Raphaela Edelbauer macht weiter, wo Rosendorfer, Doderer und Herzmanovsky-Orlando aufgehört haben. Magischer Realismus vom Feinsten. Ein wirklich starkes Buch.
Die Handlung: Die Wiener Physikerin Ruth Schwarz ist schockiert vom Unfalltod ihrer Eltern. Laut Testament möchten die beiden in Groß-Einland, dem Ort ihrer Kindheit, beerdigt werden. Aber wo ist dieses Groß-Einland, von dem Ruth bislang nichts ahnte? Es ist in keiner Karte verzeichnet. Wie benebelt macht sich Ruth auf den Weg und findet schließlich hinter einem großen Wald den grotesk idyllischen Ort.
Die Idylle hat Risse, das wird auf surreale Weise augenfällig. Denn unter dem Ort befindet sich ein riesiger Hohlraum in der Erde - ein ehemaliges Bergwerk - , der nicht nur an verschiedenen Stellen den Untergrund einbrechen lässt und für Risse in den Bauwerken sorgt, sondern auch die gesamte Statik aus den Fugen bringt. Der ganze Raum - und mit ihm die Zeit - scheint flüssig.
"Der Mensch ist ja mit der Heimat verheiratet, mit dem Untergrund, aus dem wir alle kommen", sagt einer beim Skatspielen.
"In Wochen, in denen die Einbrüche rasch vor sich gingen, schien die Zeit zu rasen und man hatte kam Gelegenheit, die vielen Veränderungen im Ortsbild zu bemerken, sodass sich in wenigen Momenten die Verwitterung von Jahren zu ereignen schien. Blieb aber alles konstant, so nahm der Fluss der Dinge fast eine gewisse Zähigkeit an, und die Monate rollten in belangloser Indolenz über mich."
Ruth stemmt sich nicht gegen die surreale Welt, sondern - hier lässt das Ganze an Franz Kafka denken - richtet sich auf eine schlafwandlerische Art über Jahre in ihr ein. Sie tritt eine Stelle bei der dominanten Gräfin an, die fast operettenhaft über den Ort herrscht und seine Bewohner wie Marionetten lenkt.
Die Gräfin sagt: "Da ist die alte Ordnung, wie wir sie hier praktizieren, und dann die neue, die an einem gewissen Stichpunkt einfach über die erste gebreitet wurde, ohne auf die gewachsenen, organischen Strukturen Rücksicht zu nehmen."
Ruth entdeckt aber auch: Das riesige Loch, das die Gräfin erst im Rahmen einer Kunstaktion zum Touristenmagnet machen und dann verfüllen lassen will, weist auf ein großes Verbrechen im Nationalsozialismus hin. Wohin sind 750 Zwangsarbeiter quasi über Nacht verschwunden? Möchte Ruth dieses Rätsel lösen? Alles fließt.
Raphaela Edelbauer spielt gekonnt mit Sprache, Raum, Zeit, Erwartung und Angst.
Dienstag, 11. Februar 2020
Sonntag, 19. Januar 2020
Hernán Rivera Letelier: Die Filmerzählerin

Dieses wunderschöne Büchlein ist so berührend, so poetisch und in seinem Realismus so tieftraurig wie Federico Fellinis Film La Strada. Überhaupt hat mich dieses kleine Meisterwerk in vielem an den Leinwandklassiker erinnert.
Das Leben ist trostlos und öde in der Salpeterminensiedlung mitten in der chilenischen Atacama-Wüste. Die einzige Abwechslung ist das schäbige Kino, in dem Filme mit Marylin Monroe oder John Wayne laufen. Der nach einem Arbeitsunfall halbgelähmte Vater (die junge Mutter hat die Familie verlassen), seine vier Söhne und die zehnjährige Tochter María Margarita können sich den Eintritt für alle nicht leisten. Also wird die Zehnjährige in einem Wettbewerb dazu auserkoren, ins Kino zu gehen und den anderen zu Hause die Filme nachzuerzählen.
So wird María Margarita zur begeisterten Cineastin und zur fantasievollen, wortgewandten darstellerisch begabten Filmerzählerin. Bald kommen Verwandte, um ihren Filmerzählungen und Darbietungen zu lauschen, Nachbarn bezahlen Eintritt, Bewohner der Siedlung laden das Mädchen in ihre Wellblechhütten ein, um sich von ihr einen Film erzählen zu lassen.
Sie ist dem Zauber des Kinos erlegen. Ich "betrachtete verzückt die staubglitzernde Lichtgarbe über mir". Und sie gibt diese Faszination an ihre Zuhörer weiter. Es ist eine märchenhafte, grenzenlose Welt, in der alles gut sein könnte. Wären da nicht bittere Armut, Unterdrückung, sexuelle Gewalt, Ausbeutung, Neid, zerronnene Hoffnungen und ein neues Medium, das nicht nur den schönen Traum der Filmerzählerin brutal zerstört: das Fernsehen. Wenn eine derart traurige Geschichte alleine durch ihre Poesie so glücklich machen kann, dann ist das große Literatur.
Freitag, 17. Januar 2020
Natalio Grueso: Der Wörterschmuggler
Die geheimnisvolle junge Japanerin Keiko "mit dem scheuen Blick und den honigfarbenen Augen" lebt in Venedig. Sie empfängt jede Nacht einen Liebhaber. Aber stets nur für eine Nacht, und nur als Gegenleistung für mitgebrachte Geschichten und Verse.
Bruno Labastite möchte unbedingt dieser Auserwählte sein. Gut, dass Bruno nicht nur ein weitgereister Abenteurer und Verführer ist, sondern auch ein erprobter Geschichtenerzähler. Jedes Kapitel dieses Buches ist eine abgeschlossene Episode aus Brunos Leben. Diese verweben sie sich zu einem großen Ganzen. Es geht um einen Jugendlichen, der Wörter schmuggelt, einen traurigen Mann, der sich die Nutzungsrechte an allen geschriebenen und gesprochenen Wörtern gekauft hat, einen unsichtbarer Verehrer in der Oper, ein trauriges Fußballtalent, eine zwergenhafte alte Hehlerin mit Monokel, einen Traumjäger. Die Reise führt nach Buenos Aires, Shanghai, Paris, Genf, Moskau und an viele weitere Orte.
Das hört sich alles wunderbar an. Ist es aber nicht. Denn gut erzählte Geschichten leben von Beispielen. Das erst macht einen Cuentacuentos, einen Fabulierer aus: Er lässt Szenen lebendig vor Augen treten. So entsteht Kino im Kopf. Natalio Grueso aber macht es sich leicht. Er formuliert so vage wie möglich. Und genau deshalb reißen seine Geschichten nicht mit. Da gibt die Hauptperson dem Taxifahrer "ein großzügiges Trinkgeld". Schlecht. Ich will die Münzen klimpern hören, den Schein knistern, will wissen, wie viel Geld in welcher Währung sie dem Fahrer zusteckt und mit welchem Blick dieser reagiert. Jemand gießt sich "einen großzügigen Whisky ein". Dasselbe!
"Dieses überwältigende Gefühl", wenn das Kind an der Hand seiner Großvaters ins Bombonera-Fußballstadion von Buenos Aires geführt wird. Wie einfach wäre es doch, dieses Gefühl mit plastischen Szenen - und ohne Klischees - heraufzubeschwören.
Es gibt einen Mann, der Menschen Bücher verschreibt, ihnen mit seinen Empfehlungen hilft. Und was empfiehlt er dem bezaubernden Mädchen, das er vor der Apotheke trifft? "Ich würde dir einen Liebesroman verschreiben." Der Mathestudent, der "mit Drogen liebäugelt" bekommt "eines von Thomas de Quincey" verschrieben. Die reife Dame, die sich am untreuen Ehemann rächt, "eines von Choderlos de Laclos". Lauter vertane Chancen.
Die Dame zieht vor dem rätselhaften Opernbesuch "das schwarze Kleid" an, darunter trägt sie "edle Dessous" und sie gibt "zwei Tropfen Parfum auf den Hals und die Handgelenke". Parfum? Wie hölzern, wie blutleer kann man erzählen? Wenn der Erzähler schon keine Fantasie hat, dürfte es dem Leser umso schwerer fallen.
Zum Frühstück gibt es "Gebäck" und "Cerealien", im spanischen Original also wahrscheinlich bollería oder repostería und céréales - auch nicht besser. Ich könnte noch unendlich viele Beispiele nennen, denn es gibt sie auf jeder Seite.
Ich muss es einfach so drastisch formulieren: Natalio Grueso ist ein sehr, sehr schlechter Erzähler. Er hätte keine Chance bei Keiko.
Bruno Labastite möchte unbedingt dieser Auserwählte sein. Gut, dass Bruno nicht nur ein weitgereister Abenteurer und Verführer ist, sondern auch ein erprobter Geschichtenerzähler. Jedes Kapitel dieses Buches ist eine abgeschlossene Episode aus Brunos Leben. Diese verweben sie sich zu einem großen Ganzen. Es geht um einen Jugendlichen, der Wörter schmuggelt, einen traurigen Mann, der sich die Nutzungsrechte an allen geschriebenen und gesprochenen Wörtern gekauft hat, einen unsichtbarer Verehrer in der Oper, ein trauriges Fußballtalent, eine zwergenhafte alte Hehlerin mit Monokel, einen Traumjäger. Die Reise führt nach Buenos Aires, Shanghai, Paris, Genf, Moskau und an viele weitere Orte.
Das hört sich alles wunderbar an. Ist es aber nicht. Denn gut erzählte Geschichten leben von Beispielen. Das erst macht einen Cuentacuentos, einen Fabulierer aus: Er lässt Szenen lebendig vor Augen treten. So entsteht Kino im Kopf. Natalio Grueso aber macht es sich leicht. Er formuliert so vage wie möglich. Und genau deshalb reißen seine Geschichten nicht mit. Da gibt die Hauptperson dem Taxifahrer "ein großzügiges Trinkgeld". Schlecht. Ich will die Münzen klimpern hören, den Schein knistern, will wissen, wie viel Geld in welcher Währung sie dem Fahrer zusteckt und mit welchem Blick dieser reagiert. Jemand gießt sich "einen großzügigen Whisky ein". Dasselbe!
"Dieses überwältigende Gefühl", wenn das Kind an der Hand seiner Großvaters ins Bombonera-Fußballstadion von Buenos Aires geführt wird. Wie einfach wäre es doch, dieses Gefühl mit plastischen Szenen - und ohne Klischees - heraufzubeschwören.
Es gibt einen Mann, der Menschen Bücher verschreibt, ihnen mit seinen Empfehlungen hilft. Und was empfiehlt er dem bezaubernden Mädchen, das er vor der Apotheke trifft? "Ich würde dir einen Liebesroman verschreiben." Der Mathestudent, der "mit Drogen liebäugelt" bekommt "eines von Thomas de Quincey" verschrieben. Die reife Dame, die sich am untreuen Ehemann rächt, "eines von Choderlos de Laclos". Lauter vertane Chancen.
Die Dame zieht vor dem rätselhaften Opernbesuch "das schwarze Kleid" an, darunter trägt sie "edle Dessous" und sie gibt "zwei Tropfen Parfum auf den Hals und die Handgelenke". Parfum? Wie hölzern, wie blutleer kann man erzählen? Wenn der Erzähler schon keine Fantasie hat, dürfte es dem Leser umso schwerer fallen.
Zum Frühstück gibt es "Gebäck" und "Cerealien", im spanischen Original also wahrscheinlich bollería oder repostería und céréales - auch nicht besser. Ich könnte noch unendlich viele Beispiele nennen, denn es gibt sie auf jeder Seite.
Ich muss es einfach so drastisch formulieren: Natalio Grueso ist ein sehr, sehr schlechter Erzähler. Er hätte keine Chance bei Keiko.
Mittwoch, 1. Januar 2020
Jan Peter Bremer: Der amerikanische Investor
Nichts. Das passiert in diesem Buch von Jan Peter Bremer. Buchstäblich nichts. Bremer ist seit vielen Jahren einer der besten deutschsprachigen Schriftsteller. Und der einzige, der so grandios über nichts, nichts und wieder nichts schreiben kann.
Der Erzähler, ein Schriftsteller, liegt in seinem Bett und lässt die Gedanken schweifen. Besser gesagt haben ihn seine Gedanken fest im Griff. Er sinniert über das Kreuzberger Mietshaus, in dem er mit Frau und zwei Kindern wohnt, und das von einem amerikanischen Investor gekauft wurde, der es nun sanieren lässt. Die Böden senken sich ab und Wände bekommen Risse. Von der Mieterberatung hat der Erzähler widersprüchliche Signale erhalten. Er sorgt sich um die Zukunft und denkt darüber nach, dem amerikanischen Investor einen Brief zu schreiben. Diesem schwer zu fassenden Unbekannter, von dem er gelesen hat, dass er an Bord eines Flugzeuges lebt. Aber das ist gar nicht so leicht, wenn man obendrein so müde ist.
Die Sorge um die Wohnung, die Unfähigkeit zu reagieren, die Trägheit, die davon abhält, den ersten Satz zu schreiben, lässt einen inneren Monolog entstehen. Die Worte spinnen sich weiter, die Gedanken malen sich aus was wäre, wenn.... wortreich und in plastischer Sprache hadert der Erzähler mit seiner vermeintlichen Sprachlosigkeit. Die Frau, die Kinder, der Hund, der frühere Hausmeister, der kleine Ali - alle, die seinen Weg kreuzen, leben intensiv wie in einem Fiebertraum auf. Anders als die unnahbar-bedrohlichen Figuren in den Romanen und Erzählungen Franz Kafkas haben diese Fremden Gefühle, hegen Zorn oder Hinterlist, handeln überlegt oder impulsiv. Der Erzähler steigert sich hinein, überschlägt sich, seine Einfälle verselbstständigen sich, er gibt sich larmoyant, selbstzufrieden, eitel, faul, hysterisch. Das ist mitunter zum Schreien komisch.
Der Erzähler, ein Schriftsteller, liegt in seinem Bett und lässt die Gedanken schweifen. Besser gesagt haben ihn seine Gedanken fest im Griff. Er sinniert über das Kreuzberger Mietshaus, in dem er mit Frau und zwei Kindern wohnt, und das von einem amerikanischen Investor gekauft wurde, der es nun sanieren lässt. Die Böden senken sich ab und Wände bekommen Risse. Von der Mieterberatung hat der Erzähler widersprüchliche Signale erhalten. Er sorgt sich um die Zukunft und denkt darüber nach, dem amerikanischen Investor einen Brief zu schreiben. Diesem schwer zu fassenden Unbekannter, von dem er gelesen hat, dass er an Bord eines Flugzeuges lebt. Aber das ist gar nicht so leicht, wenn man obendrein so müde ist.
Die Sorge um die Wohnung, die Unfähigkeit zu reagieren, die Trägheit, die davon abhält, den ersten Satz zu schreiben, lässt einen inneren Monolog entstehen. Die Worte spinnen sich weiter, die Gedanken malen sich aus was wäre, wenn.... wortreich und in plastischer Sprache hadert der Erzähler mit seiner vermeintlichen Sprachlosigkeit. Die Frau, die Kinder, der Hund, der frühere Hausmeister, der kleine Ali - alle, die seinen Weg kreuzen, leben intensiv wie in einem Fiebertraum auf. Anders als die unnahbar-bedrohlichen Figuren in den Romanen und Erzählungen Franz Kafkas haben diese Fremden Gefühle, hegen Zorn oder Hinterlist, handeln überlegt oder impulsiv. Der Erzähler steigert sich hinein, überschlägt sich, seine Einfälle verselbstständigen sich, er gibt sich larmoyant, selbstzufrieden, eitel, faul, hysterisch. Das ist mitunter zum Schreien komisch.
Dienstag, 10. Dezember 2019
Joseph Jefferson Farjeon: Geheimnis in Weiß
Dieser britische Whodunnit-Krimi aus dem Jahr 1937 ist der perfekte Weihnachtsschmöker. Es schneit und schneit und schneit in England an diesem Heiligabend. Und der Zug, der in der Nähe des Dorfes Hemmersby seit geraumer Zeit außerplanmäßig hält, kommt weder vor noch zurück. Einige zufällig zusammengewürfelte Passagiere eines Dritte-Klasse-Abteils nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand und versuchen, den nahe gelegenen Bahnhof zu Fuß zu erreichen.
Doch sie verirren sich heillos im Schneetreiben und sind schließlich froh, in der weißen Einöde ein Haus zu entdecken. Die Tür ist offen, es brennt sogar Feuer im Kamin - aber weit und breit ist kein Mensch zu entdecken. Notgedrungen lassen sie sich in dem heimelig eingerichteten Landhaus nieder. Ein schüchterner Buchhalter, der die kommenden Stunden fieberkrank in einem der Betten verbringen wird (die Beschreibungen von Thomsons skurrilen Fieberträumen haben echte literarische Qualität und machen diesen Krimi zu einem besonderen Juwel), ein Geschwisterpaar, eine Revuetänzerin, ein angeblich weit gereister Aufschneider und Mr. Edward Maltby, Mitglied der Königlich-Parapsychologischen Gesellschaft. Wie aus dem Nichts taucht auch noch ein grobschlächtiger, unsympathischer "Mr. Smith" auf.
An ein Fortkommen ist nicht zu denken. Während der Schnee das Haus immer mehr zudeckt, machen sich die unfreiwilligen Hausgäste daran, über die Rätsel nachzudenken, die sich umgeben. Was hat es mit dem brennenden Feuer und dem heißen Wasser im Teekessel auf sich? Wer ist der geheimnisvolle Mann mit den zynisch leuchtenden Augen auf dem Ölgemälde über dem Kamin? Verbirgt Smith etwas? Und ist der seltsame Schneehügel, den Maltby vor dem Haus entdeckt hat, wirklich eine eingeschneite Leiche? Die Gesellschaft rätselt, und der in übersinnlichen Phänomenen bewanderte Maltby führt dabei die Regie.
Schließlich erhält die illustre Runde in dieser Weihnachtsnacht noch weitere Gesellschaft und kommt, wie könnte es anders sein, mehreren Morden auf die Spur. Nicht alles kann geklärt werden - vieles bleibt ebenso rätselhaft wie Maltbys kühne Gedankengänge. Auch die beiden Polizisten, die sich am nächsten Tag zu dem Haus durchkämpfen, erfahren nur einen kleinen Teil der Wahrheit. Unaufgeregt, vertrackt, hintergründig und absolut unterhaltsam.
Doch sie verirren sich heillos im Schneetreiben und sind schließlich froh, in der weißen Einöde ein Haus zu entdecken. Die Tür ist offen, es brennt sogar Feuer im Kamin - aber weit und breit ist kein Mensch zu entdecken. Notgedrungen lassen sie sich in dem heimelig eingerichteten Landhaus nieder. Ein schüchterner Buchhalter, der die kommenden Stunden fieberkrank in einem der Betten verbringen wird (die Beschreibungen von Thomsons skurrilen Fieberträumen haben echte literarische Qualität und machen diesen Krimi zu einem besonderen Juwel), ein Geschwisterpaar, eine Revuetänzerin, ein angeblich weit gereister Aufschneider und Mr. Edward Maltby, Mitglied der Königlich-Parapsychologischen Gesellschaft. Wie aus dem Nichts taucht auch noch ein grobschlächtiger, unsympathischer "Mr. Smith" auf.
An ein Fortkommen ist nicht zu denken. Während der Schnee das Haus immer mehr zudeckt, machen sich die unfreiwilligen Hausgäste daran, über die Rätsel nachzudenken, die sich umgeben. Was hat es mit dem brennenden Feuer und dem heißen Wasser im Teekessel auf sich? Wer ist der geheimnisvolle Mann mit den zynisch leuchtenden Augen auf dem Ölgemälde über dem Kamin? Verbirgt Smith etwas? Und ist der seltsame Schneehügel, den Maltby vor dem Haus entdeckt hat, wirklich eine eingeschneite Leiche? Die Gesellschaft rätselt, und der in übersinnlichen Phänomenen bewanderte Maltby führt dabei die Regie.
Schließlich erhält die illustre Runde in dieser Weihnachtsnacht noch weitere Gesellschaft und kommt, wie könnte es anders sein, mehreren Morden auf die Spur. Nicht alles kann geklärt werden - vieles bleibt ebenso rätselhaft wie Maltbys kühne Gedankengänge. Auch die beiden Polizisten, die sich am nächsten Tag zu dem Haus durchkämpfen, erfahren nur einen kleinen Teil der Wahrheit. Unaufgeregt, vertrackt, hintergründig und absolut unterhaltsam.
Mittwoch, 6. November 2019
Albert Maier: Der Antiquitätenhändler
Es geht durch ganz Baden-Württemberg mit dem Experten, der in den einzelnen Kapiteln gesuchte und beliebte Altertümer vorstellt: von gusseisernen Ofenplatten der Schwäbischen Hüttenwerke in Wasseralfingen und exquisitem Silberbesteck der WMF aus Geislingen über Schwarzwaldglas, Stuttgarter Bauhausmöbel, kunstvoll mit Silberfäden aus Gmünd und Keramik aus Lorch ausgestattete Rosenkränze, Gemälde von Sieger Köder, Fayencen aus Schrezheim, Märklin-Blechspielzeug aus Göppingen ... bis zum unverwüstlichen großen Steiff-Bär aus Giengen. Der Leser erfährt, dass Erhard & Söhne in Gmünd – heute als Auto-Zulieferbetrieb Teil des Magna-Konzerns – einst Aschenbecher und luxuriöse Schatullen mit Holz-Messing-Intarsien herstellte.
Die Reise durchs Antiquitätenländle wäre nur halb so unterhaltsam, würde Albert Maier dabei nicht munter aus dem Nähkästchen plaudern. Er erzählt, wie er Zeuge eines fast handgreiflichen Streit unter Gemälde-Erben wurde. Wie bei einer Nachlass-Auflösung ein Sparbuch auftauchte. Wie Kunden in seinem Laden zornig wurden, weil sie nicht glauben wollten, dass das mitgebrachte, naives Nachkriegsgemälde wertlos ist. Oder wie er einen besonderen Fund – einen geschliffenen Deckelpokal aus dem 17. Jahrhundert – stolz seiner Frau präsentieren wollte und dabei das 1000-Mark-Stück fallen ließ. Und er bedauert, dass er heutzutage auf Flohmärkten schnell als Antiquitätenexperte erkannt und daher ordentlich zur Kasse gebeten wird.
Aufgezeichnet hat Maiers Schilderungen der Fernsehjournalist Bernhard Foos. Er hat die Sprache nicht geschliffen, sondern lässt Maier so erzählen, wie man eben redet: einfach, ungekünstelt, lebensecht. Und ohne falsche Romantik: Bibeln sind wertlos, weiß Maier, selbst wenn sie 300 Jahre alt sind. Alter Schmuck wird fast immer nur zum Materialpreis angekaut. Porzellan, Zinn, Tiergemälde, Ofenplatten, Schwarzwälder Uhren – früher teuer, heute Ladenhüter.
Nebenbei schildert Maier auch seine Kindheit in Ellwangen, berichtet von der geliebten Oma, die der zum ungeliebten Rosenkranzgebet begleiten musste, von seinem Opa, dem weit gereisten „China-Michel, vom Kolonialwarenladen der Eltern und vom Palais Adelmann, wo der kleine Albert bei den Großeltern eine Klassenkameraden erstmals Barockmöbel, Gobelins, Porträtgemälden bestaunte.
Anfang der 1970-er, erinnert sich Maier, habe er in Aalen ausgemusterte Gefängnistüren kaufen können. Diese bot er in München zum Verkauf an: Sie fanden reißenden Absatz und sorgten sogar für einer Magazinstory im „Spiegel“. Beflügelt von dem Deal gab der junge Mann sein Jurastudium auf und klapperte fortan im VW-Bus die Flohmärkte ab.
Maiers Faszination steckt an. Sie macht Lust, über Flohmärkte zu streifen, in Antiquitätenläden nach Schätzen zu stöbern oder Museen in vergangene Zeiten zu reisen. Ein tolle Buch für alle Fans von Antiquitäten und Kunst, aber auch ein informatives Kompendium für alle, die an Regional- und Wirtschaftsgeschichte interessiert sind.
Albert Maier: Der Antiquitätenhändler. Auf der Suche nach verborgenen Schätzen. Aufgezeichnet von Bernhard Foos. Silberburg-Verlag. 173 Seiten. 19,99 Euro.
Erschienen in: Wirtschaft Regional, 24. Oktober 2019
Samstag, 2. November 2019
Sasha Abramsky: Das Haus der zwanzigtausend Bücher
Bücher, Dokumente, Papierstapel in jedem Raum, jeder Ecke, an jeder Wand bis zur Decke. Das ist Haus der zwanzigtausend Bücher in Hillway 5 in London. Das unscheinbare Reihenhaus, das der jüdische Gelehrte, Antiquar, Sammler, Universitätsprofessor und bibliophile Experte Chimen Abramsky (1916-2010) mit seiner Familie bewohnte. Sein Enkel Sasha hat beide - seinen Großvater und das Bücherhaus - in einer Biographie verewigt. Sie wären ohnehin schwer zu trennen gewesen.
Geboren 1916 als Sohn des berühmten Rabbiners Yehezkel Abramsky in Minsk, emigrierte Chimen Abramsky 1932 mit der Familie nach London. In größtmöglicher Opposition zu seinem frommen Vater wurde Chimen glühender Marxist, das Haus im Hillway 5 avancierte zum lebendigen Treffpunkt für kommunistische Denker. Und es füllte sich mit marxistischen Büchern. Später wandte sich Chimen vom Kommunismus ab. Nun gingen Liberale und Büchersammler im Hillway ein und aus. Und das Haus füllte sich weiter, mit kostbaren Judaica, mit Zeugnissen der riesigen schriftlichen Kultur, die jüdische Gelehrte ab dem frühen Mittelalter geschaffen haben.
Chimen Abramsky trug nicht nur persönlich eine der weltweit bedeutendsten Judaica-Sammlungen zusammen. Er arbeitete auch als Buchexperte für das Auktionshaus Sotheby's und verantwortete maßgeblich mit, dass ein Weltmarkt für seltene Judaica entstand. Auf Vermittlung seines Freundes, des Philosophen Isaiah Berlin, wurde er Lehrbeauftragter, dann Professor für Hebräisch und Jüdische Studien am Londoner University College.
Viel mehr als heute bedeuteten Bücher in Chimen Abramskys Zeit und Welt Wissen, Erkenntnis, Zugang zu den Geschichten und den Leben anderer Menschen. Und eine Büchersammlung war (und ist zum Teil auch heute noch) viel mehr, denn: Die gesammelten Bücher konstituieren ein Leben, geben Halt, helfen, wie der Enkel schreibt, durch das "Chaos zu navigieren", möblieren die eigene geistige Persönlichkeit.
Eine solche Sammlung geht normalerweise mit dem Sammler unwiederbringlich verloren. Nicht so hier. Denn Sasha Abramsky hat dieses mittlerweile längst ausgeräumte Bücherhaus mit seinen Zimmern und den Büchern darin selbst in einem Buch - und damit einer Zeitkapsel - verewigt. Das Werk ist somit gleichzeitig eine Biographie und eine Bibliographie, ein unvollständiger Bibliothekskatalog in Prosa. Zwar sind besondere Stücke nur vereinzelt beschrieben, wohl aber gibt Abramsky in die Welt der vom Großvater verehrten Denkern wie Moses Mendelssohn oder Baruch Spinoza, stellt Druckerpioniere wie Daniel Bomberg und zahlreiche jüdische - auch marxistische - Gelehrte und Philosophen vor.
Jedes Kapitel ist einem Zimmer und den Büchern darin gewidmet, dem Wohnzimmer, dem Schlafzimmer, der - natürlich mit Bänden vollgestopften - Diele. In der Küche widmet sich Abramsky seiner Großmutter Miriam - Sozialarbeiterin, ebenfalls in jungen Jahren Marxistin - die er aber ausschließlich in ihrer Rolle als Gastgeberin und Köchin preist. Offenbar war sie selbst darauf besonders stolz, und ihre Gastfreundschaft, die dem Haus erst seinen Zauber verliehen habe, wird vom Enkel ja auch über den grünen Klee gelobt.
Es wird klar, dass es Abramsky sehr an Vollständigkeit gelegen ist. Er lässt nichts aus, rekapituliert die Familiengeschichte, nimmt langen Anlauf - der Leser muss deshalb mit vielen Längen leben. Manche Kapitel sind dann wieder wunderbare Perlen: etwa jenes über das obere, mit bibliophilen Kostbarkeiten aus Jahrtausenden jüdischer Geschichte vollgestopfte obere Wohnzimmer.
Ein lesenswertes Essay von Philipp Blom über "Bibliomanie und Emigration" als Nachwort rundet die deutsche Ausgabe ab.
Geboren 1916 als Sohn des berühmten Rabbiners Yehezkel Abramsky in Minsk, emigrierte Chimen Abramsky 1932 mit der Familie nach London. In größtmöglicher Opposition zu seinem frommen Vater wurde Chimen glühender Marxist, das Haus im Hillway 5 avancierte zum lebendigen Treffpunkt für kommunistische Denker. Und es füllte sich mit marxistischen Büchern. Später wandte sich Chimen vom Kommunismus ab. Nun gingen Liberale und Büchersammler im Hillway ein und aus. Und das Haus füllte sich weiter, mit kostbaren Judaica, mit Zeugnissen der riesigen schriftlichen Kultur, die jüdische Gelehrte ab dem frühen Mittelalter geschaffen haben.
Chimen Abramsky trug nicht nur persönlich eine der weltweit bedeutendsten Judaica-Sammlungen zusammen. Er arbeitete auch als Buchexperte für das Auktionshaus Sotheby's und verantwortete maßgeblich mit, dass ein Weltmarkt für seltene Judaica entstand. Auf Vermittlung seines Freundes, des Philosophen Isaiah Berlin, wurde er Lehrbeauftragter, dann Professor für Hebräisch und Jüdische Studien am Londoner University College.
Viel mehr als heute bedeuteten Bücher in Chimen Abramskys Zeit und Welt Wissen, Erkenntnis, Zugang zu den Geschichten und den Leben anderer Menschen. Und eine Büchersammlung war (und ist zum Teil auch heute noch) viel mehr, denn: Die gesammelten Bücher konstituieren ein Leben, geben Halt, helfen, wie der Enkel schreibt, durch das "Chaos zu navigieren", möblieren die eigene geistige Persönlichkeit.
Eine solche Sammlung geht normalerweise mit dem Sammler unwiederbringlich verloren. Nicht so hier. Denn Sasha Abramsky hat dieses mittlerweile längst ausgeräumte Bücherhaus mit seinen Zimmern und den Büchern darin selbst in einem Buch - und damit einer Zeitkapsel - verewigt. Das Werk ist somit gleichzeitig eine Biographie und eine Bibliographie, ein unvollständiger Bibliothekskatalog in Prosa. Zwar sind besondere Stücke nur vereinzelt beschrieben, wohl aber gibt Abramsky in die Welt der vom Großvater verehrten Denkern wie Moses Mendelssohn oder Baruch Spinoza, stellt Druckerpioniere wie Daniel Bomberg und zahlreiche jüdische - auch marxistische - Gelehrte und Philosophen vor.
Jedes Kapitel ist einem Zimmer und den Büchern darin gewidmet, dem Wohnzimmer, dem Schlafzimmer, der - natürlich mit Bänden vollgestopften - Diele. In der Küche widmet sich Abramsky seiner Großmutter Miriam - Sozialarbeiterin, ebenfalls in jungen Jahren Marxistin - die er aber ausschließlich in ihrer Rolle als Gastgeberin und Köchin preist. Offenbar war sie selbst darauf besonders stolz, und ihre Gastfreundschaft, die dem Haus erst seinen Zauber verliehen habe, wird vom Enkel ja auch über den grünen Klee gelobt.
Es wird klar, dass es Abramsky sehr an Vollständigkeit gelegen ist. Er lässt nichts aus, rekapituliert die Familiengeschichte, nimmt langen Anlauf - der Leser muss deshalb mit vielen Längen leben. Manche Kapitel sind dann wieder wunderbare Perlen: etwa jenes über das obere, mit bibliophilen Kostbarkeiten aus Jahrtausenden jüdischer Geschichte vollgestopfte obere Wohnzimmer.
Ein lesenswertes Essay von Philipp Blom über "Bibliomanie und Emigration" als Nachwort rundet die deutsche Ausgabe ab.
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