Der Pariser Schallplattenverkäufer Vernon Subutex geht erst pleite, dann stürzt er vollends ab. "Als ihn die Einsamkeit schon eingemauert hat" fliegt er aus seiner Wohnung und kriecht unter bei flüchtigen Bekannten, alten Freunden, Frauen, die ihn besitzen wollen, Langweilern, die zu spät Nein sagen, immer entfernteren Bekannten, landet auf Platte. Auf seiner Reise trifft er auf Pseudoerfolgreiche, Kaputte, Illusionslose, wütende Rassisten, transsexuelle Pornostars, unsichere Hipster, Abgestürzte, seit kurzem nicht mehr Angesagte, erwachsene Nerds, die sich noch ernsthaft mit Rockmusik befassen, Abgehalfterte, Sadisten, Jähzornige, Fanatiker, Wütende, Hübsche, Hässliche, Obdachlose.
Über all diesen Personen, allem was sie tun und denken, kreist die Erbarmungslosigkeit: "Niemand hilft dir auf dieser Erde. Weder die Kerle, mit denen du rumhängst, noch die Tussis, die deine Freundinnen sind, auch nicht die Jungs, denen du keinen runterholen wirst." Hier gibt es keine Gnade, kein Mitgefühl, kein Interesse über die eigene Person und die eigene Neurose hinaus.
Scharf beobachtet, gut recherchiert, Sozial- und Kapitalismuskritik dabei, schön auch der Blick durch das Schlüsselloch der Hippen, wenn man sich dafür interessiert. Das erinnert schon ein bisschen an den göttlichen Jean Genet. Aber es ist auch ein bisschen l‘art pour l‘art, ein eitles Gepose um die Eleganz des Kaputten.
Subjektiv muss ich sagen, dass ich immer wieder aus dem Buch geworfen wurde, es auch mal eine Woche liegen ließ, mich teils von Seite zu Seite geschleppt habe. Einfach deshalb, weil ich es als wenig packend empfand. Es werden hier keine originellen Geschichten erzählt, mir fehlen ganz einfach die Ideen, die überraschenden Wendungen, die Spannung, der Witz. Virginie Despentes hat auch noch einen zweiten und dritten Teil geschrieben - schlecht sind die ganz sicher auch nicht.
Dienstag, 17. September 2019
Samstag, 14. September 2019
Andrea Wulf: Die Abenteuer des Alexander von Humboldt
Diesem besonderen Abenteuer widmet das Buch sogar Ausklappseiten: Alexander von Humboldt und seine Gefährten kraxeln auf den 6300 Meter hohen Chimborazo, der damals als der höchste Berg der Welt gilt. Trotz dünner Luft, Kälte und Verletzungen schaffen sie es bis auf 5917 Meter, dann brechen sie ab. Immerhin sind sie höher geklettert als jemals ein Mensch zuvor. Die Reisegruppe hat bereits eine abenteuerliche Flussfahrt auf dem Orinoco zwischen Krokodile und Piranhas, die unerträgliche Hitze der Llanos und viele weitere Strapazen hinter und noch einiges, wie den Abstieg in Mexikos Silberminen, vor sich.
Die deutsch-britische Humboldtexpertin Andrea Wulf erzählt in dieser Graphic Novel von der großen Südamerikaaeise, die der Berliner Gelehrte gemeinsam mit dem französischen Botaniker Aimé Bonpland von 1799 bis 1804 unternahm.
Humboldt (heute vor 250 Jahren geboren), großer Abenteurer unter den deutschen Gelehrten, neugieriger Forscher, ideenreicher Vielschreiber, akribischer Sammler und Beschreiber, der die Natur als Natur als ein lebendiges Ganzes, ein organisches Geflecht begreift, in dem alles Miteinander verbunden ist. Humboldt, von dem Goethe sagt, er lasse die Naturwissenschaften mit heller Flamme leuchten, der die Landschaft da preis "wo der Mensch den Lauf der Natur nicht stört. Der bereits vor mehr als 200 Jahren vor Klimawandel, Monokulturen und Ausbeutung der Ressourcen warnte (so erkannte Humboldt, dass der Pegel des Valenciasees sinkt, weil um ihn herum Wälder abgeholzt wurden). Der gegen die Sklaverei Stellung bezog. Der sich privat - auch das ist mit Bildern thematisiert - in der Gesellschaft von Männern wohler fühlte als mit Frauen. Nach dem heute Meeresströme und Pinguine benannt sind.
Die New Yorker Illustratorin Lillian Melcher hat das Buch im Collagestil gestaltet. Humboldts Originalmanuskripte, Reisetagebücher, Kupferstiche, Gemälde, Skizzen, Landkarten und präparierte Pflanzen sind mit Zeichnungen, Texten und Sprechblasen kombiniert. Das Ganze erinnert an die fantasievollen älteren Bilderbücher von Ali Mitgutsch. Dazwischen treten immer wieder die Figuren Humboldt und Bonpland auf und marschieren etwa über eine Landkarte. Leider sind sie ziemlich grob und ungeschickt gezeichnet. Diese Menschgerler könnten auch von einem Drittklässler stammen. Schade.
Und dann ist das Buch obendrein etwas zu ausführlich und in die Länge gezogen. Mit 250 großformatigen Seiten ist es deutlich zu dick und dadurch zu schwer geraten. Wer sich wirklich ernsthaft für die Details vom Humboldts Südamerika-Reise interessiert, dem ist dieses Buch allerdings wärmstens zu empfehlen.
Die deutsch-britische Humboldtexpertin Andrea Wulf erzählt in dieser Graphic Novel von der großen Südamerikaaeise, die der Berliner Gelehrte gemeinsam mit dem französischen Botaniker Aimé Bonpland von 1799 bis 1804 unternahm.
Humboldt (heute vor 250 Jahren geboren), großer Abenteurer unter den deutschen Gelehrten, neugieriger Forscher, ideenreicher Vielschreiber, akribischer Sammler und Beschreiber, der die Natur als Natur als ein lebendiges Ganzes, ein organisches Geflecht begreift, in dem alles Miteinander verbunden ist. Humboldt, von dem Goethe sagt, er lasse die Naturwissenschaften mit heller Flamme leuchten, der die Landschaft da preis "wo der Mensch den Lauf der Natur nicht stört. Der bereits vor mehr als 200 Jahren vor Klimawandel, Monokulturen und Ausbeutung der Ressourcen warnte (so erkannte Humboldt, dass der Pegel des Valenciasees sinkt, weil um ihn herum Wälder abgeholzt wurden). Der gegen die Sklaverei Stellung bezog. Der sich privat - auch das ist mit Bildern thematisiert - in der Gesellschaft von Männern wohler fühlte als mit Frauen. Nach dem heute Meeresströme und Pinguine benannt sind.
Die New Yorker Illustratorin Lillian Melcher hat das Buch im Collagestil gestaltet. Humboldts Originalmanuskripte, Reisetagebücher, Kupferstiche, Gemälde, Skizzen, Landkarten und präparierte Pflanzen sind mit Zeichnungen, Texten und Sprechblasen kombiniert. Das Ganze erinnert an die fantasievollen älteren Bilderbücher von Ali Mitgutsch. Dazwischen treten immer wieder die Figuren Humboldt und Bonpland auf und marschieren etwa über eine Landkarte. Leider sind sie ziemlich grob und ungeschickt gezeichnet. Diese Menschgerler könnten auch von einem Drittklässler stammen. Schade.
Und dann ist das Buch obendrein etwas zu ausführlich und in die Länge gezogen. Mit 250 großformatigen Seiten ist es deutlich zu dick und dadurch zu schwer geraten. Wer sich wirklich ernsthaft für die Details vom Humboldts Südamerika-Reise interessiert, dem ist dieses Buch allerdings wärmstens zu empfehlen.
Mittwoch, 21. August 2019
Rafik Schami: Die geheime Mission des Kardinals
Damaskus, November 2010: In der italienischen Botschaft wird ein Fass Olivenöl abgegeben. Darin schwimmt die Leiche eines Kardinals. Wer steckt hinter dem Mord? Islamisten? Die Mafia? Der Staat? Die katholische Kirche? Kommissar Barudi und sein aus Italien angereister Kollege Mancini ermitteln.
Wer nun einen klassischen Krimi mit knallharten Verhören zwielichtiger Verdächtiger in abgedunkelten Räumen erwartet, kennt den deutsch-syrischen Geschichtenerzähler Rafik Schami schlecht. Seine Kommissare schlürfen erst mal einen Mokka mit Kardamom und erkundigen sich dann nach dem Wohlbefinden der Großmutter. Dann wird ausgiebig geplaudert, gescherzt und sinniert. Das ganze Buch gleicht einem Gang durch einen üppig beladenen Basar der Anekdoten und Nachdenkereien. Die eigentliche Krimihandlung gerät dabei fast zur Nebensache.
Doch ganz so harmlos ist das, was hier in bunten Bildern erzählt ist, nicht: Schami lässt seine Mördergeschichte bewusst am Vorabend des syrischen Bürgerkrieges spielen. Wie beiläufig führt er dem Leser ein undurchschaubares Geflecht von zerstrittenen Religionen, Konfessionen und Sekten, Scharlatanen und Geschäftemachern, korrupten Eliten und brutalen Clan-Strukturen vor Augen – und lässt ahnen, wie das Land in die Katastrophe schlitterte.
Erschienen in Schwäbische Post / Gmünder Tagespost, 20. August 2019
Wer nun einen klassischen Krimi mit knallharten Verhören zwielichtiger Verdächtiger in abgedunkelten Räumen erwartet, kennt den deutsch-syrischen Geschichtenerzähler Rafik Schami schlecht. Seine Kommissare schlürfen erst mal einen Mokka mit Kardamom und erkundigen sich dann nach dem Wohlbefinden der Großmutter. Dann wird ausgiebig geplaudert, gescherzt und sinniert. Das ganze Buch gleicht einem Gang durch einen üppig beladenen Basar der Anekdoten und Nachdenkereien. Die eigentliche Krimihandlung gerät dabei fast zur Nebensache.
Doch ganz so harmlos ist das, was hier in bunten Bildern erzählt ist, nicht: Schami lässt seine Mördergeschichte bewusst am Vorabend des syrischen Bürgerkrieges spielen. Wie beiläufig führt er dem Leser ein undurchschaubares Geflecht von zerstrittenen Religionen, Konfessionen und Sekten, Scharlatanen und Geschäftemachern, korrupten Eliten und brutalen Clan-Strukturen vor Augen – und lässt ahnen, wie das Land in die Katastrophe schlitterte.
Erschienen in Schwäbische Post / Gmünder Tagespost, 20. August 2019
Mittwoch, 7. August 2019
Lucy Clarke: Das Haus, das in den Wellen verschwand
Spannend und stimmig erzählt ist diese Geschichte um eine zusammengewürfelte Gruppe Rucksackreisender, die auf einem Segelboot durch die Südsee kreuzt.
Auf der Blue segeln die Neuseeländer Aaron und Danny, der Franzose Joseph, der Deutsche Heinrich und die Kanadierin Shell gemeinsam Richtung Neuseeland. Die Handlung setzt auf den Philippinen ein, wo die beiden Engländerinnen Kitty und Lana (aus ihrer Sicht ist die Geschichte erzählt) zufällig auf die Blue stoßen und Teil der Crew werden.
Es wird gekifft, geküsst, gekocht, geplaudert, geschwommen, die Sonne glitzert und versinkt malerisch im Meer. Aber es gibt auch Streit, schwere See und Suchtprobleme. Langsam wird klar, was alle Reisenden gemeinsam haben: Sie sind vor etwas geflohen. Aber Danny sagt es richtig: "Man geht nicht zurück. Man geht weiter."
Dramatisch entwickelt sich die Situation auf der Überfahrt nach Palau: Plötzlich fehlt ein Mitglied der Besatzung. Was geschehen ist (ein Unfall? ein Verbrechen? Selbstmord?), erfährt der Leser nach und nach. Wie bei einem Puzzle, dessen Stücke sich zusammenfinden. Jeder, der schon eine große Reise unternommen hat, kennt das Gefühl, zurückgeworfen zu sein auf die Fragen: Was mache ich hier? Was ist mein Antrieb? Was bedeutet mir eigentlich etwas? Die Autorin lässt in ihrem geschickten Plot in zwei verschiedenen Zeitebenen die Motive, die hinter allem stecken, deutlicher und deutlicher hervortreten: Familie und Geld.
Nun ist Lucy Clarke keine große Stylistin. Das Buch liest sich manchmal wie die große Phrasenparade. Da macht sich Unbehagen in den Gedanken breit, Rucksäcke werden zigfach "gehievt", heiße Tränen rinnen über die Wangen, das Blut gefriert in den Adern. Rutscht auch das Herz in die Hose? Ich kann es nicht beschwören, bin aber fast ganz sicher, dass die Formulierung auch vorkommt. Ohne solche Fehlgriffe wäre das Das Haus, das in den Wellen verschwand noch besser.
Auf der Blue segeln die Neuseeländer Aaron und Danny, der Franzose Joseph, der Deutsche Heinrich und die Kanadierin Shell gemeinsam Richtung Neuseeland. Die Handlung setzt auf den Philippinen ein, wo die beiden Engländerinnen Kitty und Lana (aus ihrer Sicht ist die Geschichte erzählt) zufällig auf die Blue stoßen und Teil der Crew werden.
Es wird gekifft, geküsst, gekocht, geplaudert, geschwommen, die Sonne glitzert und versinkt malerisch im Meer. Aber es gibt auch Streit, schwere See und Suchtprobleme. Langsam wird klar, was alle Reisenden gemeinsam haben: Sie sind vor etwas geflohen. Aber Danny sagt es richtig: "Man geht nicht zurück. Man geht weiter."
Dramatisch entwickelt sich die Situation auf der Überfahrt nach Palau: Plötzlich fehlt ein Mitglied der Besatzung. Was geschehen ist (ein Unfall? ein Verbrechen? Selbstmord?), erfährt der Leser nach und nach. Wie bei einem Puzzle, dessen Stücke sich zusammenfinden. Jeder, der schon eine große Reise unternommen hat, kennt das Gefühl, zurückgeworfen zu sein auf die Fragen: Was mache ich hier? Was ist mein Antrieb? Was bedeutet mir eigentlich etwas? Die Autorin lässt in ihrem geschickten Plot in zwei verschiedenen Zeitebenen die Motive, die hinter allem stecken, deutlicher und deutlicher hervortreten: Familie und Geld.
Nun ist Lucy Clarke keine große Stylistin. Das Buch liest sich manchmal wie die große Phrasenparade. Da macht sich Unbehagen in den Gedanken breit, Rucksäcke werden zigfach "gehievt", heiße Tränen rinnen über die Wangen, das Blut gefriert in den Adern. Rutscht auch das Herz in die Hose? Ich kann es nicht beschwören, bin aber fast ganz sicher, dass die Formulierung auch vorkommt. Ohne solche Fehlgriffe wäre das Das Haus, das in den Wellen verschwand noch besser.
Montag, 15. Juli 2019
Hanns-Josef Ortheil: Was ich liebe und was nicht
Über mich selbst heißt ein Werk des französischen Schriftstellers und Philosophen Roland Barthes (1915-1980). Jenes hat Hanns-Josef Ortheil als Vorbild für Was ich liebe und was nicht. Der Titel sagt eigentlich schon alles. Zusätztlich, so der Autor im Vorwort, soll das Kompendium den Leser anregen, über sich selbst nachzudenken. Funktioniert.
Ortheil ist in sich gegangen und hat im Tagebuch-Stil alles notiert. Der Leser findet in diesem rund 260-seitigen Band Nachdenkereien, Schnipsel, Dialoge, haiku-artige Gedichte, die Ortheil in seiner Kindheit verfasst hat, Listen, nie abgeschickte Briefe - etwa einen Verehrerbrief an die Pianistin Hélène Grimaud oder eine flammende Liebeserklärung an die ZDF-Börsenreporterin Sina Mainitz, an der Ortheil "etwas freundlich Hessisches, eine nicht zu übersehende Goethe-Essenz" preist.
Der Autor, Feuilletonist und Pianist Ortheil sinniert über über "sein Stück Land", das kein eingezäunter, enger Garten, sondern ein kleines Anwesen sei:
"Das Gras, die Bäume, die Sträucher und die mitten auf diesem Stück Land stehenden alten Gartenhäuser aus Holz kommen mir oft so vor, als wären sie ein fremdes, fernes, Territorium. Sie scheinen nicht zu einer bestimmten deutschen Region, sondern zu weiteren, vielleicht sogar globalen Zusammenhängen zu gehören."
Er liebt Zugfahren und schwärmt von "Epiphanien der Stille" in voll besetzten Zügen. Er beschreibt das Hochgefühl, über die Wolken in die Sonne zu fliegen. Er erklärt, warum er Japan liebt, obwohl er noch nie dort war und wohl nicht hinfliegen wird. Es schreibt vom "altjapanischen" Schauen, das sich auf die geschauten Bilder legt und sie langsam ins Nervensystem des Betrachtershinüberwandern lässt (eine Anspielung auf Barthes).
Ortheil, so wird im angenehmer Plauderton ironisch und selbstironisch deutlich, ist größtenteils hochzufrieden mit seinem Leben, seinen Ritualen, zu denen bewusstes Radio hören (übrigens auch eine meiner Leidenschaften) gehört. Ebenso wie gutes Essen - mit Freunden oder auch alleine und mit Buch. Der Faszination von Essen, Trinken, Genießen widmet Ortheil seine ganze Faszination und Hingabe.
Und er breitet seine Visionen aus - von der völlig umgekrempelten, zeitgemäßen Opernaufführung (große Opern nur noch im Freien) und der idealen Gartenwirtschaft über den Hängen von Stuttgart.
Was der Autor nicht mag, darf nicht fehlen: Wörter wie Herangehensweise, zeitnah, Preis-Leistungs-Verhältnis beispielsweise. Manchmal ist das liebenswert versnobt. Mitunter geriert sich der Herr auch etwas nörglerisch und weinerlich, wenn er die Frühstücksgäste im Hotel und Hintergrundmusik im Restaurant sowie - mehrmals - Menschen, die krachend in Äpfel beißen, kritisiert.
Aber das ist auch schon alles. Wir müssen uns Hanns-Josef Ortheil als einen glücklichen Menschen vostellen.
Ortheil ist in sich gegangen und hat im Tagebuch-Stil alles notiert. Der Leser findet in diesem rund 260-seitigen Band Nachdenkereien, Schnipsel, Dialoge, haiku-artige Gedichte, die Ortheil in seiner Kindheit verfasst hat, Listen, nie abgeschickte Briefe - etwa einen Verehrerbrief an die Pianistin Hélène Grimaud oder eine flammende Liebeserklärung an die ZDF-Börsenreporterin Sina Mainitz, an der Ortheil "etwas freundlich Hessisches, eine nicht zu übersehende Goethe-Essenz" preist.
Der Autor, Feuilletonist und Pianist Ortheil sinniert über über "sein Stück Land", das kein eingezäunter, enger Garten, sondern ein kleines Anwesen sei:
"Das Gras, die Bäume, die Sträucher und die mitten auf diesem Stück Land stehenden alten Gartenhäuser aus Holz kommen mir oft so vor, als wären sie ein fremdes, fernes, Territorium. Sie scheinen nicht zu einer bestimmten deutschen Region, sondern zu weiteren, vielleicht sogar globalen Zusammenhängen zu gehören."
Er liebt Zugfahren und schwärmt von "Epiphanien der Stille" in voll besetzten Zügen. Er beschreibt das Hochgefühl, über die Wolken in die Sonne zu fliegen. Er erklärt, warum er Japan liebt, obwohl er noch nie dort war und wohl nicht hinfliegen wird. Es schreibt vom "altjapanischen" Schauen, das sich auf die geschauten Bilder legt und sie langsam ins Nervensystem des Betrachtershinüberwandern lässt (eine Anspielung auf Barthes).
Ortheil, so wird im angenehmer Plauderton ironisch und selbstironisch deutlich, ist größtenteils hochzufrieden mit seinem Leben, seinen Ritualen, zu denen bewusstes Radio hören (übrigens auch eine meiner Leidenschaften) gehört. Ebenso wie gutes Essen - mit Freunden oder auch alleine und mit Buch. Der Faszination von Essen, Trinken, Genießen widmet Ortheil seine ganze Faszination und Hingabe.
Und er breitet seine Visionen aus - von der völlig umgekrempelten, zeitgemäßen Opernaufführung (große Opern nur noch im Freien) und der idealen Gartenwirtschaft über den Hängen von Stuttgart.
Was der Autor nicht mag, darf nicht fehlen: Wörter wie Herangehensweise, zeitnah, Preis-Leistungs-Verhältnis beispielsweise. Manchmal ist das liebenswert versnobt. Mitunter geriert sich der Herr auch etwas nörglerisch und weinerlich, wenn er die Frühstücksgäste im Hotel und Hintergrundmusik im Restaurant sowie - mehrmals - Menschen, die krachend in Äpfel beißen, kritisiert.
Aber das ist auch schon alles. Wir müssen uns Hanns-Josef Ortheil als einen glücklichen Menschen vostellen.
Samstag, 13. Juli 2019
Jan Heidtmann: Internet abschalten
Weg mit dem Teufelszeug! Wie schön könnte doch die Welt sein ohne dieses... aber tja.
Es ist schon paradox: Ohne dieses Internet würde schon mal keiner meiner Gedanken nach außen dringen. Trotzdem. Jan Heidtmann hat natürlich Recht in seiner rund 50-seitigen Streitschrift, die den Untertitel "Das Digitale frisst uns auf" trägt.
Das "Internet selbst hat sich gegen die Menschheit gewendet", findet Süddeutsche-Redakteur Heidtmann und rennt offene Türen ein. Bei fast allen von uns, würde ich sagen. Oder? Er zählt auf, was wir eigentlich wissen: dass wir gefangen sind im Netz mit seinen undurchsichtigen Algorithmen, seiner von wenigen Konzernen beherrschten Struktur, seiner Datensammelhabgier, seiner undemokratischen und unsympathischen Organisation. Wer hat sie nicht, die lichten Momente, in denen er wünscht: Könnte man das Ding doch abschalten.
Stattdessen spielen wir das Spiel mit. Weil, wie der Autor selbst im Schlusskapitel zugibt, das Internet "einfach zu gut" ist. Weil es uns beispielsweise Kontakte mit echten, realen Menschen ermöglicht. Und so nehmen wir in Kauf, dass unsere Bewegungen verfolgt und gespeichert werden, dass die versprochene Vielfalt längst einem massen- und algorithmenkompatiblen Einheitskommerz gewichen ist, dass Vereinfachung und verrohter Holzhammer-Diskurs (siehe Donald Trump) triumphieren. Und finden nichts dabei, uns selbst ausbeuten zu lassen: "Die Träger der Internetwirtschaft, sie sind Schmarotzer, die sich auf Kosten der Gesellschaft bereichern."
Heidtmann argumentiert stringent und klar. Sein Essay ist wunderbar einseitig, oft pauschal. Damit entfaltet er eine wesentlich größere Wucht als etwa Internet - Segen oder Fluch vor sieben Jahren.
Lösung präsentiert Heidtmann keine. Er schlägt keinen großen Wurf - es muss ja nicht gleich das Abschalten sein - vor, sondern lobt im Schlusskapitel einzelne Schritte der Politik hin zu mehr Datenschutz und Wettbewerb: Datenschutzgrundverordnung, EU-Urheberrecht, Kartellstrafen für Google & Co. Kleine Schritte, immerhin, aber - und das bemerkt der Autor zu Recht: Späte Reaktionen auf eine Situation, in der die Internetkonzerne längst Fakten geschaffen haben.
Es ist nur ein Anstoß, ein Gedanke - kein Gedankengebäude. Vielleicht regte er zum Weiterdenken an? Ist das Internet so wie es ist, weil es ein Spiegel unserer Zeit, unserer Welt ist? Hat es sich zwangsläufig so entwickeln müssen? Oder nicht? Ist irgendwann in der 50-jährigen Geschichte des Internets etwas schief gelaufen? Was? Und wer schickt den Besen jetzt wieder in die Ecke?
Jan Heidtmann. Internet abschalten. Das Digitale frisst uns auf. Süddeutsche Zeitung Edition 2019. 9,90 Euro
Es ist schon paradox: Ohne dieses Internet würde schon mal keiner meiner Gedanken nach außen dringen. Trotzdem. Jan Heidtmann hat natürlich Recht in seiner rund 50-seitigen Streitschrift, die den Untertitel "Das Digitale frisst uns auf" trägt.
Das "Internet selbst hat sich gegen die Menschheit gewendet", findet Süddeutsche-Redakteur Heidtmann und rennt offene Türen ein. Bei fast allen von uns, würde ich sagen. Oder? Er zählt auf, was wir eigentlich wissen: dass wir gefangen sind im Netz mit seinen undurchsichtigen Algorithmen, seiner von wenigen Konzernen beherrschten Struktur, seiner Datensammelhabgier, seiner undemokratischen und unsympathischen Organisation. Wer hat sie nicht, die lichten Momente, in denen er wünscht: Könnte man das Ding doch abschalten.
Stattdessen spielen wir das Spiel mit. Weil, wie der Autor selbst im Schlusskapitel zugibt, das Internet "einfach zu gut" ist. Weil es uns beispielsweise Kontakte mit echten, realen Menschen ermöglicht. Und so nehmen wir in Kauf, dass unsere Bewegungen verfolgt und gespeichert werden, dass die versprochene Vielfalt längst einem massen- und algorithmenkompatiblen Einheitskommerz gewichen ist, dass Vereinfachung und verrohter Holzhammer-Diskurs (siehe Donald Trump) triumphieren. Und finden nichts dabei, uns selbst ausbeuten zu lassen: "Die Träger der Internetwirtschaft, sie sind Schmarotzer, die sich auf Kosten der Gesellschaft bereichern."
Heidtmann argumentiert stringent und klar. Sein Essay ist wunderbar einseitig, oft pauschal. Damit entfaltet er eine wesentlich größere Wucht als etwa Internet - Segen oder Fluch vor sieben Jahren.
Lösung präsentiert Heidtmann keine. Er schlägt keinen großen Wurf - es muss ja nicht gleich das Abschalten sein - vor, sondern lobt im Schlusskapitel einzelne Schritte der Politik hin zu mehr Datenschutz und Wettbewerb: Datenschutzgrundverordnung, EU-Urheberrecht, Kartellstrafen für Google & Co. Kleine Schritte, immerhin, aber - und das bemerkt der Autor zu Recht: Späte Reaktionen auf eine Situation, in der die Internetkonzerne längst Fakten geschaffen haben.
Es ist nur ein Anstoß, ein Gedanke - kein Gedankengebäude. Vielleicht regte er zum Weiterdenken an? Ist das Internet so wie es ist, weil es ein Spiegel unserer Zeit, unserer Welt ist? Hat es sich zwangsläufig so entwickeln müssen? Oder nicht? Ist irgendwann in der 50-jährigen Geschichte des Internets etwas schief gelaufen? Was? Und wer schickt den Besen jetzt wieder in die Ecke?
Jan Heidtmann. Internet abschalten. Das Digitale frisst uns auf. Süddeutsche Zeitung Edition 2019. 9,90 Euro
Dienstag, 9. Juli 2019
Sidonie Förster-Streffleur: Die Lotosblume vom Hoangho
Warum muss es nur so traurig sein? Dieses bezaubernde Märchenbuch, gedruckt 1947 in Wien und illustriert von Valerian Gillar, erinnert mich an eine Fernsehserie meiner Kindheit: Märchen der Welt - Puppenspiel der kleinen Bühne. Ich mochte diese Geschichten eigentlich nicht. Sie waren so voller todtrauriger Szenen, dass auch ein Happy End nicht mehr tröstete. Die geschnitzten Theaterpuppen (ich glaube, es war eine griechische Produktion) besaßen so schrecklich traurige unveränderliche Gesichtsausdrücke, dass man ihnen die Wendung zum Guten gar nicht abnahm.
So ähnlich geht es mir mit diesem absolut liebevoll gestalteten Buch: Im alten China tritt der Fluss Hoangho über die Ufer und überschwemmt alles Land. Unter den wenigen, die ihre Leben retten können, ist der bis dahin wohlhabende Gutsbesitzer Kuei Li mit seiner Frau Lusung. Auf einem Totenhügel, der über die Fluten hinausragt, bringt Lusung inmitten der Wassermassen ihr Kind zur Welt: Lien Hua - Lotosblüte. Mit einem Boot gelingt der Familie die Flucht, aber in dem Dorf, in das sie fliehen, werden sie nicht glücklich. Keine Arbeit, zu wenig Essen, keine Almosen, es droht ihnen der Hungertod.
In ihrer Not beschließt Lusung das verhungernde Kind auszusetzen: Sie bringt es nicht über das Herz, doch ehe sie das Bündel wieder an sich nehmen kann, sind Piraten zur Stelle, kidnappen sie und das Kind und verkaufen beide in die Sklaverei. Auf der Sklavenplantage schließt sich Mutter und Tochter der Junge Yang an, der von seinen Eltern verkauft wurde. Gemeinsam beginnen die drei eine abenteuerliche Flucht, während der der jungen Lotosblüte immer wieder ihre unfassbare Schönheit zum Verhängnis wird.
Die Sprache dieser Erzählung ist ungemein poetisch. Einfach und klar wie ein geschliffener Edelstein, wenn es um das Wesentliche geht. Ausgeschmückt und prächtig fabulierend, wenn Landschaften, Paläste und Bräuche geschildert werden. Und dramatisch, wenn die drei Flüchtenden in Gefahr sind. Und es gibt ein Happy End. Aber was bleibt, ist Traurigkeit.
So ähnlich geht es mir mit diesem absolut liebevoll gestalteten Buch: Im alten China tritt der Fluss Hoangho über die Ufer und überschwemmt alles Land. Unter den wenigen, die ihre Leben retten können, ist der bis dahin wohlhabende Gutsbesitzer Kuei Li mit seiner Frau Lusung. Auf einem Totenhügel, der über die Fluten hinausragt, bringt Lusung inmitten der Wassermassen ihr Kind zur Welt: Lien Hua - Lotosblüte. Mit einem Boot gelingt der Familie die Flucht, aber in dem Dorf, in das sie fliehen, werden sie nicht glücklich. Keine Arbeit, zu wenig Essen, keine Almosen, es droht ihnen der Hungertod.
In ihrer Not beschließt Lusung das verhungernde Kind auszusetzen: Sie bringt es nicht über das Herz, doch ehe sie das Bündel wieder an sich nehmen kann, sind Piraten zur Stelle, kidnappen sie und das Kind und verkaufen beide in die Sklaverei. Auf der Sklavenplantage schließt sich Mutter und Tochter der Junge Yang an, der von seinen Eltern verkauft wurde. Gemeinsam beginnen die drei eine abenteuerliche Flucht, während der der jungen Lotosblüte immer wieder ihre unfassbare Schönheit zum Verhängnis wird.
Die Sprache dieser Erzählung ist ungemein poetisch. Einfach und klar wie ein geschliffener Edelstein, wenn es um das Wesentliche geht. Ausgeschmückt und prächtig fabulierend, wenn Landschaften, Paläste und Bräuche geschildert werden. Und dramatisch, wenn die drei Flüchtenden in Gefahr sind. Und es gibt ein Happy End. Aber was bleibt, ist Traurigkeit.
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