Traurig, traurig. Aber das Medium gedruckte Zeitung, dem Michael Angele dieses wunderschöne Abschieds-Essay gewidmet hat, wird wohl in absehbarer Zeit nur noch ein Nischendasein führen - ähnlich dem gedruckten Buch oder auch dem Kino.
Angele ist stellvertretender Chefredakteur der Wochenzeitung "Der Freitag" und war auch schon Chefredakteur der Netzeitung (Ironie der Geschichte: Deutschlands erste Internetzeitung hielt sich leider nur ein paar Jahre...)
In leichtfüßigen Anekdoten erzählt der Deutsch-Schweizer, was die gedruckte Zeitung liebenswert und besonders macht. Er stellt klar: "Es gibt tausend Gründe eine Zeitung zu lesen, der Informationsbedarf ist dabei nur einer von vielen." Das sei schon zu allen Zeiten so gewesen: "Eine Zeitung war ein Zugang zur Welt, war ein Stück Heimat und ihr Gegenteil, wenn sie den Blick weitete (...)."
Einer der tausend Gründe ist beispielsweise, sich über Leitartikel aufregen zu können. Oder dieser: Dass es auf Reisen nur Zeitungen vom Vortag zu kaufen gab, war ein untrügliches Zeichen, dass man wirklich im Urlaub war - sonst hätte man auch gleich daheim bleiben können. Früher.
Zeitungen sind die große Welt. In New York die New York Times, in Paris Le Monde zu kaufen heiße, in die kosmopolitische Sphäre einzutauchen. Irgendwo auf der Welt in einem Internetcafé Spiegel Online lesen heißt, außen vor zu bleiben: "Dann erleben wir die Globalisierung."
Die ständige Verfügbarkeit von Informationen im Netz produziert nicht mehr, sondern weniger Geistesmenschen - Geist könne sich nur bilden, wo Mangel und Aufschub ist, vermutet Angele. Die gedruckte Zeitung wird weiterhin existieren - aber eben nicht mehr als Massenprodukt, weil alle genannten Vorzüge mit der Zeitung verschwinden werden, ebenso wie die Zeitungssüchtigen, die sie schätzen und sich ihrer erinnern.
Einer der letzte ist der Theatermacher Claus Peymann, der sieben oder acht Zeitungen täglich liest. Mit ihm sprach Angele auch über dessen Weggefährten Thomas Bernhard - zu Lebzeiten ein wahrer Zeitungsfanatiker, der einmal 350 Kilometer im Auto fuhr, nur um eine aktuelle Ausgabe der Neuen Zürcher Zeitung zu erhaschen.
Angele zitiert aus einem Fernsehinterview, das mit dem Schriftsteller auf Mallorca geführt wurde: Auf die Frage, ob er in den Zeitungen Informationen finde, die er in seinen Büchern verwerte, antwortete Bernhard: "Na sicher, es ist ja in den Zeitungen überhaupt alles zu finden, was es gibt. Das heißt alles, was eigentlich existiert, ist in den Zeitungen. Die Realität ist in den Zeitungen noch übersteigert. Die Leerstellen der Wirklichkeit sind in den Zeitungen noch ausgestopft." Er bevorzuge die Boulevardblätter: "Je scheußlicher die Zeitungen, desto mehr Gewinn ziehe ich daraus."
Angele zeigt: Eine gut gemachte Zeitung ist nicht einfach nur eine Ansammlung von Artikeln, sondern eine abwechslungsreiche Komposition - noch mehr, eine "Erzählung der Welt". Das geht verloren, weil zu viele denken, sie bräuchten das nicht oder könnten es sich von anderen Medien besser liefern lassen. Ein Irrtum.
Mittwoch, 24. Januar 2018
Montag, 22. Januar 2018
Rodrigo Hasbún: Die Affekte
Der deutsche Bergsteiger und Abenteurer Hans Ertl war während der NS-Zeit Kameramann und Liebhaber Leni Riefenstahls. Nach dem Krieg bekommt er in Deutschland keinen Fuß mehr auf den Boden und entschließt sich, mit seiner Frau Aurelia und den drei Töchtern Monika, Heidi und Trixi nach Bolivien auszuwandern.
In Bolivien kommt der umtriebige, fast besessene Ertl nicht zur Ruhe und unternimmt sogleich eine Expedition in den Urwald. Ertl verliebt sich in eine Assistentin, Heidi in einen Expeditionsteilnehmer. Monika teilt die obsessive Art der Vaters: Sie heiratet erst in jungen Jahren einen reichen, aber unerträglichen Deutsch-Bolivianer, wendet sich dann den Ärmsten zu, gerät ins Umfeld der Nationalen Befreiungsarmee Che Guevaras, wird nach dessen Ermordung Vertraute und Geliebte von dessen Nachfolger Inti Peredo und rächt dessen Exekution, indem sie den bolivianischen Konsul in Hamburg erschießt.
Die Ertls hat es wirklich gegeben. Die düstere Romanhandlung, die auf historischen Ereignissen basiert, wird aus den Perspektiven verschiedener Personen erzählt, darunter die drei Ertl-Töchter. Das Ganze ist atmosphärisch äußerst dicht, inhaltlich stimmig, sprachlich treffend und sehr mitreißend erzählt. Vielleicht eine Art Fazit: Enttäuschungen und Niederlagen begleiten uns - wir können ihnen nicht entfliehen. Schon gar nicht mit Gewalt.
In Bolivien kommt der umtriebige, fast besessene Ertl nicht zur Ruhe und unternimmt sogleich eine Expedition in den Urwald. Ertl verliebt sich in eine Assistentin, Heidi in einen Expeditionsteilnehmer. Monika teilt die obsessive Art der Vaters: Sie heiratet erst in jungen Jahren einen reichen, aber unerträglichen Deutsch-Bolivianer, wendet sich dann den Ärmsten zu, gerät ins Umfeld der Nationalen Befreiungsarmee Che Guevaras, wird nach dessen Ermordung Vertraute und Geliebte von dessen Nachfolger Inti Peredo und rächt dessen Exekution, indem sie den bolivianischen Konsul in Hamburg erschießt.
Die Ertls hat es wirklich gegeben. Die düstere Romanhandlung, die auf historischen Ereignissen basiert, wird aus den Perspektiven verschiedener Personen erzählt, darunter die drei Ertl-Töchter. Das Ganze ist atmosphärisch äußerst dicht, inhaltlich stimmig, sprachlich treffend und sehr mitreißend erzählt. Vielleicht eine Art Fazit: Enttäuschungen und Niederlagen begleiten uns - wir können ihnen nicht entfliehen. Schon gar nicht mit Gewalt.
Freitag, 19. Januar 2018
Rudolf Baumbach: Es war einmal
Was gibt es Geheimnisvolleres, als auf einem Dachboden ein verstaubtes Märchenbuch zu finden. Mit nie gehörten unwahrscheinlichen Geschichten in eine herrliche Zauberwelt abzutauchen und wie in einem Rausch darin zu versinken - herrlich!
Na gut, ich gebe zu, dieses Buch lag nicht in einer knarzigen Truhe hinter Spinnweben auf dem Dachboden, sondern wurde von mir ganz prosaisch im Internet ersteigert. Es war auch nicht verstaubt und abgegriffen, sondern präsentierte sich als wunderschönes rotes Prachtbändchen mit Goldschnitt.
Was der alte Rudolf Baumbach - ein Biedermeier-Vielschreiber des 19. Jahrhunderts, dem wir auch das schöne Studentenlied von der Lindenwirtin zu verdanken haben - hier geschaffen hat, lässt das Märchenherz höher schlagen. Seine Kunstmärchen sind zwar ausgefeilter und abwechslungsreicher als reine Volksmärchen, aber auch nicht übertrieben verkünstelt.
Zum Zauber trägt bei, dass Baumbach - der um Effekte wusste - in seine Traumwelten alles hineingepackt, was zur wohligen Märchenatmosphäre gehört. Er erzählt von Wiesengrund und Freischütz, gezinkten Würfeln und sagenhaften Goldschätzen, saligen Fräulein und Hexen, Magiern und Unholden, Missgunst, Verrat, Bluttaten und den verdienten Lohn der einfachen Leute.
Im ersten Märchen Der Krystall und die Hexe geht um ein rechtschaffenes Mädchen, das einen Kristall erhält, mit dem sie die geheimen Herzenswünsche aller lesen kann, die ihr über den Weg laufen. In Münchhausen und die drei Wilddiebe begegnet dem Leser die aus dem orientalischen Kontext bekannte großartige Lügengeschichte, in der der Erzähler als Krönung den Vater des Gegenübers auftreten lässt. Wunderbar ist die die Geschichte vom Mann, der die Siebenmeilenstiefel bekommt, deren Benutzung aber immer wieder aufschiebt, bis er schließlich seine letzte Reise damit antritt. Der verschüttete Keller ist ein hochpoetisches Trinkermärchen, Nicotiana ein recht skurriles Rauchermärchen.
Das ganze Buch: eine verzauberte, sprachschöne Märchen-Auszeit.
Na gut, ich gebe zu, dieses Buch lag nicht in einer knarzigen Truhe hinter Spinnweben auf dem Dachboden, sondern wurde von mir ganz prosaisch im Internet ersteigert. Es war auch nicht verstaubt und abgegriffen, sondern präsentierte sich als wunderschönes rotes Prachtbändchen mit Goldschnitt.
Was der alte Rudolf Baumbach - ein Biedermeier-Vielschreiber des 19. Jahrhunderts, dem wir auch das schöne Studentenlied von der Lindenwirtin zu verdanken haben - hier geschaffen hat, lässt das Märchenherz höher schlagen. Seine Kunstmärchen sind zwar ausgefeilter und abwechslungsreicher als reine Volksmärchen, aber auch nicht übertrieben verkünstelt.
Zum Zauber trägt bei, dass Baumbach - der um Effekte wusste - in seine Traumwelten alles hineingepackt, was zur wohligen Märchenatmosphäre gehört. Er erzählt von Wiesengrund und Freischütz, gezinkten Würfeln und sagenhaften Goldschätzen, saligen Fräulein und Hexen, Magiern und Unholden, Missgunst, Verrat, Bluttaten und den verdienten Lohn der einfachen Leute.
Im ersten Märchen Der Krystall und die Hexe geht um ein rechtschaffenes Mädchen, das einen Kristall erhält, mit dem sie die geheimen Herzenswünsche aller lesen kann, die ihr über den Weg laufen. In Münchhausen und die drei Wilddiebe begegnet dem Leser die aus dem orientalischen Kontext bekannte großartige Lügengeschichte, in der der Erzähler als Krönung den Vater des Gegenübers auftreten lässt. Wunderbar ist die die Geschichte vom Mann, der die Siebenmeilenstiefel bekommt, deren Benutzung aber immer wieder aufschiebt, bis er schließlich seine letzte Reise damit antritt. Der verschüttete Keller ist ein hochpoetisches Trinkermärchen, Nicotiana ein recht skurriles Rauchermärchen.
Das ganze Buch: eine verzauberte, sprachschöne Märchen-Auszeit.
Mittwoch, 27. Dezember 2017
Elena Ferrante: Meine geniale Freundin
Immer wieder sind in sozialen Netzwerken Posts zu lesen à la: Wir Kinder der guten alten Zeit, haben uns die Knie aufgeschürft, sind Fahrrad ohne Helm gefahren, haben was weiß ich getan, ohne behütet zu werden - und es hat uns nicht geschadet.
Blablabla. Wie diese "gute alte Zeit" ausgesehen haben könnte, ist in diesem Buch zu lesen:
"Wir lebten in einer Welt, in der Kinder und Erwachsene sich häufig verletzten. Die Wunden bluteten, vereiterten und manchmal starb jemand daran." Ein Mädchen verletzt sich an einem Nagel und stirbt an Tetanus, ein Junge will Trümmer wegräumen und wird zerquetscht, "das Blut lief ihm aus Mund und Ohren", ein Viertklässler findet eine Bombe, fasst sie an und stirbt, ein Arbeiter fällt von einem Hochhaus und stirbt, Kinder sterben an Krupp und Tuberkulose, Jugendliche werfen mit Steinen und Feuerwerkskörpern aufeinander.
Im ersten Teil ihres vierbändigen Romanzyklus lässt Ferrante die 66-jährige Schriftstellerin Elena Greco von ihrer Kindheit und Jugend im neapolitanischen Arbeiterviertel Rione erzählen. Nichts ist hier romantisch, hier wird gekämpft, beneidet, belästigt, vergewaltigt, Rache genommen, ausgebeutet, unterdrückt und getötet.
Elena, die Tochter eines Pförtners, und ihre beste Freundin Lila, die Tochter des Schusters, wollen hier raus. Das verbindet sie. Ansonsten sind sie sehr, sehr unterschiedlich. Elena lernt von früh bis spät, besucht das Gymnasium, sehnt sich nach einer anderen Welt als dem schmutzigen Rione.Lila, eigentlich die Begabtere, Aufgewecktere, Listigere - und wohl auch Attraktivere - würde auch gerne die höhere Schule besuchen. Doch als sie das ihrem Vater beibringen will, wirft sie dieser aus dem Fenster. Sie begräbt ihre Träume, will nur noch reich werden - und zwar mithilfe einer reichen Hochzeit. Doch ihr selbst schwant, das das nicht gut gehen wird.
Elena ist seltsam abhängig von Lila, Sie definiert ihr eigenes Sein über die Freundin. Sie lässt ihre Puppe das gleiche sagen, was zuvor die Puppe der Freundin gesagt hat. Ist Lila in der Grundschule Klassenbeste, so setzt Elena alles daran, ebenfalls schulische Erfolge zu erzielen. Hat Lila einen Verlobten, so erlaubt auch Elena einem Jungen, sie anzufassen.
Glücklich ist keine der beiden. Das weiß der Leser, der Elenas Gefühle bis ins kleinste mitgeteilt bekommt, Lilas Gefühle aber durch den seltsamen Filter dessen, was ihre "geniale Freundin" über sie denkt, ahnen muss.
Aufgrund seiner psychologischen Dichte ist der Roman, der tief schürft und in die Tragödien ganzer Sippen hinabtaucht, nicht leicht zu lesen. Das muss man mögen, kann man aber aber auch.
Blablabla. Wie diese "gute alte Zeit" ausgesehen haben könnte, ist in diesem Buch zu lesen:
"Wir lebten in einer Welt, in der Kinder und Erwachsene sich häufig verletzten. Die Wunden bluteten, vereiterten und manchmal starb jemand daran." Ein Mädchen verletzt sich an einem Nagel und stirbt an Tetanus, ein Junge will Trümmer wegräumen und wird zerquetscht, "das Blut lief ihm aus Mund und Ohren", ein Viertklässler findet eine Bombe, fasst sie an und stirbt, ein Arbeiter fällt von einem Hochhaus und stirbt, Kinder sterben an Krupp und Tuberkulose, Jugendliche werfen mit Steinen und Feuerwerkskörpern aufeinander.
Im ersten Teil ihres vierbändigen Romanzyklus lässt Ferrante die 66-jährige Schriftstellerin Elena Greco von ihrer Kindheit und Jugend im neapolitanischen Arbeiterviertel Rione erzählen. Nichts ist hier romantisch, hier wird gekämpft, beneidet, belästigt, vergewaltigt, Rache genommen, ausgebeutet, unterdrückt und getötet.
Elena, die Tochter eines Pförtners, und ihre beste Freundin Lila, die Tochter des Schusters, wollen hier raus. Das verbindet sie. Ansonsten sind sie sehr, sehr unterschiedlich. Elena lernt von früh bis spät, besucht das Gymnasium, sehnt sich nach einer anderen Welt als dem schmutzigen Rione.Lila, eigentlich die Begabtere, Aufgewecktere, Listigere - und wohl auch Attraktivere - würde auch gerne die höhere Schule besuchen. Doch als sie das ihrem Vater beibringen will, wirft sie dieser aus dem Fenster. Sie begräbt ihre Träume, will nur noch reich werden - und zwar mithilfe einer reichen Hochzeit. Doch ihr selbst schwant, das das nicht gut gehen wird.
Elena ist seltsam abhängig von Lila, Sie definiert ihr eigenes Sein über die Freundin. Sie lässt ihre Puppe das gleiche sagen, was zuvor die Puppe der Freundin gesagt hat. Ist Lila in der Grundschule Klassenbeste, so setzt Elena alles daran, ebenfalls schulische Erfolge zu erzielen. Hat Lila einen Verlobten, so erlaubt auch Elena einem Jungen, sie anzufassen.
Glücklich ist keine der beiden. Das weiß der Leser, der Elenas Gefühle bis ins kleinste mitgeteilt bekommt, Lilas Gefühle aber durch den seltsamen Filter dessen, was ihre "geniale Freundin" über sie denkt, ahnen muss.
Aufgrund seiner psychologischen Dichte ist der Roman, der tief schürft und in die Tragödien ganzer Sippen hinabtaucht, nicht leicht zu lesen. Das muss man mögen, kann man aber aber auch.
Montag, 27. November 2017
Manfred Flügge: Die vier Leben der Marta Feuchtwanger

Diese Biografie widmet sich Marta Feuchtwanger. Im Klappentext heißt es, sie sei "Muse, Grand Dame, Ikone des deutschen Exils" und eine der "großen Dichterfrauen des 20. Jahrhunderts" gewesen. Ohne Zweifel, diese Frau hat viel mitgemacht: Zwei Weltkriege, Internierung, Flucht, Exil, ihr einziges Kind starb kurz nach der Geburt, dazu musste sie einen unmöglichen Ehemann ertragen. Im Verlauf dieses Buches wird aber klar: Marta war vor allem anderen die Ehegattin an der Seite des Schriftstellers Lion Feuchtwanger („Erfolg“, „Jud Süß“, „Die Jüdin von Toledo“).
Im Buch heißt es: "Fast fünfzig Jahre hatte sie Lion bemuttert (...) Sie war von ihm abhängig gewesen, sein Erfolg, seine Geltung, seine internationalen Verbindungen hatten auch ihr Dasein bestimmt (...)." Alles, was von Marta geblieben ist, hat Bezug zu Lion Feuchtwanger. Natürlich hatte sie ihr Reich, das Haus und den Garten (nach dem Umzug aus München zuerst in Berlin, dann in Sanary sur Mer, dann in Pacific Palisades), sie hatte ihre Hobbies wie den Skisport und die Gymnastik, war emanzipiert, aber nicht unabhängig. Sie besaß keinen Beruf und keine eigenständige Existenz - das ist ihr weiß Gott nicht vorzuwerfen. Eine Lebensbeschreibung Marta Feuchtwangers ist aber deshalb weniger interessant aus dem Standpunkt, was sie geschaffen hat, sondern danach, was sie miterleben musste.
"Das Schicksal dieser Frau, die unter so vielen Autoren lebte, aber selbst nicht schrieb, war es, alle Erfahrungen zu berühren, die ihr Jahrhundert bereithielt, die schlimmsten wie die besten", schreibt Flügge. Letzte Station des Feuchtwanger-Exils war, als die Nazis Europa völlig überrannt hatten, eine mondäne Villa in Pacific Palisades an der Küste Kaliforniens. Cellist Mstislav Rostropowitch war zu Gast und gab ein Privatkonzert, viele weitere Größen aus Kunst und Kultur gingen bei Feuchtwangers und ein. "Bei den Leseabend trat Marta als hilfreiche und diskrete Gastgeberin in Erscheinung." So viel zu ihrer Bedeutung: Diskret und wichtig, aber im Hintergrund.
Der Leser erfährt in jedem Fall eine Menge über die literarische Bedeutung Lion Feuchtwangers, der als jüdische Existenzen in seinem von Aktualität geprägten Werk - besonders im Moment der Katastrophe - literarisch verewigt hat. Privat, so wird deutlich, war er ein Erotomane, der ständig mehrere Affären gleichzeitig hatte, seine Sexpartnerin teilweise täglich wechselte, dazu regelmäßig ins Bordell ging, was er wiederum minutiös in seinem Tagebuch aufzeichnete. Ein zwanghafter Charakter, so scheint es. Marta, das legt zumindest diese Biografie nahe, ist darüber hinweg gegangen.
Sie war - das zeigen Fotos - eine rätselhafte Schönheit, auch wenn sie selbst das bewusst herunterspielte. "Sie fand, sie habe einen Eidechsenkopf und ihr Mund sei zu groß. (...) Ihr Kopf war rundlich, fast oval und wurde durch das meist nach hinten gelegte Haar noch betont."
Schließlich bleibt noch etwas zum Stil dieser Biografie anzumerken. Er ist eigenwillig, fast drollig. Er erinnert manchmal ungewollt an den genialen Kinderbuchautor Janosch, etwa hier:
"In Pompeji wollte sie nicht die obszön bemalten Wände antiker Bordelle sehen. Mit Lion allein hätte sie es getan, aber nicht mit einem fremden Führer. Lion kannte das alles schon aus Büchern. Er kannte auch, aus eigener Anschauen, die modernen Hetären und deren Welt. In Amalfi nahm Marta das erste Meerbad ihres Lebens. Die nächsten sechzig Jahre wurde dies eines ihrer Hauptvergnügen. Als sie nach Lions weggewehter Brille tauchte, wäre sie beinahe ertrunken."
Der Autor ergreift mitunter Partei, mischt sich manchmal mehr ein, als es bei Lesen angenehm ist. "Er war halt doch ein altes Rabenaas", urteilt er über Lion Feuchtwanger. Von Feuchtwangers Weggefährten Bertolt Brecht, an dessen Charakter Flügge kein gutes Haar lässt, ganz zu schweigen.
Samstag, 18. November 2017
Walter Moers: Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr
"Dazu waren die Geschichten auch zu läppisch (...) wir griffen beide zu Routinetricks, erzählten alte Geschichten in neuen Variationen, knüpften gegenseitig an Geschichten des anderen an, traten erzählerisch auf der Stelle (...)."
Das ist kein Zitat aus Moers' neuem Roman Prizessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr, sondern aus seinem bahnbrechenden Klassiker der deutschen Literatur Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär von 1999. Es beschreibt, was im legendären Lügenduell zu Atlantis passiert, wenn beide Kontrahenten gezwungen sind, weiterzuerzählen, auch wenn ihnen nicht mehr das geringste einfällt. So wie es leider in diesem neuen Zamonien-Roman der Fall ist.
Prinzessin Dylia leidet an Schlaflosigkeit. Aber eigentlich ist es kein Leiden. Sie empfindet die Stunden, in denen sie vom Lärm des Tages verschont bleibt, wie "Urlaub von allem Unnötigen", denkt sich Pfauenwörter aus und erfindet unnütze Dinge in Regenbogenfarben. Da steht auf einmal ein Wesen vor ihr, das aussieht wie ein verschimmelter, blauer Blumenkohl. Havarius Opal heißt es und ist ein Nachtmahr. Mit dem Ziel, Dylia in den Wahnsinn zu treiben, nimmt Havarius die Prinzessin mit auf die Reise durch ihr eigenes Gehirn durch die Große Fissur, schließlich in die Amygdala, wo die Angst zu Hause ist. Dylia erfährt dabei, dass das Träumen ein sechster Sinn ist und dass es sogar ein eigenes Traumiversum gibt.
Erwähnenswert sind die kunterbunten Illustrationen der jungen Lydia Rohde, deren Schicksal - sie leidet am chronischen Erschöpfungssyndrom - Moers zu diesem Buch inspiriert hat. Das ist aller Ehren wert. Aber so schablonenhaft und lustlos erzählt wie diese Hirn-Reise ist, eine solch eintönige Aneinanderreihung lascher Einfälle, Wiederholungen noch und nöcher, keinerlei dramatische Höhepunkte.... tja, soll man sagen: einschläfernd?
Natürlich geht Moers wieder unendlich liebevoll mit der deutschen Sprache um und erschafft wunderbare Begriffe wie das Niemalsweh - die Sehnsucht nach einem Ort, den man nie gelangen wird, weil er nicht oder nur in der Fantasie existiert. Leider sind aber diese Spielerein recht zusammenhanglos oder aufzählungsahft eingestreut. Sprachakrobatik alleine reicht eben nicht, wenn einem die Ideen ausgegangen sind, pardon, wenn einen das Orm verlassen hat.
Das ist kein Zitat aus Moers' neuem Roman Prizessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr, sondern aus seinem bahnbrechenden Klassiker der deutschen Literatur Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär von 1999. Es beschreibt, was im legendären Lügenduell zu Atlantis passiert, wenn beide Kontrahenten gezwungen sind, weiterzuerzählen, auch wenn ihnen nicht mehr das geringste einfällt. So wie es leider in diesem neuen Zamonien-Roman der Fall ist.
Prinzessin Dylia leidet an Schlaflosigkeit. Aber eigentlich ist es kein Leiden. Sie empfindet die Stunden, in denen sie vom Lärm des Tages verschont bleibt, wie "Urlaub von allem Unnötigen", denkt sich Pfauenwörter aus und erfindet unnütze Dinge in Regenbogenfarben. Da steht auf einmal ein Wesen vor ihr, das aussieht wie ein verschimmelter, blauer Blumenkohl. Havarius Opal heißt es und ist ein Nachtmahr. Mit dem Ziel, Dylia in den Wahnsinn zu treiben, nimmt Havarius die Prinzessin mit auf die Reise durch ihr eigenes Gehirn durch die Große Fissur, schließlich in die Amygdala, wo die Angst zu Hause ist. Dylia erfährt dabei, dass das Träumen ein sechster Sinn ist und dass es sogar ein eigenes Traumiversum gibt.
Erwähnenswert sind die kunterbunten Illustrationen der jungen Lydia Rohde, deren Schicksal - sie leidet am chronischen Erschöpfungssyndrom - Moers zu diesem Buch inspiriert hat. Das ist aller Ehren wert. Aber so schablonenhaft und lustlos erzählt wie diese Hirn-Reise ist, eine solch eintönige Aneinanderreihung lascher Einfälle, Wiederholungen noch und nöcher, keinerlei dramatische Höhepunkte.... tja, soll man sagen: einschläfernd?
Natürlich geht Moers wieder unendlich liebevoll mit der deutschen Sprache um und erschafft wunderbare Begriffe wie das Niemalsweh - die Sehnsucht nach einem Ort, den man nie gelangen wird, weil er nicht oder nur in der Fantasie existiert. Leider sind aber diese Spielerein recht zusammenhanglos oder aufzählungsahft eingestreut. Sprachakrobatik alleine reicht eben nicht, wenn einem die Ideen ausgegangen sind, pardon, wenn einen das Orm verlassen hat.
Mittwoch, 18. Oktober 2017
Guillaume Musso: La fille de papier
Tja, was soll ich sagen? Ich habe dieses Buch leider in einem Hotelzimmer vergessen, nachdem ich 150 Seiten gelesen hatte. Das ist ärgerlich, weil es sich spannend las und die Erwartung weckte, noch spannender zu werden.
Ein erfolgreicher Autor von Romanen über Engel ist nach einer gescheiterten Beziehung aus dem Tritt geraten. Der lange angekündigte dritte Teil seiner Trilogie, den er schreiben muss, um den wirtschaftlichen Bankrott zu vermeiden, will ihm einfach nicht von der Hand gehen. Da tritt auf einmal eine Nebenfigur aus seinen Romanen in sein Leben: Sie steht einfach splitternackt auf seiner Terrassse.
Als ihn seine Freunde dann zu einer Therapie bringen (sie glauben ihm die Geschichte mit der leibhaftigen Romanfigur nicht), hört der Roman schlagartig auf. Zumindest für mich. Vielleicht habe ich irgendwann die Gelegenheit, ihn fertig zu lesen. Lohnt sich bestimmt.
Ein erfolgreicher Autor von Romanen über Engel ist nach einer gescheiterten Beziehung aus dem Tritt geraten. Der lange angekündigte dritte Teil seiner Trilogie, den er schreiben muss, um den wirtschaftlichen Bankrott zu vermeiden, will ihm einfach nicht von der Hand gehen. Da tritt auf einmal eine Nebenfigur aus seinen Romanen in sein Leben: Sie steht einfach splitternackt auf seiner Terrassse.
Als ihn seine Freunde dann zu einer Therapie bringen (sie glauben ihm die Geschichte mit der leibhaftigen Romanfigur nicht), hört der Roman schlagartig auf. Zumindest für mich. Vielleicht habe ich irgendwann die Gelegenheit, ihn fertig zu lesen. Lohnt sich bestimmt.
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