Norbert Paulini aus Dresden ist der letzte Leser von Büchern aus Papier.
Als Antiquar versammelt er zu DDR-Zeiten wertvolle Erstausgaben, Vergriffenes, schwer erhältliche West-Literatur, Kostbares, Lesenswertes - und den entsprechenden Kunden- und Freundeskreis - um sich.
Dann kommt die Wende, für die sich der unpolitische Bildungsbürger Paulini erst nicht interessiert. Aber sie krempelt sein Leben um. Bücher sind plötzlich nichts mehr wert, sein Haus fällt an Erben aus dem Westen, seine Ehefrau wird als jahrelanger Stasi-Spitzel enttarnt. Was ihm noch bleibt, die Bücher, nimmt ihm das schlimme Elbe-Hochwasser 2002. Er zieht in die Sächsische Schweiz und wird dort - das allerdings ist im Buch nur mit wenigen Sätzen angedeutet - zum offenbar gewaltbereiten Rechtsextremen. Paulini verunglückt am Ende tödlich, als er und seine Freundin Lisa von einer Felskuppe stürzen.
Was macht diesen Roman spannend? Die schillernde Welt der alten Bücher? Die Wandlung der Hauptfigur vom Kulturmenschen zum Reaktionär? Letztere wird jetzt von den meisten Rezensenten in den Vordergrund gestellt, aber im Roman kaum thematisiert. Mich hat etwas anderes fasziniert. „Die rechtschaffenen Mörder“ ist nämlich ein großartiges literarisches Versteckspiel - es folgt damit Klassikern wie Leo Perutz‘ Der Meister des Jüngsten Tages oder Anton Tschechows Drama auf der Jagd.
Im ersten von drei Teilen ist Paulinis Lebensgeschichte erzählt. Der zweite Teil unterscheidet sich davon. Er ist eine Art Tagebuch, in dem der Autor des ersten Teils, ein gewisser „Schultze“ (!), seine Motivation erklärt, Paulini ein literarisches Denkmal zu setzen. Paulini sei der Held seiner Dresdner Jugend gewesen. Er verstehe Paulini als „den großen Leser (…), der über die Zeiten und Systeme hinweg aufgrund seiner Veranlagung und Leidenschaft zum Bollwerk wird gegen das, was uns Büchermenschen bedroht“, der sich „gegen das stemmt, was uns Jahr für Jahr aushöhlt und wegschwemmt und eines Tages nichts mehr von dem übrig gelassen haben wird, wofür wir zu leben geglaubt haben“.
Kann ich als Rezensent nun furchtbar überladene Schachtelsätze kritisieren? Oder die altbackene, platte Sprache in Sätzen wie diesem: „Selbst meine Eltern, die in Sachen Frauen bei mir an Kummer gewöhnt waren, gaben schnell ihre Reserviertheit Lisa gegenüber auf.“ Nein, kann ich nicht. Denn es ist nicht der Dresdner Autor Ingo Schulze, der hier spricht, sondern der fiktive Dresdner Autor „Schultze“ (ja, wie bei Tim und Struppi).
Und dieser Schultze beginnt, mich Leser einzuwickeln. Eigentlich war Paulini schon immer unsympathisch, geht mir nun auf. Eigentlich war er ja bereits in jungen Jahren ein rechthaberischer, andere belehrender, fast autistischer Kulturbürger - was sich im Alter noch verstärkte. Ein begieriger Leser zwar, aber dennoch ein Mensch ohne Neugier. Das aktuelle Bindeglied zwischen Paulini und dem Autor Schultze ist Lisa: Schultzes Freundin hilft Paulini im Haushalt und im Antiquariat in der Sächsischen Schweiz. Oder ist da doch mehr, das sie mit dem Bücherkauz verbindet?
Der dritte Teil des Buches schließlich stellt nochmals alles auf den Kopf. Schultzes Verlagslektorin macht sich auf den Weg in die Sächsische Schweiz, weil sie Zweifel plagen. Wie sind Paulini und Lisa wirklich gestorben? Und mir als Leser stellt sich die Frage: Bin ich Schultze auf den Leim gegangen? Was von all dem Erzählten kann ich ihm überhaupt glauben?
Ein Buch zum Weiterrätseln und Weiterdenken.
Dienstag, 31. März 2020
Sonntag, 22. März 2020
Martin Mosebach: Der Nebelfürst
In 42 ebenso kurzen wie spannenden Kapiteln schildert Martin Mosebach hier die Abenteuergeschichte des Journalisten Theodor Lerner. Lerner existierte wirklich. Und wie im Roman unternahm er eine Expedition zur Bäreninsel südlich Spitzbergens, die damals als herrenlos galt. Er nahm sie in Besitz, indem er mitgebrachte Grenzpfähle einsteckte.
Rund um diesen historischen "Nebelfürsten" hat Mosebach eine hintersinnig humorvolle Geschichte gewoben. Bei ihm ist Lerner die begeisterungsfähige Marionette der Hochstaplerin Frau Hanhaus, die mit halsbrecherischen Versprechungen das ganz große Geschäft anzetteln will und immer wieder scheitert - aber, wie es solche Menschen an sich haben, den Kopf doch immer wieder aus der Schlinge zieht. Mosebach ist eine Art Don Quijote, der zwar keine Ritterromane liest, aber sich von Zeitungsartikeln und großen Versprechungen mitreißen lässt und deshalb manchmal tumb und hilflos durch die Handlung taumelt. Im Gegensatz zu Frau Hanhaus ist er wirklich ein Verlierer - auch wenn sich zum Schluss noch die eine oder andere Hintertür für ihn öffnet.
Wunderbare Charakterschilderungen machen dieses Buch aus: ein Laune machendes Porträt der Zeit in der deutsche Emporkömmlinge vom Weltreich träumten, während Pfeffersäcke das große Geld witterten. Besonders lesenswert sind die Passagen, in denen ein Maler namens Courbeaux einmal über die Kunst, verschiedene Arten von Schnee zu malen, referiert, um kurz darauf die unzähligen Schattierungen der Farbe Schwarz zu preisen, in der er eine afrikanische Varietétänzerin verewigt.
Rund um diesen historischen "Nebelfürsten" hat Mosebach eine hintersinnig humorvolle Geschichte gewoben. Bei ihm ist Lerner die begeisterungsfähige Marionette der Hochstaplerin Frau Hanhaus, die mit halsbrecherischen Versprechungen das ganz große Geschäft anzetteln will und immer wieder scheitert - aber, wie es solche Menschen an sich haben, den Kopf doch immer wieder aus der Schlinge zieht. Mosebach ist eine Art Don Quijote, der zwar keine Ritterromane liest, aber sich von Zeitungsartikeln und großen Versprechungen mitreißen lässt und deshalb manchmal tumb und hilflos durch die Handlung taumelt. Im Gegensatz zu Frau Hanhaus ist er wirklich ein Verlierer - auch wenn sich zum Schluss noch die eine oder andere Hintertür für ihn öffnet.
Wunderbare Charakterschilderungen machen dieses Buch aus: ein Laune machendes Porträt der Zeit in der deutsche Emporkömmlinge vom Weltreich träumten, während Pfeffersäcke das große Geld witterten. Besonders lesenswert sind die Passagen, in denen ein Maler namens Courbeaux einmal über die Kunst, verschiedene Arten von Schnee zu malen, referiert, um kurz darauf die unzähligen Schattierungen der Farbe Schwarz zu preisen, in der er eine afrikanische Varietétänzerin verewigt.
Montag, 9. März 2020
Volker Kutscher: Goldstein
Volker Kutschers dritter Roman um Gereon Rath, Kriminalkommissar in Berlin zur Zeit der Weimarer Republik (der erste, "Der nasse Fisch", ist Grundlage der Fernsehserie "Babylon Berlin".
Der Chicagoer Auftragskiller Abraham Goldstein ist in der Stadt: Rath erhält den Auftrag, ihn zu bewachen. Währenddessen misslingt der Einbruch eines jugendlichen Diebespaars, Benny und Alex, im Luxuskaufhaus KaDeWe, und Benny wird dabei tödliches Opfer brutaler Polizeigewalt. Dann stirbt ein Hehler, weitere Tote folgen, darunter ein SA-Mann. Ist das ein Werk des - natürlich entwischten - Gangsters Goldstein?
In weiteren Rollen: Unterweltboss Johann Marlow, rivalisierende Ringvereine, eine verschwiegene Polizistenclique, die Selbstjustiz übt. Das Berlin Anfang der Dreißigerjahre hat Kutscher atmosphärisch gut eingefangen. Und er verwendet einen Kunstgriff, den ich sehr mag: Er erzählt die Handlung nicht in aller Breite aus, sondern überspringt Geschehenes, lässt Kapitel lässt Kapitel erst später einsetzen und den Leser das zwischenzeitlich Geschehene selbst rekonstruieren. Viele Autoren machen genau das Gegenteil, und das ist das Nervtötendendste, was es gibt: alles zehnmal erzählen, weil eine Figur es ja noch nicht weiß in (der Leser aber schon).
Aber gleichzeitig ist das auch das Problem dieses Krimis. Es gibt zu viele Handlungsstränge, die nicht zusammenkommen. Das hat mich am Schluss verwirrt zurückgelassen.
Der Chicagoer Auftragskiller Abraham Goldstein ist in der Stadt: Rath erhält den Auftrag, ihn zu bewachen. Währenddessen misslingt der Einbruch eines jugendlichen Diebespaars, Benny und Alex, im Luxuskaufhaus KaDeWe, und Benny wird dabei tödliches Opfer brutaler Polizeigewalt. Dann stirbt ein Hehler, weitere Tote folgen, darunter ein SA-Mann. Ist das ein Werk des - natürlich entwischten - Gangsters Goldstein?
In weiteren Rollen: Unterweltboss Johann Marlow, rivalisierende Ringvereine, eine verschwiegene Polizistenclique, die Selbstjustiz übt. Das Berlin Anfang der Dreißigerjahre hat Kutscher atmosphärisch gut eingefangen. Und er verwendet einen Kunstgriff, den ich sehr mag: Er erzählt die Handlung nicht in aller Breite aus, sondern überspringt Geschehenes, lässt Kapitel lässt Kapitel erst später einsetzen und den Leser das zwischenzeitlich Geschehene selbst rekonstruieren. Viele Autoren machen genau das Gegenteil, und das ist das Nervtötendendste, was es gibt: alles zehnmal erzählen, weil eine Figur es ja noch nicht weiß in (der Leser aber schon).
Aber gleichzeitig ist das auch das Problem dieses Krimis. Es gibt zu viele Handlungsstränge, die nicht zusammenkommen. Das hat mich am Schluss verwirrt zurückgelassen.
Dienstag, 11. Februar 2020
Raphaela Edelbauer: Das flüssige Land
Raphaela Edelbauer macht weiter, wo Rosendorfer, Doderer und Herzmanovsky-Orlando aufgehört haben. Magischer Realismus vom Feinsten. Ein wirklich starkes Buch.
Die Handlung: Die Wiener Physikerin Ruth Schwarz ist schockiert vom Unfalltod ihrer Eltern. Laut Testament möchten die beiden in Groß-Einland, dem Ort ihrer Kindheit, beerdigt werden. Aber wo ist dieses Groß-Einland, von dem Ruth bislang nichts ahnte? Es ist in keiner Karte verzeichnet. Wie benebelt macht sich Ruth auf den Weg und findet schließlich hinter einem großen Wald den grotesk idyllischen Ort.
Die Idylle hat Risse, das wird auf surreale Weise augenfällig. Denn unter dem Ort befindet sich ein riesiger Hohlraum in der Erde - ein ehemaliges Bergwerk - , der nicht nur an verschiedenen Stellen den Untergrund einbrechen lässt und für Risse in den Bauwerken sorgt, sondern auch die gesamte Statik aus den Fugen bringt. Der ganze Raum - und mit ihm die Zeit - scheint flüssig.
"Der Mensch ist ja mit der Heimat verheiratet, mit dem Untergrund, aus dem wir alle kommen", sagt einer beim Skatspielen.
"In Wochen, in denen die Einbrüche rasch vor sich gingen, schien die Zeit zu rasen und man hatte kam Gelegenheit, die vielen Veränderungen im Ortsbild zu bemerken, sodass sich in wenigen Momenten die Verwitterung von Jahren zu ereignen schien. Blieb aber alles konstant, so nahm der Fluss der Dinge fast eine gewisse Zähigkeit an, und die Monate rollten in belangloser Indolenz über mich."
Ruth stemmt sich nicht gegen die surreale Welt, sondern - hier lässt das Ganze an Franz Kafka denken - richtet sich auf eine schlafwandlerische Art über Jahre in ihr ein. Sie tritt eine Stelle bei der dominanten Gräfin an, die fast operettenhaft über den Ort herrscht und seine Bewohner wie Marionetten lenkt.
Die Gräfin sagt: "Da ist die alte Ordnung, wie wir sie hier praktizieren, und dann die neue, die an einem gewissen Stichpunkt einfach über die erste gebreitet wurde, ohne auf die gewachsenen, organischen Strukturen Rücksicht zu nehmen."
Ruth entdeckt aber auch: Das riesige Loch, das die Gräfin erst im Rahmen einer Kunstaktion zum Touristenmagnet machen und dann verfüllen lassen will, weist auf ein großes Verbrechen im Nationalsozialismus hin. Wohin sind 750 Zwangsarbeiter quasi über Nacht verschwunden? Möchte Ruth dieses Rätsel lösen? Alles fließt.
Raphaela Edelbauer spielt gekonnt mit Sprache, Raum, Zeit, Erwartung und Angst.
Die Handlung: Die Wiener Physikerin Ruth Schwarz ist schockiert vom Unfalltod ihrer Eltern. Laut Testament möchten die beiden in Groß-Einland, dem Ort ihrer Kindheit, beerdigt werden. Aber wo ist dieses Groß-Einland, von dem Ruth bislang nichts ahnte? Es ist in keiner Karte verzeichnet. Wie benebelt macht sich Ruth auf den Weg und findet schließlich hinter einem großen Wald den grotesk idyllischen Ort.
Die Idylle hat Risse, das wird auf surreale Weise augenfällig. Denn unter dem Ort befindet sich ein riesiger Hohlraum in der Erde - ein ehemaliges Bergwerk - , der nicht nur an verschiedenen Stellen den Untergrund einbrechen lässt und für Risse in den Bauwerken sorgt, sondern auch die gesamte Statik aus den Fugen bringt. Der ganze Raum - und mit ihm die Zeit - scheint flüssig.
"Der Mensch ist ja mit der Heimat verheiratet, mit dem Untergrund, aus dem wir alle kommen", sagt einer beim Skatspielen.
"In Wochen, in denen die Einbrüche rasch vor sich gingen, schien die Zeit zu rasen und man hatte kam Gelegenheit, die vielen Veränderungen im Ortsbild zu bemerken, sodass sich in wenigen Momenten die Verwitterung von Jahren zu ereignen schien. Blieb aber alles konstant, so nahm der Fluss der Dinge fast eine gewisse Zähigkeit an, und die Monate rollten in belangloser Indolenz über mich."
Ruth stemmt sich nicht gegen die surreale Welt, sondern - hier lässt das Ganze an Franz Kafka denken - richtet sich auf eine schlafwandlerische Art über Jahre in ihr ein. Sie tritt eine Stelle bei der dominanten Gräfin an, die fast operettenhaft über den Ort herrscht und seine Bewohner wie Marionetten lenkt.
Die Gräfin sagt: "Da ist die alte Ordnung, wie wir sie hier praktizieren, und dann die neue, die an einem gewissen Stichpunkt einfach über die erste gebreitet wurde, ohne auf die gewachsenen, organischen Strukturen Rücksicht zu nehmen."
Ruth entdeckt aber auch: Das riesige Loch, das die Gräfin erst im Rahmen einer Kunstaktion zum Touristenmagnet machen und dann verfüllen lassen will, weist auf ein großes Verbrechen im Nationalsozialismus hin. Wohin sind 750 Zwangsarbeiter quasi über Nacht verschwunden? Möchte Ruth dieses Rätsel lösen? Alles fließt.
Raphaela Edelbauer spielt gekonnt mit Sprache, Raum, Zeit, Erwartung und Angst.
Sonntag, 19. Januar 2020
Hernán Rivera Letelier: Die Filmerzählerin

Dieses wunderschöne Büchlein ist so berührend, so poetisch und in seinem Realismus so tieftraurig wie Federico Fellinis Film La Strada. Überhaupt hat mich dieses kleine Meisterwerk in vielem an den Leinwandklassiker erinnert.
Das Leben ist trostlos und öde in der Salpeterminensiedlung mitten in der chilenischen Atacama-Wüste. Die einzige Abwechslung ist das schäbige Kino, in dem Filme mit Marylin Monroe oder John Wayne laufen. Der nach einem Arbeitsunfall halbgelähmte Vater (die junge Mutter hat die Familie verlassen), seine vier Söhne und die zehnjährige Tochter María Margarita können sich den Eintritt für alle nicht leisten. Also wird die Zehnjährige in einem Wettbewerb dazu auserkoren, ins Kino zu gehen und den anderen zu Hause die Filme nachzuerzählen.
So wird María Margarita zur begeisterten Cineastin und zur fantasievollen, wortgewandten darstellerisch begabten Filmerzählerin. Bald kommen Verwandte, um ihren Filmerzählungen und Darbietungen zu lauschen, Nachbarn bezahlen Eintritt, Bewohner der Siedlung laden das Mädchen in ihre Wellblechhütten ein, um sich von ihr einen Film erzählen zu lassen.
Sie ist dem Zauber des Kinos erlegen. Ich "betrachtete verzückt die staubglitzernde Lichtgarbe über mir". Und sie gibt diese Faszination an ihre Zuhörer weiter. Es ist eine märchenhafte, grenzenlose Welt, in der alles gut sein könnte. Wären da nicht bittere Armut, Unterdrückung, sexuelle Gewalt, Ausbeutung, Neid, zerronnene Hoffnungen und ein neues Medium, das nicht nur den schönen Traum der Filmerzählerin brutal zerstört: das Fernsehen. Wenn eine derart traurige Geschichte alleine durch ihre Poesie so glücklich machen kann, dann ist das große Literatur.
Freitag, 17. Januar 2020
Natalio Grueso: Der Wörterschmuggler
Die geheimnisvolle junge Japanerin Keiko "mit dem scheuen Blick und den honigfarbenen Augen" lebt in Venedig. Sie empfängt jede Nacht einen Liebhaber. Aber stets nur für eine Nacht, und nur als Gegenleistung für mitgebrachte Geschichten und Verse.
Bruno Labastite möchte unbedingt dieser Auserwählte sein. Gut, dass Bruno nicht nur ein weitgereister Abenteurer und Verführer ist, sondern auch ein erprobter Geschichtenerzähler. Jedes Kapitel dieses Buches ist eine abgeschlossene Episode aus Brunos Leben. Diese verweben sie sich zu einem großen Ganzen. Es geht um einen Jugendlichen, der Wörter schmuggelt, einen traurigen Mann, der sich die Nutzungsrechte an allen geschriebenen und gesprochenen Wörtern gekauft hat, einen unsichtbarer Verehrer in der Oper, ein trauriges Fußballtalent, eine zwergenhafte alte Hehlerin mit Monokel, einen Traumjäger. Die Reise führt nach Buenos Aires, Shanghai, Paris, Genf, Moskau und an viele weitere Orte.
Das hört sich alles wunderbar an. Ist es aber nicht. Denn gut erzählte Geschichten leben von Beispielen. Das erst macht einen Cuentacuentos, einen Fabulierer aus: Er lässt Szenen lebendig vor Augen treten. So entsteht Kino im Kopf. Natalio Grueso aber macht es sich leicht. Er formuliert so vage wie möglich. Und genau deshalb reißen seine Geschichten nicht mit. Da gibt die Hauptperson dem Taxifahrer "ein großzügiges Trinkgeld". Schlecht. Ich will die Münzen klimpern hören, den Schein knistern, will wissen, wie viel Geld in welcher Währung sie dem Fahrer zusteckt und mit welchem Blick dieser reagiert. Jemand gießt sich "einen großzügigen Whisky ein". Dasselbe!
"Dieses überwältigende Gefühl", wenn das Kind an der Hand seiner Großvaters ins Bombonera-Fußballstadion von Buenos Aires geführt wird. Wie einfach wäre es doch, dieses Gefühl mit plastischen Szenen - und ohne Klischees - heraufzubeschwören.
Es gibt einen Mann, der Menschen Bücher verschreibt, ihnen mit seinen Empfehlungen hilft. Und was empfiehlt er dem bezaubernden Mädchen, das er vor der Apotheke trifft? "Ich würde dir einen Liebesroman verschreiben." Der Mathestudent, der "mit Drogen liebäugelt" bekommt "eines von Thomas de Quincey" verschrieben. Die reife Dame, die sich am untreuen Ehemann rächt, "eines von Choderlos de Laclos". Lauter vertane Chancen.
Die Dame zieht vor dem rätselhaften Opernbesuch "das schwarze Kleid" an, darunter trägt sie "edle Dessous" und sie gibt "zwei Tropfen Parfum auf den Hals und die Handgelenke". Parfum? Wie hölzern, wie blutleer kann man erzählen? Wenn der Erzähler schon keine Fantasie hat, dürfte es dem Leser umso schwerer fallen.
Zum Frühstück gibt es "Gebäck" und "Cerealien", im spanischen Original also wahrscheinlich bollería oder repostería und céréales - auch nicht besser. Ich könnte noch unendlich viele Beispiele nennen, denn es gibt sie auf jeder Seite.
Ich muss es einfach so drastisch formulieren: Natalio Grueso ist ein sehr, sehr schlechter Erzähler. Er hätte keine Chance bei Keiko.
Bruno Labastite möchte unbedingt dieser Auserwählte sein. Gut, dass Bruno nicht nur ein weitgereister Abenteurer und Verführer ist, sondern auch ein erprobter Geschichtenerzähler. Jedes Kapitel dieses Buches ist eine abgeschlossene Episode aus Brunos Leben. Diese verweben sie sich zu einem großen Ganzen. Es geht um einen Jugendlichen, der Wörter schmuggelt, einen traurigen Mann, der sich die Nutzungsrechte an allen geschriebenen und gesprochenen Wörtern gekauft hat, einen unsichtbarer Verehrer in der Oper, ein trauriges Fußballtalent, eine zwergenhafte alte Hehlerin mit Monokel, einen Traumjäger. Die Reise führt nach Buenos Aires, Shanghai, Paris, Genf, Moskau und an viele weitere Orte.
Das hört sich alles wunderbar an. Ist es aber nicht. Denn gut erzählte Geschichten leben von Beispielen. Das erst macht einen Cuentacuentos, einen Fabulierer aus: Er lässt Szenen lebendig vor Augen treten. So entsteht Kino im Kopf. Natalio Grueso aber macht es sich leicht. Er formuliert so vage wie möglich. Und genau deshalb reißen seine Geschichten nicht mit. Da gibt die Hauptperson dem Taxifahrer "ein großzügiges Trinkgeld". Schlecht. Ich will die Münzen klimpern hören, den Schein knistern, will wissen, wie viel Geld in welcher Währung sie dem Fahrer zusteckt und mit welchem Blick dieser reagiert. Jemand gießt sich "einen großzügigen Whisky ein". Dasselbe!
"Dieses überwältigende Gefühl", wenn das Kind an der Hand seiner Großvaters ins Bombonera-Fußballstadion von Buenos Aires geführt wird. Wie einfach wäre es doch, dieses Gefühl mit plastischen Szenen - und ohne Klischees - heraufzubeschwören.
Es gibt einen Mann, der Menschen Bücher verschreibt, ihnen mit seinen Empfehlungen hilft. Und was empfiehlt er dem bezaubernden Mädchen, das er vor der Apotheke trifft? "Ich würde dir einen Liebesroman verschreiben." Der Mathestudent, der "mit Drogen liebäugelt" bekommt "eines von Thomas de Quincey" verschrieben. Die reife Dame, die sich am untreuen Ehemann rächt, "eines von Choderlos de Laclos". Lauter vertane Chancen.
Die Dame zieht vor dem rätselhaften Opernbesuch "das schwarze Kleid" an, darunter trägt sie "edle Dessous" und sie gibt "zwei Tropfen Parfum auf den Hals und die Handgelenke". Parfum? Wie hölzern, wie blutleer kann man erzählen? Wenn der Erzähler schon keine Fantasie hat, dürfte es dem Leser umso schwerer fallen.
Zum Frühstück gibt es "Gebäck" und "Cerealien", im spanischen Original also wahrscheinlich bollería oder repostería und céréales - auch nicht besser. Ich könnte noch unendlich viele Beispiele nennen, denn es gibt sie auf jeder Seite.
Ich muss es einfach so drastisch formulieren: Natalio Grueso ist ein sehr, sehr schlechter Erzähler. Er hätte keine Chance bei Keiko.
Mittwoch, 1. Januar 2020
Jan Peter Bremer: Der amerikanische Investor
Nichts. Das passiert in diesem Buch von Jan Peter Bremer. Buchstäblich nichts. Bremer ist seit vielen Jahren einer der besten deutschsprachigen Schriftsteller. Und der einzige, der so grandios über nichts, nichts und wieder nichts schreiben kann.
Der Erzähler, ein Schriftsteller, liegt in seinem Bett und lässt die Gedanken schweifen. Besser gesagt haben ihn seine Gedanken fest im Griff. Er sinniert über das Kreuzberger Mietshaus, in dem er mit Frau und zwei Kindern wohnt, und das von einem amerikanischen Investor gekauft wurde, der es nun sanieren lässt. Die Böden senken sich ab und Wände bekommen Risse. Von der Mieterberatung hat der Erzähler widersprüchliche Signale erhalten. Er sorgt sich um die Zukunft und denkt darüber nach, dem amerikanischen Investor einen Brief zu schreiben. Diesem schwer zu fassenden Unbekannter, von dem er gelesen hat, dass er an Bord eines Flugzeuges lebt. Aber das ist gar nicht so leicht, wenn man obendrein so müde ist.
Die Sorge um die Wohnung, die Unfähigkeit zu reagieren, die Trägheit, die davon abhält, den ersten Satz zu schreiben, lässt einen inneren Monolog entstehen. Die Worte spinnen sich weiter, die Gedanken malen sich aus was wäre, wenn.... wortreich und in plastischer Sprache hadert der Erzähler mit seiner vermeintlichen Sprachlosigkeit. Die Frau, die Kinder, der Hund, der frühere Hausmeister, der kleine Ali - alle, die seinen Weg kreuzen, leben intensiv wie in einem Fiebertraum auf. Anders als die unnahbar-bedrohlichen Figuren in den Romanen und Erzählungen Franz Kafkas haben diese Fremden Gefühle, hegen Zorn oder Hinterlist, handeln überlegt oder impulsiv. Der Erzähler steigert sich hinein, überschlägt sich, seine Einfälle verselbstständigen sich, er gibt sich larmoyant, selbstzufrieden, eitel, faul, hysterisch. Das ist mitunter zum Schreien komisch.
Der Erzähler, ein Schriftsteller, liegt in seinem Bett und lässt die Gedanken schweifen. Besser gesagt haben ihn seine Gedanken fest im Griff. Er sinniert über das Kreuzberger Mietshaus, in dem er mit Frau und zwei Kindern wohnt, und das von einem amerikanischen Investor gekauft wurde, der es nun sanieren lässt. Die Böden senken sich ab und Wände bekommen Risse. Von der Mieterberatung hat der Erzähler widersprüchliche Signale erhalten. Er sorgt sich um die Zukunft und denkt darüber nach, dem amerikanischen Investor einen Brief zu schreiben. Diesem schwer zu fassenden Unbekannter, von dem er gelesen hat, dass er an Bord eines Flugzeuges lebt. Aber das ist gar nicht so leicht, wenn man obendrein so müde ist.
Die Sorge um die Wohnung, die Unfähigkeit zu reagieren, die Trägheit, die davon abhält, den ersten Satz zu schreiben, lässt einen inneren Monolog entstehen. Die Worte spinnen sich weiter, die Gedanken malen sich aus was wäre, wenn.... wortreich und in plastischer Sprache hadert der Erzähler mit seiner vermeintlichen Sprachlosigkeit. Die Frau, die Kinder, der Hund, der frühere Hausmeister, der kleine Ali - alle, die seinen Weg kreuzen, leben intensiv wie in einem Fiebertraum auf. Anders als die unnahbar-bedrohlichen Figuren in den Romanen und Erzählungen Franz Kafkas haben diese Fremden Gefühle, hegen Zorn oder Hinterlist, handeln überlegt oder impulsiv. Der Erzähler steigert sich hinein, überschlägt sich, seine Einfälle verselbstständigen sich, er gibt sich larmoyant, selbstzufrieden, eitel, faul, hysterisch. Das ist mitunter zum Schreien komisch.
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