Samstag, 18. April 2026

Sándor Márai: Die Glut

„Was kann man die Menschen mit Worten fragen? Und was ist die Antwort wert, die sie nicht mit der Wirklichkeit ihres Lebens, sondern mit Wörtern geben?“

Dieser fabelhafte Roman des Ungarn Márai von 1942 liefert die treffende Erkenntnis, dass, wer mit Worten fragt, fast nie das erreicht, was er will. Zumindest, wenn er eine Ant-wort - also Worte - erwartet. 

Wir befinden uns im Jahr 1941: In einem Jagdschloss in den Karpaten vegetiert ein gealterter, einsamer General vor sich hin. Er erwartet die lange ersehnte Ankunft seines Jugendfreundes Konrád. Dieser war vor plötzlich Jahrzehnten abgetaucht. Im Kerzenschein hebt der General zu einem langen Monolog an, der Konrád mit dringenden Fragen konfrontieren soll, die der General ein Leben lang mit sich herum getragen hat. Aber die Fragen gehen unter. Das Gegenüber bleibt seltsam stumm. 

Irgendwo habe ich gelesen: Die Leute hören dir nicht zu sie warte nur auf ihren eigenen Einsatz, auf ein Stichwort eine Pause, um selbst zu Wort zu kommen. Denn jeder lebt in seiner eigenen Welt.

Viele tiefe Gedanken kommen hier in leichtfüßiger Sprache daher. Einer davon: Erst die  Sehnsucht gibt dem Leben Sinn.

Donnerstag, 2. April 2026

Adelbert von Chamisso: Reise um die Welt

Adelbert von Chamisso, bekannt als romantischer Autor von Peter Schlemihls wundersamer Geschichte um den Unglücklichen, der seinen Schatten verkauft, machte im Berlin zum Beginn des 19. Jahrhunderts auch als Botaniker Karriere. In den Jahren 1815 bis 1818 begleitete er als Naturforscher das russische Expeditionsschiff "Rurik". Unter dem Kommando des deutschen Kapitäns Otto von Kotzebue (Sohn des Dramatikers August von Kotzebue) umsegelte es die Welt, um im Polarmeer eine Nordostpassage zu entdecken.

Die Expedition scheiterte, weil der Kapitän erkrankte. Dennoch gelangen Chamisso einzigartige Entdeckungen, von denen er einige in dieser schön bebilderten Auswahl seiner Tagebuchaufzeichnungen schildert. Vor allem aber sind es die allgemeinmenschlichen Betrachtungen, die dieses Buch so sympathisch und lesenswert machen. Chamisso erzählt von seiner Freundschaft mit dem Südseeinsulaner Kadu - der die Expidition ein großes Stück und bis in den hohen Norden begleitet - und macht sich Gedanken über dessen Weltsicht und Welterkennen. Eine perfekte Gelegenheit, um in Chamissos herrlichem Deutsch zu baden:

"Kadu, der, ein anderer Odysseus, ein vielbewegtes taten- und abenteuerreiches Leben zwischen den Wendekreisen auf einem Meerstrich geführt, dessen Ausdehnung beiläufig der Breite des atlantischen Ozeans gleichkommt, und nie das flüssige Lazur des Wasser erstarren, nie das üppige Grün des Waldes verwelken gesehen, - Kadu sah in diesen Tagen zum ersten mal das Wasser zum festen Körper werden und Schnee fallen. Ich glaube, dass ich ihm das grässliche Märchen unseres Winters nicht vorher erzählt hatte, um nicht von ihm, wenigstens bis zu der traurigen Erfüllung meiner Worte, für einen Lügner gehalten zu werden.“

Weniger gut versteht sich Chamisso mit Kapitän der ihn in seine Schranken weist und die Expedition, auf die Chamisso so brennt, schlicht abbricht. 

Schon zu Beginn der Reise macht er die ernüchterte Feststellung, dass er als Wissenschaftler vor allem die Aufgabe hat, nicht zu stören, sich unsichtbar zu machen: "Er hat hochherzig von Kämpfen mit den Elementen, von Gefahren, von Taten geträumt, und findet dafür nur die gewohnte Langeweile und die nie ausgehende Scheidemünze des häuslichen Elendes, ungeputzte Stiefeln und dergleichen." Die ganze Tragik des Urwaldschiffes...

Oder auch: Alle Abenteuer sind Luxus, den einem andere ermöglichen. Für die Seeleute gilt nur die Arbeit, nicht das Abenteuer. Auch er selbst soll seine Arbeit tun, die sich nicht groß von dem unterscheidet, was er zu Hause in Berlin macht.

Montag, 30. März 2026

M. L. Rio: Graveyard Shift

 Meine Meinung: Kurze Geschichten sind immer besser als lange. Und ich bleibe dabei, auch wenn ich zugebe, dass ich mir angesichts dieser 100-Seiten-Erzählung manchmal gewünscht hätte, es ginge noch weiter oder würde sich entwickeln

Aber in dieser Erzählung - und nicht nur da - ist es gerade das Reduzierte, das für Horror sorgt. Sie folgt auf einem College-Campus fünf Menschen die alle nachts arbeiten oder unter Schlaflosigkeit leiden: die Chefredakteurin der Unizeitung, ein Barkeeper, eine Rezeptionistim, ein Fahrdienstfahrer und ein Wohnungsloser. Sie treffen sich regelmäßig nachts zum Rauchen auf einem verlassenen  Friedhof. 

Eines nachts entdecken sie zu ihrem Entsetzen ein frisch ausgehobenes Grab - und wenig später einen Mann, der hier toten Laborratten entsorgt. Die Tiere sind von einem seltsamen Pilz befallen und bald wird klar, dass hier Experimente mit Schlafmitteln außer Kontrolle geraten sind.

Eine große Auflösung? Fehlanzeige. Die Angst - und das hat Angst nun einmal an sich - ist unbestimmt und wuchert dadurch, dass Dinge nicht angesprochen werden. Man bleibt mit dem Eindruck zurück, dass die Geschichte nicht endet, sondern gerade erst beginnt. Die Schlaflosigkeit geht endlos weiter, nichts löst sich auf, nichts kommt zur Ruhe. Das mag ich.

Dienstag, 17. März 2026

Frank Schulz: Onno Viets und der Irre vom Kiez

Lange nach dem zweiten Teil habe ich nun auch den ersten gelesen. Immer noch fasziniert von Schulz' grotesker Sprachwucht. Aber irgendwie hat es seinen Zauber verloren. Vielleicht, weil es doch schon 14 Jahre alt ist. Trotzdem: Es ist ein Spaß, sich auf diese literarische Achterbahnfahrt einzulassen. Vielleicht ein Retro-Spaß. Aber was soll's.

In seinem ersten Abenteuer soll Onno der aktuellen Flamme des Popmagnaten Nick Dolan Untreue nachweisen. Dafür reist er nach Cala Llamp, Westmallorca, und entdeckt im Schwerkriminellen Tibor Tetropov den Übeltäter. Nur: Kann es sein, dass Onno, der lebensverlierende Noppensocken-Tischtennisspieler und Tibor, der Irre vom Kiez, so etwas wie Freunschaft schließen?

Montag, 2. Februar 2026

Leonie Swann: Glennkill


Ich bin aus dem Buch von 2005 nicht schlau geworden. Ja, es ist der Versuch, das Leben in einer Schafherde poetisch in einem Krimi aus Sicht der Schafe darzustellen.

Ja, Schafe sind in ihrer Beweglichkeit höchst eingeschränkt, nutzen weder Werkzeuge noch Medien. Dafür können sie gut riechen und sich auf ihre Sinne verlassen. Sie haben überhaupt nur sehr wenige Bedürfnisse, und ob es ihnen überhaupt ein Bedürfnis ist, zu erfahren, wer ihren Schäfer George umgebracht hat, wird von verschiedensten Schafen der Herde immer wieder bezweifelt. Und so bezweifle ich, dass das eine gute Krimiidee war.

Letztlich kommt keine wirklich spannende Krimihandlung zustande. Ist ja auch egal. Hauptsache Gras. Zäh. Mäh.