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Donnerstag, 16. Juli 2026

Alexander Pechmann: Das Haus des Bücherdiebs

Als ich mir dieses Buch kaufte und zum ersten Mal las, gab es diesen Blog noch nicht. Ist also schon eine Zeit lang her. Tatsächlich ist es 2010 erschienen.

Seitdem habe ich viele, viele Bücher zum Thema studiert, muss aber sagen, das ist eines der besten, ähnlich geistreich wie El Infinito en un junco, aber um einiges kurzweiliger. Hat sich also auch beim zweiten Lesen gelohnt.

26 Kapitel erzählen von historischen Persönlichkeiten, die eine meist kauzige, manchmal krankhafte Beziehung zu Büchern unterhielten.

Letzteres trifft beispielsweise auf den katalanischen Mönch und Mörder Don Vincente zu, dessen Fall Flaubert zu seiner Erzählung Bibliomanie inspirierte.

Pechmann schildert Bibliophilie, Bibliophagie und Bibliomanie in verschiedenen Ausprägungen und Schweregraden. Antonio Magliabechi, der versierte Bibliothekar - eine "wandelnde Bibliographie". Charles Chadenat, der eigenbrötlerische Pariser Antiquar, der nur äußerst widerwillig ein Buch verkaufte. William Blake, der sich seine eigene, furchterregend-surrealistische Bibliothek zusammenschrieb, -zeichnete und -druckte. 

Porträtiert sind Schnorrer und Möchtegern-Intellektuelle, die sich als verheißungsvolle Schriftsteller gerieren und die Mitwelt zum Narren halten (wie Pechmann erinnert, perfekt im Foma Fomitsch in Dostojewskis Das Gut Stepantschikowo und seine Bewohner karikiert): so wie Frederick Rolfe alias Baron Corvo und der Wiener Peter Altenberg.

Interessant und äußerst treffend scheint auch die erwähnte Erzählung von Charles Asselineau über die Hölle des Bibliomanen, der in einem Alptraum gezwungen wird, wertlose Scharteken zu kaufen und eigene Schätze zum Spottpreis loszuschlagen. Muss ich lesen!

Die Faszination, die von der Jagd nach Büchern ausgeht, klingt schon im anfänglichen Kapitel um einen persischen Gelehrten an, der sein Leben lang nach einem verschollenen Buch fahndet, nur um, als er es endlich hat, festzustellen, dass es voller Unsinn steckt. Aber das sollte uns nicht allzu sehr ärgern, denn, O-Ton Pechmann:

„Denn wenn das Suchen wichtiger ist, dass das Finden, der Schlüssel wichtiger als der Schatz und der Weg wichtiger als das Ziel, dann hätten wir alles, was wir brauchen, um glücklich zu sein."

Dienstag, 14. Juli 2026

Howard P. Lovecraft: Cthulhus Ruf

Eine kurze Erzählung wie ein Fiebertraum, die keine besondere Handlung zu bieten hat, aber unendliches Grauen heraufbeschwört. Im Jahr 1928 veröffentlicht.

In einer Rahmenhandlung stöbert Francis Wayland Thurston in den Dokumenten seines verstorbenen Onkels, eines Professors für semitische Sprachen. der sich mit okkulten Phänomenen beschäftigt hatte…

…und entdeckt in einer Kiste Schriftstücke, die von einem unbekannten Kult um ein übernatürliches, tentakelbewehrtes Wesens namens Cthulhu erzählen. Es ist gefangen in R’lyeh, einer Stadt, die als ein geometrisch unmögliches („nicht-euklidisches“) Bauwerk und wie aus dem Nichts im Ozean auftaucht.

Mehrere Handlungen, Augenzeugenberichte von Seefahrern, Künstlern und Ermittlern, die mit dem Wesen oder seinem „Ruf“ in Kontakt gekommen sind, schälen sich heraus. Es wird klar: Weltweit existiert ein Kult um Cthulhu, dessen Anhänger das Wesen ekstatisch verehren und seiner Auferstehung entgegenfiebern.

Auch das Necronomicon, dieses rätselhafte (und imaginäre?) Zauberbuch, verfasst von einem gewissen Abdul Alhazred, taucht hier auf. Nicht die Geschichte, sondern die Welt zu Weiterfantasieren, die Lovecraft geschaffen hat, ist das Faszinierende.

Mittwoch, 8. Juli 2026

Robin Ince: Bibliomaniac

Robin Ince, englischer  Comedian, Schauspieler und ehemaliger BBC-Moderator von Wissenschaftssendungen, konnte während der Coronazeit nicht in großen Hallen auftreten und unternahm stattdessen eine Tour durch mehr als 100 Buchläden in Großbritannien.

Das ist schöne britische Buchcomedy. Ince witzelt über exzessives Bücherkaufen und -schleppen als Sport, der ihm Muskeln beschert, uralte Werbematerialien, die er auf Buchhandlungstoiletten entdeckt und studiert, seine Strategien, Impulsbücherkäufe vor seiner Frau zu verstecken…

Anders als in Torsten Woywods Reiseberichten, die sich fast lexikalisch lesen, erfährt man hier über die Buchhandlungen von Oxford bis Wigtown, Edinburgh. bis London, aber auch im Kleinstädten wenig bis nichts. Der Autor zählt oft nur auf, welche kuriosen Schmöker er sich dort gekauft hat und schweift dann meist unterhaltsam ab. 

Fast könnte man den Eindruck haben, er hätte sie gar nicht besucht. Hat er aber natürlich. Wahrscheinlich hat er nur den Entschluss, über sie zu schreiben, später getroffen und musste sich dann auf seine Erinnerung verlassen. Ganz nette Unterhaltung, aber kein Muss für Bibliophile.

Dienstag, 30. Juni 2026

Peter Henisch: Der Jahrhundertroman

Hat mich nicht überzeugt. 

Ein alter Mann, "Herr Roch", hat einen Roman geschrieben, in dem er die Wiener Schriftstellerinnen und Schriftsteller des 20. Jahrhunderts auftreten lassen will. Die junge Studentin Lisa, die in seinem Stammcafé bedient, will er dafür gewinnen, das Manuskript für ihn abzutippen - und vor allem, um ihm zuzuhören. Lisa wiederum will ihre Freundin Semira vor der drohenden Abschiebung retten.

Henisch war 2021, zum Zeitpunkt, als dieser Roman erschien, schon 78 Jahre alt. Lisa und ihre jugendliche Denkwelt sind beschrieben, wie die Autoren der Sechzigerjahre es, damals schon ungelenk, taten. Damals immerhin gehörten sie selbst noch halbwegs dazu. Jetzt liest sich das sehr unschön.

Zu Ende gelesen habe ich das Buch überhaupt nur, weil es für mein Buch "Wien für Buchverliebte" ein bisschen Hintergrund liefern sollte. In Rochs Roman treten auf: das 20. Jahrhundert und seine Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Robert Musil natürlich, Elfriede Jelinek, Friederike Mayröcker, Ernst Jandl, Thomas Bernhard, Peter Handke, H.C. Artmann, Heimito von Doderer. Henisch gelingt es mal sehr gut, mal besser, mal schlechter in die Sprache und das Denken der Porträtierten einzutreten.

Sie tauchen in kleinen Anekdoten, unscheinbaren, fast belanglosen Lebenssituationen auf. Dabei spielt es eigentlich keine Rolle, ob sie so stattgefunden haben - Roch und damit Henisch also auf Aufzeichnungen zurückgegriffen haben - oder ob sie völlig aus der Fantasie der Autoren entsprungen sind. 

Er ist schon ein seltsamer alter Mann, dieser Roch. Da fällt ihm ein, dass er ja noch Kokain zu Hause hat, was er auch sogleich konsumiert. Er hat auch noch eine lebensgroße Puppe da, die er mit Lisas Mütze zur Gesprächspartnerin ausstaffiert. Er erzählt ihr, wie er schon als Jugendlicher Romane großer Schriftsteller einfach weitergeschrieben hat. Fanfiction heißt das heute. "Mit Hemingway tat ich mir leichter. In seinen Rhythmus zu kommen, war kein Problem." So, so. 

Samstag, 27. Juni 2026

Shaun Bythell: Confessions of a Bookseller

Immer mal wieder verkaufe ich Bücher auf Flohmärkten (zu wirklich extrem niedrigen Preisen, kann sein, dass Ihr mich beim großen Altstadtflohmarkt Nördlingen am 1. August 2026 verkaufend finden werdet, aber das nur nebenbei). 

Dabei habe ich schon mehrfach ein seltsames Phänomen beobachtet. Eine Flohmarktbummlerin greift sich ein Buch aus meinen Kisten, blättert es durch, liest sogar darin. Dann, mit einem Mal, schmeißt sie es regelrecht zurück in die Kiste, als hätte sie sich soeben die Finger verbrannt, müsste ihren ganzen Abscheu vor meiner Dreistigkeit, etwas so Wertloses wie ein Buch gegen etwas so Wertvolles wie einen Bargeld-Euro tauschen zu wollen, in dieser Geste zum Ausdruck bringen. Pfui! Buch! Ich verstehe, dass sie das Buch nicht kaufen will. Aber nicht, warum sie es deshalb gleich kaputtmachen muss. 

Diese Anekdote aus meinem persönlichen Erfahrungsschatz könnten problemlos so in den Tagebüchern von Shaun Bythell, dem Antiquar aus dem schottischen Wigtown stehen. Dieser hat es nämlich auch im zweiten Band nach Tagebuch eines Buchhändlers mit unverständigen, rüpelhaften, geldgeilen und grenzdebilen Kundinnnen und Kunden zu tun. Alles, was ich über den ersten Band geschrieben habe, trifft auch auf diesen zweiten zu. 

Er liest sich unterhaltsam, bietet aber nichts wirklich Neues, Bythell hat einfach das Pferd noch ein bisschen weitergeritten und ein weiteres Jahr im Buchladen beschrieben. Für die Recherche zu Europa für Buchverliebte, das ich gemeinsam mit Angelika Dietrich und Sandra Sukola verfasse, und das demnächst im Bruckmann Verlag erscheint, wollte ich es aber unbedingt lesen. 

Gekauft habe ich es übrigens übrigens bei Porta Libri, einem grandiosen Antiquariatscafé in Portobello, Edinburghs Vorort am Meer. Es wurde als signierte Erstausgabe angepriesen. Signiert allerdings nicht von Shaun Bythell, den ich auf meiner Schottlandreise leider nicht getroffen habe. Vielmehr hat ein mysteriöser Peter Kenny seine Unterschrift auf den Titel gesetzt. Es stellte sich heraus: der Sprecher, der das Hörbuch eingelesen hat. Na ja, ich habe mich entschieden, das Buch bedenkenlos (aber natürlich pfleglich) auf dem Badetuch zu lesen. Im Rekordsommer 2026 muss ich raus!

Dienstag, 9. Juni 2026

Joseph Hone: The Book Forger

Dieser dokumentarische Roman erzählt die wahre Geschichte von Thomas James Wise, der als Englands größter Bücherjäger des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts galt. Wie schaffte es dieser Mann aus einfachen Verhältnissen nur, unaufhörlich kostbarste Erstausgaben großer Autoren aufzutun und auf den Markt zu bringen? Die Antwort: Weil er sie selbst gefälscht hatte. Er ließ nicht nur vermeintlich alte Bücher drucken - angebliche Privatdrucke, von denen selbst deren Autoren noch nichts gehört hatten -, sondern fledderte auch zahllose Bücher im British Museum und vervollständigte mit den erbeuteten Seiten Stücke in seiner eigenen Sammlung.

Wise genoss höchstes Ansehen - und so verwundert es nicht, dass die beiden jungen Buchhändler Pollard und Carter ("the Biblio Boys"), die ihm mit damals modernen Methoden auf die Schliche kamen, nur wenig Gehör fanden. Bis zu Wises Tod konnten sie ihm die Betrügereien und Fälschungen nicht nachweisen. Wiese selbst schwieg. Erst Jahrzehnte später fanden sich immer mehr Beweise für den großen Londoner Bibliophilen-Bluff.

Der Autor Joseph Hone hält sich einerseits akribisch an die diversen Quellen, worüber die ausufernden Endnoten minutiös Auskunft geben. Das macht das Ganze dann eben ziemlich langatmig und führt zu Wiederholungen. Gleichzeitig neigt Hone zum Psychologisieren - wenn auch nicht so stark wie Peter Härtling in den Siebzigerjahren. Er erinnert vielmehr an Dorothy L. Sayers, die tatsächlich als eine Verbündete Pollards und Carters dargestellt ist. Wenn im Text dann immer wieder daran erinnert wird, wie sehr sich die Biblio Boys für Kriminalromane interessierten, ist das schon ein bisschen platt. 

Hone, der den Stoff 2024 wieder ausgrub, nicht der erste, der sich mit der Thematik beschäftigte. Das stellt er aber in einem Anhang ausführlich dar. Wohl aber der erste, der eine Art Krimi aus dem Stoff macht.

Vielerlei Positives gibt es auch: Wer beschreibt, wie alte Bücher gefälscht werden, muss auch schreiben, wie sie hergestellt wurden, damit sie  den besonderen Zauber alte Bücher verströmen können, die du viele Hände gegangen sind und die Spuren der Zeit tragen. (Interessant: Gerade Wises Fälschungen, die noch immer von der British Library gehütet werden, sind auf perfekten „Erhaltungszustand“ bzw Mint-Kondition getrimmt worden, offenbar der Geschmack der damaligen Zeit oder auch: Mundus vult decipi…)

Lesenswert, was Hone über Typografie (was sind Ligaturen?), Papierherstellung, Drucktechnik, Restaurierung, Bindung, Illustrationen erzählt. Und wie er das eine Zeit porträtiert, in denen das Büchersammeln noch ein weit verbreitetes und respektiertes Hobby der höheren Gesellschaft und der Neureichen war.  

Wie um alte Bücher gefeilscht wurde, liest sich spannend. Wie Wise mit den Mechanismen des antiquarischen Marktes jonglierte, um seine Fälschungen unterzujubeln und dabei eigene Spuren verwischt, fasziniert. Wenn dann wieder einzelne Seiten mit dem Skalpell aus Bibliotheksbüchern getrennt werden, läuft es wirklich jedem Bibliophilen eiskalt den Rücken hinunter. 

Montag, 25. Mai 2026

Marion Poschmann: Die Kieferninseln

„Seine Annäherung an Matsushima war weniger Reisen, es war mehr ein Gleiten oder Schleichen, ein schneckenlahmes Vortasten, ein wolkenbehäbiges Heranrutschen, er reiste, so schien es ihm, wie eine just ausgestülpte, glänzende Puddingfigur, die langsam erkaltete, nachzitterte, die auf einer schrägen Fläche keinen Halt fand und die mit jeder amöbenhaften Bewegung mehr Form verlor.“

Marion Poschmann ist die große Zauberin der deutschen Sprache und für mich unbedingte Kandidatin für den Literaturnobelpreis.

So, und wo ich das gesagt habe, muss ich sogleich eine absolute Ausnahme machen und aus dem Klappentext zitieren: "Gilbert Silvester, Privatdozent und Bartforscher im Rahmen eines universitären Drittmittelprojekts, steht unter Schock. Letzte Nacht hat er geträumt, daß seine Frau ihn betrügt. In einer absurden Kurzschlußhandlung verläßt er sie, steigt ins erstbeste Flugzeug und reist nach Japan, um Abstand zu gewinnen.“

An einem Bahnhof trifft Gilbert auf den verhuschten Japaner Yosa Tamagotchi. Gemeinsam mit dem Selbstmordgefährdeten macht er sich auf die Reise durch Japan und nach innen. Aber: Es ist mehr ein Gleiten.

Dieses philosophische Vortasten zum Immergrünen (Kiefern und Tee) wird mit einer derart poetischen Tiefe, spielerischem Humor faszinierend strengen und doch leichten  Sprache behandelt, dass es ein wahrer Genuss ist. Absolute Leseempfehlung.

Freitag, 8. Mai 2026

Fred Vargas: Jenseits des Grabes

Ach ja, Fred Vargas. Wieder einmal. Aber das ist einer ihrer schwächeren Krimis. Skurrilitäten, Verschrobenheiten, ein unüberschaubares Figurenkabinett - das, was Vargas‘ Geschichten so besonders macht, ist auch diesmal wieder da. Aber leider sind ihre Schwächen - langatmiges Erzählen, Plattitüden, viele Wiederholungen - diesmal besonders augenfällig.

In einem verschlafenen bretonischen Dorf machen sich Kommissar Adamsberg und seine Truppe auf die Spur eines Serienmörders, der stets mit der linken Hand und einem teuren Messer zu sticht und außerdem ein befruchtetes, zerdrücktes Hühnerei am Tatort zurücklässt. Was Adamsberg in seine typischen Manier nicht entgeht: Alle Opfer sind von Flöhen befallen. 

Fazit: Das Buch ist zu dick. Es hätte das Potenzial zu etwas Unterhaltsamerem, denn wie immer wimmelt es von Sonderlingen - allen voran Adamsberg selbst: „seine verworrene Logik, die verschlungenen, seltsamen Pfade, denen er folgte, seine rätselhaften Gedankengänge“…

Samstag, 18. April 2026

Sándor Márai: Die Glut

„Was kann man die Menschen mit Worten fragen? Und was ist die Antwort wert, die sie nicht mit der Wirklichkeit ihres Lebens, sondern mit Wörtern geben?“

Dieser fabelhafte Roman des Ungarn Márai von 1942 liefert die treffende Erkenntnis, dass, wer mit Worten fragt, fast nie das erreicht, was er will. Zumindest, wenn er eine Ant-wort - also Worte - erwartet. 

Wir befinden uns im Jahr 1941: In einem Jagdschloss in den Karpaten vegetiert ein gealterter, einsamer General vor sich hin. Er erwartet die lange ersehnte Ankunft seines Jugendfreundes Konrád. Dieser war vor Jahrzehnten plötzlich abgetaucht. Im Kerzenschein hebt der General zu einem langen Monolog an, der Konrád mit dringenden Fragen konfrontieren soll, die der General ein Leben lang mit sich herum getragen hat. Aber die Fragen gehen unter. Das Gegenüber bleibt seltsam stumm. 

Irgendwo habe ich gelesen: Die Leute hören dir nicht zu, sie warten nur auf ihren eigenen Einsatz, auf ein Stichwort eine Pause, um selbst zu Wort zu kommen. Denn jeder lebt in seiner eigenen Welt.

Viele tiefe Gedanken kommen hier in leichtfüßiger Sprache daher. Einer davon: Erst die  Sehnsucht gibt dem Leben Sinn.

Donnerstag, 2. April 2026

Adelbert von Chamisso: Reise um die Welt

Adelbert von Chamisso, bekannt als romantischer Autor von Peter Schlemihls wundersamer Geschichte um den Unglücklichen, der seinen Schatten verkauft, machte im Berlin zum Beginn des 19. Jahrhunderts auch als Botaniker Karriere. In den Jahren 1815 bis 1818 begleitete er als Naturforscher das russische Expeditionsschiff "Rurik". Unter dem Kommando des deutschen Kapitäns Otto von Kotzebue (Sohn des Dramatikers August von Kotzebue) umsegelte es die Welt, um im Polarmeer eine Nordostpassage zu entdecken.

Die Expedition scheiterte, weil der Kapitän erkrankte. Dennoch gelangen Chamisso einzigartige Entdeckungen, von denen er einige in dieser schön bebilderten Auswahl seiner Tagebuchaufzeichnungen schildert. Vor allem aber sind es die allgemeinmenschlichen Betrachtungen, die dieses Buch so sympathisch und lesenswert machen. Chamisso erzählt von seiner Freundschaft mit dem Südseeinsulaner Kadu - der die Expidition ein großes Stück und bis in den hohen Norden begleitet - und macht sich Gedanken über dessen Weltsicht und Welterkennen. Eine perfekte Gelegenheit, um in Chamissos herrlichem Deutsch zu baden:

"Kadu, der, ein anderer Odysseus, ein vielbewegtes taten- und abenteuerreiches Leben zwischen den Wendekreisen auf einem Meerstrich geführt, dessen Ausdehnung beiläufig der Breite des atlantischen Ozeans gleichkommt, und nie das flüssige Lazur des Wasser erstarren, nie das üppige Grün des Waldes verwelken gesehen, - Kadu sah in diesen Tagen zum ersten mal das Wasser zum festen Körper werden und Schnee fallen. Ich glaube, dass ich ihm das grässliche Märchen unseres Winters nicht vorher erzählt hatte, um nicht von ihm, wenigstens bis zu der traurigen Erfüllung meiner Worte, für einen Lügner gehalten zu werden.“

Weniger gut versteht sich Chamisso mit Kapitän der ihn in seine Schranken weist und die Expedition, auf die Chamisso so brennt, schlicht abbricht. 

Schon zu Beginn der Reise macht er die ernüchterte Feststellung, dass er als Wissenschaftler vor allem die Aufgabe hat, nicht zu stören, sich unsichtbar zu machen: "Er hat hochherzig von Kämpfen mit den Elementen, von Gefahren, von Taten geträumt, und findet dafür nur die gewohnte Langeweile und die nie ausgehende Scheidemünze des häuslichen Elendes, ungeputzte Stiefeln und dergleichen." Die ganze Tragik des Urwaldschiffes...

Oder auch: Alle Abenteuer sind Luxus, den einem andere ermöglichen. Für die Seeleute gilt nur die Arbeit, nicht das Abenteuer. Auch er selbst soll seine Arbeit tun, die sich nicht groß von dem unterscheidet, was er zu Hause in Berlin macht.

Montag, 30. März 2026

M. L. Rio: Graveyard Shift

 Meine Meinung: Kurze Geschichten sind immer besser als lange. Und ich bleibe dabei, auch wenn ich zugebe, dass ich mir angesichts dieser 100-Seiten-Erzählung manchmal gewünscht hätte, es ginge noch weiter oder würde sich entwickeln

Aber in dieser Erzählung - und nicht nur da - ist es gerade das Reduzierte, das für Horror sorgt. Sie folgt auf einem College-Campus fünf Menschen die alle nachts arbeiten oder unter Schlaflosigkeit leiden: die Chefredakteurin der Unizeitung, ein Barkeeper, eine Rezeptionistim, ein Fahrdienstfahrer und ein Wohnungsloser. Sie treffen sich regelmäßig nachts zum Rauchen auf einem verlassenen  Friedhof. 

Eines nachts entdecken sie zu ihrem Entsetzen ein frisch ausgehobenes Grab - und wenig später einen Mann, der hier toten Laborratten entsorgt. Die Tiere sind von einem seltsamen Pilz befallen und bald wird klar, dass hier Experimente mit Schlafmitteln außer Kontrolle geraten sind.

Eine große Auflösung? Fehlanzeige. Die Angst - und das hat Angst nun einmal an sich - ist unbestimmt und wuchert dadurch, dass Dinge nicht angesprochen werden. Man bleibt mit dem Eindruck zurück, dass die Geschichte nicht endet, sondern gerade erst beginnt. Die Schlaflosigkeit geht endlos weiter, nichts löst sich auf, nichts kommt zur Ruhe. Das mag ich.

Dienstag, 17. März 2026

Frank Schulz: Onno Viets und der Irre vom Kiez

Lange nach dem zweiten Teil habe ich nun auch den ersten gelesen. Immer noch fasziniert von Schulz' grotesker Sprachwucht. Aber irgendwie hat es seinen Zauber verloren. Vielleicht, weil es doch schon 14 Jahre alt ist. Trotzdem: Es ist ein Spaß, sich auf diese literarische Achterbahnfahrt einzulassen. Vielleicht ein Retro-Spaß. Aber was soll's.

In seinem ersten Abenteuer soll Onno der aktuellen Flamme des Popmagnaten Nick Dolan Untreue nachweisen. Dafür reist er nach Cala Llamp, Westmallorca, und entdeckt im Schwerkriminellen Tibor Tetropov den Übeltäter. Nur: Kann es sein, dass Onno, der lebensverlierende Noppensocken-Tischtennisspieler und Tibor, der Irre vom Kiez, so etwas wie Freunschaft schließen?

Montag, 2. Februar 2026

Leonie Swann: Glennkill


Ich bin aus dem Buch von 2005 nicht schlau geworden. Ja, es ist der Versuch, das Leben in einer Schafherde poetisch in einem Krimi aus Sicht der Schafe darzustellen.

Ja, Schafe sind in ihrer Beweglichkeit höchst eingeschränkt, nutzen weder Werkzeuge noch Medien. Dafür können sie gut riechen und sich auf ihre Sinne verlassen. Sie haben überhaupt nur sehr wenige Bedürfnisse, und ob es ihnen überhaupt ein Bedürfnis ist, zu erfahren, wer ihren Schäfer George umgebracht hat, wird von verschiedensten Schafen der Herde immer wieder bezweifelt. Und so bezweifle ich, dass das eine gute Krimiidee war.

Letztlich kommt keine wirklich spannende Krimihandlung zustande. Ist ja auch egal. Hauptsache Gras. Zäh. Mäh.