Montag, 8. April 2013

Ute Böttinger: Hohenlohe pur genießen

Es gibt Reiseführer, die versprechen Insidertipps und kommen dann mit Ausgelatschtem und –gelutschtem à la Brandenburger Tor und Hofbräuhaus um die Ecke. Das trifft auf das Büchlein „Hohenlohe pur genießen“, das jetzt erschienen ist, sicher nicht zu. In der Gegend um Kocher, Jagst und Tauber, genauer zwischen Stimpfach im Südosten und dem Kloster Schöntal mit dem Grab des Götz von Berlichingen im Nordwesten, ist Autorin Ute Böttinger auf Entdeckungsreise gegangen. Was sie aus ihren Funden gemacht hat, ist eine gelungene Mischung, die Familien, Kulturfans, Wanderer und alle, die gern essen und trinken, begeistern dürfte. Klassiker wie das Schloss Langenburg, die Großcomburg in Schwäbisch Hall, das Freilichtmuseum Wackershofe, der Wildpark Bad Mergentheim oder das Muswiesenfest in Rot sind beschrieben, aber auch Geheimtipps wie eine Marionettenwerkstatt in Hermuthshausen, ein malerischer Friedhof in Mulfingen und ein versteckter Badeplatz an der Jagst. Feste, Direktvermarkter, Handwerksmuseen, Wellness-Angebote, Stadtführungen und Erlebniswanderungen: Der gut recherchierte Band führt so ziemlich alles auf, was Hohenlohe an Freizeitmöglichkeiten zu bieten hat und dürfte auch Kennern noch einige hilfreiche Tipps geben. Manchmal wären allerdings präzisere Angaben, etwa der Termin eines empfohlenen Wochenmarktes, oder kleine Routenkarten zu Wanderungen und Radtouren wünschenswert. Vor, nach oder zwischen dem Besuch der 66 Lieblingsplätze sollte dringend eingekehrt werden. Dazu empfiehlt die Autorin elf Gasthäuser, vom urigen Biker-Bahnhof über das Kinorestaurant bis hin zum Sterne-Haus. Denn Hohenlohe hat kulinarisch auch jenseits des deftigen Schwäbisch-Hällischen Landschweins und der süßen, kleinen Langenburger Wibele eine Menge zu bieten.
Ute Böttinger. Hohenlohe pur genießen! 66 Lieblingsplätze und 11 Köche. 192 Seiten. Gmeiner Verlag. 14,99 Euro.

Erschienen in: Ipf- und Jagst-Zeitung/Aalener Nachrichten am 8. April 2013.

Dienstag, 26. März 2013

Brian Clegg: Inflight Science

Je nach Betrachtungsweise ist Fliegen eine sehr langsame Art der Fortbewegung. Den Großteil des Fluges verbringen Passagiere mit Warten - worauf auch immer.  Geduld ist gefragt. Dass Fliegen etwas absolut Faszinierendes ist, vergisst, wer viel im Flugzeug unterwegs ist.

Dieses Buch wertet nicht nur das Warten auf, sondern gibt auch die Faszination zurück und schärft den Blick für das Spannende und Interessante, das Flugreisende umgibt. Brian Clegg erklärt Fliegen wissenschaftlich. Von der ersten Gepäckkontrolle bis zur Landung. Überall steckt Wissenschaft drin und der Leser erfährt alles darüber.

Wie funktioniert ein Metalldetektor? Was bedeuten die Schilder und Zeichen auf dem Flughafen und im Flieger?  Woran orientiert sich der Autopilot? Warum startet ein Flugzeug besser gegen den Wind? Wie können Flugreisende mit einem Blick aus dem Fenster Größenverhältnisse und Entfernungen auf der Erde bestimmen? Warum mäandern Flüsse?  Woher hat das Meer seine verschiedenen Farben? Welche Wolkenformationen haben welche Auswirkungen? Ist der Regenbogen ein Regenring? Was hilft gegen Jetlag? Warum schaltet die Crew während der Landung das Licht in der Fluggastkabine aus? Und so weiter, und so weiter. Dazu begegnet der Reisende auf dieser Expedition ständig den Herren  Newton, Galileo und Einstein. Information satt, aber immer verständlich und locker-lesbar (britisch eben) aufbereitet.

Ich gebe zu, das komplette Buch zu Hause auf 441 m über NN gelesen zu haben. Das hat den Vorteil, dass ich die von Clegg in jedem Kapitel vorgeschlagenen Experimente machen konnte, ohne zumindest verwunderte Blicke von Mitfliegern zu ernten. Andererseits könnte leicht verschrobenes Verhalten - das Pusten auf ein Blatt Papier, um das Verhalten von Flugzeugflügeln nachzuempfinden, gehört noch zu den diskreteren Tätigkeiten - durchaus die Kontaktaufnahme zu Mitreisenden erleichtern. Wie überhaupt dieses Buch perfekt ist, um eine Konversation zu beginnen: "Wussten Sie eigentlich, dass..."

Donnerstag, 21. März 2013

Theodor Heuss: Von Ort zu Ort

Nebenan ein Bild vom Bücherflohmarkt Gröbenzell, wo ich dieses Buch gekauft habe: Reisereportagen, die der spätere Bundespräsident hauptsächlich in den 1910er und 1920er Jahren verfasst hat. Die Sammlung selbst ist 1959 erschienen. "Wanderungen mit Stift und Feder" heißt der Untertitel des Buches. Neben Beschreibungen von deutschen und europäischen Städten und Landschaften finden sich auch Zeichnungen der besuchten Orte aus Heuss' Skizzenbüchern darin.
 
Es ist diese schöne, vergessene Art, vom Reisen zu erzählen, wie man sie auch in den herrlichen alten Merian-Heften - zwischen Werbung für Salem-Zigaretten, Pelikan-Füllhalter und Super-8-Kameras - findet. Immer, auch bei Kurzbesuchen, mit respektvoller Langsamkeit. Manchmal im Stil zugegeben etwas behäbig, altväterlich. "Das Volk ist derb, gesund und fromm", schreibt Heuss über die Oberschwaben. Na ja, stimmt ja irgendwie.

Heuss beschreibt Fassaden, Straßen und Kirchenräume minutiös. Er schaut genau hin und lässt das auch den Leser tun. Über eine Gasse im holländischen Delft schreibt er, sie sei mit "Ziegeln gepflastert. Aber gepflastert klingt schon zu derb. Man möchte sagen: belegt." -  "Ich sammele mit geruhsamem Fleiß Bilder und Blicke", sinniert Heuss in seinem Artikel zu Naumburg

Aber er weckt auch die Geschichten, die in den Dingen schlummern, erzählt, was sie im Laufe der Jahrhunderte erlebt haben, wonach sie sich sehnen. Die Lektüre wertet heute noch einen Besuch in einem der beschriebenen Orte unwahrscheinlich auf und verleitet dazu, auf Entdeckungsreise zu gehen und tiefer in die Geheimnisse der Städte, Kirchen und Landschaften einzudringen.

Leider könnte es bei diesem Unternehmen dennoch zu einigen Enttäuschungen kommen: Während einige Städte, die Heuss besucht hat -  etwa Nördlingen, Eichstätt oder Bamberg (Ravenna, Venedig und Oxford sowieso) - weitgehend intakt geblieben sind, hat der Krieg von der einstigen Pracht vieler anderer wenig übrig gelassen. Heuss' Heimatstadt Heilbronn, von deren Brücken und Treppen, der "Giebelwelt der alten Straßen und Gassen" er schwärmt, gilt heute als wenig sehenswert. Immerhin hat Heuss in seinen hübschen Reportagen ein Stück der alten Schönheit über die Zeit gerettet.

Mittwoch, 20. Februar 2013

Clemens Brentano: Das Märchen von Gockel und Hinkel

Ein bezauberndes hochpoetisches kleines Kunstmärchen von Clemens Brentano, in das man nicht zu viel hineininterpretieren soll. "In Deutschland in einem wilden Wald lebte ein altes Männchen, und das hieß Gockel." Und dieses Männchen erlebt mit seiner Familie und einer Menge Tiere ein aberwitziges Abenteuer, in dessen Verlauf er vom Alten zum Jungen, dann wieder zum Alten, dann zum Kind wird.

Auf die Handlung kommt es nicht an, den Charme machen die herrlichen Einfälle aus, mit denen Brentano diese Märchenwelt ausstaffiert. Das Königsschloss aus ausgeblasenen Eiern, die  hinterlistige mechanische Puppe, ein Wunschring, eine Mäusestadt, ein ultimatives Loblied auf den Haushahn und ein fast absurder Schluss. Dieses zeitlose Panoptikum  ist eine Kurzreise ins romantische Märchenland wert. Aber wie schmecken Jauersche Würste? Und warum wünscht sich niemand Gallina zurück?

Donnerstag, 14. Februar 2013

Tom Wolfe: Back to Blood

AhhhHAHHHAHAHHH HockHockHock – so sieht es aus, wenn in Tom Wolfes Roman „Back to Blood“ der Psychiater Norman Lewis lacht, ein schmieriger Emporkömmling, der pornosüchtige Promis behandelt. Überzeichnet, knallig und mit kursiven Lautmalereien gespickt wie ein Comic ist das, was sich auf 765 mit Seiten unter der Sonne Miamis abspielt.

Wolfe, 81, Miterfinder des „New Journalism“, Autor der New-York-Satire „Fegefeuer der Eitelkeiten“ von 1987 und notorischer Träger vanillefarbener Dandy-Anzüge, nimmt die Einwandererstadt in Südflorida aufs Korn.

Dort braust das, KLATSCH, Boot der Küstenpolizei. An Bord Nestor Camacho. Der gutmütig prollige Cop kubanischer Herkunft holt in einer zirkusreifen Aktion einen illegalen Einwanderer vom Mast einer Luxusjacht – um ihn retten, denkt Camacho. Um ihn zu verhaften und der Abschiebung preiszugeben, sagt der Rest der mächtigen, riesigen Kubaner-Gemeinde Miamis und macht dem Nestbeschmutzer Camacho das Leben zur Hölle. Durch waghalsige Aktionen will der Verzweifelte den Kopf aus der Schlinge ziehen – und der Spaß beginnt.

In weiteren Rollen: Ein russischer Maler, der, unschnajjjjjanuck literweise Wodka kippt und mit perfekten Kopien Miamis blasierte Kunstwelt narrt. Ein stiernackiger schwarzer Polizeichef. Die weißen Americanos, die in Miami zur aussterbenden Minderheit gehören: Darunter der publicitygeile Psychiater, der schwächliche, aber durchtriebene Sensationsreporter John Smith, die sexverrückten Teilnehmer der Columbus Day Regatta. Einer sagt: „Alle Menschen, überall, haben nur noch
einen Gedanken – Zurück zum Blut.“ Alle Figuren in Wolfes Roman, Latinos, Americanos, Schwarze oder Russen, denken, fühlen, handeln unablässig als Vertreter ihrer Ethnie, Herkunft, Rasse. Jeder gegen jeden. Schmelztiegel? Pustekuchen.

Wolfe gibt’s dem Leser mit dem Holzhammer – wie es sich für einen Groschencomic gehört. Und er
trifft. Sein Cocktail aus Gesellschaftssatire, Sex, Klatsch, Slapstick und schrägen Gags macht jede Menge Spaß.
(Bernhard Hampp)


Erschienen in Schwäbische Zeitung, 13. Februar 2013

Sonntag, 30. Dezember 2012

Pierre Magnan: Der Mörder mit der schönen Handschrift

Ein Krimi des in diesem Jahr verstorbenen Autors Pierre Magnan, der 2006 auf deutsch erschienen ist. Das französische Original ist bereits von 1986. Diese Mördergeschichte aus der Haute Provence macht durchaus Spaß, auch wenn sie manchmal arg am Reißbrett entworfen scheint und einige Längen aufweist.

In einer beklemmenden Szenerie, in der durch düstere Schluchten der Mistral heult und die verstockten Bewohner windschiefer Häuser in abweisenden Bergkäffern viel verbergen und wenig sprechen, lässt Magnan die Köpfe rollen: Nacheinander werden mehrere alleinstehende reiche Damen umgebracht, die allesamt einer alten verzweigten Familie angehören. Jedesmal kündigt sich der Mörder beim Opfer mit einer schön geschriebenen Botschaft an. Wenn wieder das Knattern eines Mofas im Dorf zu hören ist, droht Unheil.

Pluspunkte sind die schrulligen Figuren: der pensionierte Kommissar Violette, den seine Intuition und sein Gespür für die Gegend und ihre Menschen auf die Spur bringen, die umworbenen und begehrten, aber doch todunglücklichen Damen, eine verschrobene Kartenspielerrunde, der Mörder selbst, der auf seine skurrile Art höchst bemitleidenswert ist. Auch die Landschaft, die Magnan mit bildreicher Sprache zum Leben erweckt, bietet eine höchst überzeugende Kulisse.

Schade sind die vielen Wiederholungen, die das Buch unnötig in die Länge ziehen. Warum etwa muss jeder der Morde, die alle nach dem selben Schema ablaufen, in aller Breite erzählt werden? Es ärgert ein bisschen, jedesmal nach weiteren 50 Seiten festzustellen, dass alles so gelaufen ist wie immer. Weniger wäre hier mehr gewesen.







Samstag, 22. Dezember 2012

Passig/Lobo: Internet - Segen oder Fluch

Ja, dieses Buch ist so global angelegt, wie es klingt. Es macht sogar den Versuch, mehr als eine Momentaufnahme des Jahres 2012 zu sein. Aber das ist bei im weitesten Sinne medientheoretischen Werken immer sehr schwierig, wenn sie nicht rein historisch angelegt sind.

Dennoch ist den Autoren Kathrin Passig und Sascha Lobo wenig vorzuwerfen, denn sie räumen sehr systematisch mit Totschlagargumenten, falschen Bildern und Ideen im Kopf auf, die die Diskussion um das Internet behindern. Neu war mir der hervorragende Begriff der "reductio ad Hitlerum", eine Sache durch die Behauptung zu widerlegen, das gleiche habe auch Hitler gesagt, gedacht oder gar gemacht.

In einer Weise, die Vergnügen macht, durchaus selbstironisch ist (traut man Sascha Lobo gar nicht zu), und in ganz lichten Momenten Woody-Allen-würdig auf den Boden der Tatsachen zurückholt, werfen die beiden Fragen nach Privatsphäre und Datenschutz in sozialen Netzwerken und nach neuen politischen Beteiligungsmodellen auf. Ist es plausibel, dass sich der Mensch durch sein technisches Umfeld extrem verändert hat, die politischen Entscheidungsprozesse aber die gleichen sind wie vor 50 Jahren? Gute Frage.


Das gute alte Rieplsche Gesetz wird hier mit Recht auseinandergenommen. Das neue Medium verdrängt natürlich das alte, alles andere sind theoretische Spielereien.

Zitat: "Es geht immer auch etwas verloren, an dem die Herzen netter Menschen hingen. Schneller, als man denkt, steht man in diesem Prozess auf der anderen Seite, und dann tut einem die frühere Verurteilung des Alten ebenso leid wie alles, was man einst in jugendlicher Hartherzigkeit über Bäuche, Haarausfall und Falten geäußert hat. Nur wenige Menschen können sich wie geschickte Surfer ein bisschen länger auf dem Wellenkamm des Fortschritts halten, und auch ihnen gelingt das nur in manchen Bereichen ihres Lebens."

Passig und Lobo haben zu vielen Themen viele Schnipsel zusammengetragen. Sympathisch, dass es keine zusammenfassende Leitidee gibt, keine Botschaft, außer der, die sich im Titel ankündigt. Allerdings verheddern sich die beiden allzu oft im Sowohl-als-auch, wenn sich der Leser sehnlich eine klare Ansage wünscht. Es sei eben ein weites Feld, dieses Internet, heißt es dann sinngemäß (zu) oft.