, wie diese Autoren ihre weltweite Wirkung überheblich der hohen Qualität ihrer Literatur zuschreiben.

Nun ist zu sagen, dass der Engländer Parks - und das weiß er auch - selbst auf dieser Welle schwimmt. In seinen Beispielen ist er, bis auf wenige Ausnahmen, zentriert auf die angelsächsiche Literatur, als habe es noch nie etwas nennenswertes anderes gegeben als  D. H. Lawrence, Thomas Hardy, Samuel Beckett, Barbara Pym James Joyce, William Faulkner, Aber wer will es ihm verdenken - das ist sein Fach. Und das Ganze ist eben auch nur eine Übersetzung aus dem Englischen.