Donnerstag, 2. Januar 2014

Alphonse Daudet: Tartarin von Tarascon

"Der Südländer lügt nicht, er erliegt einer Täuschung. Er sagt nicht immer die Wahrheit, aber er glaubt, sie zu sagen." Das liegt daran, dass die Sonne alles verwandelt und vergrößert.

So wird im südfranzösischen Tarascon, wo die Jäger nur auf Mützen schießen - es gibt nämlich im weiten Umkreis Tarascons kein Wild mehr - aus dem wackeren, kleinen, dicken Rentner Tartarin der unerschrockene, wagemutige und umjubelte Löwentöter Tartarin.

Tartarin marschiert gerne schwer bewaffnet durchs Dorf, das er in seinem Leben noch nie verlassen hat. Im Wirtshaus trumpft er mit fantasiereichen Erzählungen von Abenteuern auf, die er zwar nicht erlebt hat, aber so bildgewaltig darstellt, dass ganz Tarascon eingeschlossen ihm selbst nicht den geringsten Zweifel daran hat, dass sie wirklich passiert sind. "Das ja, das wäre eine Jagd" - seine dahingemurmelten Worte vor dem Käfig eines Zirkuslöwen bringen Tartarin plötzlich in die Bredouille: Das ganze Dorf ist nun fest überzeugt, dass der unerschrockene Tartarin jetzt auf Löwenjagd geht.

Leider wohnt in Tartarins Herz nicht nur ein romantisch-abenteuerlustiger Don Quijote, sondern auch ein bequemer und genussfreudiger Sancho Pansa. Und Tartarin-Sancho behält die Oberhand - so lange bis das Drängen der anderen Dorfbewohner gar zu stark wird: Wann geht der Herr denn nun auf Löwenjagd? Oder ist er gar ein Großmaul und Aufschneider?

Beherzt und schwer bewaffnet stürzt sich Tarascon ins Abenteuer, setzt nach Französisch-Algerien über und trifft dort einen überaus hilfsbereiten und uneigennützigen Prinzen aus Montenegro, der dank seiner überdimensionalen Fantasie-Uniformmütze den höchsten Respekt der Einheimischen genießt (und sich am Ende mit Tartarins prall gefüllter Brieftasche davon macht). Er verliebt sich unsterblich in eine Bilderbuch-Maurin, trifft einen hinterhältigen Muezzin und erwirbt ein altersschwaches Kamel, das sein treuester Begleiter werden soll. Schließlich steht er tatsächlich einem Löwen Auge in Auge gegenüber...
 
Eine der besten Figuren in Daudets erstem Tartarin-Roman ist der Erzähler selbst: Ebenso fabulierlustig wie der Titelheld, scheint er manchmal mit der gleichen zuträglichen Naivität wie Tartarin gesegnet zu sein. Mal rühmt er den Helden über den grünen Klee, manchmal scheint er ihm wissend auf die Schliche gekommen, um dann wieder umfassendes menschliches Verständnis für den liebenswerten Prahlhans aufzubringen. Und mitunter übt er offene Kritik am französischen Kolonialismus und all seinen Auswüchsen.

Ein Roman, bei dem sich auch das x-te Lesen lohnt.

Montag, 30. Dezember 2013

Robert Seethaler: Der Trafikant

Der 17-jährige Franz Huchel kommt Ende der Dreißigerjahre vom Salzkammergut, wo er mit seiner Mutter gelebt hat, nach Wien. Er wird Gehilfe in Otto Trsnjeks Trafik. Mit der Tür zu dem Zeitungs- und Tabakladen öffnet sich für den Unbefangenen der Eingang zu einer ungekannten Welt. Er erfährt und erlebt die politischen Umwälzungen in der Großstadt, schließt eine schüchterne Freundschaft mit dem "Deppendoktor" Sigmund Freud und schlittert kopfüber in eine Liebesbeziehung mit Anezka, die Tänzerin in einem schmuddeligen Varieté ist. Aber die Zeiten sind schlecht und feindlich für einen Träumer wie Franz. Selbst seine Träume, die er auf Zettel schreibt und täglich ans Schaufenster der Trafik klebt, werden immer bedrückender.

Manche Autoren lassen eine Maschine kommen, mit der sie plötzlich das absolute, uneingeschränkt Böse in die Welt setzen können: die Nazi-Maschine. Bei Seethaler ist das anders: Diese Nazis brechen nicht von außen in eine heile Welt hinein, sie sind von nebenan, waren immer innen drin in dieser Stadt, die Franz so rätselhaft bleibt: "Bin ich verrückt geworden?", fragt er sich: "Oder ist die ganze Welt verrückt geworden?" Was gegen das Verrücktwerden helfen könnte, hat sich Franz beim Professor Freud abgeschaut, der die Menschen "von ihren ausgelatschten, aber gemütlichen Wegen" abdrängt, damit sie ihren steinigen Weg selbst suchen müssen.

In der Gestapo-Leitzentrale am Morzinplatz geht alles zu Ende. Dennoch dominiert in dieser Geschichte, die so leicht, poetisch und klar erzählt ist, nicht die bittere Anklage. Es sind die kleinen großen Momente, weise und humorvoll, die hängen bleiben. In einem ihrer Briefe schreibt die einsame Mutter an Franz: "Die Liebe kommt und geht, man kenn sich vorher nicht aus, und man kennt sich nachher nicht aus, und am allerwenigsten kennt man sich aus, wenn sie da ist. Und deswegen lass Dir eines sagen: Niemand taugt für die Liebe, und trotzdem oder gerade deswegen erwischt sie fast jeden von uns irgendwann einmal."

Sonntag, 27. Oktober 2013

Franz Hohler: Gleis 4

Auf einmal bricht der fremde ältere Herr, der Isabelles Koffer eben noch höflich die Treppe hochgetragen hat, zusammen. „Bitte...“, bringt er noch heraus, dann stirbt er auf dem Bahnsteig in Zürich-Oerlikon. Für Isabelle ändert sich schlagartig alles. Wer war der ältere Herr, worum wollte er sie bitten? Die Altenpflegerin bricht ihre Italienreise ab und sucht Zugang zu dem Mann, der offenbar Kanadier ist, aber eine rätselhafte Schweizer Vergangenheit hat. Gemeinsam mit ihrer erwachsenen Tochter Sarah und Véronique, der Witwe des Mannes, macht sie sich auf kriminalistische Spurensuche, die immer Unerhörteres und Haarsträubenderes zu Tage bringt. Was Jahrzehnte lang vertuscht und verschwiegen wurde, legen die drei Frauen Schicht für Schicht frei.



Sie erleben noch einmal, wie die Schweizer „Armenbehörde“ den unehelich geborenen Jungen der Mutter wegnimmt und ihn als „Verdingbub“ auf einen Bauernhof zu sadistischen Pflegeeltern bringt. Wie sie ihn eines Verbrechens beschuldigen und in ein unmenschliches Erziehungsheim abschieben. Wie ihm schließlich die Flucht in ein fernes Land und eine neue Identität gelingt. Hinter dem idyllischen Alpenpanorama lauern im Roman „Gleis 4“ des 70-jährigen Schweizers Franz Hohler Engstirnigkeit, Verstocktheit und Brutalität. Alles Böse prasselt auf den allein gelassenen Jungen ein. Verbündete findet er erst jetzt, nach dem Tod.



Die distanzierte Erzählweise, die überstrapazierte indirekte Rede, die Behäbigkeit und die Exkurse in eine eiskalte Behördensprache verstärken im Leser den Drang aufzubegehren, sich gegen diese himmelschreiende Ungerechtigkeit zur Wehr zu setzen. Ein hochemotionaler, spannender Sozialkrimi.



Franz Hohler: Gleis 4. Verlag Luchterhand. 220 Seiten. 17,99 Euro.



Erschienen in Schwäbische Zeitung, 23./24. Oktober 2013

Mittwoch, 2. Oktober 2013

Anthony Horowitz: Das Geheimnis des weißen Bandes

Die mustergültigsten und besten Vertreter einer Gattung sind vielfach dann entstanden, als deren große Zeit schon längst vorbei war. Die beste Doo-Wop-Band waren „Rocky Sharpe and the Replays” in den Siebzigerjahren, das beste Kino-Piratenabenteuer ist „Fluch der Karibik“ von 2003. Rennaissancen, Neo-Baustile, Revivals übertreffen oft ihre Ahnen. 

 Das liegt natürlich auch daran, dass es die Nachahmer leichter haben. Aus der zeitlichen Distanz können sie beurteilen: Was hat die Jahrzehnte überdauert, was macht den Charme eines Genres aus?  

Gleiches gilt für „Das Geheimnis des weißen Bandes“, einen Sherlock-Holmes-Krimi von Anthony Horowitz aus dem Jahr 2011. An einem eiskalten Wintertag betritt ein Mann die Wohnung in der Baker Street 221B. Ein Londoner Kunsthändler, der die Rache einer irisch-amerikanischen Verbrecherbande fürchtet, wendet sich Hilfe suchend an Sherlock Holmes. Im Lauf der Ermittlungen stößt dieser auf dunkle Machenschaften, kann zwei Morde nicht verhindern und wird sogar selbst zum Verdächtigen. 

Horowitz hat seinen Doyle gründlich studiert. Alles ist stimmig, der Stil, die Atmosphäre, der Nebel, die Droschkenfahrten, die Londoner Elendsgestalten, der unbedarfte Dr. Watson. Und natürlich Holmes und seine Methoden, die Beobachtung noch so kleinster Details, die waghalsig erscheinenden Schlussfolgerungen, die zuweilen arrogante Auftritte. Horowitz trifft es und übertrifft sein Vorbild dabei, ohne dass das Ganze prätentiös oder überfrachtet wirkt. Er geht noch weiter als Doyle, verpackt mehrere Fälle in einen, lässt seine Helden in noch viel tiefere Abgründe blicken als es sein Vorgänger es mehr als ein Jahrhundert zuvor getan hat.

Mittwoch, 4. September 2013

Michael Ondaatje: Katzentisch

He wor John Steinbeck, do stund Joseph Conrad.... und hier kommt Michael Ondaatjes "Katzentisch". Ein Schiffsabenteuer erster Güte und gleichzeitig ein fabelhaftes, weises Geschichtenbuch.

In den Fünfzigerjahren verlässt der elfjährige Mynah seine Heimat Ceylon. Drei Wochen dauert die Fahrt auf dem Dampfer "Oronsay" nach London. In Wahrheit steckt in dieser Fahrt, die er als Kind unternimmt,  schon sein ganzes Leben - auch wenn er es noch nicht ahnt.

Im Speiseraum sitzt er am Katzentisch - abseits, weit weg vom Kapitän. Aber an diesem Tisch  passieren die entscheidenden Dinge, hier ist das Leben, hier sitzen die Menschen, die etwas erleben und erzählen: der Pianist Mazappa, der experimentierfreudige Botaniker Daniels, der weitgereiste Schiffsabwracker Nevil, der stumme Schneider Gunesekera, die scheinbar dröge alte Jungfer Lasqueti.

Das Beste: Hier sitzen auch die Gleichaltrigen und ebenfalls allein Reisenden Cassius und Rahmadin. Die drei machen das Schiff zu ihrem Abenteuerreich, loten Grenzen aus, übertreten genussvoll Verbote, entdecken, recherchieren, horchen, saugen alles auf, suchen und finden (auch) sich selbst. 

Großartig ist dieser Roman, der ganz nebenbei eine spannende Mordgeschichte erzählt, wegen der Figuren, deren ganze Leben - die sich in diesen wenigen Wochen der Schiffsreise herausschälen und hier mitunter die entscheidende Wendung nehmen - forterzählt sind,

In einer Zwischenwelt, wie sie unterwegs, auf Schiffen, Häfen, Flughäfen zu erleben ist, wo alle, die uns begegnen ebenso entwurzelt sind wie wir selbst, erleben wir die wenigen entscheidenden Dinge. Schöner als die Passage, die die nächtliche Fahrt durch den Suez-Kanal, knapp am Ufer entlang, beschreibt, kann Literatur nicht sein:

"Cassius und ich hingen gefährlich tief über die Reling des Bugs hinunter, um die bruchstückhaften Bilder zu betrachten, die sich uns unten darboten - ein Händler mit seinem Lebensmittelstand, Maschinisten, die sich an einem Feuer unterhielten, das Entladen von Abfall -, Leute und Dinge, die wir nie wieder erleben würden, wie wir begriffen. Und so kam uns der geringfügige und wichtige Sachverhalt zu Bewusstsein, dass unser Leben durch interessante Fremde bereichert werden kann, die an einem vorbeigehen, ohne dass man näher mit ihnen zu tun hat."

Freitag, 9. August 2013

Antonio Tabucchi: Der verschwundene Kopf des Damasceno Monteiro

Kann es sein, dass Antonio Tabucchi überschätzt wird? Vielleicht aber ist „Der verschwundene Kopf des Damasceno Monteiro“, ein Krimi von 1997, nur eines der schwächeren Werke des 2012 verstorbenen Autors. Das Buch lehnt sich an den realen Fall des 25-jährigen Carlos Rosa an, der 1996 in einem Kommissariat der Guarda Nacional Republica am Stadtrand Lissabons ermordet wurde. Seine Leiche fand man in einem Park, ohne Kopf und mit Zeichen von Mißhandlungen.
Tabucchi verlegt die Handlung nach Porto, der Ermordete heißt Damasceno Monteiro und ihm wird zum Verhängnis, dass er den Drogengeschäften der Polizei auf die Schliche gekommen ist. Tja, und da ist da der Journalist Firmino, der im Auftrag seiner Zeitung dem Fall nachgehen soll.
Und das ist dann reichlich skurril erzählt: Firmino fragt und bekommt auf jedes seiner Fragen eine ehrliche Antwort. Kein Misstrauen, keine Ablehnung, kein Zeitdruck, keine Drohungen. Eine Konkurrenz gibt es offenbar auch nicht und so landet Firmino einen Scoop nach dem anderen. Vielleicht wäre es dem Akademiker Tabucchi leichter gefallen, hier einen Uniprofessor allein durch Bücherrecherche ermitteln zu lassen. Von Journalismus versteht er jedenfalls nichts. Und dass er über Firmino ständig schreibt, dieser würde lieber einen Essay über den portugiesischen Neorealismus schreiben als Pressestorys, ist eine jämmerliche Krücke.
Zweiter Schwachpunkt ist die Figur des Anwalts, Fernando Diego Maria de Jesus de Mello de Sequeira, den die Menschen in Porto ob seiner Ähnlichkeit zu Charles Laughton in „Zeugin der Anklage“ als „Loton“ kennen. Er bleibt als Person blass, dient nur als Stichwortgeber für Ideen zu Recht und Gerechtigkeit, zur Justiz und den Normen, auf die sich alle berufen, die Unrecht tun. Dieser collageartige Essay ist durchaus interessant. Firmino und Loton können eine Wahrheit nach der anderen ans Licht bringen - sie ändern damit nichts. Der Schuldige kommt ungeschoren davon. Gegen einen kafkaesk-undurchschaubaren Apparat ist der Mensch machtlos. Er spürt nur "die Nadeln dieses Apparats, des Apparats der Strafkolonie, oder die Zigaretten, die auf der Haut ausgedrückt werden".

Ein spannendes Thema. Wenn es eben nur nicht so ungelenk, bemüht und zusammengestöpselt erzählt würde. Alles ist so offensichtlich konstruiert, so lieblos hingeklotzt. Auch die Stadt Porto ist recht farblos und ohne rechte Lust beschrieben.