Diese kleine Sammlung von Maximen des römischen Sklaven Epiktet (50-138 n. Chr.) gehört zu den schönsten und lesenswertesten philosophischen Texten. Nichts von den Aussprüchen des Stoikers Epiktet, die einer seiner Schüler aufzeichnete, hat seine Gültigkeit verloren.
"Einige Dinge stehen in unserer Macht, andere hingegen nicht. In unserer Macht sind Urteil, Bestrebung, Begier und Abneigung, mit einem Wort, alles das, was Produkt unseres Willens ist. Doch nicht in unserer Gewalt sind unser Leib, Besitz, Ehre, Amt, kurz alles, was nicht unser Werk ist."
Alles dreht sich um diese Unterscheidung: Frei sind wir, die Dinge, die in unserer Macht stehen, zu ändern, und vollkommenere, sittliche Menschen zu werden. Alles andere sollte uns gleichgültig lassen. Wer das schafft, ist glücklich. Wie wahr. Gelassenheit gegenüber Dingen, die wir nicht ändern können - ein einfaches und unendlich schweres Ziel.
In seinen Beispielen geht Epiktet weit: Krankheit, Schmerzen, auch der Tod unseres Kindes sollten uns nicht berühren. Alles, was uns zustößt, ist nur eine Übung, die uns Leidenschaftslosigkeit und Gemütsruhe lehrt. Wenn uns jemand das Leben schwer macht, so sind es wir selbst mit unseren Gedanken, Wünschen, der Gier und dem Neid.
Meine Ausgabe des Handbüchleins ist 1946 "unter der Zulassung Nr. US - W - 1082 der Nachrichtenkontrolle der Militärregierung" erschienen. Im ersten Satz des Vorwortes heißt es: "Ist nicht der Stoizismus das Produkt einer ähnlichen Zeit wie sie gegenwärtig vorhanden ist, hervorgegangen aus notgedrungenem Nachdenken über die Quelle und Möglichkeit eines Glückes für dieses Leben und für alle, wie es jetzt auch wieder ungemein viele Gemüter bewegt." Mindestens genauso gut passt er in unsere heutige Zeit, die sich die Frage nach der Freiheit mehr denn je stellt. Lebensratgeber gibt es heute wie Sand am Meer. Aber diesen hier schlägt keiner.
Donnerstag, 12. März 2015
Mittwoch, 4. März 2015
Michel Houellebecq: Soumission
Diese Politsatire erschien am 7. Januar 2015, dem Tag, an dem islamische Terroristen die Redaktion der Zeitung Charlie Hebdo stürmten und ein Massaker anrichteten. Vieles wurde in "Soumission" hineininterpretiert, ohne es zu lesen, manches wohl auch bewusst falsch verstanden. Man kann dieses Buch mögen oder nicht. Eine Streitschrift gegen den Islam ist es nicht. Dazu ist es einerseits zu vielschichtig, andererseits zu harmlos.
Im Jahr 2022 wird Mohamed Ben Abbes, ein Politiker der Muslimbruderschaft, französischer Präsident - weil sowohl Sozialisten als auch Konservativen seine Wahl als Gegengewicht zum erstarkten Front National unterstützen
Die nun folgenden islamische Umgestaltung Frankreichs, die Houellebecq aus Sicht des Literaturprofessors François schildert, ist nicht bedrohlich oder gewaltsam, sondern erscheint als ein wahres Paradies der Ultrakonservativen. Die Arbeitslosigkeit sinkt dramatisch, weil die Frauen (freiwillig?) zurückkehren an den Herd. Statt Großkonzernen unterstützt die Regierung nun Bauern und Kleinunternehmer. Soziale Sicherung gibt es nur innerhalb der patriarchalischen Familie. Kurzum - es wird wahr, was die Anhänger des Front National und der traditionalistischen Bewegung der identitaires sich schon lange wünschen.
Die Herrschaft der Muslimbruderschaft ist kein Schreckensszenario, schon gar nicht aus Sicht des Protagonisten François. Dieser ist sozial verarmt, ein Houellebecqscher einsamer Wolf, dessen einzige Erfüllung darin besteht, mit wechselnden zwanzigjährigen Studentinnen zu schlafen. Den opportunistischen Universitätsbetrieb hat er satt. Aufklärung, Humanismus und westlichen Relativismus hält er für gescheitert. François' nahezu einziger Forschungsinhalt ist Joris-Karl Huysmans, Autor der décadence, der um 1900 die Untiefen des Menschlichen durchmaß, ehe er sich - angewidert und geläutert - einem katholischen Kloster anschloss. François tut es ihm gleich und konvertiert am Ende des Buchs. Allerdings nicht zum schwächelnden Katholizismus, sondern zum erstarkenden Islam.
Wo bleiben Freiheit, Individualismus und Gleichberechtigung? Wie wird mit Andersdenkenden verfahren? Für François in seiner Ichbezogenheit - und damit die Romanhandlung - stellen sich diese Fragen gar nicht erst. Auch dass er vorübergehend seine Stelle an der nun islamischen Universität verliert, lässt ihn fast gleichgültig, da das neue Regime ihn mit einer großzügigen lebenslangen Rente ausgestattet hat. Als negativ empfindet er nur, dass Frauen komplett aus dem öffentlichen Leben verschwinden, und er obendrein keine Studentinnen mehr kennenlernen darf. Seine jüdische Geliebte Myryam wandert samt Familie nach Israel aus. Es bleiben ihm nur die Huren.
Schließlich löst François dieses Problem mit der Konversion: Wie ihm der neue Universitätsrektor Rediger - als Zerrbild einen kalten Sozialdarwinisten und Menschenverächters gezeichnet - erläutert, darf er sich als Universitätsprofessor zu den Alphatieren zählen, die das Recht auf mehrere Frauen haben, um sich optimal fortzupflanzen.
Im Jahr 2022 wird Mohamed Ben Abbes, ein Politiker der Muslimbruderschaft, französischer Präsident - weil sowohl Sozialisten als auch Konservativen seine Wahl als Gegengewicht zum erstarkten Front National unterstützen
Die nun folgenden islamische Umgestaltung Frankreichs, die Houellebecq aus Sicht des Literaturprofessors François schildert, ist nicht bedrohlich oder gewaltsam, sondern erscheint als ein wahres Paradies der Ultrakonservativen. Die Arbeitslosigkeit sinkt dramatisch, weil die Frauen (freiwillig?) zurückkehren an den Herd. Statt Großkonzernen unterstützt die Regierung nun Bauern und Kleinunternehmer. Soziale Sicherung gibt es nur innerhalb der patriarchalischen Familie. Kurzum - es wird wahr, was die Anhänger des Front National und der traditionalistischen Bewegung der identitaires sich schon lange wünschen.
Die Herrschaft der Muslimbruderschaft ist kein Schreckensszenario, schon gar nicht aus Sicht des Protagonisten François. Dieser ist sozial verarmt, ein Houellebecqscher einsamer Wolf, dessen einzige Erfüllung darin besteht, mit wechselnden zwanzigjährigen Studentinnen zu schlafen. Den opportunistischen Universitätsbetrieb hat er satt. Aufklärung, Humanismus und westlichen Relativismus hält er für gescheitert. François' nahezu einziger Forschungsinhalt ist Joris-Karl Huysmans, Autor der décadence, der um 1900 die Untiefen des Menschlichen durchmaß, ehe er sich - angewidert und geläutert - einem katholischen Kloster anschloss. François tut es ihm gleich und konvertiert am Ende des Buchs. Allerdings nicht zum schwächelnden Katholizismus, sondern zum erstarkenden Islam.
Wo bleiben Freiheit, Individualismus und Gleichberechtigung? Wie wird mit Andersdenkenden verfahren? Für François in seiner Ichbezogenheit - und damit die Romanhandlung - stellen sich diese Fragen gar nicht erst. Auch dass er vorübergehend seine Stelle an der nun islamischen Universität verliert, lässt ihn fast gleichgültig, da das neue Regime ihn mit einer großzügigen lebenslangen Rente ausgestattet hat. Als negativ empfindet er nur, dass Frauen komplett aus dem öffentlichen Leben verschwinden, und er obendrein keine Studentinnen mehr kennenlernen darf. Seine jüdische Geliebte Myryam wandert samt Familie nach Israel aus. Es bleiben ihm nur die Huren.
Schließlich löst François dieses Problem mit der Konversion: Wie ihm der neue Universitätsrektor Rediger - als Zerrbild einen kalten Sozialdarwinisten und Menschenverächters gezeichnet - erläutert, darf er sich als Universitätsprofessor zu den Alphatieren zählen, die das Recht auf mehrere Frauen haben, um sich optimal fortzupflanzen.
Der Titel Unterwerfung ist nicht nur eine Übersetzung des Begriffes Islam, er spielt auch auf den erotischen Roman "Geschichte der O." von Pauline Réage an: Rediger, so erfährt François, wohnt in dem herrschaftlichen Haus, in dem dieser Klassiker der Unterwerfungsliteratur geschrieben wurde. Hurra, wir unterwerfen uns (handelt davon nicht auch der aktuelle Bestseller "Fifty Shades of Grey"?) Großinquisitor, ick hör dir trapsen.
"Es gibt keine Sorge, die den freien Menschen so ununterbrochen quälte wie diese, das Wesen so schnell es geht zu suchen, vor dem er sich in Andacht verneigen könnte; denn der Mensch sehnt sich danach, ihn drängt es, das anzubeten, das unbedingt und zweifellos ist, damit auf diese Weise alle Menschen ohne Unterschied in diese Andacht einwilligten. Denn die Sorge dieser erbarmungswürdigen Geschöpfe liegt nicht darin, den Gegenstand zu suchen, vor dem ich oder ein anderer uns verneigten, sondern eben jenen, an den alle glaubten, und vor dem sie dann in die Knie sänken, alle, alle zusammen." (Fjodor Dostojewski: Die Brüder Karamasow)
Ein Schlüsselszene spielt sich im TGV ab. François hat ein christliches Kloster besucht, ohne von dessen Geist ergriffen zu werden. Im Zug beobachtet er einen Geschäftsmann um die Fünfzig an der Seite von zwei verschleierten, fast noch jugendlichen Mädchen - offenbar seine Frauen.
"Es gibt keine Sorge, die den freien Menschen so ununterbrochen quälte wie diese, das Wesen so schnell es geht zu suchen, vor dem er sich in Andacht verneigen könnte; denn der Mensch sehnt sich danach, ihn drängt es, das anzubeten, das unbedingt und zweifellos ist, damit auf diese Weise alle Menschen ohne Unterschied in diese Andacht einwilligten. Denn die Sorge dieser erbarmungswürdigen Geschöpfe liegt nicht darin, den Gegenstand zu suchen, vor dem ich oder ein anderer uns verneigten, sondern eben jenen, an den alle glaubten, und vor dem sie dann in die Knie sänken, alle, alle zusammen." (Fjodor Dostojewski: Die Brüder Karamasow)
Ein Schlüsselszene spielt sich im TGV ab. François hat ein christliches Kloster besucht, ohne von dessen Geist ergriffen zu werden. Im Zug beobachtet er einen Geschäftsmann um die Fünfzig an der Seite von zwei verschleierten, fast noch jugendlichen Mädchen - offenbar seine Frauen.
"En régime islamique, les femmes - enfin, celles qui étaient suffissament jolies pour éveiller le désir d'un époux riche - avaient au fond la possibilité de rester des enfants pratiquement tout leur vie. Peu après etre sorties de l'enfance elles devenaient elles-memes mères, et replongaient dans l'univers enfantin."
Wahrscheinlich ist es ihnen egal, ob sie sich einem Ehemann, einem Gott oder den neuesten Moden, die kapitalistische Großkonzernen diktieren, unterwerfen.
Zum Stil: "Soumission" ist eigentlich kein Roman, eher eine theoretische gesellschafts- und geopolitische Skizze. Die Handlung rund um François nimmt wenig Platz ein, stattdessen doziert der Erzähler über Seiten hinweg oder lässt seine Figuren dozieren. In seiner Ironie ist das durchaus spannend, aber nicht unbedingt packend. Vielleicht ist zum Thema Unterwerfung auch schon Besseres geschrieben worden.
Dienstag, 24. Februar 2015
Ernest Hemingway: Die Sturmfluten des Frühlings
Scripps O'Neil denkt und redet einfach. Wie jemand, der verstanden hat, dass ihn das viele komplizierte Denken nicht richtig glücklich gemacht hat. In Mancelona haben ihn seine Frau und seine Tochter unvermittelt verlassen: Jetzt geht er nach Chicago, im eisigen Wind das Eisenbahngleis entlang.
Er bleibt im Kaff Petoskey hängen, wo er Diana, die ältliche Bedienung in Browns Bohnenstube heiratet. Diana hofft, Scripps zu halten, und abonniert deshalb Literaturzeitschriften, um mit ihm angeregte Gespräche zu führen. Sie verliert ihn dennoch - an Mandy, die hübschere Kellnerin der Bohnenstube, die Scripps ihrerseits mit originellsten literarischen Anekdoten unterhält.
In die Bohnenstube verschlägt es auch Yogi Johnson, Kriegsveteran und Arbeiter in der Pumpenfabrik. Obwohl der Chinook, der Frühlingswind bläst, begehrt Yogi keine Frauen mehr. Schuld ist ein unschönes Erlebnis mit einer Pariser Hure. Er zieht mit Waldindianern um die Häuser. Als aber eine Squaw, die nichts am Leib trägt als ein Paar abgetragene Mokassins, die Bohnenstube betritt, kehren Yogis Lebensgeister wieder. Er folgt der Squaw durch den Schnee und wirft seinerseits die Klamotten von sich.
Dieser kleine Roman zeigt, wie einfach es ist, etwas wirklich Witziges zu schreiben. Zumindest, wenn man Hemingway heißt. Die Figuren in diesem Büchlein verlieren nicht viele Worte, doch alle zeigen auf ihre beschränkte Art Mitgefühl. Und keiner will etwas Böses. Stattdessen zitieren alle unentwegt John dos Passos, Henry James, Joris-Karl Huysmans und William Wordsworth. Ein bunter Strauß gepflegter Stilbrüche. Dazu Hemingways depperte Kommentare aus dem Off. Ein Gustostückerl.
Ein Buch von der Sorte, bei der man als Leser sofort beginnt, sich den aberwitzigen Sprachduktus anzueignen. Bei mir ist das ähnlich geschehen mit Christan Reuters Schelmuffsky und Ludwig Thomas Jozef Filser. Allerdings sollte keiner auf die Idee kommen, so zu schreiben versuchen wie Hemingway. Daran haben sich schon zu viele die Zähne ausgebissen.
Er bleibt im Kaff Petoskey hängen, wo er Diana, die ältliche Bedienung in Browns Bohnenstube heiratet. Diana hofft, Scripps zu halten, und abonniert deshalb Literaturzeitschriften, um mit ihm angeregte Gespräche zu führen. Sie verliert ihn dennoch - an Mandy, die hübschere Kellnerin der Bohnenstube, die Scripps ihrerseits mit originellsten literarischen Anekdoten unterhält.
In die Bohnenstube verschlägt es auch Yogi Johnson, Kriegsveteran und Arbeiter in der Pumpenfabrik. Obwohl der Chinook, der Frühlingswind bläst, begehrt Yogi keine Frauen mehr. Schuld ist ein unschönes Erlebnis mit einer Pariser Hure. Er zieht mit Waldindianern um die Häuser. Als aber eine Squaw, die nichts am Leib trägt als ein Paar abgetragene Mokassins, die Bohnenstube betritt, kehren Yogis Lebensgeister wieder. Er folgt der Squaw durch den Schnee und wirft seinerseits die Klamotten von sich.
Dieser kleine Roman zeigt, wie einfach es ist, etwas wirklich Witziges zu schreiben. Zumindest, wenn man Hemingway heißt. Die Figuren in diesem Büchlein verlieren nicht viele Worte, doch alle zeigen auf ihre beschränkte Art Mitgefühl. Und keiner will etwas Böses. Stattdessen zitieren alle unentwegt John dos Passos, Henry James, Joris-Karl Huysmans und William Wordsworth. Ein bunter Strauß gepflegter Stilbrüche. Dazu Hemingways depperte Kommentare aus dem Off. Ein Gustostückerl.
Ein Buch von der Sorte, bei der man als Leser sofort beginnt, sich den aberwitzigen Sprachduktus anzueignen. Bei mir ist das ähnlich geschehen mit Christan Reuters Schelmuffsky und Ludwig Thomas Jozef Filser. Allerdings sollte keiner auf die Idee kommen, so zu schreiben versuchen wie Hemingway. Daran haben sich schon zu viele die Zähne ausgebissen.
Donnerstag, 5. Februar 2015
Die Geschichte der Anderen Bibliothek in Gesprächen
Liebevoller geht es nicht. Die Andere Bibliothek ist Buchkultur pur. Die von Franz Greno und Hans-Magnus Enzensberger begründete Reihe hat sich immer durch größte Sorgfalt in Auswahl und Gestaltung ausgezeichnet. Lesebändchen, ausgesuchte Einbandmaterialien, Rückenschilder, herrliche Typen. In diesem Sammelband zum 30. Geburtstag der Anderen Bibliothek fällt Arno Schmidts Wort von der "Handballenseligkeit". Jeder, der Bücher liebt, kommt ins Schwärmen. Sollte das gedruckte Medium sterben - diese Art Buch wird bleiben.
Bei aller Lobhudelei muss ich einschränken: Inhaltlich ist für mich nicht alles, was in diesen 30 Jahren erschienen ist, Gold. Dass alles, was bei der Anderen Bibliothek erscheint, auch lesenswert ist, konnte ich für mich nie behaupten. Vieles wurde ausgegraben, das zu Recht in Vergessenheit geraten war, manches Belanglose ist dabei. Natürlich auch etliche wahre Schätze. Aber das ist höchst subjektiv: "Wir drucken nur Bücher, die wir selber lesen möchten" war von Anfang an das Motto der Macher und ist auch der Titel dieses Jubiläumsbüchleins.
Erzählt wird die Geschichte der Anderen Bibliothek, von der Idee des Nördlinger Verlegers Franz Greno im Jahr 1984 bis zur heutigen Zeit - in diesem Jahr erscheint Band 368. Die Auswahl an Interviews, Artikeln und Essays konzentriert sich vor allem auf die Anfangsjahre, immer wieder dreht sich alles um den leidenschaftlichen Büchermacher Franz Greno - der allerdings selbst nicht zu Wort kommt. "Es roch nach flüssigem Blei", heißt es einmal über die Nördlinger Werkstatt, in der Greno seine Babys noch im Bleisatz und Buchdruck nach alten handwerklichen Regeln herstellte.
Herausgeber Hans-Magnus Enzensberger, der Zweite im Team, kommt sehr wohl zu Wort. Er findet viel lobende Worte für Greno, schildert aber auch, wie das Unternehmen in wirtschaftliche Schwierigkeiten geriet. Greno, so Enzensberger, sein ein "Nimmersatt" gewesen, der "in Nördlingen ein immer größeres Rad drehte".
1989 rettete sich die Andere Bibliothek in den Eichborn Verlag. 1997 stiegen die Macher auf Computersatz um. Das Team Enzensberger-Greno als Herausgeber und Buchgestalter und -hersteller verantwortete die Reihe bis 2005. Heute ist die Andere Bibliothek ein Unternehmen der Aufbau-Verlagsgruppe.
Der Jubiläumsband enthält auch eine vollständige Bibliographie mit Zeittafel, die an Bestseller der Reihe wie Christoph Ransmayrs "Die letzte Welt" und Prinz Asfa-Wossen Asserates "Manieren" erinnert.
Viele Zeitzeugen und Weggefährten kommen zu Wort, allerdings wird für die späteren Jahre die Auswahl diffuser. Da plaudert Robert Gernhardt, der an einem Hörbuchprojekt der Anderen Bibliothek mitarbeitete, in einem sehr ausführlichen Interview über Wilhelm Busch, ein nacherzähltes Gespräch mit Martin Mosebach berichtet über dessen Angewohnheit, Bücher komplett per Hand zu schreiben. Alles wirkt ein bisschen zusammengewürfelt, fast so wie die Andere Bibliothek selbst.
In jedem Fall macht das Buch wieder unheimliche Lust, eine kleine Buchhandlung aufzusuchen und einen dieser wunderschönen Bände mit nach Hause zu nehmen.
Bei aller Lobhudelei muss ich einschränken: Inhaltlich ist für mich nicht alles, was in diesen 30 Jahren erschienen ist, Gold. Dass alles, was bei der Anderen Bibliothek erscheint, auch lesenswert ist, konnte ich für mich nie behaupten. Vieles wurde ausgegraben, das zu Recht in Vergessenheit geraten war, manches Belanglose ist dabei. Natürlich auch etliche wahre Schätze. Aber das ist höchst subjektiv: "Wir drucken nur Bücher, die wir selber lesen möchten" war von Anfang an das Motto der Macher und ist auch der Titel dieses Jubiläumsbüchleins.
Erzählt wird die Geschichte der Anderen Bibliothek, von der Idee des Nördlinger Verlegers Franz Greno im Jahr 1984 bis zur heutigen Zeit - in diesem Jahr erscheint Band 368. Die Auswahl an Interviews, Artikeln und Essays konzentriert sich vor allem auf die Anfangsjahre, immer wieder dreht sich alles um den leidenschaftlichen Büchermacher Franz Greno - der allerdings selbst nicht zu Wort kommt. "Es roch nach flüssigem Blei", heißt es einmal über die Nördlinger Werkstatt, in der Greno seine Babys noch im Bleisatz und Buchdruck nach alten handwerklichen Regeln herstellte.
Herausgeber Hans-Magnus Enzensberger, der Zweite im Team, kommt sehr wohl zu Wort. Er findet viel lobende Worte für Greno, schildert aber auch, wie das Unternehmen in wirtschaftliche Schwierigkeiten geriet. Greno, so Enzensberger, sein ein "Nimmersatt" gewesen, der "in Nördlingen ein immer größeres Rad drehte".
1989 rettete sich die Andere Bibliothek in den Eichborn Verlag. 1997 stiegen die Macher auf Computersatz um. Das Team Enzensberger-Greno als Herausgeber und Buchgestalter und -hersteller verantwortete die Reihe bis 2005. Heute ist die Andere Bibliothek ein Unternehmen der Aufbau-Verlagsgruppe.
Der Jubiläumsband enthält auch eine vollständige Bibliographie mit Zeittafel, die an Bestseller der Reihe wie Christoph Ransmayrs "Die letzte Welt" und Prinz Asfa-Wossen Asserates "Manieren" erinnert.
Viele Zeitzeugen und Weggefährten kommen zu Wort, allerdings wird für die späteren Jahre die Auswahl diffuser. Da plaudert Robert Gernhardt, der an einem Hörbuchprojekt der Anderen Bibliothek mitarbeitete, in einem sehr ausführlichen Interview über Wilhelm Busch, ein nacherzähltes Gespräch mit Martin Mosebach berichtet über dessen Angewohnheit, Bücher komplett per Hand zu schreiben. Alles wirkt ein bisschen zusammengewürfelt, fast so wie die Andere Bibliothek selbst.
In jedem Fall macht das Buch wieder unheimliche Lust, eine kleine Buchhandlung aufzusuchen und einen dieser wunderschönen Bände mit nach Hause zu nehmen.
Dienstag, 27. Januar 2015
Anthony Horowitz: Der Fall Moriarty
Dies ist der zweite Sherlock-Holmes-Roman von Anthony Horowitz nach Das Geheimnis des weißen Bandes. Mehr als 300 Seiten lang breitet sich die Handlung recht unspektakulär aus, aber der Knalleffekt zum Schluss entschädigt für vieles
Diesem Buch fehlen die durchgängige Spannung und die dichte Atmosphäre des Vorgängers. Dennoch sollte man der naheliegenden Versuchung widerstehen, den Band frühzeitig wegzulegen - in der Annahme, man habe es mit einem schwächeren Krimi zu tun - so wie ja auch Doyle selbst bisweilen schwächere Sherlock-Holmes-Geschichten ablieferte.
Im schweizerischen Meiringen treffen kurz nach dem berühmten Duell zwischen Sherlock Holmes und James Moriarty zwei Ermittler aufeinander: Es handelt sich um Athelney Jones, Inspektor bei Scotland Yard, und Frederick Chase, Detektiv im Dienste der New Yorker Agentur Pinkerton's. Offenbar, so finden die beiden heraus, plante der Superverbrecher Moriarty sich mit dem US-amerikanischen Gangsterboss Clarence Devereux zusammenzutun. Gemeinsam machen sich sich auf die Spur von Devereux und finden den skrupellosen Verbrecher, der inzwischen in London sein Unwesen treibt. Es kommt zum Showdown in den unterirdischen Gewölben des Smithfield-Schlachthofes.
Und dann besagter Knalleffekt. Bei allen Unterschieden in Genre, philosophischem Tiefgang und sprachlicher Raffinesse ist der Vergleich mit Yann Martels Life of Pi gar nicht so abwegig. Warum, das soll hier nicht verraten werden. Alles in allem reicht Der Fall Moriarty nicht ganz an seinen Vorgänger heran, ist aber sehr unterhaltsam.
Donnerstag, 22. Januar 2015
Lucius Burckhardt: Warum ist Landschaft schön? Die Spaziergangswissenschaft.
Der Schweizer Soziologe Lucius Burckhardt (1925 bis 2003) gilt als Begründer der Spaziergangswissenschaft oder Promenadologie.
In unserem Kopf ist die Landschaft aber schon vor dem
Spaziergang: In Erwartungen und Erinnerungen. Wenn
wir eine Landschaft ausmachen, erkennen wir wieder, was Dichter,
Maler, Gelehrte, aber auch Erdkundelehrer, Eltern, Großeltern und
Kinderbücher uns beigebracht haben. Der Wiesengrund mit Brunnen vor
dem Tore, die Heidelandschaft, das schroffe Gebirge, die endlose Wüste.
Weil „Warum ist Landschaft schön" kein wissenschaftliches Fachbuch, sondern eine Sammlung von Aufsätzen, Vorträgen und Artikeln aus Fachzeitschriften und Sammelbänden ist, gibt es zahllose Doppelungen, die aber auch dafür sorgen, dass sich die Grundgedanken einprägen.
Als Einstieg und Überblick gut geeignet ist der Beitrag „Bergsteigen auf Sylt“ auf den Seiten 306 bis 319. Nikolaus Wyss interviewte Burckhardt darin für das Magazin des Zürcher Tages-Anzeigers im März 1989.
Im Mittelpunkt dieser Wissenschaft
steht die Frage: Wie nimmt der Spaziergänger Umwelt wahr und
konstruiert daraus eine Landschaft? Und wann empfinden wir diese
Landschaft als schön? Schon die Fragestellung macht klar: Die
Landschaft ist nicht in der Natur der Dinge, sondern in unserem Kopf
– wir konstruieren sie aus Umwelteindrücken.
Räumlich entsteht Landschaft beim
Spaziergang während des Weges. Unsere Wahrnehmung schließt
heterogene Dinge zu einer Landschaft zusammen und blendet andere aus,
sodass wir beim Heimkehren die liebliche Landschaft rühmen,
oder aber sagen: Das Ries (der Hunsrück, die Toscana, der
Spreewald....) ist auch nicht mehr das, was es einmal war.
Drei Entwicklungen, so führt
Burckhardt aus, beeinflussen unsere Landschaftswahrnehmung. Zum einen
ist der Unterschied zwischen Stadt und Land aufgehoben: Wir leben
heute alle mehr oder weniger in einer Metropole, das Land ist
industrialisiert, die Stadt begrünt. Das klassische
Landschaftserlebnis aber war immer der Übergang von der Stadt auf
das Land. Der Städter sah Landschaft, wenn er zum Spaziergang aus den
Mauern heraustrat.
Damit entfällt auch ein zweites
Kriterium: Die Interesselosigkeit. „Landschaft (…) ist das Bild,
das sich der Städter, der sich die Hände nicht am Boden schmutzig
macht, der kein Interesse am Land hat von der landwirtschaftlichen
Welt außerhalb der Mauern gemacht hat", so Burckhardt.
Drittens spielt das Verkehrsmittel eine
Rolle. Seit der Mensch Gegenden nicht mehr Stück für Stück zu Fuß
erwanderte, sondern mit der Eisenbahn ein einzelnes Ziel ansteuerte,
musste das komplette Landschaftserlebnis – quasi als Postkartenbild
– an diesem einen Zielort vorhanden sein. Diese oft künstlichen
Postkartenidyllen inklusive Panoramahotel sind seit der Verbreitung
des Autos auch wieder überholt. Die Autoreise unterscheidet
sich vom Spaziergang zu Fuß dadurch, dass die Distanzen weiter
werden, „viel heterogenere Eindrücke müssen zu viel abstrakteren
Ideallandschaften integriert werden“.
Burckhardt führte den Spaziergang auch als Methode ein, um diese Mechanismen zu ergründen. Unter
anderem ließ es er eine Gruppe Studenten mit Windschutzscheiben vor
den Gesicht durch die Straßen der Stadt gehen, um eine besondere
Wahrnehmung zu simulieren.
Viele weitere Gedanken sind in diesem
Kompendium angerissen: Über die Entwicklung der Gartenkunst, über
die „totale Begärtnerung“, „Funktionalisierung und
Hygienisierung“ der Städte, der Burckhardt die Brache und das
Prinzip des „kleinsten Eingriffs“ als nutzerfreundliche
Alternative entgegenstellt.
Weil „Warum ist Landschaft schön" kein wissenschaftliches Fachbuch, sondern eine Sammlung von Aufsätzen, Vorträgen und Artikeln aus Fachzeitschriften und Sammelbänden ist, gibt es zahllose Doppelungen, die aber auch dafür sorgen, dass sich die Grundgedanken einprägen.
Als Einstieg und Überblick gut geeignet ist der Beitrag „Bergsteigen auf Sylt“ auf den Seiten 306 bis 319. Nikolaus Wyss interviewte Burckhardt darin für das Magazin des Zürcher Tages-Anzeigers im März 1989.
Freitag, 2. Januar 2015
Jostein Gaarder: Der Geschichtenverkäufer
Jostein Gaarder erzählt in diesem Roman aus dem Jahr 2002 von Petter, der Geschichten verkauft. Er verkauft sie, weil er viel zu viele davon hat. „Ich blutete Geschichten und Erzählungen aus", schreibt der Ich-Erzähler. Das hat er schon als Kind getan. Die Eltern getrennt, wächst er bei der Mutter auf und spielt nicht gerne mit anderen Kindern, sondern beobachtet sie lieber. Er ist ein nüchterner Beobachter. Wenn er alleine ist, unternimmt Petter Seelenreisen, fliegt in seiner Fantasie über die Stadt und auf den Mond und sieht sich alles genau an.
Er lernt, dass auf dem Schulhof (und im Leben) Prügeln unter Kindern eher akzeptiert und entschuldigt wird, als andere mit Worten zu verletzen, wie er es mitunter tut. Doch er kauft sich frei, indem er anderen Kindern gegen kleine Bezahlung die Hausaufgaben erledigt. Auf die gleiche Weise verdient er später, als Erwachsener, seinen Lebensunterhalt: Er verkauft Autoren seine Ideen, vor denen er übersprudelt. Er ist wie ein Jäger, der Geschichten jagt und erlegt. Das Ausnehmen und Zubereiten überlässt er anderen. „Ich hätte es niemals geschafft,
einen Roman zu schreiben, dazu hatte ich viel zu viele Ideen", schreibt er. Sich einer Idee zu widmen, viel Zeit in sie zu investieren, das ist seine Sache nicht.
Petter lässt seine Kunden, die einfallslosen Schriftsteller, die zwar schreiben können, aber keine Fantasie haben, wie Marionetten tanzen. Wie eine Spinne webt er ein feines Netz aus Abhängigkeiten. Er verkauft die Fantasie, mit der sich
die anderen schmücken, Ehre erlangen, bewundert und geliebt werden. Weil er selbst kein Schriftsteller ist und nicht in deren Zwängen, Eitelkeiten und Verletzbarkeiten gefangen
ist, kann er einen nüchternen - und für die Leser sehr interessanten - Blick auf das Schriftstellertum werfen.
Er schreibt: „Vielen angehenden Autoren fehlt es
an so etwas Grundlegendem wie Lebenserfahrung.... Zuerst lebt man,
dann kann man sich überlegen, ob man etwas zu erzählen hat.“ Was Petter übersieht: Er selbst hat nie gelebt. Von Freunden ist keine Rede. Er hat viele Frauen mit
der Macht seiner Worte ins Bett bekommen, aber es ist nichts zwischen ihm und diesen Frauen. Auch hier: ein sehr
nüchterner, illusionsloser Blick auf das, was sich zwischen Männern und Frauen abspielt.
Nur einmal liebt Petter selbst. Und die ganze Geschichte läuft so unglücklich wie alles in Petters Leben. Er trifft die falschen Entscheidungen, hat das Glück nicht im richtigen Moment auf seiner Seite. Auch das feinmaschige, immer größere und verzweigtere Netz reißt irgendwann, die Autoren rebellieren, der Hass schlägt über Petter zusammen. Und auch seine persönliche Tragödie bricht über ihn hinein, am Schluss, wenn die Handlung dann sehr an Max Frischs "Homo faber" erinnert. Der Ende immerhin ist offen und nicht komplett ausweglos.
Ein Buch über die Macht der Worte, die mehr verletzen können als andere Formen der Gewalt. Psychologisch raffiniert, doppelbödig und höchst anregend für die Fantasie.
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