Mittwoch, 15. Februar 2012

Ariel Denis: Stille in Montparnasse (2002)

Ein Klassikliebhaber schlendert durch Paris und denkt über die Musik und seinen verstorbenen gleichgesinnten Freund Markus Berger nach. Das ist eigentlich kein “Romanbericht”, wie es im deutschen Untertitel heißt, sondern ein Essay im Plauderton. Dann und wann kommt es auch wehmütig, sentimental oder zornig daher.
Gleich vorneweg: Es ist ein umwerfend gutes Buch, das herrlich durchkomponiert ist und  mit der Dynamik und den Tempi spielt. Die Sprache ist klangvoll – auch noch in der deutschen Übersetzung von Regine Hermannsdörfer (deutsche Ausgabe 2007).
Wenn nur der dämliche Titel nicht wäre. „Stille in Montparnasse“ – im Original heißt es "Récital. Une interprétation."
In jedem Fall wird hier ganz viel Wahres, lange Geahntes und endlich Wiedergefundenes über Musik, Musik und Meer, Musik und Gesellschaft erzählt. Auch viel Originelles, wie die Erkenntnis, dass man für Musik unbedingt Alkohol braucht (um zu ihrer unaushaltbaren Fülle zu gelangen).
Darüber denkt der Erzähler nach: Dass man immer wieder in Konzerte geht, jedesmal in der Hoffnung,  "eines der verborgenen Zeichen Gottes zu finden, das Absolute der Musik.” Dass der Mensch stets auf der Suche nach der allerletzten, ununterbrochenen Melodie ist. Dass in der Welt der Künstler nur der absolute Erfolg von Bedeutung ist. Wer kein Alban Berg ist , ist ein Nichts.
Wie eine Lichtgestalt verehrt der Erzählers den Bariton Hermann Prey: “Er sang mit der Leere seins Körpers”, gegen ihn waren Elvis Presley und Frank Sinatra “lediglich Prothesenwisperer”. Treffsicher und mit viel Ironie beschrieben, gibt er sich allabendlich gefühlt deutscher Gemütlichkeit und romantischer Wiesengrund-Schwärmerei, hört Hermann Prey und trinkt Schladerer-Himbeergeist. Zum Wohle.
Auch zu einer verschämten Liebeserklärung an Chansons und Pop-Ohrwürmer lässt er sich hinreißen. Vor allem ist das Buch aber eine - bewusst übertriebene - Schmipfrede gegen alle, die Musik sagen und doch nur Lärm meinen. “Ich muss Stille fordern (…) im Namen der Musik.”

Stille ist manchmal großartig. Aber nur, weil es die Musik gibt.

Montag, 23. Januar 2012

Paul Auster: Leviathan (1992)

Der Schriftsteller Peter Aaron erzählt die Geschichte seines Kollegen Benjamin Sachs, von dem gleich zu Beginn berichtet wird, dass er sich im nördlichen Wisconsin am Straßenrand in die Luft gesprengt habe. Eine Geschichte, die zwangsläufig in dieser finalen Befreiungsaktion endet. Sachs befreit sich vom Schicksal, das ihm bestimmt scheint und den wahnwitzigen Zufällen, die ihn fernsteuern und gegen die er nicht anzukommen scheint: So wie kein Sterblicher gegen die launische Macht des Leviathan, des biblischen Seeungeheuers, ankommt.

Der Zufall - bzw. der Erzähler, der sich des Zufalls reichlich, aber gekonnt, bedient - will es so, dass Sachs am Unabhängigkeitstag 1986 von einer Feuerleiter in der Freiheitsstatue stürzt. Er wird aus heiterem Himmel in eine Schießerei verwickelt, findet eine Bowlingtasche randvoll mit Geldscheinen und überrascht daraufhin seine Frau mit einem anderen im Bett.

Während er immer tiefer in den Abgrund schlittert, gelangt er zur Erkenntnis: „Ich muss jetzt in die reale Welt hinaus und etwas tun.“ So nähert er sich zunächst der Frau des erschossenen Terroristen, tritt später in dessen Fußstapfen und setzt dessen explosives Werk fort.

„Kann ein Mensch mit einem Ich einschlafen und mit einem anderen aufwachen?“ Die Frage, ob man wirklich in jedem Moment seines Lebens neu beginnen kann, treibt Sachs - und auch Aaron - um.

Sachs' Antwort ist Ja. Er will "die Bruchstücke des Ich wieder zusammensetzen", ein Ganzes sein, einen Sinn im Leben finden - der für ihn darin besteht, Nachbildungen der Freiheitsstatue in die Luft zu sprengen. Endlich einmal tun, woran er glaubt. Und das heißt auch, endlich einmal an etwas zu glauben und zu wissen, was das ist.

Leider fehlt der Story die letzte Konsequenz. Sachs' Motivation bleibt seltsam unscharf. Was genau bedrückt ihn, was fehlt, wonach sehnt er sich, was ist das für eine Freiheit, die er meint - oder möchte das der Erzähler nicht aussprechen? Vielleicht steigt Aaron (nebenbei: Paul Austers alter ego) auch gar nicht dahinter, was Sachs bedrückt hat. Aaron hat im Leben den unspektakuläreren, weniger geradlinigen aber letztlich erfreulicheren Weg gewählt. Und dennoch beneidet er Sachs. So gibt in dieser vielschichtigen Handlung der Erzähler unbewusst eine Menge von sich selbst preis.

Paul Austers Leviathan ist ein Buch, das nahe geht, weil es nicht in unwahrscheinliche Lebenswelten abtaucht, sondern den Leser mit seiner eigenen Qual und Entsetzlichkeit konfrontiert.

Freitag, 30. Dezember 2011

Warum nicht mal wieder Böll?

Ist Heinrich Bölls Literatur unbrauchbar für die heutige Zeit geworden? Ich würde sagen - bis auf wenige Ausnahmen: Nein. Ein famoses Beispiel ist die satirische Erzählung "Doktor Murkes gesammeltes Schweigen" (1955/1958).

Rundfunkredakteur Murke muss aus dem Vortrag des Star-Wendehals-Autoren Bur-Malottke 27-mal das Wort "Gott" herausschneiden und es auf neuerlichen Wunsch des Schriftstellers durch die Phrase "jenes höhere Wesen, das wir verehren" ersetzen.

Das Ganze ist einerseits eine nostalgische Reise in alte Rundfunkwelten. Man arbeitete "beim Rundfunk" wie in einer Behörde, rauchte immer und überall und schnippelte und klebte am guten alten Tonband herum. Auch dem Paternoster-Aufzug hat Böll hier ein literarisches Denkmal gesetzt.

Vor allem ist die kleine Story eine schöne Hommage an das Schweigen. Wörter werden gedreht und gewendet, ausgetauscht und ausgeschnitten, dem Zeitgeist angepasst, "entnazifiziert", korrigiert, "richtiggestellt". Das gilt heute selbstverständlich auch für Bilder. Wir basteln uns unsere Biografien zurecht - nur, dass das heute eben digital und nicht mehr so augenfällig mit Bandschnipelsn geschieht.

Schweigen ist authentisch. Deshalb sammelt Murke die Schweigesekunden, die er aus verlogenen und inhaltsleeren Radiobeiträgen entfernt hat.

"Bur-Malottkes Bänder geben nicht eine Sekunde Schweigen her." Kein Wunder.

Vielleicht ist Schweigen die eigentlich richtige Entgegnung auf die Fragen, die uns quälen. Murkes Bitte an Freundin Rita: "Beschweige mir wenigstens noch fünf Minuten Band." - "Meinetwegen, aber gib mir wenigstens eine Zigarette."

Schade, das heute nicht mehr so viel geraucht, dafür umso mehr gequasselt wird.

Mittwoch, 28. Dezember 2011

Jonas Jonasson: Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand

Der Roman-Erfolg der Saison: Ein schwedischer Schnapsliebhaber namens Allan Karlsson, der "die dumme Angewohnheit hat, Häuser in die Luft zu jagen", schaut à la Forrest Gump auf allen weltgeschichtlichen Schauplätzen vorbei, trifft Franco, Churchill, Stalin, Mao und de Gaulle, erfindet nebenbei die Atombombe und steigt zu seinem 100. Geburtstag aus dem Fenster. Es folgt eine aberwitzige Tour mit immer mehr gleichgesinnten Lebensverlierern und mehreren Leichen als Kollateralschaden.


Einige Passagen sind göttlich, wenn etwa Nordkoreas Diktator Kim Il Sung seinem weinerlichen Sprössling Kim Jong Il eine scheuert, um ihn endlich zur Räson zu bringen. Oder wenn Karlsson im Anflug auf Bali eine Landeerlaubnis aushandelt. "Mein Name ist Dollar, Hunderttausend Dollar." Die Herren im Tower haben Probleme, den Vornamen zu verstehen, bis Karlsson laut und deutlich funkt: "Zweihunderttausend."

Zitat: "Die unablässig fluchende, rothaarige Frau mit dem üppigen Busen kam ihm vor wie einem Paasilinna-Roman entstiegen! Der Finne hatte zwar noch nicht über Elefanten geschrieben, aber das war sicher nur noch eine Frage der Zeit, glaubte Benny."

Tja, Herr Jonasson, aber leider sind  Sie nicht Paasilinna.

Wo nämlich Vielschreiber Paasilinna und seine Figuren lakonisch und schweigsam sind, ist Jonasson mit seinem Loser-Kabinett etwas sehr geschwätzig.  Bei Paasilinna fällt das Unerhörte vom Himmel, bei Jonasson wirkt es zu oft am Reißbrett entworfen. Alles wird ein bisschen zu breit gewalzt. Damit Allan Karlsson jeweils rechtzeitig in die wichtigen weltgeschichtlichen Schauplätze hineinstolpern kann, sind reichlich Verrenkungen nötig.

An den Meister aus Finnland kommt er nicht heran. Dennoch ist Jonassons Buch voller köstlicher Einfälle und bringt eine Menge Lesespaß.

Donnerstag, 15. Dezember 2011

Ich und Kaminski

Von Daniel Kehlmann (2003). Die schöne Geschichte von Sebastian Zöllner, einem Angehörigen der Was-mit-Medien-Söldnergeneration und seiner Begegnung mit einem gealterten Maler namens Manuel Kaminski. Schreiber Zöllner hat die Chance, den zurückgezogenen und erblindeten Maler zu treffen und dessen Biografie zu verfassen. Den Kaminski, bei dem nur noch eine Kleinigkeit fehlt, dass die Illustrierten über ihn schreiben und seine Bilder im Wert steigen: "Er muss natürlich sterben."
Zöllner benimmt sich wie ein Trampel, der mit seiner Dummdreistheit normalerweise alles erreicht bei den Leuten - siehe die Kollegen Popliteraten und Poetry Slammer. Nur bei Kaminski und seiner Entourage beißt Zöllner eben auf Granit. Schön, wenn so einer Figur die dümmstmöglichen Missgeschicke passieren - die gemeinsame Reise zu Kaminskis ehemals großer Liebe wird nämlich zum lustigen Fiasko.

Sympathisch ist dieser Kaminski auch nicht gerade. So wie eben Künstler, die interviewt werden, nie wirklich sympathisch sind. Gerade alternde Künstler sind oft verbiesterte, unausstehliche Lustgreise und dazu spießig bis zum Gehtnichtmehr. Gut getroffen. Während Zöllner das ganze Buch hindurch gedemütigt wird, trifft es den widerlichen Kaminski immer nur ganz kurz. Dann aber heftig. Auf einer Vernissage erkennt ihn keiner. Seine alte Liebe kann partout nichts mit seinem Namen anfangen.

Ich wiederhole mich gerne: Wenn man sich als Leser so über das Verhalten von Romanfiguren aufregt, dann ist dem Autor etwas Großes gelungen. Gute Sprache, kein Wort zuviel, exaktes Timing. Da passt alles.

Sonntag, 4. Dezember 2011

Umberto Eco: Der Friedhof in Prag

Eco hat wieder einen Roman gebastelt und der beginnt stark: Mit einem bitterbösen Feuerwerk von Vorurteilen über alle nur erdenklichen Nationalitäten und Religionen. Hier - und auch an machen späteren Stellen im Buch - ertappe ich mich als Leser beim Gedanken: "Ein wahrer Kern ist doch dran..." Wer den Leser so manipulieren kann, macht ganz viel richtig.

Dann aber, leider: Es plätschert so dahin – wenn auch unterhaltsam und geistreich -, es hat keinen Höhepunkt und keinen Wendepunkt. Alles schon mal gelesen. Der Erinnerungs- und Identitätsverlust bei Königin Loana, die Verschwörungstheorie im Foucaultschen Pendel. Nur, dass es diesmal eben die Protokolle der Weisen von Zion sind, die sich später als die verhängnisvollste aller Verschwörungstheorien der Weltgeschichte entpuppten.

Spannend ist es allemal, was Umberto Eco zusammengetragen hat in den Büchern zu Freimaurerei, Okkultismus, Magie, Magnetismus, Mesmerismus, die er in den Antiquariaten der ganzen Welt aufgestöbert hat. Aber er fügt es eben nicht zu einem dramatischen, packenden Ganzen zusammen.

Ecos Listenhuberei und Aufzählerei grenzt manchmal schon an Belanglosigkeit. Es wurde ja in den Achtzigerjahren vermutet, dass Umberto Eco keine Einzelperson, sondern ein Autorenkollektiv sei – zumindest glaube ich mich an eine enstprechende Fernsehsendung zu erinnern. Nun, so ist es jetzt doch sehr passend, dass Wikipedia Eco Konkurrenz macht und ihn – als wirklich großes Kollektiv – naturgemäß überflügelt. Wikipedia ist umfangreicher und geht mehr in die Tiefe. Dort gilt außerdem der Zwang, sich kurz zu halten und nicht abzuschweifen. Eco hat niemanden, keine Admins, keine Sichter, keine Löschdisk, der ihm diesen Zwang auferlegt.

Würde er stattdessen doch nur erzählen! Er kann es ja! Aber so verzettelt er sich. Schade.

Mittwoch, 30. November 2011

Fernando Trujillo: El secreto del tío Óscar

Das ist eine nette kleine Geschichte um einen VW Käfer mit Eigenleben, der Botschaften aus dem Jenseits übermittelt. Liest sich gut, auch wenn das Ganze in eine etwas nervige Campusroman-Rahmenhandlung um spanische Studenten und ihre unbedarften Annäherungsversuche verpackt ist. Das tritt aber glücklicherweise nicht so in den Vordergrund, dass es die ideenreiche Story beeinträchtigen würde. Lesenswert.