Donnerstag, 21. September 2017

Charles Foster: Der Geschmack von Laub und Erde

Klar, so etwas macht nur ein Engländer. Charles Foster, Tierarzt, Anwalt, Ethikprofessor, Schriftsteller und Reisender, beschreibt in diesem Buch minutiös, wie er mit seinem achtjährigen Sohn Tage und Nächte in einem Erdhügel verbrachte, wie er auf Regenwürmern herumkaute, sich nackt in einem Hinterhof zusammenrollte wie ein Fuchs und im Fluss nach lebendigen Fischen schnappte. Um Tieren so nahe zu kommen wie noch keiner zuvor, versuchte Foster genauso zu leben wie Dachs, Otter, Fuchs, Rothirsch und Mauersegler.

Das Ganze dann höchst unterhaltsam zu erzählen und bei allem philosophischen Tiefgang selbstironisch zu sein - genau dann die Luft rauszulassen, wenn es zu pathetisch wird -, das kann ebenfalls nur ein Engländer. Wie fühlen Tiere, können wir überhaupt etwas über sie herausfinden? Leben wir in der selben Welt wie die Tiere? Was wissen wir überhaupt über uns Menschen? Können wir mit Tieren kommunizieren, können wir mit Menschen kommunizieren? Können wir etwas anderes sein als ein Mensch? Was unterscheidet uns von den Tieren? Gibt es etwas, das jeden von uns besonders macht?

Es macht eine Menge Spaß, über diese existenziellen Fragen nachzudenken, während man über Fosters groß angelegte "Tier-Versuche" liest. Der Ekel und das Belächeln weichen der Bewunderung - vor allem auch für Fosters fabelhafte Art, zu schreiben.

Mittwoch, 30. August 2017

Werner Bergengruen: E.T.A. Hoffmann

"...ich habe jetzt wirklich Wichtigeres zu lesen, als mich mit der doch etwas verstaubten Prosa Bergengruens noch einmal zu beschäftigen", schrieb Marcel Reich-Ranicki 2006 unnachahmlich in der FAZ. Verstaubt ist sie wirklich, die Sprache Bergengruens, andererseits ist eine Schriftsteller-Biographie, von einem anderen Schriftsteller verfasst, immer etwas Lesenswertes - weil sie den Blick auf gleich zwei Literaten erlaubt. Hinzu kommt mein besonderes Interesse an E.T.A. Hoffmann, das mich eigentlich alles lesen lässt, was vom oder über den großen Romantiker geschrieben wurde.

1939 hat der Balte Werner Bergengruen den 116 Jahre vor ihm in Königsberg geborenen Hoffmann porträtiert. Tatsächlich mutet seine Sprache verstaubt und behäbig an, aber auch schon wieder so sehr aus der Zeit gefallen, dass es den Leser in eine angenehm ferne, exotische Welt versetzt. "Der Oweh-Onkel war nicht ohne eine gewisse leblose Gutmütigkeit, vor allem aber ein beschränkter und hypochondrischer Pedant, dessen Lebenslauf sich nach dem Uhrenschlage richtete, und in die Mechanik dieses Ablaufs spannte er in wohlmeinender Unbarmherzigkeit auch den Neffen ein." So beschreibt Bergengruen Hoffmanns Onkel Otto.

Das Büchlein beleuchtet auf knapp 100 Seiten kurz und bündig die Lebensstationen Hoffmanns, als Student in Königsberg, Beamter in Polen, Kapellmeister in Bamberg, Musikdirektor in Leipzig und Dresden, schließlich Kammergerichtsrat in Berlin, die lebenslange Freundschaft zum biederen Theodor Hippel, die verrückte Liebe zu seiner 20 Jahre jüngeren Gesangsschülerin Julia Marc in Bamberg und die wahnsinnigen Nächte mit Ludwig Devrient im Weinhaus Lutter und Wegner.

Bergengruens Kunstgriff ist, dass er Hoffmann anhand von dessen Roman- und Novellenfiguren charakterisiert. Das ist sicher nicht ganz redlich, aber im Sinne einer literarischen Biografie durchaus unterhaltsam und anregend.

Bergengruen hält sich mit seinem eigenen Urteil über den von ihm verehrten Hoffmann und seine Literatur nicht zurück. Das ist, besonders, wo er ihn kritisiert, wert, zitiert zu werden, weil es Einblick auch auch in Bergengruens Denkwelt gibt:

"Gepackt von einem Einfall, beginnt er zu schreiben, ohne sich Gedanken zu machen, wie es weitergehen soll. Daher das Ungleichmäßige, das Nichtdurchkomponierte, das Fragmentarische gerade seiner herrlichsten Schöpfungen, daher die Schwäche der zweiten Teile, in denen ein meisterhaft geschürzter Knoten oft eine unfreudige und trockne Auflösung erfährt. (...) Von seinen Visionen gejagt, schreibt er schnell und flüchtig. (...) Oft unterlaufen ihm Ungeschicklichkeiten und Unwahrscheinlichkeiten; hiermit ist nicht das Außergewöhnliche, Übernatürliche, Spukige gemeint - denn dies ist bei Hoffmann immer wahrscheinlich! -, aber das Erzählerisch Unglaubwürdige oder das unzureichend Motivierte."



Montag, 31. Juli 2017

Hanns Arens: Unsterbliches München

"Streifzüge durch 200 Jahre literarischen Lebens der Stadt" heißt dieses fast 850-seitige Kompendium, das im Jahr 1968 erschienen ist. Und es ist wirklich komplett. Nichts, was sich in Sachen Literatur in diesen 200 Jahren in München abgespielt hat, lässt der Autor aus.

Zu ihrem Recht kommen natürlich die großen Wahl-Münchner Thomas Mann, Rainer Maria Rilke, Stefan George, Frank Wedekind, Lion Feuchtwanger, der Literatur-Nobelpreisträger Paul Heyse - seinerzeit sehr beliebt, heute kaum noch der Rede wert -, Bert Brecht, Joachim Ringelnatz und Erich Kästner. Bayerns Heimatromancier Nummer 1, Ludwig Ganghofer, ist ebenso auf vielen Seiten gewürdigt wie Humor-Philosoph Karl Valentin und die auf verlorenem Posten um deutsch-französische Verständigung kämpfende Annette Kolb.

Es fehlt nichts. Es scheint, als hätte der Autor (er taucht immer wieder selbst mit seinen Erlebnissen auf und nennt sich dann "Der Chronist") vollständig sämtliche Zeugnisse, Tagebuchnotizen, Zeitungsartikel und Erinnerungsbücher zusammengetragen, um auch kürzeste Aufenthalte bedeutender Schriftstellerinnen und Schriftsteller an der Isar zu dokumentieren. Wer wüsste schon, dass Knut Hamsun, Franz Kafka, Wilhelm Busch,
Heinrich Heine und Henrik Ibsen in München weilten?

Leider doppelt sich vieles. Und der damals vielleicht noch übliche Plauderton, der vielen jungen Schriftstellern "jugendlichen Leichtsinn" unterstellt und ähnliche altkluge Einordnungen und Bewertungen vornimmt, ist die Kröte, die der Leser für diese geballte Ladung Information schlucken muss.

Sonntag, 4. Juni 2017

Penelope Fitzgerald: Die Buchhandlung

Dieser hervorragende Roman, 1978 erschienen, 2000 in deutscher Übersetzung, ist kalt, grau, strähnig und zerfasert. So wie der Himmel über dem verlassenen und abgeschnittenen ostenglischen Küstendorf Hardborough. Die Witwe Florence Green kauft hier 1959 ein feuchtes Spukhaus am Meer, um die erste Buchhandlung am Ort zu eröffnen.

Was es hier gibt, sind nasse Gummistiefel, Neid, traumloser Schlaf, Schweigen, geheime Absprachen, bedrückende Geheimnisse, ängstliche Bankangestellte, intrigante Verklemmte, Verhärmte. Alle sind unfassbar einsam, auch der rückgratlose BBC-Reporter, auch das altkluge, berechnendes und doch hilflose zehnjährigs Mädchen Christine, auch die ebenso reiche wie ehrsüchtige und niveaulose Dorfschnepfe, die Intrigen spinnt.

Dass es an diesem trostlosen Ort Platz für eine Buchhandlung gibt, ist schwer vorstellbar. Penelope Fitzgerald zeigt aber in meisterhaft lakonischem Stil, dass alles noch viel, viel niederschmetternder ist. Hoffnung? Fehlanzeige. Mitgefühl? Hilfsbereitschaft? Nichts.  Nichts durchdringen, nichts verstehen. Der einsame, alte Mr Brundish, der einer ältesten Familien Suffolks entstammt und zu Florence auf seine eigenbrötlerische Weise minimalen Kontakt herstellt, sagt: "Verstehen macht denkfaul." Vieles bleibt im Vagen, ein Happy End gibt es höchstens für die Bösartigen.

Bösartig sind Hardboroughs Einwohner eigentlich durchweg. Misstrauisch, geldgierig, stumpf. Florence wiederum ist unfassbar gutgläubig, unerfahren in geschäftlichen Dingen, dabei stur und dumm. Mitleid kommt nicht auf. Fühlt sie etwas? Liebt sie Bücher? Liest sie? Warum nimmt sie das Wagnis auf sich? Liebt sie das Meer, die Einsamkeit, den rauen Wind? Möchte sie das Leben noch einmal richtig spüren? All das bleibt verwaschen. Florence ist seltsam apathisch. Auch am Schluss, als sie geschlagen davonzieht und die Felder "überall, zu beiden Seiten der Straße unter schimmerndem Wasser" stehen.

Sonntag, 28. Mai 2017

Reinhard Horowski: Hölderlin war nicht verrückt

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Die letzten 36 Jahre seines Lebens vegetierte Friedrich Hölderlin (1777-1843) nervlich und geistig zerrüttet in einem Turm am Tübinger Neckarufer. Der Literat, dessen Briefroman „Hyperion“ zu den Klassikern der deutschen Literatur zählt, hatte eine Odyssee hinter sich, als er im Alter von 36 Jahren zusammenbrach. Kindheit in Nürtingen, verschiedene evangelische Internate und Bildungsstätten, Anstellungen als Hauslehrer, schließlich die unglückliche Liebe zur verheirateten Susette Gontard, deren jäher Tod ihn bestürzte.

Gegen seinen Willen wurde Hölderlin ins Authenriedsche Klinikum Tübingen eingeliefert. Nach achtmonatiger Behandlung gaben ihn die Ärzte auf. Zum Glück nahm sich der Tübinger Schreinermeister Ernst Zimmer des Poeten an und ließ ihn bis bis zu seinem Tod im Alter von 73 Jahren in seinem Turm wohnen.

Während der letzten Jahrzehnte war Hölderlin ein Schatten seiner selbst: Menschenscheu tigerte er vor dem Turm auf und ab, er schrieb Zusammenhangloses, redete wirr, benutzte Fantasiewörter wie „pallaksch“, titulierte Besucher mit „Majestät“ und „Heiligkeit“. Davon berichteten Literaten und andere Neugierige, die den „wahnsinnigen Dichter“ – so kannte ihn ganz Tübingen – besuchten.

Mit dem Mythos vom „genialen Irren“ will der Pharmakologe Reinhard Horoswki in seiner neu erschienenen Streitschrift „Hölderlin war nicht verrückt“ aufräumen. Er widerspricht der Annahme, die Psychiater bis heute vertreten: der Dichter sei schizophren gewesen. Teils folgt Horowski dem französischen Germanisten Pierre Berthaux, der vermutete, Hölderlin habe als republikanischer Revolutionär seine psychische Erkrankung nur vorgetäuscht, um einer Verfolgung zu entgehen. Aber auch Hölderlins Mutter, die er als geldgierig beschreibt, trägt für Horowski Schuld, dass der Literat als unzurechnungsfähig eingestuft wurde: Sonst hätte sie einen Teil der Stipendien zurückzahlen müssen. Für Verhaltensstörungen, Mattheit und Konzentrationsschwäche des späten Hölderlin findet Horowski indes eine Erklärung: Der Dichter sei im Authenriethschen Klinikum mit einer Überdosis Kalomel fehlmedikamentiert und somit vergiftet worden.

Horowskis Buch trägt Züge einer polemischen Abrechnung mit der Psychiatrie und schießt in seinem pauschalen Urteil gegen einen ganzen Berufsstand mitunter über das Ziel hinaus. Andererseits ist dem Autor eine höchst unterhaltsame und kenntnisreiche Auseinandersetzung mit Leben, Umfeld, literarischer Bedeutung und Wirkung Hölderlins gelungen.

Zeitgleich ist im Tübinger Verlag Klöpfer & Meyer eine Neuauflage des Werks erschienen, das den Mythos vom „wahnsinnigen Dichter“ mitbegründete. Schriftsteller Wilhelm Waiblinger, der Theologiestudent in Tübingen war, ehe er des Evangelischen Stifts wegen Verstößen gegen die Hausordnung verwiesen wurde und nach Rom zog, wo er 1830 mit nur 25 Jahren an den Folgen einer Syphillis starb, legte 1827 die erste Hölderlin-Biografie vor.

In „Friedrich Hölderlins Leben, Dichtung und Wahnsinnn“ schilderte Waiblinger, der Hölderlin vier Jahre lang besuchte und sich liebevoll ihn kümmerte, wie sich der Umnachtete von der Realität entfernte, keinen Gedanken mehr festhalten konnte und den Zugang zur Außenwelt verlor. „Hölderlin schüttelt mich“, schrieb Waiblinger. Ob der jüngere Autor, der sich dem Hyperion-Dichter seelenverwandt fühlte, jedoch als absolut verlässliche Quelle für die Hölderlin-Forschung dienen kann, bezweilfelt Kurt Oesterle in seinem lesenswerten Vorwort: Zu sehr habe Waiblinger eigene Charakterschwächen wie den übergroßen Ehrgeiz auf Hölderlin projiziert. Der mit Tagebucheinträgen, Briefen und Wabilingers Gedicht „An Hölderlin“ ergänzte Band ist dennoch geeignet, einem der größten literarischen Genies auf die Spur zu kommen.

Reinhard Horowski: Hölderlin war nicht verrückt. Streitschrift. Klöpfer & Meyer, Tübingen. 192 Seiten. 20 Euro.

Wilhelm Waiblinger: Friedrich Hölderlins Leben, Dichtung und Wahnsinn. Mit einer Einleitung von Kurt Oesterle. Klöpfer & Meyer, Tübingen. 120 Seiten. 18 Euro.


Erschienen in Schwäbische Zeitung, Mai 2017.

Dienstag, 9. Mai 2017

Sabine Vöhringer: Die Montez-Juwelen

In der feinen Münchner Einkaufspassage Hofstatt in der Sendlinger Straße stellt ein Juwelier ein atemberaubendes Juwelencollier samt Ohrringen und Armband vor. Der Schmuck soll einst Lola Montez, der sagenumwobenen Geliebten König Ludwigs I., gehört haben. 

Am nächsten Morgen wird ein Drogendealer aus Sri Lanka tot im Fischbrunnen auf dem Marienplatz gefunden. Die Juwelen verschwinden und die Restaurantleiterin des nahen "Hackerhauses" wird entführt. Kommissar Tom Perlinger muss sich bei seinen Ermittlungen durch einen Sumpf aus Familienstreitigkeiten und Inzest, Kunstfälschung und ungeklärten Besitzansprüchen verschollener jüdischer Erben, Immobilienschiebereien und Verrat kämpfen. Ein schmieriger Wiesn-Wirt und seine Entourage spielen eine undurchsichtige Rolle.

Die Autorin verfügt über die Gabe, Personen alleine durch ihre Kleidung ziemlich treffend zu charakterisieren:

„...die Kostümjacke umhüllte sie steif wie eine Teppichrolle...“

„...Jakobs kloßartige Figur, die in einen semmelfarbenen Leinenjanker gehüllt war...“

„Jessica vermutete, dass er abends um neun zu Bett ging, besser gesagt, sich mit Anzug, geschlossenem Hemdkragen, straff gebundenem Krawattenknoten, gefalteten Händen und brettsteif in eine Art Kühltruhe legte, um morgens frisch aufgetaut, mit jedem seiner drei Härchen an der richtigen Stelle, seinen Dienst anzutreten...“

Wer München kennt, freut sich über das Wiedersehen mit vielen vertrauten Orten, Typen und Gepflogenheiten. Und nicht zuletzt hat hier endlich einmal eine Partie Schafkopf Eingang in die Krimiliteratur gefunden.