Sonntag, 29. Oktober 2023

Gianni Celati: Erzähler der Ebenen

 

Wieso habe ich diese wundersame Geschichtentruhe, die seit Jahrzehnten in meinem Regal schlummert, einst von der Stadtbibliothek ausrangiert und von mir gekauft wurde, zwischenzeitlich in meinem Haus halb verbrannt ist, erst jetzt geöffnet? 

Besser spät als nie. Celati schrieb Anfang der Achtziger diese Geschichten auf, die ihn von Bewohnern der Po-Ebene erzählt wurden. Gute sind dabei, mittlere und schlechte. Von Menschen, die sich ausnutzen und über den Tisch ziehen lassen, von Menschen, die auf Kosten ihrer Eltern leben und als Glücksritter in der Welt unterwegs sind, von einem einsamen Mann, der in allen Büchern seiner Bibliothek per Hand den Schluss korrigierte, um sie glücklich enden zu lassen. Es geht eigentlich immer um die Anderen. 

 Diese Geschichten haben fast nie eine Pointe, keinen Spannungsbogen, keine Wendungen, keine Moral, kein Happy End. Wie Leben eben in Wirklichkeit ist oder was wie man eben vom Leben der anderen landläufig erzählt. Als Steinbruch, die Geschichten weiterzudrehen, sie als Versatzstücke eigener Erzählungen zu verwenden, ist das durchaus geeignet. Viel mehr aber auch nicht.

Wurden diese Geschichten, als sie Anfang der Achtzigerjahre aufgeschrieben wurden, als origineller empfunden als heute, da auf verschiedensten Kanälen Originelles zu finden ist? Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Wir sind ja heute sehr verwöhnt. Bestätigt hat sich: Wie so oft im Wagenbach-Verlag hält der Inhalt nicht mit der schönen Aufmachung mit.

Montag, 23. Oktober 2023

Sheila Heti: Reine Farbe

Drei Sorten Mensch bevölkern die Erde. Die einen stammen von Vögeln ab und betrachten die Welt von oben teilnahmslos als ästhetisches Gesamtkunstwerk. Die zweiten, die Fische, ordnen alles dem Wohlergehen des Schwarms unter. Die dritten, die Bären, lieben nur einen Menschen, den aber unermesslich. 

Sheila Hetis surreal-poetischer Roman, dessen Stil an eine nordische Saga erinnert, erzählt die Geschichte von Mira. Sie ist ein Vogel, liebt Annie, den Fisch, aber auch ihren Vater, den Bären, mit dessen Seele sie sich nach seinem Tod in das Blatt eines Baumes zurückzieht. Die Erzählweise der Kanadierin Heti sprengt die Grenzen der Logik. 

Wenn Sie es lieben, Sätze wieder und wieder zu lesen, sie auf der Zunge zergehen lassen, dazwischen die eigenen Gedanken wandern lassen, dann lesen Sie dieses magisch-philosophische Sprachkunstwerk. Sonst lassen Sie die Finger davon.



Erschienen in Schwäbische Post / Gmünder Tagespost, 20. Oktober 2023