Extremer hätte der Wandel nicht sein können: vom Kapitänleutnant der kaiserlichen Reichskriegsmarine zum überzeugten Pazifisten. Heinz Kraschutzki, eine der politischsten und leidgeprüftesten Persönlichkeiten aus dem Kreis der Mallorca-Exilanten, ist fast völlig in Vergessenheit geraten. Jetzt sind – übersetzt in die katalanische Sprache – erstmals seine Memoiren erschienen. 1972 hatte sich der Friedenskämpfer an seine Schreibmaschine gesetzt, unter anderem, um endgültig mit einer Legende aufzuräumen, die seine Person immer noch umrankte: Er war nicht tot. Francos Truppen hatten ihn nicht erschossen.
Den Entschluss, die Fronten zu wechseln, fasste Kraschutzki unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg, in dem der Danziger ein Minensuchboot befehligt hatte: Von nun an hielt er flammende Reden für den Frieden, organisierte Demonstrationen und gründete in Berlin die pazifistische Zeitung „Das andere Deutschland“, für die Größen der Weimarer Republik wie Kurt Tucholsky und Erich Kästner schrieben. Weil er die deutschen Aufrüstungsbestrebungen gegeißelt hatte, wurde Kraschutzki 1932 als Landesverräter angeklagt. Er floh nach Mallorca, wo sich seine Frau und seine vier Kinder bereits 1931 niedergelassen hatten. In Cala Ratjada gründete er die Fabrik „Las Estrellas“, in der mehr als 40 Frauen Körbe und Bastschuhe herstellten.
Die Ruhe fand 1936 ein jähes Ende: Die faschistischen Truppen rollten Spanien von Süden her auf und hatten Mallorca bald unter ihrer Gewalt. Auf Geheiß des nationalsozialistischen deutschen Konsuls auf den Balearen, Johannes Dede, wurde Kraschutzki verhaftet und seine Familie nach Deutschland deportiert. Obwohl sich deutsche Nazis und die Jünger Francos – wie alte Fotografien beweisen – in Palma regelmäßig zum Umtrunk trafen, klappte ihre Kommunikation offenbar nicht reibungslos: Die Gestapo verlor Kraschutzkis Spur. Sie hielt ihn für tot. Im Volksempfänger habe Kraschutzkis Frau die Nachricht vom Tod ihres Gatten gehört, sagt der mallorquinische Übersetzer und Literaturwissenschaftler Germà Garcìa, der für die neue Veröffentlichung unter anderem einen Briefwechsel mit Kraschutzkis 82-jähriger Tochter führte. Noch 17 Jahre später behauptete Albert Vigoleis Thelen in seinem Mallorca-Schmöker „Die Insel des zweiten Gesichts“, Kraschutzki sei 1936 erschossen worden.
Aber Kraschutzki lebte, wenn auch unter menschenunwürdigen Bedingungen. Er erlebte eine Odyssee durch die Bürgerkriegsgefängnisse Mallorcas und Lager in Formentera, Málaga, Madrid, Burgos, Gibraltar, Zaragoza und Barcelona. 1938 hatten ihn die Nazis wieder aufgespürt. Auf ihr Geheiß wurde Kraschutzki zu weiteren 30 Jahren Zuchthaus verurteilt.
Erst nach Ende des Zweiten Weltkrieges gelang es Sympathisanten im britischen Außenministerium, die Freilassung des Friedensaktivisten zu erwirken. Nach neunjähriger Haft sah Kraschutzki seine Frau wieder, die zur Scheidung gezwungen worden war. Sein Engagement hörte nicht auf. Unermüdlich setzte er sich für Frieden und gegen Aufrüstung ein, unterstützte Willy Brandts Ostpolitik und schrieb sich mit Mahatma Ghandi Briefe. Seine alte Wirkungsstätte Cala Ratjada besuchte er immer wieder. Heinz Kraschutzki starb 1982 im Alter von 90 Jahren im Allgäu.
Info: Gefangeneninsel Mallorca
Als am 19. Juli 1936 Francos Truppen die Kontrolle über Mallorca übernahmen, brachen für die Anhänger der Republik Schreckensjahre an. Unter Federführung von Zivilgouverneur Mateu Torres Bestard und Polizeichef Francesc Barrado wurden auf der Insel hunderte politischer Gegner verhaftet. Man internierte sie u.a. im Castell Bellver, im Gefangenenschiff „Jaume I“, das im Hafen von Palma vor Anker lag, in den Forts San Carlos und Illetas sowie mehreren Gemeinde-Gefängnissen. Besonders unmenschlich sollen die Haftbedingungen im Lager Can Mir – es befand sich dort, wo heute das Kino Sala Augusta steht – gewesen sein. In einem ehemaligen Hospiz in der C/. de Sales, nahe dem Paseo del Borne, waren die Frauen inhaftiert. Ab Dezember 1936 wurden überall entlang der Küste Konzentrationslager gebaut, so in Capdellà, s’Espinegar, Port de Pollença, es Rafals dels Porcs, Sant Joan de la Font Santa, Son Catlar, Reganga, es Cap Gros, Albercutx, Port de Sóller. Als Zwangsarbeiter wurden die Gefangenen zum Beispiel beim Bau der Bahnlinie Sa PoblaAlcúdia eingesetzt.
Heinz Kraschutzki: Memòries a les presons de la guerra civil a Mallorca. Palma (Miquel Font) 2004.
Erschienen - bereits vor zehn Jahren - in Mallorca Zeitung, Nr. 213, Woche 23/2004
Mittwoch, 30. April 2014
Montag, 28. April 2014
Gérard de Sède: Die Templer sind unter uns
Dieses Sachbuch mit dem Untertitel "Das Rätsel von Gisors" ist 1963 erschienen. Und schon damals fand der Autor den den legendären Schatz der Tempelritter. Na ja, nicht ganz. Aber er war eben nah dran. Ort des Geschehens ist die Burg von Gisors, im französischen Vexin, an der Grenze zur Normandie.
Der Journalist Gérard de Sède erzählt zu Beginn von seiner Bekanntschaft mit dem ehemaligen Gärtner und Burgführer Roger Lhomoy, der während des Zweiten Weltkrieges auf eigene Faust unter der Ruine buddelte und dabei eine unterirdische Kapelle mit Steinsärgen und Metalltruhen entdeckt haben will. Leider wurde der sagenhafte Fund von ignoranten und engstirnigen Behördenvertretern wieder zugeschüttet und bleibt bis heute verborgen.
De Sède vermutet nun, dass die Templer während der großen Verhaftungswelle 1307 ihren sagenhaften Schatz über eine alte Römerstraße von Paris zur Küste bringen wollten, um ihn über den Ärmelkanal nach England zu verschiffen. Weil sie aber in Gisors aufgehalten wurden, verbargen sie ihn in der nach geheimen Templerregeln erbauten Burg.
Ausführlich zu Wort kommt in dem Buch der "Hermetiker" Pierre Plantard, der vielen als Erfinder der Templer-Verschwörungstheorien rund um die sogenannte Prieuré de Sion gilt. In den Sechzigerjahren arbeitete er de Sède zusammen. Beide brachten schließlich in ihrem Buch "L'Or de Rennes" die Gerüchte um Rennes le Château und das mysteriöse Priorat auf. Damit wiederum schufen sie die Grundlage für die Verschwörungstheorien, die Lincoln, Baigent und Leigh 1982 ihrem Werk "Der heilige Gral und seine Erben" und später auch Dan Brown in seinem Thriller "Sakrileg" ausbreiteten.
Der Journalist Gérard de Sède erzählt zu Beginn von seiner Bekanntschaft mit dem ehemaligen Gärtner und Burgführer Roger Lhomoy, der während des Zweiten Weltkrieges auf eigene Faust unter der Ruine buddelte und dabei eine unterirdische Kapelle mit Steinsärgen und Metalltruhen entdeckt haben will. Leider wurde der sagenhafte Fund von ignoranten und engstirnigen Behördenvertretern wieder zugeschüttet und bleibt bis heute verborgen.
De Sède vermutet nun, dass die Templer während der großen Verhaftungswelle 1307 ihren sagenhaften Schatz über eine alte Römerstraße von Paris zur Küste bringen wollten, um ihn über den Ärmelkanal nach England zu verschiffen. Weil sie aber in Gisors aufgehalten wurden, verbargen sie ihn in der nach geheimen Templerregeln erbauten Burg.
Ausführlich zu Wort kommt in dem Buch der "Hermetiker" Pierre Plantard, der vielen als Erfinder der Templer-Verschwörungstheorien rund um die sogenannte Prieuré de Sion gilt. In den Sechzigerjahren arbeitete er de Sède zusammen. Beide brachten schließlich in ihrem Buch "L'Or de Rennes" die Gerüchte um Rennes le Château und das mysteriöse Priorat auf. Damit wiederum schufen sie die Grundlage für die Verschwörungstheorien, die Lincoln, Baigent und Leigh 1982 ihrem Werk "Der heilige Gral und seine Erben" und später auch Dan Brown in seinem Thriller "Sakrileg" ausbreiteten.
Verglichen mit diesen Werken fehlt "Die Templer sind unter uns" noch der Charme, den die verblüffende Einfachheit und der Aha-Effekt dieser Theorien haben. Ist dort ein schillernde Figur wie der plötzlich zu Reichtum gelangte Dorfpfarrer Bérenger Saunière der Protagonist, muss hier noch ein durchgeknallter Gärtner herhalten. Dort ist es eine einleuchtende Verschwörungstheorie um die Nachkommenschaft von Jesus Christus und Maria Magdalena, hier sind es nur vage Spekulationen über eine Burg, die wohl nach komplizierten Sternen-Konstellationen angelegt wurde und einen Schatz, über dessen Substanz nichts weiter gesagt wird.
"Die Templer sind unter uns" liest sich spannend, auch wenn gegen Ende - speziell bei Plantards Ausführungen - keiner mehr durchsteigt. Die Geschichte des Templerordens ist aber sehr gut und übersichtlich zusammengefasst. Natürlich kommen auch - wie es sich für ein Werk zum Thema gehört - Hermetiker, Freimaurer, Alchimisten zu ihrem Recht.
Um noch einmal zu Burg von Gisors zu kommen: Wenn es stimmt, was meine oberflächliche Internetrecherche ergeben hat, so wurde unter der Burg offenbar bis heute nie nach der vermuteten Kapelle gegraben. Begründung: Grabungen würden die Statik der Ruine gefährden. Aber gäbe es denn heutzutage nicht - so zumindest meine laienhafte Vorstellung - andere Möglichkeiten, herauszufinden, was sich unter der Burg von Gisors verbirgt?
Freitag, 18. April 2014
Herbert Rosendorfer: Der Meister
"Der Meister" ist ein Palaver unter Freunden in einem venezianischen Restaurant. Die beiden erinnern sich an ihren früheren Freundeskreis, eine illustre Runde von Studenten der Musikwissenschaft samt Entourage.
Dazu gehören der göttliche Giselher mit seinen nicht immer fundierten, aber stets beeindruckenden Vorträgen zu allen erdenklichen Themen. Carlone, der aberwitzige Mengen isst, weil er Angst hat, zu verhungern. Die schöne und intelligente Helene Romberg, die mit Vorliebe nackt ist und deren genaue Beziehung zum ebenso tierlieben wie bauernschlauen Monisgnore Rohrdörfer - auch er eine schillernde Randfigur - nicht ganz geklärt wird. Ein kurioses Personal, das teils liebenswert, teils unausstehlich, meist beides ist.
Das gilt im Besonderen für den Titelhelden, den alle den Meister nennen, einen "linkischen, dürren, schwarzstrubbeligen Pedanten und Besserwisser", einen "leicht wurzelzwergischen, rumpelstilzigen ewigen Doktoranden", der ein besonders gefährlicher Besserwisser ist, weil er alles, wovon er spricht, wirklich besser weiß.
Bei allem Genie und unerschöpflichen Wissensschatz ist dieser Meister eine tragische Figur, die unter ärmsten Verhältnissen lebt, an panischer Prüfungangst leidet und obendrein mit Haut und Haar der vorlauten und egozentrischen Emma Raimer verfallen ist.
Ein Verleger hilft dem armen Schlucker zu einem kleinen Verdienst, indem er in Artikel für ein Musiklexikon schreiben lässt. Ab hier nimmt der Plot eine aberwitzige Wendung, wobei dem verkannten Komponisten Thremo Tofandor eine entscheidende Rolle zukommt. Aus den launigen Anekdoten heraus wuchert ein astreiner Krimi.
Wie immer bei Rosendorfer schlägt die Handlung Haken und leuchtet in jeden Winkel des Menschlichen hinein, wo dann allerhand zum Vorschein kommt. Jede Figur, und wird sie auch noch so kurz von der Handlung gestreift, zieht eine Lebensgeschichte nach sich.
"Der Meister" ist einer jener kleinen Romane, mit denen Rosendorfer sich einmal mehr selbst als Meister der Sprache und weiser Geschichtenerzähler erwiesen hat.
Mittwoch, 2. April 2014
Elke Koch: Schwäbische Alb Mitte
Frühling ist Wandersaison: Höchste Zeit, ein zu Unrecht
unterschätztes Wandergebiet fast vor der Haustür zu entdecken. Der
neue Führer „Schwäbische Alb Mitte“ von Elke Koch hilft dabei:
Zwischen den Landkreisen Göppingen im Nordosten, Zollernalbkreis im
Westen und Biberach im Süden führt das Buch ein verwunschenes Land
der Burgen und Höhlen, Felsschluchten und Wacholderheiden, Albdörfer
und Wallfahrtskapellen.
Die Autorin kennt sich bestens aus und macht nicht nur auf die bekannten Anziehungspunkte, sondern auch auf versteckte Kleinode und lohnende Extratouren aufmerksam. Wie wäre es mit einer Tour zum Landgestüt Marbach, einer nächtlichen Sternenwanderung zum dunkelsten Ort der Alb, einer Fahrt mit dem historischen Schienenbus „Ulmer Spatz“ oder einem Besuch bei der schönen Lau am Blautopf? Und wer kennt schon die „Onderhos“ und die „Küssende Sau“?
Zu den 30 Touren gibt es oft einfachere und kinderwagenfreundliche Varianten. Neben einer Fülle von Servicetipps und Hintergrundinformationen hält der Band vor allem für Familien ein besonderes Schmankerl bereit: Rätselfragen zu jeder einzelnen Tour machen die Entdeckungsreise über die Schwäbische Alb zu einer aufregenden Schnitzeljagd.
Elke Koch: Schwäbische Alb Mitte. Unterwegs mit der ganzen Familie. G. Braun Verlag. 212 Seiten. 16,95 Euro.
Erschienen in: Ipf- und Jagst-Zeitung/Aalener Nachrichten am 2. April 2014.
Montag, 31. März 2014
Lucien Deprijck: Die Inseln, auf denen ich strande
„Die Inseln auf denen ich strande" von Lucien Deprijck gehört zu den Büchern, von denen etwas hängen bleibt – die beschriebenen Situationen, die Bilder und Gedankengänge, das Meer. 18 Kurzgeschichten drehen sich vordergründig um das Gleiche: Der Ich-Erzähler strandet auf einer Insel.
Was dann aber für eine Geschichte daraus wird, hängt von winzigen Dingen ab, Parametern, die der Autor in jeder Erzählung neu justiert. Ist die Insel einsam oder bewohnt, jungfräulich oder verlassen, tropisch oder arktisch, paradiesisch oder lebensfeindlich, strandet der Erzähler alleine oder mit anderen?
Fast immer wird schnell klar, dass es mit der ersten Rettung, der auf die Insel, nicht getan ist. Der Gestrandete muss sich auch wieder von dort weg retten – oder gerettet werden. An Grenzsituationen kann der Gestrandete reifen oder scheitern. Manchmal hilft das Anpacken, manchmal bleibt nur das Resignieren. Die Natur oder die anderen Menschen können Rettung oder Verderben sein. Manchmal sind die Situationen tieftraurig, manchmal absurd, manchmal urkomisch. Und welchen Ausgang das Abenteuer schließlich nimmt, ist nie vorhersehbar.
Deprijck - und mit ihm der Leser - erleidet 18-mal meisterhaft Schiffbruch. Jede Insel ist ein faszinierendes Universum. Bildgewaltig erzählt und von Christian Schneider wunderschön illustriert. Ein Lieblingbuch für die einsame Insel.
Dienstag, 4. Februar 2014
Alexander Adrion: Taschendiebe
"Der heimlichen Zunft auf die Finger geschaut" - dieses Buch des 2013 verstorbenen Zauberers Alexander Adrion ist natürlich kein Handbuch "Wie werde ich zum erfolgreichen Taschendieb". Auch zum Thema "Wie schütze ich mich vor Taschendieben" bietet es außer ein paar Binsenweisheiten à la "Immer gut auf die persönlichen Dinge aufpassen" wenig.
Vielmehr ist es eine sehr unterhaltsame Anekdotensammlung. Adrion hat so ziemlich alle Geschichtchen zusammengetragen, die zum Thema Taschendiebe kursieren. Da werden Berüchtigte der heimlichen Zunft wie Mollie Matches, Mimi Lepreuil, Lady Finger, John Dawson, Elizabeth West oder Stanislaus Kransnik genauso vorgestellt, wie berühmte Taschendieb-Opfer: Winston Churchill, Max Brod und Wladimir Majakowski.
Wer selbst vor kurzem bestohlen worden ist, findet vielleicht nicht alles Beschriebene spannend und lustig. Ein bisschen Mitgefühl mit den Opfern hätte Adrion schon zeigen dürfen. Ansonsten: Ein vergnüglicher und spannender Einblick in die Welt der Pickpockets, Tireurs und Langfinger.
Vielmehr ist es eine sehr unterhaltsame Anekdotensammlung. Adrion hat so ziemlich alle Geschichtchen zusammengetragen, die zum Thema Taschendiebe kursieren. Da werden Berüchtigte der heimlichen Zunft wie Mollie Matches, Mimi Lepreuil, Lady Finger, John Dawson, Elizabeth West oder Stanislaus Kransnik genauso vorgestellt, wie berühmte Taschendieb-Opfer: Winston Churchill, Max Brod und Wladimir Majakowski.
Wer selbst vor kurzem bestohlen worden ist, findet vielleicht nicht alles Beschriebene spannend und lustig. Ein bisschen Mitgefühl mit den Opfern hätte Adrion schon zeigen dürfen. Ansonsten: Ein vergnüglicher und spannender Einblick in die Welt der Pickpockets, Tireurs und Langfinger.
Donnerstag, 30. Januar 2014
Haruki Murakami: Die unheimliche Bibliothek
So einfach und poetisch erzählt wie ein
Märchen, so unlogisch, grausam und verstörend wie ein Märchen,
aber auch so hoffnungsvoll wie ein Märchen – so ist Haruki
Murakamis pechschwarze Erzählung „Die unheimliche Bibliothek“.
Ein Junge möchte mehr über die
Steuereintreibung im Osmanischen Reich erfahren. Und wenn er etwas
nicht weiß, geht er immer sofort in die Stadtbücherei, um es
herauszufinden. Nun weiß jeder Bücherfreund, dass die Hüter von
Bibliotheken nicht immer auch die Verbündeten der Leser sind. Oft
sind es – oder waren es zumindest früher - strenge Beamte, die
Lesehungrige mit allerlei Formalitäten und Verboten traktieren.
In diesem Fall entpuppt sich der Bibliothekar sogar als wahres Monster. Er entführt den wissbegierigen Jungen in ein Labyrinth tief unter der Bibliothek und sperrt ihn in ein Verlies. Eingekerkert muss das Kind mutterseelenallein Bücher zur osmanischen Steuereintreibung studieren und auf den Tag warten, da ihm das Bibliothekars-Scheusal den Kopf absägen und das Hirn aussaugen will. Vor dem Jungen – und dem Leser - türmt sich eine Angstwand von kafkaesken Ausmaßen auf.
Aber es gibt einen Ausweg: ein Mann im Schafskostüm, der Donuts backt, und ein zerbrechliches Mädchen, das einen Teewagen schiebt, kommen dem Jungen in dieser surrealen Alptraumwelt zu Hilfe. Murakamis so düstere wie anmutige Erzählung ist bereits 1982 erschienen, wurde aber erst jetzt aus dem Japanischen ins Deutsche übersetzt. Die Berlinerin Kat Menschik hat sie mit beklemmend-holzschnittartigen, farbig hinterlegten Tuschebildern fabelhaft illustriert.
In diesem Fall entpuppt sich der Bibliothekar sogar als wahres Monster. Er entführt den wissbegierigen Jungen in ein Labyrinth tief unter der Bibliothek und sperrt ihn in ein Verlies. Eingekerkert muss das Kind mutterseelenallein Bücher zur osmanischen Steuereintreibung studieren und auf den Tag warten, da ihm das Bibliothekars-Scheusal den Kopf absägen und das Hirn aussaugen will. Vor dem Jungen – und dem Leser - türmt sich eine Angstwand von kafkaesken Ausmaßen auf.
Aber es gibt einen Ausweg: ein Mann im Schafskostüm, der Donuts backt, und ein zerbrechliches Mädchen, das einen Teewagen schiebt, kommen dem Jungen in dieser surrealen Alptraumwelt zu Hilfe. Murakamis so düstere wie anmutige Erzählung ist bereits 1982 erschienen, wurde aber erst jetzt aus dem Japanischen ins Deutsche übersetzt. Die Berlinerin Kat Menschik hat sie mit beklemmend-holzschnittartigen, farbig hinterlegten Tuschebildern fabelhaft illustriert.
Haruki Murakami: Die unheimliche
Bibliothek. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. Dumont Verlag. 63
Seiten mit 20 Abbildungen von Kat Menschik. 14,99 Euro.
Erschienen in: Schwäbische Zeitung, 30. Januar 2014
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