Sonntag, 29. November 2020
Walter Moers: Der Bücherdrache
Donnerstag, 8. Oktober 2020
Tilman Birr: On se left you see se Siegessäule
Der Autor beschreibt sein Leben als Stadtbilderklärer - ein Wortüberbleibsel aus DDR-Zeiten, als man nicht Stadtführer sagen durfte - auf einem Ausflugsschiff auf der Spree. Zwischen Nikolaiviertel, Reichstag und Tiergarten bespaßt er auf der Reise mit der muffig-altklugen Ost-Berliner Schiffsbesatzung besoffene Spanier, Hitler-verliebte Briten, alle Arten von deutschen Klugscheißern, Pubertierende, Verwirrte....
Einige Exkurse - etwa über seinen verrückten Casinobesuch mit Rocklegende Lemmy Kilmister - hat Birr etwas ungelenk eingebaut, wohl einfach, um sie auch in diesem Buch unterzubringen. Das erinnert dann an die ersten Bände von Walt Disneys Lustigen Taschenbüchern, in denen um die Comics herum unpassende Rahmenhandlungen gestrickt wurden.
Mancher Gag hat hat sich beim dritten Mal abgenutzt, aber im Großen und Ganzen ist das alles scharf beobachtet, pointenreich geschrieben und ein wirklich lustiges, unterhaltsames Hörbuch.
Samstag, 12. September 2020
Stefan Müller: 111 Gründe, Bücher zu lieben.
Dienstag, 8. September 2020
Christian Grawe: Theodor Fontane. 100 Seiten
Ein weites Feld. Das ist nicht nur der Standardspruch von Effi Briests Vater, das ist auch vieles im Leben und Werk Fontanes. Journalist und Romancier, Kriegsberichterstatter und Theaterkritiker, Revoluzzer und stockkonservativer Verehrer des preußischen Landadels, Englandfreund und Brandenburg-Wanderer. Wo steht Fontane in der Literaturgeschichte? Wie sind Landschaften, Gegenstände Namen, Musik, Dialoge in seinem Werk zu deuten? Welche Rolle spielen Sexualität und Religion? Die kurzen Kapitel geben perfekt Aufschluss und machen große Lust, sich in Fontanes Schmöker zu vertiefen.
Dafür gibt Grawe dem Leser sogar einen Fahrplan mit: er bewertet die Romane Fontanes in einem subjektiven Ranking - von Effi Briest, 5 Sterne, bis Ellernklipp, 1 Stern - der Lesenswürdigkeit.
Donnerstag, 3. September 2020
George Saunders: Fuchs 8
So lernte er die Sprache, der Menschen, aber natürlich nicht ihre Rechtschreibung. Er findet die Menschen "kul". Und Fuchs 8 neigt zu Tagträumen. Er gilt innerhalb seiner Gruppe von Füchsen als Außenseiter.
So träumt er davon, dass die Menschen mit ihm am Tisch sitzen und sagen: "Fükse sind unsere Liblinstire" und sich fragen: "Warum nur, warum waren wir so dumm und haben den Hunt zu unserm meisten Haustir gemacht? - Und ich so: Das weis ich echt nicht."
Mit seinem Verständnis der Menschen und ihrer Sprache kann er seinen Artgenossen in der Gruppe helfen, glaubt er. Er führt seine Fähigkeiten dem Oberfuchs vor, der ist erstaunt.
"Und ich drauf: Korrekk, Alter, was das grat war war Mänschisch.
Und er so: Das ist zimlich gut, Fuks 8."
Vor allem die Sprache ist unfassbar anrührend: Frank Heibert ist hier eine so geniale Übersetzung gelungen, dass Fuchs 8 auch in deutscher Sprache ein ganz großes Kunstwerk ist.
Mittwoch, 2. September 2020
Arturo Pérez Reverte: El Club Dumas
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Der Bücherjäger ("cazador de libros") Lucas Corso (im Film: Dean Corso) erhält die Aufgabe, die Echtheit des Manuskriptes von Le Vin d'Anjou, des Originals eines Kapitels von Alexandre Dumas' Die drei Musketiere, zu überprüfen. Bei dieser Mission begegnet ihm das uralte Werk über die Neun Pforten, in dem Teile angeblich von Satan selbst stammen und dessen Urheber wegen Teufelsanbetung auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Eine Nebenhandlung, die im Roman gegenüber dem eigentlichen Handlungsstrang rund um Dumas immer wieder in den Hintergrund tritt.
Dieser Dumas-Plot wiederum fehlt im Film völlig, eine mutige und richtige Entscheidung der Drehbuchautoren. Denn diese Handlung um einen illustren Club der Fans von Abenteuergeschichten ist einfach verwirrend, konstruiert, wirkt nicht stringent. Auch, wenn er dem ganzen vielleicht ein Augenzwinkern, eine humorvolle Note und Leichtigkeit hinzufügen sollte.
Im Film gibt es dafür einen völlig bekloppten Schluss um eine Sekte durchgeknallter Teufelsanbeter. An dieser Stelle bleibt das Buch rätselhafter, undurchsichtiger, philosophischer. Wen im Film stört, dass Corso unentwegt Zigaretten raucht, während er wertvollste Bücher durchblättert - das ist im Roman auch so.
Verständlicherweise wird hier ausgiebiger und genüsslicher über das Medium Buch diskutiert und sinniert, das Schreiben und das Erzählen, aber auch über alles, was sich zu Druck, Einband, Illustration, Erhaltungszustand von Büchern sagen lässt, über Marktpreise und Provenienz, Auktionen, Sammlerleidenschaft und die Marotten von Bibliophilen. In vieler Hinsicht wird Umberto Ecos Der Name der Rose als Vorbild für diesen Abenteuerroman überdeutlich. Der "profesor de semiótica en Bolonia" sitzt sogar einmal mit am Tisch, als die Dumas-Jünger sich versammeln.
Besonders schön ist der Bibliomane Victor Fargas gezeichnet. In seiner riesigen Villa hat der jämmerlich verarmende Büchersammler wertvollste Inkunabeln und Handschriften auf dem Boden aufgereiht. In regelmäßigen Abständen muss er unter größten Schmerzen einen seiner Schätze verkaufen, um überhaupt überleben zu können. Es ist, als wähle er eines seiner Kinder aus, das dann zur Schlachtbank geführt wird.
Sonntag, 31. Mai 2020
Franz Fühmann: Pavlos Papierbuch
In den Erzählungen über seine Kindheit und die erwachende Liebe zum gleichaltrigen Mariechen schlägt Fühmanns Fantasie in einem atemlosen Tempo Purzelbäume
"...wusste ich plötzlich und gänzlich unwiderstehlich, ich, so wusste ich, ich musste jetzt einfach mit einem Schlag alle Blumen ausreißen, mit Posaunenschall, dachte ich, barst die Wolke, mit einem Schlag alle Blumen, dann würde ein solches Feuer vom Himmel fallen, dass auch ihr Zauber kaputtging und sie samt ihrem Zauber und alles, und ich griff, und jetzt mit dem Bewusstsein meines ganzen Leibes, dass auch ich im Feuer aufgehen und Feuer sein würde, das sie verbrannte, ins Gras nach den Stengeln aller sechs Blumen, da hatte auch Mariechen nach derselben Stelle gegriffen, und während Wahnsinn unsere Augen beschlug und die Grillen verstummten und unsere Fingerkuppen einander berührten, wünschte ich mit der Inbrunst eines letzten Wunsches, alle Menschen könnten uns nun so sehen, wie wir beide da hockten, zwei Magier, über den Tod gebeugt, den Donner zu Häupten und den Blitz in den Händen, die mächtigsten Zauberer dieser Erde …)"
Fühmann, einer der Vorzeige-Schriftsteller der DDR, ist vor allem auch durch seine Lebensgeschichte eine interessante Persönlichkeit. Geboren 1922 im böhmischen Riesengebirge, bekannte sich Fühmann schon als Jugendlicher begeistert zu den Nazis, trat 1938 der SA bei. Im Krieg an der Ostfront geriet er in sowjetische Gefangenschaft und wurde in eine sogenannte Antifa-Schule abkommandiert, wo er sich zum glühenden Sozialisten wandelte. Ab 1949 wirkte er in der DDR, war Funktionär in der nationaldemokratischen Blockpartei und bewältigte seine frühere politische Gesinnung literarisch. Als Autor von Kinderbüchern, Nacherzählungen großer Sagenstoffe wie der Odyssee oder Reineke Fuchs, Schriften über Georg Trakl, Sigmund Freud und E.T.A. Hoffmann sowie zahlloser Lyrik- und Prosatexte avancierte er zu einer der wichtigsten literarischen Stimmen der DDR. In späteren Jahren setzte er sich zunehmend kritisch mit der Kulturpolitik der DDR auseinander und ergriff in Briefen und Aufsätzen Partei für angefeindete Schriftsteller. Auch die Ausbürgerung Wolf Biermanns kritisierte er. Fühmann starb 1982 in Berlin und wurde in seinem Wohnort Märkisch Buchholz beigesetzt.
Die Auswahl in diesem Band (1982 in der DDR erschienen) gibt einen schönen Überblick der verschiedenen Facetten Fühmanns. Neben den erwähnten Alltagsverfremdungen, die Fühmanns poetischen Zauber aufzeigen, sind auch dystopische Zukunftsvisionen darin, die Ende der 1970er-Jahre entstanden und in dem Band Saiäns-Fiktschen erschienen.
In Die Ohnmacht entwickelt ein Trinker einen Apparat, der es Menschen erlaubt, in die Zukunft zu sehen - nur um festzustellen, dass diese sich unter allen Umständen so verhalten werden, wie es die Zukunftsvision angezeigt hat. Ein Diplomlogiker unterzieht sich diesem Test, protestiert gegen die Umkehrung von Ursache und Wirkung, pocht auf seine Willensfreiheit - und sieht dann den Tod eines Kindes in der Zukunft, den er tatsächlich nicht verhindern kann.
Die Titelerzählung Pavlos Papierbuch handelt in einer Welt nach dem Atomkrieg, in der Bücher aus Papier unter Verschluss gehalten werden. Pavlo kommt durch Zufall in den Besitz eines solchen Papierbuchs. "...es lag... in der Hand wie ein Vogel in seinem Nest, und jede seiner Seiten war ein Gebilde, das ringsum mit Blicken abschreitbar war, ein Maß an Raum, in sich geschlossen, und damit auch ein Maß für die Zeit. Dies Maß war menschlich..."
Es ist eine Anthologie, Pavlo liest Kafkas Strafkolonie, Villiers de l'Isle d'Adams Die Marter der Hoffnung und eine grausame KZ-Geschichte mit dem Titel Der Nasenstüber. Pavlo lassen diese Erzählungen verstört zurück: Was war ihr Fazit, wo wurde erklärt, was richtig und was falsch ist? Nicht zu Unrecht wurde diese Kritik absurden Mechanismen der Herrschaft als Anspielung auf die Zustände in der DDR verstanden.
Zwei wunderschöne Homer-Nachdichtungen - Das Netz des Hephaistos und Die Geliebte der Morgenröte - beschließen den Band.




